Es ist so. Leute fragen, wieso ich in letzter Zeit so wenig schriebe. Zum Beispiel in der Zeit, in der ich nicht arbeitete. Ich musste kürzlich daran denken, als ich eine Mutter in einem Café sitzen sah. Sie saß da und schrieb in ein Buch, sah ab und zu sinnierend auf, nippte an ihrer großen Schale Milchkaffee und schrieb weiter. Neben ihr saß ihr Kind. Malend. Mit Glitzerstiften in ein Buch, sah nie auf. Malte.

Mein hehres Ansinnen in diesem Café war: ein Espresso. Ich hielt das für realistisch. Noch bevor ich das Wort „Espresso“ aussprechen konnte – von „bitte“ ganz zu schweigen – war Strizzi zum ersten Mal von oben bis unten nass. Tropfnass. Mit dem Laufrad in den Brunnen gekippt. Zwack stand daneben und juchzte. Innerhalb dieses Espressos – „Ich möchte gerne gleich zahlen“ – konnte ich ihn noch weitere zwei Mal umziehen und ihn ebenfalls zweimal davon abhalten, mit seinem Laufrad über eine Treppe nach unten aus dem Park zu fahren. Beim Zwack bin ich schon froh, wenn ich analog zu seiner Geschwindigkeit rufen kann.

Solche Dinge mache ich in meiner Freizeit. Kinder aus Brennesseln pflücken. Schienbeinweise blaue Flecken und Schürfwunden wegtrösten. Hosen kaufen. Und, ganz wichtig: den beiden auf keinen Fall Glitzerstifte in die Hand drücken. Dem Strizzi nicht, weil er sie aufisst, dem Zwack nicht, weil er weitermalt. Das Bücherregal an der Wand fortsetzt, beispielsweise. Wir hatten einmal einen Edding im Wohnzimmer liegen gelassen und uns morgens über das ruhige SPIELEN des Zwacks gefreut. Fragen Sie nicht.
Überhaupt Spielen. Spielen ist ein Haufen. Ein Haufen Kinder. Ein Haufen aus Dutzenden Armen und Beinen und Schreien und wenn man sie entwirrt, sind es doch nur wieder die beiden unter irgendwelchen Kissen, Decken, Möbeln. Zu zweit eine Bande. Das klingt jetzt verboten stereotyp, ebenso die Stock- und Steinesammlung auf dem Balkon, Jungs, die wild sind blablabla und Mädchen, die Bibi Blocksberg blablabla. Das ist mir alles egal.

(Zumal: aus dem Haufen an Armen und Beinen hörte ich vor Kurzem ein „Hex! Hex!“ und dann ein „Enemene Hex! Hex! Du weg!“ Das hatte der Zwack von einer Kita-Freundin, die eine große Schwester hat. Es dauerte nicht lange, bis Strizzi mit ausgestrecktem Zeigefinger durch die Gegend lief, laut „Hes! Hes! Wed!“ rufend. Daraus ergab sich die nächste Verfolgungsjagd, an deren Ende lautes Gebrüll stand, weil der Zwack sein Laufrad weggehext hatte. Oder das Müllauto. Oder.)

Jedenfalls, ich schreibe gerade nicht. Aus Gründen. Nicht, weil hier nichts los wäre. Und jetzt gehe ich in das Café, um meinen Espresso vom letzten Mal weiterzutrinken.

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Es ist so. Es heißt, das erste Kind könne sich kaum retten vor den ganzen Kursen, in die es im Säuglingsalter geschleppt würde, das zweite könne nur noch besuchen, was gemeinsam mit dem älteren Geschwister möglich ist und das dritte Kind dürfe mit zum Einkaufen.

Der Zwack darf nichtmal mit zum Einkaufen, das mache ich, wenn er nicht da ist. Wobei – einmal hatte ich ihn mit zur Rückbildung, da rollte er durch den Raum auf andere Kinder zu, deren Mütter mich ängstlich ansahen, während er fröhlich quiekend mit einer Hantel fuchtelte.

An den ersten verregneten Herbstnachmittagen also überlege ich, ob ich mir mit dem Zwack für das Winterhalbjahr etwas vornehmen solle. Damit man rauskommt. Etwas unternimmt. Regelmäßig. Trotz Wetter. Ich surfe mich durch die Angebote. Es gibt nur noch Angebote. Statt klassischem Eltern-Kind-Turnen gibt es nun Bewegungsangebote. Spielangebote. Kursangebote. Gruppenangebote. Sinnliche Wahrnehmungsangebote. Kreative Phantasieangebote. (Wie bitte?) Es gibt goldene Morgenstunden, indische Babymassagen, Musikpavillons, Schatzkisten und kreativen Kinderausdruckstanz. Am Lustigsten finde ich die Zehnerkarte für das Angebot geschwisterähnlicher Konstellationen in der Spielekiste. Wo leben wir denn. (Verstehen Sie mich nicht falsch – es ist mir völlig egal, wer aus welchen Gründen wie viele Kinder bekommt oder nicht. Ich finde es nur verstörend, was man so kaufen kann.)

Der Zwack begreift die ganze Wohnung als Angebot – ein externes Angebot, das mir meine Küche wiederbringt, finde ich nicht.
Ich entscheide mich schließlich für Kleinkindschwimmen. Städtisch. Ohne Chichi. Keinerlei Angebot. Keine Situation. Dabei hasse ich Schwimmlogistik, wenn ich für mehr als für mich denken muss. Aber wir haben nunmal nur eine Badewanne und keinen Pool zu Hause, deswegen erscheinen mir Hallenbad und Planschen irgendwie gut.
Als wir das erste Mal im Bad ankommen, ist es hallenbadheiß, die Umkleide voll quäkender Babyschwimmbabies. Der Zwack schaut mich verunsichert an. Als ich ihn umziehen möchte, schreit er verzweifelt „Hose! Hose! Hose!“. Ich ziehe ihn trotzdem aus und um und schleppe ihn zum Becken. Er krallt sich fest. Statt durchs Wasser zu strampeln, stellt er seine Füße auf meinem Bauch ab. Statt sich in einer Schwimmnudel rumtreiben zu lassen, schaut er vorwurfsvoll und ruft „Nune! Nune! Ah! Ah!“. Das soll in etwa zum Ausdruck bringen, dass er jetzt durchaus die eine oder andere Nudel würde essen wollen, was aber nicht das Geringste mit diesem roten Styropording zu tun hat, das ihn am Bauch stört. „Mamaaa! Nuneee!“
Es bessert sich erst, als er einen Waschlappen werfen soll. Leidenschaftlich platscht er ihn durchs Wasser – und auf andere Kinder – und ruft jedesmal begeistert aus, wo ihn die Wassertropfen erwischt haben: „Ohr! Ohr! Auge!* Auge! Backe! Ohr! Mama! Auge!“ Lucia schaut weniger begeistert, als ihr der Waschlappen ins Gesicht platscht. Ich hoffe, dass Lucias Vater das als Zusatzangebot geschwisterähnlicher Konstellation verbucht.

Das bringt mich auf eine Idee. Für den nächsten Herbst überlege ich, Zehnerkarten auf den Markt zu bringen. Ich setze mich mit dem Zwack und verschiedenen Wurfgeschossen in einen Raum, wahrscheinlich unsere Küche, lasse die Kindlein zu mir kommen und den Zwack Geschwisterähnliches inszenieren. Immer donnerstags. Damit man im Winter was unternimmt. Na, wäre das ein Angebot?

*zum besseren Verständnis bereinigt. Im Original: „Aku!“

Es ist so. Leider habe ich versäumt, Sie in Sachen Fernseherkauf auf dem Laufenden zu halten. Ich dachte, das sei schwierig. Aber nun schlimmer: wir brauchen einen Rucksack.

Von vorne: Mein Rucksack hat ein Loch – genauer: der Boden löst sich ab. Das ist unpraktisch – man verliert Thermoskannen im Schnee und das Shampoo in der U-Bahn. Schade, ich mag meinen Rucksack. Im Schnee, im Fels, auf dem Berg, einfach so im Zug fürs Wochenende. Oder zum Einkaufen. Ich weiß gar nicht, ob das erlaubt ist: mit einem Rucksack, der nicht explizit als Einkaufsrucksack ausgewiesen ist, einkaufen zu gehen. Einmal wurde ich beim Klettern darauf angesprochen, dass ich mit einem Skitourenrucksack unterwegs sei. Was soll ich sagen: ich kletterte deshalb nicht schlechter. Auch nicht besser. Dass mein Rucksack nicht klettern konnte, fiel nicht sonderlich ins Gewicht. (Stellen Sie sich vor, sie haben einen kletternden Rucksack und unterfordern ihn ständig. Wer weiß, welch übermütige Sachen ihm aus lauter Langeweile einfielen! Ein ganz neues Kapitel alpiner Gefahren!)

Wir sind also auf der Suche nach einem neuen. Und hier liegt das Problem. Wir wollen einen Rucksack. EINEN.

Unbedarft stehen wir in einem Fachgeschäft. In einem unbedachten Moment können wir nicht verhindern, beraten zu werden. Manchmal wünscht man sich in die viel zitierte Servicewüste.
Wozu er denn sein solle, der Rucksack. Mei, ein Rucksack halt. Hm. Der Verkäufer wird präziser: Skitouren? Klettern? Wandern? Hochtouren? Über 3000 Meter? Mehrtagestouren? Steigeisen? Klettersteige? Freizeitdaypack? Wir nicken. Äh – aha. Und ob wir beide einen Rucksack wollten? Ja, beide. Einen. Nur einen.

Der Verkäufer wird blass. Schließlich seien die Anforderungen der verschiedenen Sportarten blabla und die weibliche Ergonomie blablabla. Nicht zu vergessen, die Jahreszeiten bla. Seitentaschen, unterbricht Tim ihn. Er hätte gerne Seitentaschen. Und was, was am Rücken nicht schwitze.

Mit welchem Trinksystem wir unterwegs seien, möchte der Herr wissen. Adelholzener, meint Tim. Manchmal auch Rhönsprudel. Ob ihm das etwas sage? Rhönsprudel? Allerdings nur beim Trekking. Auf Skitour immer Adelholzener oder eben die Thermoskanne. Je nach Lawinenwarnstufe. Aber natürlich nie über 2739 Metern.
Der Verkäufer nickt, wirft sich zwischen die Rucksäcke und stellt Zwischenfragen: Swing Arm Schulterträger? Contact Fit? Air Stream Schaumpolsterung oder lieber Backdraft? Unsere Rückenlängen? Comfort Clip? HDPE Framesheet? Am Ende hält er erschöpft und triumphierend drei Modelle in der Hand.

Der eine passt mir, der andere Tim und der dritte macht einen recht ordentlichen Eindruck. Ob er den mal testen könne, fragt Tim. Im Windkanal. Oder auf der Kanustrecke im Keller. Oder ob er das gar nicht könne, der Rucksack, Wasser. Neinnein, also von der Wassersäule her… Tim nickt. Jaja, apropos: Wassersäule. Ob der Rucksack tropentauglich sei. Und über Anti-Malaria-Imprägnierung verfüge.

Der Herr schüttelt den Kopf. Er sieht müde aus. Tim zuckt entschuldigend die Schultern. Wir kaufen Tape und kleben den Boden wieder an meinen alten Rucksack. Da weiß man, was man hat.