Es ist so. Quality Time. Haben Sie bestimmt schon gehört, es geistert irgendwo zwischen Vereinbarkeit und Helikoptern durch die Feuilletons und über die Spielplätze. Spielplätze – ein Hort der Quality Time. Quality Time, so die These: nicht die Menge der Zeit ist entscheidend, die man mit den eigenen Kindern verbringt, sondern die Intensität, die Qualität also. Quality, verstehn S‘.

Jetzt ist die Frage von Qualität ja auch immer eine Frage der Möglichkeit, Window of Opportunity for Quality, quasi. Also: wann kann denn diese Quality Time überhaupt stattfinden. Und ich fürchte, hier haben meine Kinder und ich unterschiedliche Auffassungen. Strizzi läutet derzeit das Window of Opportunity for Quality morgens um fünf ein. „MAAAAMAAAA! MAAAAAAAAAAAAMAAAAAAAAAAAAAA!“ tönt es aus dem Kinderzimmer. Wenn der Zwack nicht auch wach werden soll, tue ich gut daran, zu Strizzi ins Bett zu kriechen. „Ich mag Frühstück!“ Ja, eigentlich sprechen unsere Kinder mit „bitte“ und „danke“. Aber morgens um fünf ein „Wie heißt das?“ erzieherisch zu entgegnen, bringt mir nix. Außer einem hörbar verständnislos dreinschauenden Strizzi, der auf „Wie heißt das?“ lauthals und schlecht gelaunt „FRÜHSTÜCK! Oh Mann! FRÜÜÜHSTÜÜÜCK!“ antwortet.
Beim Abendessen finde ich sowas lustig. Morgens weniger. Aber weil ich bisher versäumt habe, ihm sein Frühstück so vorzuportionieren, dass er es selbst zusammenschütten kann, mache ich also Frühstück. Mit gestreiftem Löffel, eh klar. Außerdem sitzt er eh nicht gern alleine am Frühstückstisch. Sondern unterhält sich mehr oder weniger gut gelaunt. Quality Time. Wenigstens quatscht er weniger als der Zwack, der morgens gerne mal erörtert, ob man ein Feuer jetzt auspieseln kann oder nicht und wenn ja, wie. Und ob es auf dem Mars U-Boote gibt. Wenn Strizzi sich lustig unterhalten will, rülpst er erstmal kichernd. Oder weist mich darauf hin, dass draußen eine Pupsmöhre vorbeiflöge. Hihihihihi.

Egal. Sie fragen sich, wieso ich mich nicht einfach wieder ins Bett lege, spätestens, wenn der Zwack auch Frühstück hat. Habe ich versucht. Es ist aber nicht erholsam. Alle 10 Minuten brüllt es von irgendwoher oder einer kommt „ICH SAAAGS!“ angesockt. Dann lieber aufstehen. Vorlesen. LEGO bauen. U-Boote und Pupsmöhren auf dem Mars erörtern. Quality halt.
Gestern wachte Strizzi schon um viertel nach vier auf, wollte zwingend aufstehen, frühstücken und auf seine Gäste warten. Kindergeburtstagsfeier. Um sechs waren die Gäste noch immer nicht da. Meine Qualität bestand darin, Strizzi ab und zu mit einem Saftbärchen ruhig zu stellen, damit er nicht seinen Geburtstagskuchen EBEN JETZT! ALLEINE!! AUF!!!aß.

Ob natürlich eine morgenmuffelige, müde Mama überhaupt als Quality zählt oder aber Saftbärchen, weiß ich nicht. Zeit genug jedenfalls haben wir morgens und ich habe mir angewöhnt, mit den Kindern aufzustehen. Einmal haben wir morgens sogar was gebastelt. Es muss ja nicht immer Nachmittag sein.

Abends haben wir weniger Zeit. Mindestens einmal in der Woche schläft mindestens Zwack beim Abendessen ein. Will heißen, er mümmelt im Schlaf sein Käsebrot. Wir haben einen Film, in dem ich die schlafenden Kinder abwechselnd von ihren Broten abbeißen lasse. Der Film hat auch Qualität, anders. Auf dem Film sieht man übrigens auch Otto, die ausgeschlafen auf meinem Schoß sitzt und jedesmal juchzt, wenn Strizzi seinen Kopf zurückhält, kurz, bevor er in seinen Teller knallt.
Ich weiß jetzt auch nicht genau. Am Besten gehe ich jetzt schlafen. Ohne Schluss, ohne Moral, ohne Qualität, ohne nix. Wenn Sie morgens mal was basteln wollen, kommen Sie gern vorbei.

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Es ist so. Ich bin in der Küche meiner Eltern und putze. Spüle alle Teller und Tassen des Kaffeetrinkens penibel vor, decke fein säuberlich die Kuchenreste ab, wische ein drittes Mal über die ohnehin sauberen Arbeitsflächen, stelle das Brot vorsichtshalber in den Kühlschrank, auch den Zucker. Als ich um die Steckdose wische, fragt meine Mutter, was ich da tue, ich antworte nur, Dass sie das letzte Mal von da gekommen seien. Aus der Steckdose. Immer kämen sie aus der Steckdose.

Ich spüle Spüllappen, Schwamm und Spülbürste dreifach aus, werfe den Holzkochlöffel vorsorglich weg. Holzkochlöffel kriegt man nie richtig sauber, da finden sie immer was.
Ich fülle einen Teller mit Wasser, um die Katzenfutterschüssel hineinzustellen, noch wandern keine Futterstückchen über die Fliesen, aber ich weiß, dass es soweit kommen wird, noch heute Nacht. Glitzer, was tust Du! höre ich meine Mutter. Die Ameisen, die Ameisen, die Ameisen rufe ich, bis Tim mich in die Seite stößt, ich solle ruhig sein.

Ameisen, sie sind überall, jetzt nagen sie sogar an meinen Träumen. Faszinierende Biester. Samstagnacht erkunden sie den Lagerplatz des Sonntagsfrühstücks, der in der Folge aussieht wie eine Plünderung in Tottenham: Dutzende strömen hinein, andere Dutzende strömen mit einem unpassenden Luxusfrühstücksbrösel unterm Arm wieder raus. Manche bleiben gleich im Brot wohnen (oder wohnten bereits in der Bäckerei dort), Katzenfutterstückchen wandern auf magische Weise durchs Zimmer, schwarze Stränge tropfen aus der Steckdose und nehmen direkten Kurs durchs Haus auf die Küche. Zuckerdosen sind ein leichtes, Limoncellotropfen ein Fest, Holzlöffel das Paradies, Seife ein überraschender Hochgenuss.

Mit der Überzeugung, dass ein Ameisenbär her muss, schlafe ich wieder ein, aber eine Idee reißt mich sofort aus dem Schlummerzustand: nein, kein Ameisenbär, viel besser: ein Zwergameisenbär! Gonzo, der Zwergameisenbär. Zwergameisenbären wiegen höchstens ein Pfund und haben, da Baumbewohner, einen Greifschwanz.

Ich stelle mir vor, Gonzo, den Zwergameisenbär zu dressieren, um ihn als Tischstaubsauger einzusetzen. Gonzo, der Tischameisenbär. Sonntagmorgen würde ich ihn ins Brotversteck halten, er würde alle Ameisen absaugen, ich hielte ihn an Holzkochlöffel und Spülschwamm, schließlich an die Seife. Dann würde er sich eine Zeitlang erholen müssen und schnarchend Seifenblasen aus seinem Rüssel kringeln. Dann hielte ich ihn in die Steckdose.
Gonzo und ich wären gute Freunde, manchmal kraulte ich ihm seinen Bauch. Nach dem Mittagessen dürfte er ein bisschen draußen rüsseln. In der Zwischenzeit würde ich das Brot vielleicht aufgrund des Tischameisenbärenspeichels trotzdem entsorgen, wäre aber viel versöhnter. Im Standby-Betrieb würde er irgendwann die Ameisen schon absaugen, bevor sie das Brotversteck erklommen hätten.

Dann würde ich ihm eine Gonzine beschaffen und Tischameisenbären züchten. Stubenrein, verlässlich, dauerhungrig, mit Garantie. Sie sind interessiert? Vorbestellungen nehme ich gerne entgegen.