Es ist so. Zwei Fragen. Sind sie beeindruckt, wenn Dreijährige schwierige Sätze sagen, zum Beispiel „Er bleibt ruhig und konzentriert“? Ja? Finden Sie es rührend bis entzückend, wenn Dreijährige Faxgeräte kennen? Ja? Lassen Sie mich raten: Sie haben keine Kinder, die sich sonderlich für Feuerwehr interessieren.

Der Zwack wollte gerne ein Faxgerät zum Geburtstag. Grund war der Held, der „ruhig und konzentriert“ bleibt. [Einschub: als ich das das erste Mal hörte, vermutete ich den armseligen Versuch, Jungs mittels eines Liedes ruhigstellen zu wollen. Wäre es nur sowas gewesen!]
Der Held. Feuerwehrmann Sam. Gegen ihn ist Conni eine Revoluzzerin. Sam, Held von nebenan, Retter in der Not. Ich weiß, er wurde erfunden von Feuerwehrmännern. Brandprävention für Kinder. Kinder, wenn es brennt, wählt den Notruf! In der Serie wählt niemand den Notruf, alle rufen Feuerwehrmann Sam. Dann piepst es in der Feuerwache, Hauptfeuerwehrmann Steele trottet zum Faxgerät (!), der Alarm geht los und ab zum Einsatz.
Ehrenwerte Idee hin oder her, Feuerwehrmann Sam nervt.

Jetzt aber. Zwack und Strizzi sind große Fans von Feuerwehrmann Sam. Der nervt überhaupt nicht. Er bleibt ruhig und konzentriert. Er löscht jeden Brand! Dafür ist er bekannt! Was immer Dich bedroht, Sam hilft Dir in der Not! Noch besser als Sam findet Zwack Tom. Den mit dem Hubschrauber. Strizzi steht auf Penny. Vor Kurzem habe ich mich breitschlagen lassen und erstand eine CD. Vier Folgen Feuerwehrmann Sam. Zwack und Strizzi saßen eine Stunde in trauter Zweisamkeit im Kinderzimmer vor dem CD-Player.
Zwack hörte den ganzen Nachmittag die CD. Strizzi fing an, mit dem Rutschauto diverse Notfälle in unserer Wohnung zu bearbeiten. Derer gibt es genug! Ich lege Wäsche zusammen, auf einmal raunt mir Strizzi beruhigend ins Ohr. „Komm, kleines Kätzchen, komm, ich bring Dich wieder runter. Du musst keine Angst haben. Komm zu mir.“ Kinderarme schlingen sich um mich, es folgen ein paar technische Geräusche. „So, hier bist Du wieder unten. Ich hab Dich gerettet. Tschüs, kleines Kätzchen!“ Iuuuiuuuiuuu. Wäre Feuerwehrmann Sam SO, ich wäre auch verliebt. Aber so ist nur Feuerwehrmann Strizzi.

Als Strizzi sogar nachts im Schlaf noch Notrufe absetzte, kassierten wir  die CD. Strizzi hat uns eine geschlagene Stunde angebrüllt. Als es klingelte, hatte ich Angst, jemand habe einen Notruf gewählt und Feuerwehrmann Sam stehe vor der Tür, um mir großväterlich zu erklären, wie ich meine Kinder zu erziehen habe. Und fragen Sie nicht, wie viele Diskussionen Zwack beim Lagerfeuer letztes Wochenende erstmal führen musste, bevor er anfing, drin rumzustochern.

Aber tatsächlich. Besserwisser Sam hat gut Seiten. Otto tanzt grinsend zum Titellied, Zwack und Strizzi spielen einen Einsatz nach dem anderen. „Notfall am silbernen Luftballon! Zwack, wir brauchen den Hubschrauber!“ – „Feuerwehrmann Strizzi! Einsatz unter der Heizung! Bitte kommen!“ Iuuuiuuu! Ich werde nur manchmal als Otto-Räum-Kommando benötigt. In der Zwischenzeit kann ich Texte schreiben. Diesen hier zum Beispiel. Ruhig und konzentriert.

 

 

[Der Zwack bekam kein Faxgerät zum Geburtstag. Aber WalkieTalkies. Die gibt’s nämlich auch immer noch. Und sehen sehr wichtig nach Notruf aus. Ende.]

 

 

Es ist so. Von verschiedenen Seiten habe ich diesen Advent schon vernommen, dass die Vorweihnachtszeit und vor allem Weihnachten mit Kindern doch nochmal etwas ganz Besonderes sei. (Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass diesen Aussagen oft Geschichten von Weihnachten mit den Kleinen in der Notaufnahme folgen, aber die seligmachende Weihnachtszeit scheint über besondere Weichzeichner zu verfügen.)

Tatsächlich, etwas ganz Besonderes. Wir zum Beispiel tragen uns diesen Advent besonders mit der Frage, wo wir den Nikolausteller eigentlich hinstellen müssen, damit der Zwack ihn nicht auf einmal aufisst. Wir haben einen Ort gefunden und setzen uns nach „NIKOLAUS NEHMN!“ nun täglich mit „Ich will nicht den da oben stehen!“ auseinander. Und wo wir gerade dabei sind: wie machen wir das mit dem Christbaum? Auf ein Tischchen stellen oder erhöhen wir damit nur die Fallhöhe? Die Äste von unten her absägen, bis der Strizzi nicht mehr rankommt? Unten einfach nicht schmücken? Den Baum hinter der Couch verstecken oder sonstige Zugangsschikanen einbauen? Das ist eine Herausforderung. Strizzi nämlich hat es eilig und pflegt mittlerweile herumzustehen, sich überall hochzuziehen und klettert mit Vorliebe irgendwo hinauf. Das macht der Zwack schließlich auch. Der Zwack aber kann dann einfach runterhüpfen und dabei laut juchzen, während Strizzi eher einer Katze gleicht, die man mit der Feuerwehr aus dem Baum retten muss. Nun ja. Andere Geschichte. Wir pflücken den Strizzi jedenfalls öfters aus misslichen Lagen und möchten ihn ungern in eine missliche Lage mit dem Christbaum bringen. Und uns. Und dann alle in die Notaufnahme.

Wo wir aber nun bei Feuerwehr sind, das machen wir diesen Advent auch. Backen. Feuerwehrautos backen, Betonmischer und Bagger. Die Ausstechform für den Traktor der Besinnlichkeit ist noch im Adventskalender. Backen ist, der Zwack steht auf dem Stuhl und drückt in rasanter Geschwindigkeit wahllos seine Ausstechformen in den Teig und ich soll sie dann aufs Blech kriegen. Nach dem Backen möchte er gerne alle aufessen und dann verzieren. Einzeln. Nicht jeden Bagger einzeln, nein, jeden Streusel. Einzeln. Ahoi, entschleunigte, staade Adventszeit.

Natürlich singen wir viel. Neben allen Sankt Martins-Liedern, weil der Zwack sie halt kann, auch Weihnachtslieder, sogar schon die Tannenbaum-Version mit dem Opa im Kofferraum. Gestern, nach SchneeflöckchenWeißröckchen mit weißen Jongliertüchern im Kreise anderer Kinder und Mütter (nein, das war alles nicht meine Idee!), knallte der Zwack vor lauter Begeisterung gegen den Glasschrank. Mit Karacho. Jetzt kann man entweder fragen, wer zum Teufel stellt eigentlich Glasschränke in einen Raum, in dem regelmäßig Kinder rumlaufen? Oder man kann fragen: wieso scheint sonst nie ein Kind mit Karacho gegen den Glasschrank zu krachen, der Zwack aber schon? Den Abend jedenfalls verbrachten wir mit Geheul, vor allem einem frommen Wunsch des Zwacks: „Möchte eine Beule haben!“ Ich habe das nicht genau verstanden. So oder so – wir bewegen uns auf die Notaufnahme zu und genießen weiterhin den besonders beschaulichen Advent. Mehr davon, wenn ich den Strizzi aus dem Adventskranz befreit habe.

Es ist so. Während wir in das letzte Jahr rutschten, saßen wir auf einer Dachterrasse in Ségou, unten wurde geböllert, oben wurde geguckt, irgendwann gingen wir früh ins Bett, es war warm. Dieses Jahr stehen wir in Haidhausen, gegenüber wird geböllert, drüben wird getrunken, irgendwann errate ich, dass ich Bugs Bunny bin, es regnet.

In Bamako atme ich zuerst diese Luft, diese fette, rauchige Luft. Wäre man nicht zum Arbeiten hier, röche es nach Frühling, Urlaub. Enge, Lachen, Chaos, Erinnerungen – mir dämmert, was ich in acht Wochen vermissen werde. Bonne heureuse année, Madame, ça va, taxi?

Unser Haus liegt seltsam im Dunkeln. Ca va, bonne heureuse année und die Alten und die Familie und Deutschland und die Gesundheit, es sei lange her, die Reise, die Gesundheit? Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und ja, das neue Jahr und das Fest und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Während wir unser Vokabular um „Rakete“ erweitern, finden wir heraus, dass „kein Strom“ heißt, es habe gebrannt. Das Dach habe gebrannt, die Nachbarn und die Feuerwehr seien gekommen, jetzt hätten wir keinen Strom. Die Feuerwehr, bemerkenswert. Sie – wie auch die Polizei – kommt erst dann, wenn man ihnen das Benzin dafür zahlt. Diese Verhandlungen können dauern. Überhaupt, Feuerwehr: haben sie unser Dach mit unserem Gartenschlauch gelöscht? Alle Achtung. Ich erinnere mich nur entfernt an so etwas wie Wasserdruck.

Innen sieht man nichts, einerseits ist es dunkel, andererseits hat das Feuer nicht durchgeschlagen und die Stromkabel hingen schon vorher recht belanglos von der Decke. In weihnachtlicher Teelichtatmosphäre wird uns wieder klar, dass Alltag hier immer ein bisschen anstrengender war, das neue Jahr mit dem Elektriker beginnen wird, unsere mitgebrachten Käse- und Schokoladenvorräte bei 30 Grad schneller zu essen sind. Sofort.

Am nächsten Tag beginnen die Verschwörungstheorien. Wieso die Nachbarn so schnell da gewesen seien, ob es wohl ihr Querschläger war, der das Vordach schmolz, bevor sich die Strohauflage entzündete? Egal. Aber! Als man die Kinder das letzte Mal sah, bereiteten sie das Sankt Martins-Feuer vor, das sich in den Mangobaum schlug, während den Freunden mitgeteilt wurde, man sei bei diesem „German thing with the fire“. Auch egal. Sie haben unser Haus gelöscht. Quelle chance, freut sich Oumar, es hätte auch ganz abfackeln können! Wahrscheinlich hat er Recht. Und kein Strom ist ja auch eine alte Bekannte.

Frohes Neues und willkommen daheim. Ab morgen kühlen wir unseren Käse im Bürokühlschrank.