Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

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Dass sich weiterhin Kollegen in mein Büro verirren, sorgt für Abwechslung („Ich such was, ist das vielleicht hier in der Rumpel- äh, Ihrem Büro?“), aber viel mehr: das Telefon. Neue Klangwelten. Zwar nur ein interner Anruf, natürlich, von außen kann man mich nicht anrufen. Wozu auch, das Büro gibt es erst seit zwei Tagen und auch ansonsten wissen wenige von seiner Existenz. Und von denen, die um sie wissen, erhalte ich Abwesenheitsassistenten-Post. Die rufen also auch nicht an. Aber immerhin, ein Anruf.

Das Ende der Leitung meint, ich hätte Besuch.

Besuch?
Besuch.

Ein Fabrikant. Ça va. Et la famille.

Er sei Fabrikant, habe eine Fabrik und fabriziere. Eimer, Matratzen, Tanks. Er fabriziere Eimer, Matratzen, Tanks in seiner Fabrik und alles mit deutscher Chemie. Seit zwanzig Jahren fabriziere er mit deutscher Chemie in seiner Fabrik Eimer, Matratzen, Tanks. Er wolle umstellen. Nicht weg von der Chemie, nicht weg von den Eimern oder den Matratzen oder den Tanks, sondern künftig mit Hilfe deutscher Eimer-, Matratzen- und Tankproduktionsmaschinen. Wegen der Qualität. Alle würden nach China gehen, in China einkaufen, aber das sei nicht gut, wegen der Qualität der Eimer. Und der der Matratzen. Ganz zu schweigen von der Qualität der Tanks. Zwanzig Jahre habe sich die deutsche Qualität ausgezahlt.

Er sei alt, ein alter Fabrikant. Jetzt müsse die neue Generation lernen, die Eimer, Matratzen und Tanks zu fabrizieren. Für die deutschen Maschinen sei es natürlich besser, die Fabrikation in Deutschland zu studieren. Sein Sohn solle deutscher Ingenieur werden. Für die Qualität der Eimer, Matratzen und Tanks. Sonst sehe er sich leider gezwungen, seine Eimer, Matratzen und Tanks wie alle anderen mit chinesischen Maschinen und, wer weiß, vielleicht auch auf der Grundlage chinesischer Chemie zu produzieren. Ob ich ihm helfen könne. Und seinem Sohn. Und meinem Land. Und natürlich seinem Land, das sei ja wohl in meinem Interesse, da die Bevölkerung sonst gezwungen sei, Eimer, Matratzen und Tanks minderer Qualität zu kaufen. Wenn sein Sohn den Vorteil deutscher Qualität nicht zu erkennen vermöge. Gerne könne ich mir die Fabrik einmal ansehen. Und wenn ich einen Eimer bräuchte oder eine Matratze oder einen Tank guter Qualität, solle ich anrufen.

Ob ich sein Anliegen verstünde.

p.s. Weißt Du schon, wann Du wo bist?

p.p.s. Keine Zwistangst. Dürfen? Immer. Ich auch.  Ich weiß nicht, ob die SMS von der hiesigen Nummer ankam. Ich habe auch die deutsche hier, ist bestimmt einfacher.