Fetzen I

„Weißt Du, Mama, Salif und ich sind Pirat.“
Strizzi (unqualifiziert von der Seite – „unqualifiziert“ merkt man an Zwacks augenrollender Antwort): „Was piraten Piraten?“
„Die können mit ihren Schwertern alles zerstören!“
„Was zerstören die?“
„Nichts.“
„Ist der Bertl auch ein Pirat?“
„Nein, der ist ein Ritter.“
„Und wieso bist Du ein Pirat und kein Ritter?“
„Weil Ritters zerstören den ganzen Tag nur Roboters und das mag ich nicht.“

 

Fetzen II

„Weißt Du, Mama, was ist Barbie?“
„Wer hat Dir von  Barbie erzählt?“
„Keiner.““Barbie ist eine Puppe, ungefähr so groß. Mit der kann man spielen, die kann man anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, anziehen, ausziehen, umziehen, bürsten.“
„Mama – Warum gibt es Barbie?“

 

Fetzen III

„Weißt Du, Mama, Strizzi und ich sind Piraten mit einem geheimen Schatz und jetzt spielen wir FußballSterndesSüdens und dann dürfen die Baby-Igel alle in meinem Bett übernachten!“

 

 

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Der erste Weiße, der je einen Fuß nach Timbuktu gesetzt habe, erzählt Moussa, sei ein Deutscher gewesen. Sein Haus stehe noch.

Die ersten, die die Unabhängigkeit dieses Landes anerkannt hätten, seien die Deutschen gewesen, vor über fünfzig Jahren.

Dann habe sein Vater angefangen, für die Deutschen zu arbeiten. Straßenbau. Sein Onkel habe bei den Deutschen als Wächter gearbeitet und er, er fahre nun seit zwanzig Jahren für die Deutschen, spreche nur leider zu wenig Deutsch.

Die Deutschen seien gute Arbeitgeber, ja, tatsächlich, sie zahlten anständig, kein Scherz, Madame, behandelten die Menschen respektvoll und man könne sich auf das Wort eines Deutschen verlassen, wo gebe es dann schon noch.

In der Politik, da sei es genauso, was die Deutschen sagten, das habe Hand und Fuß, da solle sich Frankreich mal eine Scheibe abschneiden, immer erst die ganze Welt provozieren und sich dann verziehen. Man müsse sich nur die Deutsche Botschaft hier ansehen, so freundlich, so offen und dann die der Franzosen! Ein Fort! Sie hätten Angst.

Deutsche müssten nirgendwo auf der Welt Angst haben. Sie könnten sich überall auf der Welt frei bewegen und würden von allen geliebt. Immer nur von allen geliebt. Er arbeite gerne für die Deutschen.

Vom deutschen Fußball ganz zu schweigen! Voller! Beckenbauer! Schweinsteiger!

Doch, die Deutschen seien gute Menschen.

Nur eine Frage habe er. Manchmal, da salutiere man hier den Autos mit den deutschen Aufklebern ganz anders als man sonst militärisch salutiere. Ob das typisch deutsch sei.

Kurz darauf ein Gespräch mit einem Kollegen. Über den Stolz auf die Bundesrepublik. Die alte Bundesrepublik, früher, die Bundesrepublik, die Leuten ermöglicht habe, auf dem zweiten Bildungsweg zu studieren und die – ach. Früher. Ob ich mich jetzt schon beworben habe, bei denen, die aus dem Stolz auf die alte Bundesrepublik heraus nun politische Bildungsarbeit leisteten. Wir trinken noch ein bisschen Bier und denken an Berlin.

Monate später sitze ich in einer unwirtlichen Umgebung, Disziplin und Fleiß, möchte seit drei Tagen eigentlich nur nach Hause. Neben mir ein kratziger Kollege, auf der anderen Seite der Geschäftshaber der Botschaft. Hinter mir an der Wand steht, ich sei für West- und Zentralafrika plus Madagaskar zuständig. Madagaskar… irgendwann würde ich da tatsächlich gerne hin. Während ich überlege, wo ich sonst noch so hinmöchte, am Besten JETZT, erklingt die deutsche Hymne. Und diesmal – ich bin selbst überrascht – wird auch mir ganz weihnachtlich dabei. Bald ist wieder 03. Oktober, wie seltsam. Wie anders.