Es ist so. Otto ist ein erstaunliches Kind. Natürlich, alle Kinder sind erstaunlich. Auf ihre Art und Weise und in ihrer Art und Weise. Und dann sind zwei Kinder schon so erstaunlich verschieden und dann kommt das dritte und ist nochmal ganz erstaunlich anders. Eigen, im besten Wortsinne.

Wobei – das ist natürlich entweder Quatsch oder banal. Manches ist freilich recht ähnlich: die frühe Liebe zu Besteck, beispielsweise. Zwack liebte Besteck, weil er sich noch nie gerne die Finger schmutzig machte, Strizzi, weil er alles so machen wollte wie Zwack und Otto liebt Besteck, weil selbermachen. Mit Ottos Essen könnte man derzeit auch Fenster setzen, weil die Konsistenz so sein muss, dass das Essen gegen alle Gesetze der Schwerkraft am Besteck kleben bleibt. Nicht Selbermachen wird mit einem majestätischen Kopfschütteln quittiert und ausgesessen. Manchmal darf man ihr ein bisschen Bauschaum auflöffeln und den Löffel an den Tellerrand legen. Manchmal. Ein bisschen.

Selbermachen ist so eine Sache, die mit zunehmendem Alter abnimmt. Otto ist noch sehr jung. Alles selbermachen. Hilflose Versuche, sich die Schuhe und Socken anzuziehen, Pullis auszuziehen. Dinge auf- und weg- und herräumen. Den Brüdern und mir morgens Schuhe, Mützen und Jacken an die unmöglichsten Orte hinterhertragen. Wehe, die Mützen werden dann nicht aufgesetzt. Beziehungsweise – die Mützen werden aufgesetzt. Weil Otto unermüdlich Mützen durch die Wohnung schleift. „Allo! Da!“ Strizzische Wutanfälle ob des Nichtfunktionieren der Welt bleiben aus. Vorgestern verbrachte Otto eine halbe Stunde vergnügt konzentriert mit dem erfolglosen Versuch, meine Schuhe anzuziehen. Ein Fuß, anderer Fuß, beide Füße in einen Schuh, stolpern, umfallen, versuchenversuchenversuchen, Schuhe in die Badewanne werfen.
Überhaupt – Dinge ordnen. Bisweilen landet zwar das Telefon wie gewohnt in der Waschmaschine, viel öfter aber finde ich dort bereits gebügelte Wäsche, die ich zu lange nicht weggeräumt habe. Wäsche Waschmaschine. Logisch. Andere unauffindbare Wäsche knüllt sich meist aufgeräumt im Badezimmerregal zwischen die Handtücher. „Da! Ja!“
(„JA!“ halte ich für eines der seltsamsten Kinderwörter, tatsächlich.)

Was wirklich neu ist: ein Kind, das Tiere mag. Nicht im Zwackschen Sinne, dass hinter jeder Schafherde ein Traktor lauern könnte. Und auch nicht im Strizzischen Sinne, der sich schon als Baby darauf verstand, den friedlichen Kater der Nachbarn bis zur fauchenden Weißglut zu bringen und dann unschuldig wegzukrabbeln. Nein – Otto böht und mäht und waut und maut, gluckst Fische an, streichelt Tierbücher (die alle recht unbenutzt scheinen) und sitzt eine geschlagene Stunde Nachbars Kater gegenüber und grinst ihn an. „DA! Böh!“ (Die Zuordnung verschiedener Laute zu verschiedenen Tieren wurde noch nicht vom Ordnungssystem erfasst, mit Ausnahme von Schafen, Mäh. Und manchmal böh. „Böh“ ist der Universallaut für Tiere.)

Und, natürlich, das erste Wort. Alle, die bei „Wäsche“ und „Waschmaschine“ schon gezuckt haben, liegen jetzt weiter richtig. Ich habe ja schon erzählt, das Mädchen in der Familie formulierte nicht „A[u]to“ oder „[Ba]Nane“, nein, ein Verb: „DABEN!“
So wackelt sie frühmorgens in ihrem Kleinkindseemannsgang in die Küche, Schublade auf, Müslischachtel raus, raschelraschel. „ALLO! DABEN!“ (Guten Morgen, ich hätte gerne Frühstück, bitte.)
Man sollte sich dann sputen, sonst landet das Müsli in der Waschmaschine. Denn ein bisschen was hat sie von Strizzi durchaus schon gelernt. Sie sitzt dann vor der Waschmaschine, guckt so unschuldig wie Strizzi bei Nachbars Kater (dem er übrigens nun immer Leckerli kaufen will, wahrscheinlich hat er was gut zu machen) und singt. „Häbebe tuju!“
Ich tippe auf „Happy birthday to you“. Sie wissen ja, singen und Wortschatzentwicklung. Aber das ist mir in diesem Moment dann egal.

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Es ist so. Ich wollte schon lange mal wieder über Essen schreiben. Eigentlich natürlich irgendwas, wo Strizzi ganze gegrillte Knoblauch-Thunfische isst. Aber das geht jetzt nicht. Weil wegen Mara. Mara geht beim Zwack in den Kindergarten, ich habe vielleicht schon von ihr erzählt, die atheistische Elfe.
Jedenfalls, Mara kommt in allen zwackschen Essens-Fragen vor. Vokabeln wie „Essen vertragen“ und Dinge wie „darf kein xy essen/ trinken“ kennt Zwack von Mara. Und jetzt sitzt Zwack beim Essen, schaut seiner dritten Dampfnudel zu, wie sie gemütlich in der Vanillesauce schwimmt und fragt, ob es stimme, dass man stürbe, wenn man zuviel esse. Das sage Mara. So eine Frage bei irgendeinem waghalsigen Kirchererbseneintopf als kreative Ich-mag-nicht-Ausrede, okay. Aber bei Dampfnudeln? Ich frage den Zwack also, ob ihm die Dampfnudeln diesmal nicht schmeckten und dass er auch einfach aufhören könne zu essen, wenn er satt sei. Nein, sagt er, Mara sage, man stürbe, wenn man zuviel esse. Ich versuche, ihm zu erklären, dass der Körper Essen brauche, weil er sonst weder Muskeln noch Energie noch sonst irgendwas Brauchbares zustande brächte. Dass es aber natürlich Essen gebe, das mehr Energie liefere und Essen, dass weniger gut Energie liefern könne. (Jaja, ich weiß. Und nein, die Dampfnudeln sind nicht aus Vollkornmehl. Aber: es gibt immer Gemüsesuppe davor.) Der Zwack überlegt und denkt und senkt eine vierte Dampfnudel in die Vanillesauce.

Das Thema war dann längere Zeit nicht mehr interessant, es ging wieder mehr um Raumschiffe und Räuber und U-Boote und Vulkane. Zwack weigert sich, mit uns in Urlaub zu fahren, weil es auf Izilien einen Vulkan gibt und er sich außerdem nicht sicher ist, was passiert, wenn die Fähre auf der Überfahrt auf ein U-Boot trifft. Oder Mama.

Und dann kommt Bertl zu Besuch und bleibt zum Abendessen, weil es zu Hause einen kreativen Eintopf  aus Hülsenfrüchten gibt und bei uns Nudeln mit Hackfleischsauce. Die Dynamik will, dass auf einmal niemand Sauce essen mag, sondern nur Nudeln mit Käse. (Nein, keine Vollkornnudeln.) Die Dynamik will auch, dass der Zwack sich einen Riesenberg Nudeln in den Mund stopft, den er kaum zu kauen vermag. Das wiederum verleitet mich, zu sagen, dass sie wahrscheinlich gleich zu Ohren wieder rauskämen, woraufhin Bertl seinen Finger in sein Ohr bohrt, um zu verkünden, dass HIER das Ohr zu Ende sei und die Nudeln deswegen nicht rauskommen könnten. Als der Zwack wieder Platz im Mund hat, röhrt er, er würde so viele Nudeln essen, weil er dann stark werde. Komm, wir essen ganz viele Nudeln, Bertl, dann werden wir gaaaanz stark!!! Oder!!!
Da guckt Bertl auf seine zweite Nudelportion ohne irgendwas mit Käse und wird ein bissl traurig. Weil das gar nicht stimme, mit dem stark werden. Weil, wenn man zuviel esse, dann würde man dick. Nein! röhrt der Zwack, man würde stark, dann verstummt er wieder einige Minuten, um den nächsten Riesenberg Nudeln zu bändigen. In dieser Zeit schaffe ich es, Bertl davon zu überzeugen, dass – zum Glück hat er diesen Wikingerpulli an – bei dieser Wikinger-Serie die dicksten Wikinger doch auch besonders stark seien. Weil, der Bertl ist nämlich gar nicht dick. Der Bertl ist vier und spielt jeden Tag nach dem Kindergarten eine Stunde Fußball. Dann reden wir endlich einfach über Wikinger.

Nach dem Essen steht der Strizzi auf, streckt seinen Bauch raus, guckt stolz und ruft, Boah, was für ein dicker Bauch das sei, der sei bestimmt auch schon vier und nicht erst fast drei! Und dass keiner so einen dicken Bauch habe wie er! Tschaka!

Jetzt hoffe ich, dass mir die Geschichte vom gegrillten Thunfisch nicht flöten geht, nur weil die Jungs auf einmal Angst vor Essen haben. Vorsichtshalber sollte es am Wochenende wieder mal Dampfnudeln geben.

Es ist so. Fenchelrisotto, sagt der Zwack, ob wir mal Fenchelrisotto kochen könnten. Ich habe wahrscheinlich ähnlich verwirrt geguckt, wie Sie gerade, mit dem Unterschied, dass ich weiß – und nicht nur vermute –, dass der Zwack Fenchel derzeit nicht sonderlich schätzt.

Das Fenchelrisotto stammt aus einem Buch beziehungsweise Hörspiel, in dem ein kleiner Freuerdrache mit seinen Freunden mittels Laserphaser zu den Dinosauriern reist, um einen Tyrannosaurus Rex zu treffen. Seine Freunde sind ein Stachelschwein und ein Fressdrache, der Vegetarier ist, weil Fleischallergie, was seine Eltern nicht wirklich goutieren („Schlimm genug, dass unser Sohn VEGETARIST ist!“). Sie finden einen Tyrannosaurus Rex, der – im Gegensatz zum Fressdrachen – ein nicht-geouteter Vegetarier ist. Deswegen hat er furchtbare Angst vor den anderen T-Rex-Echsen und davor, aufzufliegen. Und – Sie ahnen es – er kocht. Provenzalisch, kulinarisch – vegetarisch. So heißt es jedenfalls in dem Lied, das zu dieser Geschichte gehört. Keine Kinderbuchreihe ohne Musik-CD. Der vegetarische T-Rex kocht auch für das Sommerfest der Tyrannos und Tyrannas (so jedenfalls werden die Dinos vom Ober-Dino begrüßt) und zwar Mettbällchen (auch vegetarisch, aber gut getarnt), Rote-Bete-Salat und: Fenchelrisotto.

Auf dem Sommerfest findet dann das offizielle Outing statt und wenn sie nicht gestorben sind – äh, egal.
Ach so – natürlich auch keine Kinderbuchreihe ohne Kochbuch. Es erscheint logisch, dass die Kuh, deren Kochbuch wir im Schrank haben, vegetarisch kocht. Das Dino-Drachen-Kochbuch ist auch vegetarisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag den Drachen und seine Freunde, die Bücher und Geschichten. Aber ich freue mich auch, dass wir langsam in das Pumuckl-Alter kommen. Wo sich jemand über Schokolade und Limo freut. Zwar auch mal Bauchweh davon kriegt, deswegen aber noch lange kein Fenchelrisotto herbeisehnt. (Ich übrigens mag Fenchel. Auch im Risotto. Der Zwack mag als Risotto nix, was er sonst gerne vielleicht gerne äße, das ist zurzeit ohnehin eher spontaner Natur.)

Aber – es gibt auch Lichtblicke beim Feuerdrachen. Die Wetterhexe zum Beispiel, deren Lied sich folgendermaßen singt: „Lebe böse mit Getöse/ im Leben ist nix Gutes drin! Gut sein, das ist völlig öde/ böse ist der Lebenssinn! (…) Ja, Kleiner, so ist das in echt! (…)“ Nicht, dass ich das so unterschreiben würde, aber Strizzi findet das lustig. Ob es der Reim böse – Getöse ist, oder die Tatsache, dass er hier seinen Freifahrtschein fürs Frechsein hört, weiß ich nicht. Aber er hört auch bei den Dinosauriern nicht in erster Linie „Fenchelrisotto“, sondern die T-Rexe, die hungrig „METT!BÄLL!CHEN! METT!BÄLL!CHEN!“ skandieren und gibt das gerne zum Besten, wenn er Hunger hat. Strizzi findet auch Vegetarier lustig. „Der Dino esst kein Fleisch! Hihihi.“ Er hingegen verdrückt gerne mal drei Portionen Rote-Bete-Salat. Wenn es ihm zu mühsam ist, die Erbsen aus den Nudeln zu pulen.

Ich weiß gar nicht genau, wieso ich das schreibe. Jedenfalls habe ich jetzt Lust auf Schokolade. Und: wovon ernähren sich eigentlich Stachelschweine?

Es ist so. Wie erinnern Sie eigentlich Ihre Kindergartenzeit? Geben Sie’s zu: es war eine gute Zeit, alles stimmig verklärt.
In der Tat aber ist Kindergarten erstmal eines: anstrengend. Der Zwack jedenfalls ist jeden Nachmittag völlig fertig, wenn er aus dem Kindergarten kommt. Der Zwack nämlich ist ein Schwamm. Er saugt alles auf, muss alles aufsaugen. Da kommt er nach Hause, den Kopf voller neuer Dinge und Fragen und Ausdrücke und war im Kindergarten zu aufgeregt zu essen und an Schlaf nicht zu denken. SCHLAF?! Nein, zur Entspannung gehe er nicht, die machten da womöglich die Tür zu und dann und überhaupt. Kurz: man könne etwas versäumen.

Am Anfang schlief er also im Bauraum ein oder im Fahrradanhänger, sobald ich ihn abgeholt hatte. Oder spätestens während des Abendessens, das  ich aber in letzter Zeit extra früh veranstaltete. Das hat sich gelegt, er schläft nur noch ab und zu ein, muss aber nach dem Kindergarten essen. ESSEN. UNGLAUBLICH VIEL ESSEN. Wenn wir nach dem Kindergarten auf dem Spielplatz sind oder Freunde besuchen, bin ich mittlerweile ausgestattet. Und abgehärtet gegen die Blicke anderer Mütter. Zum Beispiel den der Mutter, die neulich Pfannkuchen auf dem Spielplatz dabei hatte. Der Zwack hat einfach mal sieben gegessen. Und dann gefragt, ob er noch was zu essen haben könne. Zum Glück kannten wir die.

Jetzt gibt es natürlich auch Nachmittage, an denen ich ihn abhole, er müde ist, der Hunger unsättlich und dann diese Dramen: der Berti habe gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Oder er habe dem Paul gesagt, er sei nicht mehr sein Freund. Er habe nicht mehr mitspielen dürfen, deswegen seien alle nicht mehr seine Freunde oder weil alle nicht mehr seine Freunde waren, aber dann doch der Salif aber dann doch aber dann nicht und dann habe man eine Falle für Nathan gebaut. Tägliche Dramen. DRAMEN! Unauflösbar.

Es wird aber besser. Mittlerweile habe ich mich auf den Hunger eingestellt (Strizzi übrigens zieht einfach mit und isst auch mehr Pfannkuchen als Zwacks Freunde), wir schreiben Nicht-Mehr-Wieder-Freunden Nachrichten mit vielen Autos, der Zwack verfügt über keine einzige Hose mit intakten Knien mehr, hat Lieblingspullis mit eindeutigen Peer-Trend-Motiven und hat sein erstes Freundebuch mit nach Hause bekommen.

Diese Woche habe ich Urlaub. Bis vor Kurzem die zwacksche Forderung kam, man möge ihn doch bitte ganzganzganz früh abholen, am Besten vor dem Mittagessen. Heute habe ich gefragt, ob ich ihn früher abholen solle. Auf keinen Fall! Und auch, dass ich diese Woche mit ihm und den Strizzi STATT Kindergarten in den Zoo wolle, halte er für keine gute Idee. Und ob wir jetzt schnell in den Kindergarten fahren könnten.

Manchmal schafft er es, bis nach dem Abendessen wach zu bleiben. Angekommen. Mitten in der verklärten Kindheit. Wie beneidenswert.

 

(Ich verkläre das jetzt natürlich auch. Im Allgemeinen stellt der Kindergarten natürlich das Ende der Erziehung dar. Aber dazu habe ich ja schon in Ansätzen beschrieben.)

Es ist so. Ich wollte gerne eine Geschichte schreiben. Aber es passiert nichts. Das glauben Sie natürlich nicht und es stimmt auch nicht so ganz, hier sind zwei kleine Kinder zugange. Aber die Dinge passieren so:

Zwack beim Anschauen eines Buches, in dem eine Kuh Pakete austrägt (fragen Sie jetzt nichts): „Mama, ich möchte auch mal ein Paket bekommen.“
„Hm. Und was könnte da drin sein?“
Zwack: „Autos! Oder Schokolade. Oder Autos. Oder … Autos.“
Strizzi (lutscht an einer LEGO-Figur): „N-nn N-nn.“

Zwack, als wir die Weihnachtsdeko wieder einpacken. „Wo sind jetzt die Sterne am Fenster, Mama?“
„Die sind wieder in der Kiste. Sieht ganz leer aus, mh? Wir können ja mal überlegen, ob wir was anderes ans Fenster hängen.“
Zwack: „JA! Autos! Oder Hubschrauber. Oder Autos! Oder … Autos!“
Strizzi (kriecht schmatzend auf die Apfelringe zu): „Nne Nne Nne.“

Zwack, mitten aus dem Nichts: „Wenn der Strizzi Geburtstag hat, Mama, dann backma was!“
„Ja, dann backen wir was. Was sollma denn backen?“
Zwack: „Autos! Mit Marties. Oder Schokolade. Und Autos. Oder … Autos!“
Strizzi (deutet auf den Obstkorb): „Nane! Nane! Nane!“

Verstehen Sie, was ich meine? Aber gut. Vielleicht gibt es eine Geschichte, wenn wir einige Tage in den Schnee fahren. Der Zwack freut sich schon. Er mag wegfahren. Mit dem Auto. Oder mit dem Auto. Oder. Es ist nur so, er mag keinen Schnee. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist so. Ich kapiere nichts mehr. Und erschreckenderweise handelt es sich meist um ganz banale Dinge. Essen zum Beispiel.

Vor Kurzem sitze ich in einer Pizzeria. Ja, ganz recht, kein Italiener, eine Pizzeria, auf der Karte gibt es vorwiegend Pizza. Auf der Tageskarte bisweilen Pasta. Ich warte auf meine Nudeln und einer der Herren am Nebentisch möchte von der Bedienung wissen, welcher Art die Pasta sei. Stehe da doch, meint sie, mit Salsiccia, Fenchel und Tomate. Nein nein, er könne durchaus lesen, lächelt er milde, um welche Art von Pasta es sich handele. Penne wohl kaum, wegen der Salsiccia, mutmaßt er. Spaghetti? Linguine? Makkaroni? Orechiette? Er blickt ernst. Pasta, erwidert die Bedienung ähnlich ernst. Er bestellt daraufhin eine Pizza Margherita. Damit könne man vielleicht nichts falsch machen, zwinkert er seiner Begleitung zu.

Die Pasta schmeckt gut.

Ich komme zu diesem wenig differenzierten Urteil, während man am Nebentisch diskutiert, dass man Pasta eigentlich nicht nur Pasta nennen dürfe, weil es ja durchaus Unterschiede gebe. Wegen der Sauce. Und ob die hier überhaupt selbst gemacht werde? Vom Pastalatein gehen die beiden zum Dekantieren über. Ob der hiesige Hauswein wohl irgendwann geatmet habe. Es gebe Weine, die müsse man quasi einen ganzen Tag atmen lassen. Wobei man darauf achten müsse, welche weiteren Aromen im Wein-Zimmer freigesetzt würden.

Ich zahle, als es um Aqua Panna geht und darum, dass man hier zum Espresso das gleiche Leitungswasser bekäme wie zum Wein. Wo man doch wisse, dass gerade das Münchner Leitungswasser jegliche Geschmacksempfindungen unsäglich verfälsche, ja geradezu verboten gehöre. Und Gerolsteiner würde ausgeschenkt. Gerolsteiner! Nicht mal San Pe! SAN PE.

Ein weiteres Beispiel? Ich hätte gerne einen neuen Fernseher. Der jetzige hat weniger Bildschirmdiagonale als der Laptop, vor dem ich gerade sitze, dafür hinten dran noch ein gutes Stück Röhre. In der kleinen Wohnung störte das nicht weiter, hier aber kann man keinerlei Einblendungen mehr lesen und Flugbahnen des Fußballes nur erahnen.

Wieso ich bisher keinen neuen Fernseher habe, hat einen einfachen Grund: ich möchte einen Fernseher. Nicht sieben verschiedene Receiver, Decoder und Fernbedienungen. Außerdem verstehe ich die Artikelbeschreibungen nur zur Hälfte.

Ich frage einen Freund um Rat. Der meint, mindestens siebenundvierzig Zoll solle er schon haben. Das sei der gängige Mindeststandard. Ich rechne nach. Siebenundvierzig Zoll? Ich staune noch, da hat er seine Empfehlungen fertig heruntergerattert und empfiehlt mir ein Cloud-Abo.

Seither stelle ich mir vor, dass da draußen Leute bei Aqua Panna vor Ihrem Heimkino sitzen, womöglich Kochsendungen sehen, und darauf warten, bis der Wein fertig geatmet hat. Dabei bemühen Sie sich redlich, keinerlei störende Aromen freizusetzen.

Diese Vorstellung deprimiert mich. Sagen Sie mir, dass es anders ist. Sagen Sie mir, dass Sie zum Beispiel einfach nur einen Fernseher haben. Oder Nudeln essen. Oder Chips. Einfach nur so.

Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Heute lese ich einen Artikel in der Zeitung über bedrohte Wurstarten. Gut, das stimmt so nicht, aber das bleibt in meinem Kopf. Genauer: in meinem Kopf entsteht die Vorstellung einer Roten Liste mit vom Aussterben bedrohter Wurstarten.

Die gute alte Currywurst vom Imbiss. Mit der Schere geschnitten! Zwiebelwurst. Die fette Rote. Bratwürste außerhalb des Reservates Nürnberger Altstadt. Wer kennt heut noch Blaue Zipfel? Auch die Weißwürscht, die ich vor Kurzem aß, schmeckten ein wenig seltsam. Die Lyoner muss sich als Salat prostituieren, ihre schweinerne Seele verkaufen, um noch konsumiert zu werden!

Sie alle sterben, während sich die Chorizo auf der Pizza ausbreitet wie Springkraut am Straßenrand. (Zum direkt proportionalen Zusammenhang vom Wurstimbissbudensterben am Straßenrand und der Ausbreitung des Springkrauts ein ander Mal.)

Im Laufe des Artikels wird mir schlagartig bewusst, dass auch ich gedankenlos meinen Beitrag zum Wurststerben leiste. Manchmal esse ich Fisch. Oder Schnitzel. Ich bekenne: Sogar am Standl bestelle ich eher Leberkas als eine beliebige Wurst.
Was ich bisher als lächerlichen Spleen weißbemützter Scharlatane oder Resteverwertung abtat, sind letzte Rettungsversuche: Weißwurschtcarpaccio. Bratwursthascheenockerl. Knackerschaumsüppchen. Grützwurst Hawaii.

Gepackt vom wütend bürgerlichen Aktivismus dieser Tage, rufe ich sofort die Unterstützer des synergetischen Netzwerks zur Rettung des Wurschtwertschöpfungsprozesses an. (Sie erinnern sich doch wohl, oder?) Schon vor Monaten war uns das Wurststerben ein Anliegen, allein die weltweiten, menschengemachten Ausmaße des Wurstwandels blieben uns verschlossen.

Als erstes planen wir die Verhinderung irgendeines Bauprojektes, indem wir mit der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wurstarten wedeln. Eine Brücke. Ein Bahnhof. Eine Innenstadtsanierung. Irgendetwas wird an der Wurscht scheitern.

Im Geiste sehe ich schon die Transparente vor mir: „Wenn die letzte Wurst gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Curry nicht tanken kann!“ – „Die Wurst geht weiter.“ – „Alte Würste braucht das Land!“ – „Alle wollen zurück zur Wurst, aber keiner ohne Darm!“ – „In dubio pro Wurst!“ – „Alles hat ein Ende!“
Die Planungen bringen mich in Ekstase und ich weiß: solange es in meinem Bekanntenkreis noch mindestens zwei Wurschtmaschinen gibt, ist noch nichts verloren. Und Sie? Kämpfen Sie mit. Essen und spenden Sie jetzt. Kaufen Sie sich heute Mittag eine Wurst beim abgeranztesten Standl, das sie kennen. Tun Sie es für die Sache. Die Wurscht wird es Ihnen danken.

Ach so. Den ausschlaggebenden Artikel finden Sie hier.

Dieser Text ist Teil der Adventskalenderaktion „Abwarten und Türchen öffnen“ auf jetzt.de

*

Vorspeise: Christbaumkugelcarpaccio im Lamettanest.

Kugelscherben vom letzten Jahr
Mit Zimt und Anis würzen
Schnell schockgefrieren das Tartar
Und dann die Masse stürzen.

In Scheiben schneiden, hauchdünnzart
Sodann noch einmal kühlen
Die bunten Scherben je nach Art
Werd‘n hart, das kann man fühlen.

Glitzercarpaccio dann serviern
Im Lamettanest. Ob blau,
Ob rot oder Silberschlieren
Egal – alles eh nur Schau.

*

(Zwischengänge nach Belieben
weihnachtsfroh dazwischenschieben.)

*

Hauptgang: Rentiersternchen an Rentierschaum auf Glühweinspiegel. Gerne mit Christkindllocken als Beilage zu reichen.

Fürn Rentierschaum dem Rentier klaun
Des Nachts die rote Nase
Mit Kunstschnee, Sternstaub hart verhaun
Schick anrichten als Vase.

Den Rest vom Viech sodann mit Kraft
durch den Fleischwolf würgpressen
Mit Ei, Zimt, Lebkuchensaft:
Sterne geformt. Nicht essen!

Anbraten, kross. Im nächsten Schritt
In die Vase dekoriern.
Alt Räuchermännchenhack als Kitt
Grosszügig dazwischenschmiern.

Den Glühweinspiegel messen Sie
Am einfachsten im Blute
Sehn Sie noch klar, dann gönnen Sie
Sich noch drei Gläschen, gute!

*

(Lichterketten nicht vergessen –
Essentiell fürs Weihnachtsessen!)

*

Nachspeise: der Wunschzettel.

Man nehm die Wünsche die man hat
Zwei Handvoll, drei, gar mehr
Rühre sie mit LastChristmas glatt
Schütte Mistel hinterher.

Nach einer Stunde Ruhezeit
Den Teig beflissen fröbeln
Das geht am besten auch zu zweit
(Dann hamse wen zum Pöbeln.)

Ziehen lassen gut vier Wochen
Und später untern Baume
Frisch und frohgemut gekrochen.
Obs geklappt hat, mit dem Traume?