Es ist so. Hier ist alles ruhig.
Vor allem, wenn man die Nachbarländer betrachtet. Im Westen stehen Wahlen an und es brennen die Leute auf der Straße. Im Osten waren Wahlen und es gibt noch keine Regierung, aber auch keine Stabilität, zwischen Osten und Süden revoltiert das Militär und die Kaufleute gegen die Revolte des Militärs, im Süden erholt man sich vom Putsch, im anderen Süden vom Bürgerkrieg. Im Norden ist Wüste, dort landen die Menschen, die im Osten entführt und die Waffen, die noch weiter im Norden geklaut wurden.

Hier ist alles ruhig. Ja, alles ruhig, nichts sei in den letzten zwei Wochen passiert, meint Moussa. Moussa fährt das Taxi, in dem wir gerade aus dem Flughafenparkplatz geschoben wurden, jedenfalls fährt er es, wenn es fährt.
Und überhaupt, versichert mir Moussa, überhaupt, diese Sache da im Norden, das sei ja der Norden, also erstens weit weg und zweitens die Touareg und eben ganz was anderes. Und nein, glitzer, glitzer?, was das für ein Name sei, nein, obwohl sie Touareg seien, für Gaddafi habe von denen keiner gekämpft, die hätten höchstens ein paar Waffen geklaut, haha, sogar die hiesige Air Express habe letzte Woche kurzzeitig den Flugverkehr eingestellt, aus Angst vor den Abwehrraketen. Ob das nicht lustig sei! Auch Air France ließ ihre Crew nicht mehr hier übernachten. Nur wegen ein paar Waffen und der Terroristen, haha.

Darüberhinaus, glitzer – glitzer? Quatsch, er nenne mich lieber Fatoumata, das sei ein ordentlicher Name, glitzer, also bitte, was solle das für ein Name sein, vielleicht gar christlich, darüberhinaus, Fatoumata, müsse man das auch verstehen, bei diesen Entführungen ginge es nicht um die Menschen oder deren Leben, niemand sei ernsthaft in Gefahr, aber, das könne ich nicht leugnen, das sei hier ein armes Land und irgendwie müsse man doch Geld verdienen, oder und dann würden halt auch mal Leute entführt.

Moussa fährt das Taxi durch die Nacht und nennt mich Fatoumata. Fatoumata Sangaré, dann sei ich seine kleine Schwester, wegen der hiesigen Familienbande. Gute Nacht, kleine Schwester, bis zum nächsten Mal und scheppert davon.

Am nächsten Tag eine Krisensitzung bei Frau Skypeverbot. Ich erfahre, dass man seit zwei Monaten nicht mehr in Taxis sitzen sollte, weder als glitzer noch als Fatoumata, schon gar nicht nachts und auf keinen Fall ab Flughafen. Denn dann sei klar, dass niemand auf einen warte, überhaupt die Sicherheitslage sei schon länger prekär, man habe nur versäumt, die Informationen weiterzugeben.

Damit ab sofort immer jeder alles sofort erfährt, wurde ein Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt entwickelt, als Ergänzung zum dreizehnseitigen Krisenplan. Auf diesem praktischen DinA3-Faltblatt steht auch meine Telefonnummer, wer mich im Notfall anruft, und wen ich über den Notfall oder die Krise weiter informiere. Meine Chefin ruft mich an und laut Faltblatt rufe ich dann meinen Kollegen an, dessen Telefonnummer nicht auf dem Faltblatt steht.

Das müsse auch nicht sein, er sei ja kein Deutscher und somit im Normalfall vom Notfall nicht betroffen. Wieso er dann auf dem Faltblatt stehe, wenn den Glücklichen unsere Krisen nicht beträfen. Ich solle mich nicht so anstellen, bei einer Informationskaskade müsse eben jeder irgendjemanden anrufen. Auch sie müsse nun immer ihr Handy dabei haben und wehe, wenn sie mich einmal ohne Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt erwische, egal ob beim Einkaufen oder im Taxi.
Ich erwidere, dass ich nicht mehr Taxi führe, wegen der Sicherheit. Frau Skypeverbot schnaubt, ich solle mich nicht so haben, es sei ja eigentlich alles ruhig. Aber Vorschrift sei nun mal Vorschrift sei besser als Vorsicht und Kontrolle sei am allerbesten. Und jetzt würde sie gerne sehen, dass ich das DinA3- Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt in meinem Geldbeutel verstaue. Wenns mal schnell gehen muss, damit jeder weiß, wo es ist.

Später, zu Hause, lerne ich auswendig, dass ich niemand anrufen muss im Fall des Falles und esse das Faltblatt auf. Sicher ist sicher.

Wie das denn sei, mit Libyen, ob man was merke, so, bei uns, in Afrika.

Ich fahre durch die Stadt und merke nichts. Die Leute sitzen vor ihren Fernsehern und die Kinder treten auf ihre Fußbälle ein. Ich könnte nicht sagen, seit wann das Gaddafi-Konterfei nicht mehr hängt, das riesig neben dem ebenso riesigen Präsidenten-Konterfei in im Eingangsbereich der neuesten, libysch finanzierten Hotelneubauruine flatterte. Ich weiß auch nicht, ob das Verwaltungsviertel und die Hotels wegen der Krise nicht mehr fertig werden oder aus anderen Gründen bunt verfallen.
Ich schätze, dass in der hiesigen Kornkammer noch immer Reis für Libyen angebaut wird, schließlich wurde dafür vielleicht was gezahlt. Und sehe ich aus dem Fenster, gehe ich davon aus, dass die Imame, die von Gaddafi ihre Gehälter beziehen, dies noch immer tun. Sie rufen zu Demonstrationen gegen die Intervention auf, marschieren durch die Stadt von Botschaft zu Botschaft. Dabei würde ein Libyen nach Gaddafi vielleicht sogar muslimischer. Alles wie immer.

Dabei, fragt man nach, er ist nicht sonderlich beliebt, der selbst ernannte Vater aller Afrikaner, Madame. Gut, man brauche sein Geld, warum nicht, sei doch schön, das neue Verwaltungsviertel, oder Madame, so bunt. Aber mögen? Wahrscheinlich sei er sogar verrückt, wie er damals ankam und dieses Hotel räumen ließ, um sein Zelt aufzustellen. Ja, auch sonst, natürlich, er spiele sich auf, sein Gehabe, die Bauten, das Land, die Moscheen – aber noch immer besser als eine Rekolonialisierung durch Sarkozy. Und was sei die Intervention denn anderes als der Versuch einer Neukolonisierung des Kontinents durch die Franzosen. Oder, Madame, oder.

Neben Neubauruinen und Imamen kommt nun auch schweres Geschütz aus Versehen von Libyen in den Norden des Landes. Einfach so in den ausgemergelten Norden, zusammen mit ausgedienten Söldnern und Flüchtlingen und zufällig kommt das alles Al Quaida im Maghreb ganz recht. Aber von all dem merkt man nichts, wenn man Drogenkartellen und Marines keine weitere Beachtung schenkt.

Was man hier merkt, sind die Folgen der Konflikte in Guinea, in Elfenbeinküste, in Burkina Faso, in Benin, in Niger, aber alles in allem staubt hier die Ruhe noch weitab vom Schuss. Der Regen kommt bald, riechen Sie das, der Mangoregen, und ach ja, Madame, viel wichtiger, gegen Simbabwe haben wir gewonnen. Genau genommen liegt Tripolis auch viel näher an München als an hier.

Hui, kurz nach Textveröffentlichung wurde das Spiel Libyen : Komoren hierher verlegt. Wohin auch sonst.

Ob ich nicht noch bleiben möge, fragt der Polizist. Ich käme ja wieder, Samstag schon. Was, erst Samstag, wie Sie meinen, Madame, ob ich wisse, dass dieses Land stellenweise zur Zone rouge für Leute wie mich gehöre. Wie auch sein Land. Aber das müsse ich verstehen, schliesslich seien es arme Länder, oder. Naja, gutes Wiederkommen, ach, und ja, gute Reise.

Drei Stunden später stehe ich an einem anderen afrikanischen Flughafen am Gepäckband. Nein, es ist gar kein Band. Eine Bande. Eine Holzbande, auf die die Koffer gestapelt werden. Dann kann man sich einen aussuchen. Was, Sie wollen diesen? Viel Spass damit und herzlich willkommen.

Ich finde einen Taxifahrer, nein, er findet vielmehr mich, dann aber finde ich die Navette des Hotels, in das ich vielleicht sollte. Mein Name steht nicht auf dem Schild, aber ich sage dem Fahrer, dass ich gerne mitfahren möchte. Ah bon, gerne, herzlich willkommen, Sie sind wohl zum ersten Mal hier, Madame. Vom Flughafengebäude bis zum Parkplatz kaufe ich eine neue Telefonnummer, höre rührende Geschichten von einem Jugend-Kunstprojekt, einem Kinder-Musikprojekt, einer Waisen-Handwerkergruppe, einer Frauen-Schmuckbastelgruppe und einer Einäugigen-Tanzgruppe. Gut, die Tanzgruppe ist erfunden. Alle aber verkaufen genau das, was ich nicht suche, vorzugsweise aus Bronze, praktischerweise genau ums Eck und die ganze Woche und gerne auch im Hotel.

Gelernt ist gelernt, aber auch ich bin nicht von schlechten Eltern, ah bon, interessant, wirklich, was für eine äusserst unterstützenswerte Initiative, bonne continuation, Monsieur, gerade so eine Tanzgruppe braucht es hier ganz besonders, wenn ich nicht schon zu spät wäre, würde ich das gerne und auch meinen Kollegen, aber wer weiss, vielleicht, aha, im alten Viertel, sowas, tatsächlich gleich ums Eck und schon immer wollte ich kiloweise Bronze nach Hause schleppen, nein, danke keine Masken, die würde ich wohl besser im Nachbarland kaufen, aber hier sei man ja für die Bronze berühmt. Als wir loskommen, fragt mich der Fahrer der Navette, wo so höfliche Leute wie ich eigentlich herkommen, nein, ich solle ihn nicht auf den Arm nehmen, das könne nicht sein, ah so, Sie wohnen schon länger in der Gegend, er verstehe. Wieviel Bronzefiguren ich besässe?

Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Junior Suite meines Lebens, ans Bett gelehnt. Wenn ich mich nicht fest anlehne, fällt der Nachttisch um, auf dem mein Bier steht (wenig später nach diesen Zeilen habe ich sie bereits vergessen und auch mein Bier gehört der Vergangenheit an). In andere Ecken des Zimmers sehe ich vorsorglich lieber nicht.
In der Hotellobby steht ein Bronzevogel, der es mir spontan angetan hat, aber ich kaufe lieber noch ein Bier, Madame, herzlich willkommen. Ich bemühe mich gar nicht erst, die Tür solide zuzusperren, sie lässt sich ohne weiteres aus dem Schloss drücken, ebenso die Balkontür. Dafür sind die Fenster dank Deckenfarbe undurchsichtig.

Allerdings bin ich gute Polizistentochter und nun höre ich natürlich ständig jemanden meinen Tür öffnen. Kurz vor der Paranoia gegen drei Uhr morgens stehe ich auf, gehe zur Rezeption und kaufe den Vogel. Dass der Rezeptionist komisch guckt, ist mir egal. Nur, als er mir erzählt, welche wirklich äusserst unterstützenswerte Selbsthilfegruppe junger aufstrebender höherer Töchter den Vogel hergestellt hat, winke ich ab und prüfe allein die Spitze des Schnabels.
Dann erstehe ich noch eine Schildkröte als Wurfgerät und zwei kleinere Schmuckanhänger, um den Nachttisch zu stabilisieren. Aus einem Glockenspiel bastle ich eine Frühwarnsystem und aus einer Armee ein Tretminenfeld. Endlich weiss ich, wozu man immer kiloweise Bronze zu Hause haben sollte. Bin ich eben meine eigene Zone rouge.

Kennen Sie Ouagadougou? Nein? Ein Faszinosum. Ich war nie dort, aber die Vokalhäufung entlockt mir bekennendes Staunen. Diese Vokalhäufung zieht auch den Witz nach sich, Ouagadougou sei die Hauptstadt der Oberpfalz. Diese wiederum schätze ich weniger. Wahrscheinlich, weil ich in Niederbayern aufwuchs, und die gering Geschätzten auch immer nochmal nach unten treten möchten. Allerdings wohnte meine Oma in der Oberpfalz. Aber diese Stammesauseinandersetzungen tangieren mich nicht. Ohnehin bin ich in Oberbayern geboren, aber auch das wiederum eher auf zufälliger Durchreise. Aber das alles tut nichts zur Sache. Wir waren bei Ouagadougou.

Funny van Dannen besingt in einem seiner launigen Lieder Uruguay: „Drei U auf engstem Raum / ich denke oft an Uruguay.“ Entweder er kannte Ouagadougou nicht. Westafrika ist ja nicht so in wie die Amerikas. Oder es passte einfach nicht in seinen Liedfluss. Das mag sein. „Ich denke oft an Ouagadougou“ klingt auch unheimlicher als „Uruguay“. Ich schreibe keine Lieder, deshalb kommt in meinen Ouagadougou ebenfalls nicht vor. Als Ersatz höre ich Funny van Dannen.

Ein Freund, der selbst nie in Ouagadougou war, erzählte mir, wichtigster Gegenstand der Grußzeremonie sei der Staub. Zunächst widmet sie sich dem klassischen Kanon: Guten Tag – Wie geht es – was macht die Arbeit – die Familie – die Gesundheit – der Schlaf – die Kinder – die Träume – das Leben – die Schlaglöcher. Und dann folgt: der Staub. Heute ist es wieder sehr staubig, jaja, der Staub, so rot, bestimmt aus Timbuktu, hm, morgen soll es noch mehr Staub geben, er ist unangenehm, der Staub, so rot, dieses Jahr soviel Staub, was sagt man da, hat die Welt noch nie gesehen, soviel Staub. Der Staub.
Das ist nicht Smalltalk. Das ist Hallo-Sagen. Je mehr Leute man in Ouagadougou kennt, umso länger braucht man durch die Stadt. Und den Staub. Aber man gelangt nirgendwohin. Es gibt dort nichts.

Dennoch: Ouagadougou ist nicht die Hauptstadt der Oberpfalz, sondern von Burkina Faso. Ich lernte während eines Praktikums Dinge zu Burkina Faso. Zum Beispiel, dass die Einwohner Burkinabé heißen, dass es dort Baumwolle gibt (der Staub spielte in meinem Praktikum seltsamerweise eine geringe Rolle), dass viele Leute im Nachbarland arbeiten und dort ausländerfeindlich verfolgt wurden. Das erinnerte mich an ein weiteres Lied von Funny van Dannen, das sich mit lesbischen schwarzen Behinderten befasst. Die auch ätzend sein können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem lernte ich anhand von Burkina Faso volkswirtschaftliche Kennzahlen. „So Frau Glitzerkugel, guten Morgen, wie ist der Staub, heute gibt‘s vor der Kaffeepause ein paar volkswirtschaftliche Kennzahlen.“ Allein dieser Satz verrät, dass ich bis heute wenig von volkswirtschaftlichen Kennzahlen verstehe. Sie gehören nicht zu meinem Metier und ich werde kein Lied schreiben, in dem sie vorkommen. Funny van Dannen besingt sie schließlich auch nicht.

Was? Die Pointe? Sie finden, das alles liest sich wie eine Grußzeremonie, in der Staub der wichtigste Gegenstand ist? Nicht einmal Small talk? Geschweige denn ein kosmospolitischer Text? Das mag sein, aber es gibt einen Grund: Ich wurde gebeten, einen Text mit möglichst vielen U-Umlauten zu schreiben. Es ist mir nicht gelungen.

Gescheitert

Ihre glitzerkugel

Was? Sie kannten den Text schon? Das kann sein. Aus aktuellem Anlass präsentiere ich Schonmaldagewesenes. Wenn ich aus Ouagadougou zurück bin, erzähle ich Neues. Vom Staub.
Bis dahin spielen wir ein bisschen Musik.