Es ist so. Sie kennen Frau Hauswart bereits und auch unseren Balkon. Nun, unser Balkon soll schöner werden, das sagen nicht nur wir, das sagt das ganze Haus, das ganze Haus wird gestrichen.
Hierzu gibt es in diesem Haus einen Aushang. Sie wissen, es gibt zu allem in diesem Haus einen Aushang. Welche Fahrräder in den Fahrradständer vorm Haus dürfen, welche in den Fahrradkeller sollten, welche zu entsorgen sind. Aushänge mit Verweis auf die Oberbranddirektion, Aushang mit Verweis auf den Aushang der Hausverwaltung. Aushänge zum Schließen von Türen, flankiert von Aufklebern „Finger weg“. Aushänge, die die nachbarschaftliche Verantwortung im Wäschekeller einfordern. Alle gezeichnet von Frau Hauswart.
(Diese Zettelwirtschaft springt auf einige Bewohner über. Ich hatte schon ein Knöllchen von unseren Parknachbarn in der Garage. Damals verhüllten sie die unserem Auto zugewandte Seite ihres alten Mercedes noch mit einem aufgeklappten Umzugskarton. Mittlerweile mit Platzefolie. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Nun also der Aushang zum Gerüstbau und zu den Malerarbeiten. Wann, wo, wie, was man zu beachten habe. Unten wird in Fettdruck daran erinnert, dass es in München nicht erlaubt sei, Gegenstände auf dem Balkon zu haben, die höher als die Brüstung ragten. Am Nachmittag schaue ich mir die Balkone genauer an. Die, die nun gemalert werden. Wie vermutet, ragt nur auf unserem ragt etwas über die Brüstung. Der Wäscheständer. Im ersten Moment fühle ich mich ertappt und bewundere Frau Hauswart für ihre indirekte Kommunikation. Sie hätte mir auch ein Knöllchen unter der Tür durchschieben können.

Dann aber: ernsthaft? In München soll das verboten sein? Gegenstände auf dem Balkon, die höher als die Brüstung ragen? Wer soll das denn kontrollieren? Beziehungsweise: wen interessiert das? Im Gegensatz zu sonst kann ich im ganzen Aushang leider keinen Verweis auf eine übergeordnete Vollzugstelle zu finden, wie nachlässig.
Beherzt überlege ich, das Kreisverwaltungsreferat anzurufen und zu fragen, wer denn in dieser Stadt nun für die Balkone und ihre Gegenstände zuständig sei. Schließlich will ich noch ein Regal aufstellen. Leider ist dort schon Feierabend und ich frage das Internet.

Das Internet lehrt mich, dass ich auf meinem Balkon Wäsche trocknen darf, auch, wenn es einen Wäschekeller gibt. Puh. Ich darf sogar die „große Wäsche“ trocknen, wenn der Balkon zum Hinterhof weist. Gut, unser Balkon geht zur Straße, das ist aber gewissermaßen der Hinterhof des Hauses. Denn der eigentliche Hinterhof der Anlage ist groß, grün, bespielplatzt und es weisen 75 Prozent der Balkone dorthin. Dieses Panoptikum gilt sicherlich nicht als Hinterhof im klassischen Sinne. Es stellt eher die Bühne dar. (Weswegen ich mit dem Zwack genau nie zum Spielen in den Hof gehe.)

Weiterhin lerne ich, dass unser Balkon zwar zu unserem Sondereigentum zählt, nicht aber alles uns gehört. Uns gehört: der begehbare Bodenbelag, der innenseitige Balkonanstrich. Die Balkonplatte hingegen, sowie die Isolierungsschicht, das Balkongeländer, die Balkonbrüstung, die Balkontrennwand (auch, wenn sie unser Nachbar im Nachhinein erweitert hat) gehören der Eigentümergemeinschaft und sind deren ästhetischem und anderem Empfinden unterworfen. Dieses ästhetische Empfinden, Sie erinnern sich vielleicht, ist beige.
Balkonmöbel, lese ich weiter, seien jedoch erlaubt, wenn es sich nicht um Vorratsschränke oder Kühltruhen handele.

Wenn ich nun also ein Regal aufstellen möchte, das höher als die Brüstung ragt: muss es dann den Eigentümern gefallen? Oder dem KVR? Oder nur Frau Hauswart? Und bei Nichtgefallen: wer hängt mir dann ein Knöllchen ans Regal? Und darf ich unterhalb der Brüstung Bier kühlen?
Und: wem gehört eigentlich die Maus, die in der Wärmedämmung auf unserem Balkon wohnt?
Und außerdem: wenn der konstruktive Bodenbelag von Balkonen der Eigentümergemeinschaft gehört, gehört der dann auch der Wasserschaden in unserer Küche, der sich aus dem darüber liegenden Balkonabfluss ergibt?
Sie dachten, das sei einfach, Balkontür auf und gut ist es. Von wegen.
Angesichts der Komplexität der Lage unseres Sondereigentums rufe ich doch besser das KVR an. Aber vorher hole ich noch die Wäsche rein.

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Es ist so. Unser Haus liegt seltsam still. Ca va, et la journée, Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Diesmal heißt „kein Strom“, man habe ihn abgedreht. Jemand vom hiesigen Energieversorger sei gekommen und habe ihn abgedreht. Das Wasser ebenfalls. Auf der Avis de Coupure steht, wir seien im Zahlungsverzug.

Man erklärt uns, es gebe Ausstände aus Mai, die man seit November auf der Rechnung vermerke. Die Novemberrechnung darüber hinaus sei auch nicht gezahlt. Und ja, auf der bereits beglichenen Dezemberrechnung habe man die Ausstände auch vermerkt.
(Eine Rechnung begleichen geht so: man nimmt die Rechnung, fährt zur Zahlstelle des Energieversorgers und zahlt.) Nein, bei Begleichung der Rechnung von Dezember habe man nicht auf die Ausstände hingewiesen, sie seien ja vermerkt. Ein Teil Mai plus November, das gebe zwei Monate Ausstand, voilà, die Coupure und heute sei die Kasse leider schon geschlossen. Morgen vielleicht.

Wir schöpfen einen Eimer Wasser aus dem Pool für die Klospülung, kramen Stirnlampen und Kerzen hervor. Später sind wir ohnehin verabredet und verbringen den Abend bei Wein, Film und Pizza.

Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass die Novemberrechnung nicht gezahlt wurde. Wir haben sie nicht erhalten. Ha, Postrechnung nicht bezahlt! ruft meine Schwester. Das Lustige ist, dass es gar keine Post gibt, der Energieversorger also normalerweise die Rechnungen selbst austragen lässt. Meistens kommen sie an. Nur Mahnungswesen gibt es keines.

Am nächsten Morgen fahren wir an die Kasse und zahlen. Einen Mairest und den November. Leider, es sei schon neun Uhr, es sei nicht sicher, ob derjenige, der dafür zuständig ist, die Hähne wieder aufzudrehen, heute noch vorbeikommen könne. Es sei Freitag und da arbeite man nachmittags nicht. Vorsichtshalber duschen wir im Büro.

Außerdem vorsichtshalber gehen wir nach Feierabend erstmal in die Kneipe ums Eck, schmieden Wochenendpläne. Orte, mit Duschen. Und Essen. Gleichzeitig läuft im Radio einer der wenigen Berichte über die Kämpfe im Norden. Bürgerkrieg, könnte man sagen. Und irgendwie scheinen Wasser und Strom beim nächsten Bier tatsächlich kein allzu großes Problem zu sein.

Es ist so. Ich erhalte eine Rechnung. Also nicht ich, sondern ich als Teil von NeueFirma. Die Rechnung kommt im Januar, sie ist aber für Leistungen letzten November. Seit Januar ist auch die Verwaltung fusioniert, was früher Mathieu und dann Frau Skypeverbot erledigten, erledigt nun – ja nun. Ich trage die Rechnung zu Frau Skypeverbot, die mich mitleidig ansieht und stumm mit den Schultern zuckt.

Dann trage ich die Rechnung zur Freundin von Frau Skypeverbot. Die steht der Verwaltung von NeueFirma hier vor, schüttelt den Kopf. Wie sie das tun solle. Ich habe ja keine Projektnummer und würde nicht über das Büro finanziert. Sie sei nicht zuständig. Wie ich überhaupt finanziert sei. Oder meine Stelle. Das frage sie sich ohnehin. Und wie viele wie mich es denn gebe.

Ich frage in der Zentrale nach, wo das Kopfschütteln per Mail zurückkommt. Man appelliert an meine Geduld, ich solle abwarten, bis ich ein Projektbudget habe. Dass ich gerne, der Rechnungssteller aber nicht so gerne bis ultimo warten könne, wird ignoriert.

Tage später kommt Frau Skypeverbot und fragt nach der Rechnung. Ob die immer noch da sei. Ich könne sie ja privat bezahlen, man werde dann vielleicht im Laufe des Jahres eine Lösung finden, man müsse ja, sie wolle mit ihrer Freundin reden. Ich erwidere, dass ich nicht einsehen würde, Dinge privat zu zahlen. Ich solle mich nicht so anstellen, ich könne schließlich keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sie dann nicht zahlen, das ginge so nicht, man sei ja NeueFirma. Den Einwurf, dass nicht ich die Dienstleistungen in Anspruch genommen habe, sondern die Rechnung im Auftrag von NeueFirma entstanden sei, dass es gewissermaßen mein Job gewesen sei, diese Rechnung zu produzieren, tut sie mit einem weiteren, schulterzuckenden Ich solle mich nicht so anstellen ab. Wofür die Rechnung überhaupt sei, aha, sie halte das ja für völlig überflüssig. Sie jedenfalls könne sich da nicht drum kümmern, am besten sei, ich verursache nun bis auf Weiteres keine Kosten.

Ob ich dann nach Hause gehen könne. Nein, natürlich nicht, ich hätte diesmal ja sogar schon einen Vertrag. Ich frage nach der Büromiete, dem Anteil der Telefonanlage, der Internetverbindung – Ah, Internetverbindung!
Was sie mich schon lange mal fragen wollte, wie das denn sei mit dem, sie wisse jetzt nicht genau, wie man sagte, diesem Widrahtlosinternet, ob sich das in die Telefonanlage einwähle und wo die drahtlosen Kosten denn landeten. Man habe so hohe Telefonkosten, das müsse doch irgendwo herkommen. Ich versuche, ihr den Unterschied zwischen betoniertem und drahtlosem Internet zu erklären, dass das Büro unterschiedliche Telefon- und Internetanbieter habe, auch wenn bei Problemen immer der gleiche Privatunternehmer käme. (Ein sehr sympathischer Malier, der sein Studium als Grillwalker auf dem Kurfürstendamm finanzierte und recht berlinert.)

Frau Skypeverbot nickt, schüttelt den Kopf, nickt, staunt mich stumm an, nimmt die Rechnung und geht. Ich überlege ganz kurz, ob das eben eine private Dienstleistung war oder ob ganz NeueFirma davon profitiert. Dann aber fällt mir ein, dass ich im Trainingsbereich arbeite und das neue Jahr noch ganz jung ist.

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Mein Kollege hat gekündigt. Wahrscheinlich hatte er Recht. Er war zuständig für die Administration der Projekte, die ich hier unter diverse Banderolen zaubere. Nun arbeitet er für einen katholischen belgischen Kinderschutzbund.

La Directrice, die eigentlich nicht mehr La Directrice ist, weil in NeueFirma jemand anderes La Directrice wurde, war zu dem Zeitpunkt der Kündigung nicht zugegen, deshalb kam mein Kollege einfach irgendwann nicht mehr ins Büro und alle sind der Meinung, Frau Skypeverbot würde ihn nun ersetzen. Frau Skypeverbot sieht das anders. Immerhin aber, das rechne ich ihr hoch an, hat sie es mit ihrem unvergleichlichen Charme geschafft, ihn zu einer Übergabe zu bewegen. Seither rauft sie sich die Haare und klingelt regelmäßig bei mir im Erdgeschoss an.

Meist, um mir mitzuteilen, dass sie ihn gerne noch im Nachhinein auf den Mond schösse oder dass man meine Abteilung samt meiner Projekte nie hätte zulassen dürfen. Und Geld für meine Projekte habe sie im Übrigen auch keines und Schecks unterschreibe sie ebenfalls keine mehr.

Das ist schlimm, weil ich richtig viel Geld ausgeben muss. Andererseits ist es nicht so schlimm, weil unser Scheckheft zu Ende ist. Alle. Finito. Hat in der ganzen Aufregung wohl keiner gemerkt und deswegen hat niemand ein neues beantragt. Das wiederum ist dann so schlimm auch wieder nicht, weil wir derzeit ohnehin kein Geld mehr auf dem Konto haben, über das wir Schecks ausstellen könnten. Auch meine letzten beiden Gehälter fallen dieser Tragik bisher zum Opfer.

Ich plane sie großzügig in die die Übersicht der Gelder, die ich bis Ende des Jahres noch auszugeben gedenke. Nicht, dass diese Übersicht mein Job wäre, aber diejenigen, die außer mir nicht zuständig sind, sind nicht zugegen, haben gekündigt, sind in Überstundenabbau oder Homeoffice. (Nichts gegen Homeoffice, nur etwas gegen Homeoffice à la „Da kann ich nicht telefonieren oder antworten, da hab ich Homeoffice!“)
Ich beuge mich also dem rein physischen Nachteil meiner Anwesenheit und erstelle die übersicht für eine Abteilung in der Zentrale. Diese Abteilung existiert aufgrund der endgültigen Umstrukturierung von NeueFirma nicht mehr. Aber Dienst ist Dienst und Verfahren ist bei Frau Skypeverbot Verfahren.

Für nächste Woche nehme ich mir zwei Tage frei. Tsss, macht Frau Skypeverbot, wenn sie alle Tage freinähme, die ihr noch zustünden, dann wäre sie sofort für den Rest des Jahres weg, ob ich die neue Generation sei, tsss. Ich erwidere, dass kein Überstundenabbau UND kein Gehalt eine selten motivierende Konstellation seien.

Ah, ich solle mich nicht so anstellen, ich könne ja wohl nicht einfach zu Hause bleiben, nur weil ich Überstunden habe, wenn ich nicht arbeiten wolle, solle ich kündigen. Es sei ja wohl normal, wenn man mal ein Gehalt ein bisschen später kriege. Oder eben zwei. Das sei jetzt in, Insolvenz, ob ich keine Nachrichten lese.
Meine Entgegnung, dass gerade Griechenland noch viele Gehälter zahle, nimmt sie grinsend entgegen. Meinen Hinweis allerdings, dass ihre Abteilung sich im hiesigen Kontext eigentlich aus der Organisationsberatung zurückziehen müsse, schließlich zahle man auch hier regelmäßig die Gehälter, prallt an der zugeworfenen Tür ab.

Ich gehe nach Hause und falte Kraniche für die Geduld. Aus meinem privaten Scheckheft.

Es ist so. Neue Firma ist vor geraumer Zeit umgezogen. Mein Büro im Erdgeschoss befindet sich neben der Rezeption. Mittlerweile kenne ich alle Klingeltöne aller Leute und weiß immer, wer gerade im Haus ist. Ich mag das. Einst hatte ich ein Büro neben der Kaffeeküche. Noch praktischer, weil man dann weiß, wer im Haus ist UND worüber getratscht wird.

Vor Kurzem findet sich vor meinem Büro eine laute Menschentraube. Ein Bild wird aufgehängt. Die Traube diskutiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Vraiment, ein veritabler Diskussionsgegenstand, etwas von pertinenter Arbetitsurgence murmelnd verziehe ich mich, höre aber trotzdem, wie die elfköpfige Traube das Bild an der Wand heraufherunterlinksrechtseinbisschenSTOOOP! kommandiert.

Ein Bild, mögen Sie lachen, ausmessen, bohren, dübeln, hängen.

Beim Ausmessen fängt es an. Jenseits des Einflusses des DIN wird es schwierig. Wozu genau soll das rechteckige Bild nun parallel hängen? Einbisschenmehrlinksja!ja!ja!STOOOP!
Und in welcher Höhe? RunterrunterrunterEinbisschennochNein!Zuviel!Hoch!Ja!STOOOOP!
Parallel zum Oberlicht (aus in sich schiefen Glasbausteinen. Glasbausteine!)? LinkslinkslinkslinkslinksSTOOOP!
Zum Türdurchbruch? RechtsrunterJa!STOOOP!
Zum Wandschrank? GeradegeradegeradeGERADE!Herrgott!STOOOP!
Zum Rezeptionstisch? HöherhöherLinkLinks!ANDERESLINKS!STOOOP!
Und in welchem Winkel zur Wand soll dieser dann stehen? Oder einfach der allgemeinen Ästhetik entsprechend?

Ob wa denn – Halten!STOOOP!HALTEN! – keine Wasserwaage hätten, lästert Frau Skypeverbot, tatsächlich aber gibt es eine, deren Ergebnis jedoch gegen das Geradheitsempfinden der Anwesenden verstößt. Nach fünfzehn Minuten ziehen sich die ersten Kollegen rückwärts in mein Büro hinter den Schrank zurück, Augen verdrehend mir bedeutend, ich dürfe sie nicht verraten.

Nach fünfundzwanzig Minuten die Einigung, das Bild sei vielleicht an anderer Stelle im Haus besser aufgehoben. Nach einer Stunde Ortsbegehung die Frage, ob man das Bild denn zurückgeben könne. Schließlich sei es blau. Nach drei weiteren Stunden gehe ich nach Hause.

Am nächsten Morgen hängt das Bild hinter dem Rezeptionstisch. Einfach so. Er habe es jetzt aufgehängt, sagt Mathieu. Sehr gut, erwidere ich, sehr mutig. Zwei Wochen hängt es vor sich hin und stört niemanden.

Dann kommt La Directrice aus dem Urlaub zurück. Was hier passiert sei!, dieses Bild!, so blau, so kalt!, ob es vielleicht sogar schief!!! hänge, wer das bestellt habe, also bitte! und überhaupt, sie könne nicht jeden Morgen von so einem blauen Bild empfangen werden, da kriege sie ja sofort, sofort!, Kopfweh. Und wie es den Katzen ginge.

Entschwebend, trommelt sie die Traube zusammen, versammelt sie vor dem Bild, dem Kopfweh und dem Blau, wer dafür verantwortlich sei, außerdem sei es schief.
Nach fünfzehn Minuten die Einigung, das Bild müsse weg. La Directrice ordert die Traube in die Bar nebenan, zeigt auf die dortigen Bilder. So müsse das aussehen, in dieser Bar bekäme man nie Kopfweh, höchstens am nächsten Tag, aber das liege nicht an den Bildern. Sie würde sich nun persönlich darum kümmern.

Dann geht sie die Katzen füttern.

Es ist so. Form sei der höchste Inhalt, vermittelte uns unsere Deutschlehrerin. Damals ging es um Lyrik. Dieser Satz hilft mir oft weiter und vielleicht verstehen Sie nun, wieso die Ouverture und die Clôture einer Veranstaltung viel wichtiger sind als deren Inhalt. (Die Banderole lassen wir mal außen vor.) Nein, es ist Ihnen noch nicht klar? Gut, ich teile gerne Anschaulichkeiten, nehmen wir das Beispiel einer einfachen Ouverture, ohne Minister, ohne allzu viel Aufhebens.

Heute erhalte ich die Einladung [URGENT!] zu einer Veranstaltung mit beigefügtem Programm, 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Ouverture 10.00 Uhr, Clôture 12.00 Uhr. Aus dem Einladungsschreiben geht hervor, dass ich NUR zu Ouverture und Clôture eingeladen bin, nicht zum Arbeiten zwischendrin.

Ein Blick aufs Programm verschafft Klarheit:
Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfzig: Installation der Teilnehmer.
Neun Uhr fünfzig bis neun Uhr achtundfünfzig: Installation der Päsidiumsmitglieder.
Dann folgen zwei Minuten voller Nichts (das Fernsehen verlegt die Kabel, Namensschilder werden vor die richtige Person gerutscht.)

Zehn Uhr: Ouverture. Der Zeremonienmeister, der unbedingt jemand anderes sein muss als der Einladende oder die Moderatoren, verliest das Programm. Das Programm der Ouverture, wohlgemerkt, denn die geht um zehn Uhr fünf erst so richtig los. Fünfzehn Minuten Ansprache des Generaldirektors für Öffentliche Aufträge, zehn Minuten Intervention des Geberchefs, fünfzehn Minuten Ansprache des Generalsekretärs der einladenden Initiative – es ist geschafft. Die Ouverture vorbei, zehn Uhr fünfundvierzig, es gibt Kaffee und der nicht arbeitende Teil der Anwesenden kann sich bequem zurückziehen. Danach, bis elf Uhr, Aufheben der Kaffeepause, elf Uhr, Fortsetzung (!) der Arbeit.

Für diese sind genau dreißig Minuten veranschlagt.

Um elf Uhr dreißig beginnt die Installation der Teilnehmer zur Clôture, anschließend, bis elf Uhr achtundfünfzig die der Präsidiumsmitglieder, um elf Uhr neunundfünfzig, offizieller Beginn der Clôture, zwölf Uhr Präsentation des Programmes (genau, der Clôture) durch den Zeremonienmeister (der gleiche wie vorhin), fünf Minuten später jeweils fünf Minuten des Dankes der beiden Arbeitsgruppen, fünfzehn Minuten Schlussansprache des Generalsekretärs, Übergabe der Zertifikate, zwölf Uhr dreißig: Schluss.

Fast. Eingeladen bis vierzehn Uhr, also: Installation der Teilnehmer am Mittagstisch. Ohne große Worte.

Ich rechne kurz, dass ich bisher noch vor jeder Ouverture mindestens 30 Minuten auf das Fernsehen warten musste und beschließe, einfach im Büro Kaffee zu trinken und zu Hause zu Mittag zu essen, jegliche Form völlig ignorierend. Urgence, Pertinence hin oder her.

Es ist so. Ich habe ausführlich die Lokalisierung des Internets in der Welt von Frau Skypeverbot beschrieben. Mittlerweile bin ich mit Frau Skypeverbot per Du und auch sonst verstehen wir uns rührend. Und jetzt weiß ich: sie kann nicht anders. In ihrer Welt existiert das Konzept Internationalität nicht, wie soll man sich da Internet vorstellen können. Oder gar virtuelle Räume. Und wer putzt da überhaupt.

In meinem Büro putzt neuerdings auch niemand mehr, schließlich ist es im Erdgeschoss, dafür geht das Internet nur manchmal, wahrscheinlich ist es verstaubt. Vor Kurzem fragte ich nach, ob jemand auch meinen Müll entsorgen könne, obwohl ich im Erdgeschoss säße. Hm, ja, naja, also, wieso nicht, ich solle ihn einfach nach Feierabend zum Müll in den zweiten Stock stellen, dann könne er abgeholt werden. Seither putze ich selbst.

Darum soll es aber hier nun nicht gehen, ansonsten ist mein Büro funktionell, ich arbeite. Heute entwerfe ich einen Vertrag und fülle das zugehörige Formular zur Mittelanforderung aus. Postwendend (auch eines dieser aussterbenden Worte, nicht aber in der Zusammenarbeit mit Frau Skypeverbot) ein Anruf. Kommense mal, Du.

Das ginge so nicht. Ich könne nicht soviel Geld anfordern, wegen der Abwertung.
Die Abwertung, das ewige Schreckgespenst jeder Buchhaltung. Falls die Abwertung komme (wahlweise die Russen) und man habe soviel Geld auf dem Konto: fatal! Wir befinden uns in einer eurogebundenen Währungszone, die letzte Abwertung erfolgte in den 90ern.
Ohnehin gedenke ich, das Geld auszugeben. Jaha, das habe sie schon gesehen, aber, das ginge so nicht, die Dame sitze im Nachbarland. Und wenn hier, in diesem, unserem Lande Geld ausgegeben werde, müsse es auch hier eingenommen werden. Wegen der Steuer.

Ich scheine sehr ungläubig zu gucken, fange mir das obligatorische Ichsollemichnichtsoanstellen ein, Sie, Du, dass sei ja wohl klar, hier könne man ja nicht überprüfen, ob dort die Steuern ordnungsgemäß abgeführt würden. Mein vorsichtiger Einwurf, dass man das auch hier nicht überprüfen könne, sowie, dass es dafür eine Vertragsklausel gebe, wird brüsk abgeschmettert, darum solle sich ja wohl der Staat kümmern. Ob sich nicht auch Nachbarstaat darum kümmern solle, frage ich und ob meiner Naivität rollt Frau Skypeverbot mit den Augen.
Wenn hier ein Vertrag abgeschlossen würde, dann wüsste der Staat das. Aber Nachbarstaat wüsste das nicht, könne das also nicht nachhalten. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht aus Versehen Vertragsabschlüsse hochzurechnen, die der hiesige Staat bestimmt. alle. einzeln. nachhält. Vielleicht verbirgt sich das ja hinter dem Engagement der Kollegen mit dem Titel „Verwaltungsaufbau“.

Vielleicht aber bräuchten wir hier vielmehr einen Herrn Stoiber, für Bürokratieabbau. Oder aber ich zahle meine Vertragspartner künftig in Naturalien. Die fliege ich dann nach Nachbarland. Vorher aber lasse ich prüfen, ob jeder Reishändler hier seine Steuern ordnungsgemäß abführt.
Geld ist eigentlich eine völlig unsinnige Erfindung, ebenso wie die Internationalität. Braucht kein Mensch. Meins trage ich jetzt in den zweiten Stock zum Müll. Einfach am Staat vorbei.

Es ist so. Ich sitze hier am Ende der Welt und bekomme die Hausmitteilungen der Firma. Einmal die neuen Aktenvernichtungsvorschriften, einmal die Gesundheitsvorschriften.
In letzter Zeit bekomme ich wegen EHEC besonders viele Gesundheitshausmitteilungen, die mir sagen, wie ich mit Gemüse umzugehen habe und dass ich mich nicht in Streichelzoos aufhalten solle. Gemüse desinfiziere ich hier grundsätzlich, wenn es nicht gekocht oder geschält werden kann, gemäß der alten Kolonialregeln. EHEC war bisher nicht unser Problem, Typhus relativ wahrscheinlicher. Streichelzoos, nun ja, sind hier auch kein Problem. Ich lese die Hausmitteilung und fühle mich an ein Schild in Dänemark zur Zeit der Maul- und Klauenseuche erinnert. Das Schild wies darauf hin, in Dänemark besser keine frei laufenden Dromedare zu streicheln.

Vor Kurzem erhalte ich eine Hausmitteilung, Betreff: Eingang Hauptgebäude. Der Eingang des Hauptgebäudes ist tatsächlich relevant, im Hauptgebäude befindet sich die Kantine. Man betritt das Hauptgebäude über eine Drehtür. Nein, falsch, es sind vier Drehtüren und genau diese vier Drehtüren sind Gegenstand der aktuellen Hausmitteilung.
Vorab: die Drehtüren drehen sich, wenn man seine Dienstkarte vor einen Scanner hält, sonst hat man keinen Zugang und muss durch die Sicherheitsschleuse an den Empfang. Interessanterweise kann man das Haus durch die Drehtüren auch nicht ohne diesen Mechanismus verlassen.

Da mittags ein spezifisches Verkehrsaufkommen an den Drehtüren festgestellt wurde, habe man nach Auswertungen der Kantinenbesuchsstatistik eine neue Regelung erlassen. Von Montag bis einschließlich Donnerstag in der Zeit von 11.00 Uhr bis 12.00 Uhr reagierten die Scanner der beiden jeweils rechten Türen und initiierten die Drehung. Ab 12.00 Uhr ändere sich dies, bis 13.00 Uhr reagierten drei Türen auf den Dienstpass von außen, aber nur eine Tür reagiere von innen (die rechte von innen gesehen) und lasse einen wieder hinaus. Ab 13.00 Uhr drehe sich das um, durch drei Türen könne man sich dann aus dem Hauptgebäude drehen, nur durch eine habe man noch Zugang, ab 14.00 Uhr drehten die Türen wieder paritätisch.
Freitags verschiebe sich alles um eine halbe Stunde nach vorne. Ebenfalls ändere sich der Zeitplan, stünden Pommes als Beilage auf dem Speiseplan, dann beginne der Dreiereinlass im Freitagsmodus, ende aber im normalen Montagbisdonnerstagmodus um 13.00 Uhr. Klar? Klar.

Ich frage mich seit jeher, wieso Kantinenpommes so beliebt sind und seit Neuestem, wieso es nur einen Pommesmodus, nicht aber einen Grünkernmodus gibt, der die Leute erst gar nicht ins Hauptgebäude lässt, es sei denn durch die Sicherheitsschleuse, wo man noch einmal vor dem Grünkern gewarnt wird.

Als brave Angestellte verinnerliche ich die neue Drehtürregelung für meine nächste Dienstreise, speichere sie zusätzlich im GGG-Ordner ab. Gelesen, gelacht, gelocht. Dann schreibe ich mir eine Outlookerinnerung, vor der nächsten Dienstreise unbedingt auch den Speiseplan zu konsultieren, wegen des Pommesmodus. Anschließend gehe ich essen. Riz Sauce, einfach immer gerade aus.