Fetzen I

„Weißt Du, Mama, Salif und ich sind Pirat.“
Strizzi (unqualifiziert von der Seite – „unqualifiziert“ merkt man an Zwacks augenrollender Antwort): „Was piraten Piraten?“
„Die können mit ihren Schwertern alles zerstören!“
„Was zerstören die?“
„Nichts.“
„Ist der Bertl auch ein Pirat?“
„Nein, der ist ein Ritter.“
„Und wieso bist Du ein Pirat und kein Ritter?“
„Weil Ritters zerstören den ganzen Tag nur Roboters und das mag ich nicht.“

 

Fetzen II

„Weißt Du, Mama, was ist Barbie?“
„Wer hat Dir von  Barbie erzählt?“
„Keiner.““Barbie ist eine Puppe, ungefähr so groß. Mit der kann man spielen, die kann man anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, bürsten.“
„Mama – Warum gibt es Barbie?“

 

Fetzen III

„Weißt Du, Mama, Strizzi und ich sind Piraten mit einem geheimen Schatz und jetzt spielen wir FußballSterndesSüdens und dann dürfen die Baby-Igel alle in meinem Bett übernachten!“

 

 

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Es ist so. Ich kapiere nichts mehr. Und erschreckenderweise handelt es sich meist um ganz banale Dinge. Essen zum Beispiel.

Vor Kurzem sitze ich in einer Pizzeria. Ja, ganz recht, kein Italiener, eine Pizzeria, auf der Karte gibt es vorwiegend Pizza. Auf der Tageskarte bisweilen Pasta. Ich warte auf meine Nudeln und einer der Herren am Nebentisch möchte von der Bedienung wissen, welcher Art die Pasta sei. Stehe da doch, meint sie, mit Salsiccia, Fenchel und Tomate. Nein nein, er könne durchaus lesen, lächelt er milde, um welche Art von Pasta es sich handele. Penne wohl kaum, wegen der Salsiccia, mutmaßt er. Spaghetti? Linguine? Makkaroni? Orechiette? Er blickt ernst. Pasta, erwidert die Bedienung ähnlich ernst. Er bestellt daraufhin eine Pizza Margherita. Damit könne man vielleicht nichts falsch machen, zwinkert er seiner Begleitung zu.

Die Pasta schmeckt gut.

Ich komme zu diesem wenig differenzierten Urteil, während man am Nebentisch diskutiert, dass man Pasta eigentlich nicht nur Pasta nennen dürfe, weil es ja durchaus Unterschiede gebe. Wegen der Sauce. Und ob die hier überhaupt selbst gemacht werde? Vom Pastalatein gehen die beiden zum Dekantieren über. Ob der hiesige Hauswein wohl irgendwann geatmet habe. Es gebe Weine, die müsse man quasi einen ganzen Tag atmen lassen. Wobei man darauf achten müsse, welche weiteren Aromen im Wein-Zimmer freigesetzt würden.

Ich zahle, als es um Aqua Panna geht und darum, dass man hier zum Espresso das gleiche Leitungswasser bekäme wie zum Wein. Wo man doch wisse, dass gerade das Münchner Leitungswasser jegliche Geschmacksempfindungen unsäglich verfälsche, ja geradezu verboten gehöre. Und Gerolsteiner würde ausgeschenkt. Gerolsteiner! Nicht mal San Pe! SAN PE.

Ein weiteres Beispiel? Ich hätte gerne einen neuen Fernseher. Der jetzige hat weniger Bildschirmdiagonale als der Laptop, vor dem ich gerade sitze, dafür hinten dran noch ein gutes Stück Röhre. In der kleinen Wohnung störte das nicht weiter, hier aber kann man keinerlei Einblendungen mehr lesen und Flugbahnen des Fußballes nur erahnen.

Wieso ich bisher keinen neuen Fernseher habe, hat einen einfachen Grund: ich möchte einen Fernseher. Nicht sieben verschiedene Receiver, Decoder und Fernbedienungen. Außerdem verstehe ich die Artikelbeschreibungen nur zur Hälfte.

Ich frage einen Freund um Rat. Der meint, mindestens siebenundvierzig Zoll solle er schon haben. Das sei der gängige Mindeststandard. Ich rechne nach. Siebenundvierzig Zoll? Ich staune noch, da hat er seine Empfehlungen fertig heruntergerattert und empfiehlt mir ein Cloud-Abo.

Seither stelle ich mir vor, dass da draußen Leute bei Aqua Panna vor Ihrem Heimkino sitzen, womöglich Kochsendungen sehen, und darauf warten, bis der Wein fertig geatmet hat. Dabei bemühen Sie sich redlich, keinerlei störende Aromen freizusetzen.

Diese Vorstellung deprimiert mich. Sagen Sie mir, dass es anders ist. Sagen Sie mir, dass Sie zum Beispiel einfach nur einen Fernseher haben. Oder Nudeln essen. Oder Chips. Einfach nur so.

Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.