Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.

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Es ist so. A ni fàma, lange nichts gelesen, geschrieben, gehört, gesehen. Ich lerne.
Ich lerne Vokabeln. Nicht wie bisher französische Ausdrücke à la „Du hast den Pfirsich!“, nein, Clara lehrt mich Bambara. Das ist praktisch und vor allem höflich, weil Landessprache. Seit acht Monaten kann ich nichts, wie Clara mir bereitwillig bestätigt. Um genau zu sein, ruft sie mit großem Erstaunen nach jedem zweiten Satz, dass ich ja WIRKLICH nix könne. Und sie hat Recht.

Bisher konnte ich guten Morgen sagen, jetzt stammele ich das Äquivalent zu Mahlzeit! , Guten Nachmittag, Guten Abend, Möge Allah eine friedliche Nacht schenken, Sei gegrüßt beim Kochen / Arbeiten / Verkaufen.
Und ich lerne, ça va et la famille? im ursprünglichen Sinne. I ka kƐnƐ? SomƆgƆw bƐ dì? Ein Mann wird diese Fragen (und alle Fragen der Begrüßungszeremonie) immer mit einem Hinweis auf seine Mutter antworten, eine Frau ihre Gebärfähigkeit preisen. Logisch.

Zugegeben, noch lerne ich vor allem auswendig, was vor in erster Linie daran liegt, dass ich mir „Kein Problem“ besser merken kann als „Leid nichts sich-nicht-befinden`sie [Mehrzahl] an“ herzuleiten. Aber ich arbeite dran, füttere meine Motivation, mit kleinen, auswendig gelernten Erfolgen, wie ein Hund, der Stöckchen holt, bringt, Wurschti kriegt.
Oumar zum Beispiel war hoch erstaunt und erfreut, als ich ihn nach drei Tagen Krankheit nach seiner Gesundheit fragte. Madame! ich könne ja mehr als der Patron* und ja! er sei sehr gesund und aha aha! Bambara! Patron, Madame spricht Bambara! gerade hat sie mich nach meiner Gesundheit gefragt, ça va et la famille?

Außerdem bemühe ich mich, bis zwanzig zu zählen, weil Clara mich mit Engelsgeduld abfragt, Glitzer sieben, Glitzer duuru, Glitzer gegen unendlich, bis ein Kind das alles sehr interessant findet und uns englische Brocken hinwirft, die wir auf Französisch übersetzen sollen, „Du hast den Pfirsich!“ ist nicht dabei.
Das Rechnen erspare ich mir, ständig gilt es, Dinge durch die Gegend zu multiplizieren, weil man einer anderen Zahlensystematik folgt. Clara meint, ich solle mich nicht so anstellen, es sei alles immer nur mal fünf, aber wenn man hundert-hundert sage, sei es halt trotzdem fünfhundert. Ich möchte Pastis.

Was ich sehr praktisch finde sind neben der Abwesenheit von Flexionen die Nachsilben –yƆrƆ, -tìgi und -fƐn. Aus à mìn (trinken) wird mìnyƆrƆ, der Trinkenort, die Bar, mìntìgi, der Trinkenbesitzer und schließlich tatsächlich mìnfƐn, das Trinkending, das Getränk, zum Beispiel Pastis. Mali-Mali**. Außerdem: Hunger-groß sich-befinden ich an.

Ja, ich weiß, so unsystematisch stellt sich das nur halb spannend für Sie da. Und seit fünf Absätzen warten Sie auf die große Blamage meinerseits, die wütende Kamelbesitzer zur Folge hat (kein Angst, so weit kommt es bestimmt bald), wahlweises ein schlimmes Schimpfwort (Unbeschnittener! dafür aber bin ich zu höflich) oder wenigstens die Ergänzung ihrer polyglotten IchliebeDich-Apotheke. Aber das müssen Sie sich schon selbst beibringen. Abana.

*Zum Wesen des Patrons im Allgemeinen, nicht im Besonderen, will ich schon lange schreiben, aber immer kommt mir was dazwischen.

**Der Trinkspruch „Mali-Mali“ geht auf die Anekdote eines malisch-chinesischen Geschäftsessens zurück, bei der ein von chinesischer Seite hervorgebrachtes „Chin-Chin“ schlagfertig mit einem „Mali-Mali“ gekontert wurde.

Es ist so. Hier ist alles ruhig.
Vor allem, wenn man die Nachbarländer betrachtet. Im Westen stehen Wahlen an und es brennen die Leute auf der Straße. Im Osten waren Wahlen und es gibt noch keine Regierung, aber auch keine Stabilität, zwischen Osten und Süden revoltiert das Militär und die Kaufleute gegen die Revolte des Militärs, im Süden erholt man sich vom Putsch, im anderen Süden vom Bürgerkrieg. Im Norden ist Wüste, dort landen die Menschen, die im Osten entführt und die Waffen, die noch weiter im Norden geklaut wurden.

Hier ist alles ruhig. Ja, alles ruhig, nichts sei in den letzten zwei Wochen passiert, meint Moussa. Moussa fährt das Taxi, in dem wir gerade aus dem Flughafenparkplatz geschoben wurden, jedenfalls fährt er es, wenn es fährt.
Und überhaupt, versichert mir Moussa, überhaupt, diese Sache da im Norden, das sei ja der Norden, also erstens weit weg und zweitens die Touareg und eben ganz was anderes. Und nein, glitzer, glitzer?, was das für ein Name sei, nein, obwohl sie Touareg seien, für Gaddafi habe von denen keiner gekämpft, die hätten höchstens ein paar Waffen geklaut, haha, sogar die hiesige Air Express habe letzte Woche kurzzeitig den Flugverkehr eingestellt, aus Angst vor den Abwehrraketen. Ob das nicht lustig sei! Auch Air France ließ ihre Crew nicht mehr hier übernachten. Nur wegen ein paar Waffen und der Terroristen, haha.

Darüberhinaus, glitzer – glitzer? Quatsch, er nenne mich lieber Fatoumata, das sei ein ordentlicher Name, glitzer, also bitte, was solle das für ein Name sein, vielleicht gar christlich, darüberhinaus, Fatoumata, müsse man das auch verstehen, bei diesen Entführungen ginge es nicht um die Menschen oder deren Leben, niemand sei ernsthaft in Gefahr, aber, das könne ich nicht leugnen, das sei hier ein armes Land und irgendwie müsse man doch Geld verdienen, oder und dann würden halt auch mal Leute entführt.

Moussa fährt das Taxi durch die Nacht und nennt mich Fatoumata. Fatoumata Sangaré, dann sei ich seine kleine Schwester, wegen der hiesigen Familienbande. Gute Nacht, kleine Schwester, bis zum nächsten Mal und scheppert davon.

Am nächsten Tag eine Krisensitzung bei Frau Skypeverbot. Ich erfahre, dass man seit zwei Monaten nicht mehr in Taxis sitzen sollte, weder als glitzer noch als Fatoumata, schon gar nicht nachts und auf keinen Fall ab Flughafen. Denn dann sei klar, dass niemand auf einen warte, überhaupt die Sicherheitslage sei schon länger prekär, man habe nur versäumt, die Informationen weiterzugeben.

Damit ab sofort immer jeder alles sofort erfährt, wurde ein Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt entwickelt, als Ergänzung zum dreizehnseitigen Krisenplan. Auf diesem praktischen DinA3-Faltblatt steht auch meine Telefonnummer, wer mich im Notfall anruft, und wen ich über den Notfall oder die Krise weiter informiere. Meine Chefin ruft mich an und laut Faltblatt rufe ich dann meinen Kollegen an, dessen Telefonnummer nicht auf dem Faltblatt steht.

Das müsse auch nicht sein, er sei ja kein Deutscher und somit im Normalfall vom Notfall nicht betroffen. Wieso er dann auf dem Faltblatt stehe, wenn den Glücklichen unsere Krisen nicht beträfen. Ich solle mich nicht so anstellen, bei einer Informationskaskade müsse eben jeder irgendjemanden anrufen. Auch sie müsse nun immer ihr Handy dabei haben und wehe, wenn sie mich einmal ohne Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt erwische, egal ob beim Einkaufen oder im Taxi.
Ich erwidere, dass ich nicht mehr Taxi führe, wegen der Sicherheit. Frau Skypeverbot schnaubt, ich solle mich nicht so haben, es sei ja eigentlich alles ruhig. Aber Vorschrift sei nun mal Vorschrift sei besser als Vorsicht und Kontrolle sei am allerbesten. Und jetzt würde sie gerne sehen, dass ich das DinA3- Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt in meinem Geldbeutel verstaue. Wenns mal schnell gehen muss, damit jeder weiß, wo es ist.

Später, zu Hause, lerne ich auswendig, dass ich niemand anrufen muss im Fall des Falles und esse das Faltblatt auf. Sicher ist sicher.

Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.

[Dieser Text ist Teil einer Tagebuchaktion auf jetzt.de. Mehr davon hier.]

 

Geben Sie es zu. Sie verdrehen jetzt schon die Augen. Nur, weil ich in Afrika sitze und Ihnen jetzt im Advent einen Tag aus meinem Leben zum Thema MANGEL erzählen soll. Sie denken, dass Sie im besten Fall damit davon kommen, dass ich über Mangelware spreche. Stromausfälle und aus der Wand brechende Türen. Im schlimmsten Fall schildere ich ergreifend kindheitslose Kinder, die im Alter von sieben Jahren, ihre grossäugigen Geschwister auf dem Rücken, jeden Verkehrsteilnehmer anbetteln, wobei sie aufpassen müssen, nicht über ihr viel zu grosses, ausgewaschenes, aber löchriges Ballack-Trikot zu stolpern.

Leider aber ist es ein Tagebuch, und in diesem gehören bekanntlich die stärksten Eindrücke eines Tages geschildert. Meiner heute (und Sie haben Glück): das „Komm-nur-mal-schnell-mit-Abholen“ eines Paketes. Woran denken Sie, wenn Sie Paket hören? Wahrscheinlich an ein post-normiertes Paket, schliesslich befinden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem post-normierten Land.

Das Paket kam auch aus Deutschland, genauer gesagt, es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung, die einen Container im Warenwert von mindestens 10 000 Euro umfassen muss, weil es sich sonst nicht rechnete. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung von mindestens 10 000 Euro aus einer Versandmischung von Metro und Otto. Dreiundzwanzig Pakete von Hohes C, Odenwald-Schattenmorellen und Essiggurken über Meica-Würstchen und Becks (Becks! Ich bitte Sie! Wenn man schon fünftausend Kilometer weit Bier transportieren lässt, dann doch bitte kein Becks!) bis hin zur Tischtennisplatte und einem Rasenmäher. (Der Rasenmäher war auch noch für unsere Nachbarn bestimmt. Da hätte ich auch in der Reihenhaussiedlung bleiben können. Oder.) Das Abholen wurde begleitet von einem kontinuierlich schwäbisch-schrillen „Passen Sie auf meinen Petanque-Rasen auf!“ Beim „Nur-mal-schnell-Abholen“ von dreiundzwanzig Paketen wird glücklicherweise selbst das zu überhörbaren Monotonie.

Seit diesem Einblick in die deutsche Importwelt der kleinen Sehnsüchte frage ich mich, ob es vielleicht gar keine Seltenheit war, letzte Woche hier Spätzle kredenzt zu kriegen. Ob vielleicht tatsächlich alle hiesigen Küchenfees den Tag Teig schabend und Maultschen faltend verbringen, während Sie Hohes C und Becks kühlen.
Dann frage ich mich weiter, was ich vermisse. Im Advent. Was ich importieren würde, wenn ich Zugang zur exklusiven Welt der Container-Bestellungen hätte. Und nach längerem Überlegen komme ich zu der selbstlosen, überheblichen Überzeugung, dass kein Meica-Würstchen der Welt so schmecken kann, dass ich nicht Familie, Freunde, Wetter und Alpen vermisste. Kein dröhnender Rasenmäher kann mir vorspielen, dass ich in vertrauter Umgebung sei oder Privatsphäre hätte. Und der Geschmack von Becks machte bestimmt alles nur schlimmer.

Zu allem Überfluss werde ich hier also zur personifizierten Mastercard-Werbung.

Der kleine Ballack und sein grossäugiges Geschwister winken mir zu und obwohl man Kindheit nicht kaufen kann, versuche ich genau das heute doch. Schliesslich ist Advent. Und es ist Afrika. Verdrehen Sie ruhig die Augen.

Omas Welt.

August 31, 2010

„Ich hab’ schon gemerkt, dass was nicht stimmt. Aber ich wollte nicht, dass es so auffällt“, wird sie nach dem Schlaganfall ihres Sohnes sagen. Jetzt aber spricht meine Oma über die Frisur meiner Schwester (das tut sie immer) und (das ist neu) über meine Figur. Mager sei ich geworden, das stehe mir nicht und mache mich darüber hinaus alt. Was meine Schüler dazu sagen würden. Sie wünscht sich so, dass ich Lehrerin geworden sein könnte, dass sie oft nach meiner Schule fragt. Und schüttelt den Kopf über meine Magerkeit.

Es ist Donnerstagmorgen, ich sehe alt aus und heirate. Der Standesbeamte lächelt angekokst und ich verliere eine Wette. Ich hatte auf Rilke gesetzt, meine Schwester auf Hesse. Er aber zitiert Heyse, der die Liebe mit der Morgenröte verglichen habe. „Morgenrot – schlecht’ Wetter Bot’“ fällt mir ein. Aber ich denke nicht in Omen. Ich denke an Omas preussisches „Geschieden wird nicht!“ und unterschreibe mit dem Namen, den man mir in Druckbuchstaben vorgeschrieben hat. Musik, Ring, Kuss, Sekt, Torte.

Vor den Säulen des Standesamtes eine gelbbemützte Kindergartentruppe. „Bist Du die Brahaut? Aber Du hast gar keine Blumen im Haar!“ Schon nun verkorkst, die Guten. Lächeln, Foto, Sonne, mehr Sekt, Brunch.

Die Zwillinge bewerfen Enten mit Brot und Steinen. Irgendwer fragt meinen Vater, wie es ihm gehe, jetzt, wo die Kleine aus dem Haus sei. Er strahlt. „Mahagor bil paka. Halder“, sagt er. Und „Finima kroa la.“ Meine Oma beißt in ihr Hörnchen und fragt, ob unser Hund vielleicht austreten müsse. Sein Penis sehe so komisch aus.

Ich stehe auf und rufe die Rettung. Genug Morgenrot, vielleicht.

Ich merke, ich bin nervös. Bisher war ich relativ unbeteiligt. Aha, Krankenhaus, Diagnose steht noch aus, aber eine Operation sei nötig. In wenigen Minuten allerdings werde ich ein Bild zur Situation haben. Klein sei er geworden, hat sie erzählt. Also stelle ich mir vor, dass er in riesiger Krankenhausbettwäsche liegt und es den Anschein hat, dass man einen Lawinensensor benötige, ihn wiederzufinden. Bei alledem guckt er hoch verschmitzt und zufrieden.

In seinem Zimmer bin ich zunächst meiner alten Flötenlehrerin ausgesetzt. Mei, wunderschön, immer wenn sie eine Sternschnuppe sehe, frage sie sich, wo ich gerade rumspringe. Sie schließt zwei weitere wirre Sätze an und geht dann ganz schnell. Fieber messen. „Tschüs“, kann ich stammeln. Ein seltsames erstes Wort für einen Besuch. Ich blicke mich um und finde ihn überraschenderweise gleich. So klein ist er gar nicht, außerdem liegt er nicht in, sondern sitzt er auf seinem Bett. Das beruhigt mich. Er sieht nur kurz hoch, um dann weiter hochkonzentriert ein Bonbon auszuwickeln. „Glitzer, schön.“

Ja, schön. Unsicher frage ich eine bescheuerte Krankenhausfrage: „Und, wie geht’s?“ Er schimpft auf sein Doppelzimmer, zeigt mir aber stolz Radio und Fernseher und fragt, ob ich ihm was zu lesen mitgebracht hätte. Ach ja, das sei recht ärgerlich, mitten in der Nacht werde man geweckt, zum Blutdruckmessen, wer habe da schon Blutdruck. Seit Neuestem aber habe er Fieber und einen Gichtzehen. Ich muss fast lachen. Alle rätseln über die Bedeutung von „Geschwür“ und er spricht von der alten Bekannten Gicht.

Gicht ist seine Form von Stressreaktion. Was bei mir Ausschlag, Flechte oder Gürtelrose wird, wird bei ihm Gicht. Trotz allem wirkt er recht aufgeräumt, vielleicht ein wenig froh, dass was passiert. Dass er aus den eingefahrenen Rollen ausbrechen kann, endlich ein klarer Gegner auszumachen ist. Wir diskutieren Fischfang und Olympia, Bohrmaschinen und ob Schwesternschülerinnen grüne Kittel tragen oder ganz andere. Dann erklärt er mir das Krankenhaus.

Auf dem Gang treffe ich eine Nachbarin. Sie erzählt von Nasenbluten und wie man es richtig stoppt und was man auf keinen Fall tun darf. Außerdem sollte sie schon längst zu Hause sein, schließlich sei sie mit Kehrwoche dran. Was denn die Leute denken müssten!
Im Treppenhaus ein Bekannter, der schon lange nicht mehr in der Gegend wohnt, er spricht von Erholungsaufenthalt. Auf dem Weg zum Parkplatz eine Mitschülerin, sie sei zu dünn geworden, versucht sie zu scherzen. Und ob ich die F besucht habe, die sei auch hier – wegen des Valiums. Nein, es ginge ihr gut, nur, dass C nun hier Arzt sei, fände sie komisch. Für den wäre sie gern ein wenig hübscher.

Ich steige ins Auto und atme durch. Ich mag Krankenhäuser von außen schon nicht, aber die Struktur dieses Mikrokosmos’ potenziert das. Wenn man jeden Menschen auf der Welt über sieben Ecken kennt, dann sind es in einem Krankenhaus vielleicht nur zwei. Wie soll man jemals gesund werden, wenn man nicht mal in Ruhe krank sein kann?