Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

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Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Unser Haus liegt seltsam still. Ca va, et la journée, Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Diesmal heißt „kein Strom“, man habe ihn abgedreht. Jemand vom hiesigen Energieversorger sei gekommen und habe ihn abgedreht. Das Wasser ebenfalls. Auf der Avis de Coupure steht, wir seien im Zahlungsverzug.

Man erklärt uns, es gebe Ausstände aus Mai, die man seit November auf der Rechnung vermerke. Die Novemberrechnung darüber hinaus sei auch nicht gezahlt. Und ja, auf der bereits beglichenen Dezemberrechnung habe man die Ausstände auch vermerkt.
(Eine Rechnung begleichen geht so: man nimmt die Rechnung, fährt zur Zahlstelle des Energieversorgers und zahlt.) Nein, bei Begleichung der Rechnung von Dezember habe man nicht auf die Ausstände hingewiesen, sie seien ja vermerkt. Ein Teil Mai plus November, das gebe zwei Monate Ausstand, voilà, die Coupure und heute sei die Kasse leider schon geschlossen. Morgen vielleicht.

Wir schöpfen einen Eimer Wasser aus dem Pool für die Klospülung, kramen Stirnlampen und Kerzen hervor. Später sind wir ohnehin verabredet und verbringen den Abend bei Wein, Film und Pizza.

Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass die Novemberrechnung nicht gezahlt wurde. Wir haben sie nicht erhalten. Ha, Postrechnung nicht bezahlt! ruft meine Schwester. Das Lustige ist, dass es gar keine Post gibt, der Energieversorger also normalerweise die Rechnungen selbst austragen lässt. Meistens kommen sie an. Nur Mahnungswesen gibt es keines.

Am nächsten Morgen fahren wir an die Kasse und zahlen. Einen Mairest und den November. Leider, es sei schon neun Uhr, es sei nicht sicher, ob derjenige, der dafür zuständig ist, die Hähne wieder aufzudrehen, heute noch vorbeikommen könne. Es sei Freitag und da arbeite man nachmittags nicht. Vorsichtshalber duschen wir im Büro.

Außerdem vorsichtshalber gehen wir nach Feierabend erstmal in die Kneipe ums Eck, schmieden Wochenendpläne. Orte, mit Duschen. Und Essen. Gleichzeitig läuft im Radio einer der wenigen Berichte über die Kämpfe im Norden. Bürgerkrieg, könnte man sagen. Und irgendwie scheinen Wasser und Strom beim nächsten Bier tatsächlich kein allzu großes Problem zu sein.

Dieser Text ist Teil der Adventskalenderaktion „Abwarten und Türchen öffnen“ auf jetzt.de

*

Vorspeise: Christbaumkugelcarpaccio im Lamettanest.

Kugelscherben vom letzten Jahr
Mit Zimt und Anis würzen
Schnell schockgefrieren das Tartar
Und dann die Masse stürzen.

In Scheiben schneiden, hauchdünnzart
Sodann noch einmal kühlen
Die bunten Scherben je nach Art
Werd‘n hart, das kann man fühlen.

Glitzercarpaccio dann serviern
Im Lamettanest. Ob blau,
Ob rot oder Silberschlieren
Egal – alles eh nur Schau.

*

(Zwischengänge nach Belieben
weihnachtsfroh dazwischenschieben.)

*

Hauptgang: Rentiersternchen an Rentierschaum auf Glühweinspiegel. Gerne mit Christkindllocken als Beilage zu reichen.

Fürn Rentierschaum dem Rentier klaun
Des Nachts die rote Nase
Mit Kunstschnee, Sternstaub hart verhaun
Schick anrichten als Vase.

Den Rest vom Viech sodann mit Kraft
durch den Fleischwolf würgpressen
Mit Ei, Zimt, Lebkuchensaft:
Sterne geformt. Nicht essen!

Anbraten, kross. Im nächsten Schritt
In die Vase dekoriern.
Alt Räuchermännchenhack als Kitt
Grosszügig dazwischenschmiern.

Den Glühweinspiegel messen Sie
Am einfachsten im Blute
Sehn Sie noch klar, dann gönnen Sie
Sich noch drei Gläschen, gute!

*

(Lichterketten nicht vergessen –
Essentiell fürs Weihnachtsessen!)

*

Nachspeise: der Wunschzettel.

Man nehm die Wünsche die man hat
Zwei Handvoll, drei, gar mehr
Rühre sie mit LastChristmas glatt
Schütte Mistel hinterher.

Nach einer Stunde Ruhezeit
Den Teig beflissen fröbeln
Das geht am besten auch zu zweit
(Dann hamse wen zum Pöbeln.)

Ziehen lassen gut vier Wochen
Und später untern Baume
Frisch und frohgemut gekrochen.
Obs geklappt hat, mit dem Traume?

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Mein Kollege hat gekündigt. Wahrscheinlich hatte er Recht. Er war zuständig für die Administration der Projekte, die ich hier unter diverse Banderolen zaubere. Nun arbeitet er für einen katholischen belgischen Kinderschutzbund.

La Directrice, die eigentlich nicht mehr La Directrice ist, weil in NeueFirma jemand anderes La Directrice wurde, war zu dem Zeitpunkt der Kündigung nicht zugegen, deshalb kam mein Kollege einfach irgendwann nicht mehr ins Büro und alle sind der Meinung, Frau Skypeverbot würde ihn nun ersetzen. Frau Skypeverbot sieht das anders. Immerhin aber, das rechne ich ihr hoch an, hat sie es mit ihrem unvergleichlichen Charme geschafft, ihn zu einer Übergabe zu bewegen. Seither rauft sie sich die Haare und klingelt regelmäßig bei mir im Erdgeschoss an.

Meist, um mir mitzuteilen, dass sie ihn gerne noch im Nachhinein auf den Mond schösse oder dass man meine Abteilung samt meiner Projekte nie hätte zulassen dürfen. Und Geld für meine Projekte habe sie im Übrigen auch keines und Schecks unterschreibe sie ebenfalls keine mehr.

Das ist schlimm, weil ich richtig viel Geld ausgeben muss. Andererseits ist es nicht so schlimm, weil unser Scheckheft zu Ende ist. Alle. Finito. Hat in der ganzen Aufregung wohl keiner gemerkt und deswegen hat niemand ein neues beantragt. Das wiederum ist dann so schlimm auch wieder nicht, weil wir derzeit ohnehin kein Geld mehr auf dem Konto haben, über das wir Schecks ausstellen könnten. Auch meine letzten beiden Gehälter fallen dieser Tragik bisher zum Opfer.

Ich plane sie großzügig in die die Übersicht der Gelder, die ich bis Ende des Jahres noch auszugeben gedenke. Nicht, dass diese Übersicht mein Job wäre, aber diejenigen, die außer mir nicht zuständig sind, sind nicht zugegen, haben gekündigt, sind in Überstundenabbau oder Homeoffice. (Nichts gegen Homeoffice, nur etwas gegen Homeoffice à la „Da kann ich nicht telefonieren oder antworten, da hab ich Homeoffice!“)
Ich beuge mich also dem rein physischen Nachteil meiner Anwesenheit und erstelle die übersicht für eine Abteilung in der Zentrale. Diese Abteilung existiert aufgrund der endgültigen Umstrukturierung von NeueFirma nicht mehr. Aber Dienst ist Dienst und Verfahren ist bei Frau Skypeverbot Verfahren.

Für nächste Woche nehme ich mir zwei Tage frei. Tsss, macht Frau Skypeverbot, wenn sie alle Tage freinähme, die ihr noch zustünden, dann wäre sie sofort für den Rest des Jahres weg, ob ich die neue Generation sei, tsss. Ich erwidere, dass kein Überstundenabbau UND kein Gehalt eine selten motivierende Konstellation seien.

Ah, ich solle mich nicht so anstellen, ich könne ja wohl nicht einfach zu Hause bleiben, nur weil ich Überstunden habe, wenn ich nicht arbeiten wolle, solle ich kündigen. Es sei ja wohl normal, wenn man mal ein Gehalt ein bisschen später kriege. Oder eben zwei. Das sei jetzt in, Insolvenz, ob ich keine Nachrichten lese.
Meine Entgegnung, dass gerade Griechenland noch viele Gehälter zahle, nimmt sie grinsend entgegen. Meinen Hinweis allerdings, dass ihre Abteilung sich im hiesigen Kontext eigentlich aus der Organisationsberatung zurückziehen müsse, schließlich zahle man auch hier regelmäßig die Gehälter, prallt an der zugeworfenen Tür ab.

Ich gehe nach Hause und falte Kraniche für die Geduld. Aus meinem privaten Scheckheft.

Es ist so. Neue Firma ist vor geraumer Zeit umgezogen. Mein Büro im Erdgeschoss befindet sich neben der Rezeption. Mittlerweile kenne ich alle Klingeltöne aller Leute und weiß immer, wer gerade im Haus ist. Ich mag das. Einst hatte ich ein Büro neben der Kaffeeküche. Noch praktischer, weil man dann weiß, wer im Haus ist UND worüber getratscht wird.

Vor Kurzem findet sich vor meinem Büro eine laute Menschentraube. Ein Bild wird aufgehängt. Die Traube diskutiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Vraiment, ein veritabler Diskussionsgegenstand, etwas von pertinenter Arbetitsurgence murmelnd verziehe ich mich, höre aber trotzdem, wie die elfköpfige Traube das Bild an der Wand heraufherunterlinksrechtseinbisschenSTOOOP! kommandiert.

Ein Bild, mögen Sie lachen, ausmessen, bohren, dübeln, hängen.

Beim Ausmessen fängt es an. Jenseits des Einflusses des DIN wird es schwierig. Wozu genau soll das rechteckige Bild nun parallel hängen? Einbisschenmehrlinksja!ja!ja!STOOOP!
Und in welcher Höhe? RunterrunterrunterEinbisschennochNein!Zuviel!Hoch!Ja!STOOOOP!
Parallel zum Oberlicht (aus in sich schiefen Glasbausteinen. Glasbausteine!)? LinkslinkslinkslinkslinksSTOOOP!
Zum Türdurchbruch? RechtsrunterJa!STOOOP!
Zum Wandschrank? GeradegeradegeradeGERADE!Herrgott!STOOOP!
Zum Rezeptionstisch? HöherhöherLinkLinks!ANDERESLINKS!STOOOP!
Und in welchem Winkel zur Wand soll dieser dann stehen? Oder einfach der allgemeinen Ästhetik entsprechend?

Ob wa denn – Halten!STOOOP!HALTEN! – keine Wasserwaage hätten, lästert Frau Skypeverbot, tatsächlich aber gibt es eine, deren Ergebnis jedoch gegen das Geradheitsempfinden der Anwesenden verstößt. Nach fünfzehn Minuten ziehen sich die ersten Kollegen rückwärts in mein Büro hinter den Schrank zurück, Augen verdrehend mir bedeutend, ich dürfe sie nicht verraten.

Nach fünfundzwanzig Minuten die Einigung, das Bild sei vielleicht an anderer Stelle im Haus besser aufgehoben. Nach einer Stunde Ortsbegehung die Frage, ob man das Bild denn zurückgeben könne. Schließlich sei es blau. Nach drei weiteren Stunden gehe ich nach Hause.

Am nächsten Morgen hängt das Bild hinter dem Rezeptionstisch. Einfach so. Er habe es jetzt aufgehängt, sagt Mathieu. Sehr gut, erwidere ich, sehr mutig. Zwei Wochen hängt es vor sich hin und stört niemanden.

Dann kommt La Directrice aus dem Urlaub zurück. Was hier passiert sei!, dieses Bild!, so blau, so kalt!, ob es vielleicht sogar schief!!! hänge, wer das bestellt habe, also bitte! und überhaupt, sie könne nicht jeden Morgen von so einem blauen Bild empfangen werden, da kriege sie ja sofort, sofort!, Kopfweh. Und wie es den Katzen ginge.

Entschwebend, trommelt sie die Traube zusammen, versammelt sie vor dem Bild, dem Kopfweh und dem Blau, wer dafür verantwortlich sei, außerdem sei es schief.
Nach fünfzehn Minuten die Einigung, das Bild müsse weg. La Directrice ordert die Traube in die Bar nebenan, zeigt auf die dortigen Bilder. So müsse das aussehen, in dieser Bar bekäme man nie Kopfweh, höchstens am nächsten Tag, aber das liege nicht an den Bildern. Sie würde sich nun persönlich darum kümmern.

Dann geht sie die Katzen füttern.

Es ist so. Form sei der höchste Inhalt, vermittelte uns unsere Deutschlehrerin. Damals ging es um Lyrik. Dieser Satz hilft mir oft weiter und vielleicht verstehen Sie nun, wieso die Ouverture und die Clôture einer Veranstaltung viel wichtiger sind als deren Inhalt. (Die Banderole lassen wir mal außen vor.) Nein, es ist Ihnen noch nicht klar? Gut, ich teile gerne Anschaulichkeiten, nehmen wir das Beispiel einer einfachen Ouverture, ohne Minister, ohne allzu viel Aufhebens.

Heute erhalte ich die Einladung [URGENT!] zu einer Veranstaltung mit beigefügtem Programm, 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Ouverture 10.00 Uhr, Clôture 12.00 Uhr. Aus dem Einladungsschreiben geht hervor, dass ich NUR zu Ouverture und Clôture eingeladen bin, nicht zum Arbeiten zwischendrin.

Ein Blick aufs Programm verschafft Klarheit:
Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfzig: Installation der Teilnehmer.
Neun Uhr fünfzig bis neun Uhr achtundfünfzig: Installation der Päsidiumsmitglieder.
Dann folgen zwei Minuten voller Nichts (das Fernsehen verlegt die Kabel, Namensschilder werden vor die richtige Person gerutscht.)

Zehn Uhr: Ouverture. Der Zeremonienmeister, der unbedingt jemand anderes sein muss als der Einladende oder die Moderatoren, verliest das Programm. Das Programm der Ouverture, wohlgemerkt, denn die geht um zehn Uhr fünf erst so richtig los. Fünfzehn Minuten Ansprache des Generaldirektors für Öffentliche Aufträge, zehn Minuten Intervention des Geberchefs, fünfzehn Minuten Ansprache des Generalsekretärs der einladenden Initiative – es ist geschafft. Die Ouverture vorbei, zehn Uhr fünfundvierzig, es gibt Kaffee und der nicht arbeitende Teil der Anwesenden kann sich bequem zurückziehen. Danach, bis elf Uhr, Aufheben der Kaffeepause, elf Uhr, Fortsetzung (!) der Arbeit.

Für diese sind genau dreißig Minuten veranschlagt.

Um elf Uhr dreißig beginnt die Installation der Teilnehmer zur Clôture, anschließend, bis elf Uhr achtundfünfzig die der Präsidiumsmitglieder, um elf Uhr neunundfünfzig, offizieller Beginn der Clôture, zwölf Uhr Präsentation des Programmes (genau, der Clôture) durch den Zeremonienmeister (der gleiche wie vorhin), fünf Minuten später jeweils fünf Minuten des Dankes der beiden Arbeitsgruppen, fünfzehn Minuten Schlussansprache des Generalsekretärs, Übergabe der Zertifikate, zwölf Uhr dreißig: Schluss.

Fast. Eingeladen bis vierzehn Uhr, also: Installation der Teilnehmer am Mittagstisch. Ohne große Worte.

Ich rechne kurz, dass ich bisher noch vor jeder Ouverture mindestens 30 Minuten auf das Fernsehen warten musste und beschließe, einfach im Büro Kaffee zu trinken und zu Hause zu Mittag zu essen, jegliche Form völlig ignorierend. Urgence, Pertinence hin oder her.

Es ist so. Ich komme also aus Italien wieder, das gar nicht Italien war und gehe irgendwann wieder ins Büro. Dort mache ich, was man macht, wenn man am ersten Tag nach längerer Abwesenheit im Büro ist. Computer, E-Mails. Das Postfach voll, das behaupten alle, die nach längerer Abwesenheit ihre E-Mails ansehen, schließlich ist man wichtig, allerdings nicht so neumodisch wichtig, dass man im Urlaub seine Mails checken müssen möchte. Wozu auch.

Ich zum Beispiel erhalte die unnütze Mail, dass am Mittwoch, 24. August 2011, die Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim schon ab 15.00 Uhr geschlossen sei. Man feiere wohlverdientes Sommerfest. In dringenden Fällen solle man sich an einen diensthabenden Arzt unter der Telefonnummer etc.pp wenden. Ab Donnerstag sei man wieder in gewohnter Weise für das Wohlbefinden aller da.

Sie wissen, ich sitze nicht in Budenheim, wie knapp 10.000 andere Angestellte von NeueFirma ebenfalls nicht. Wir sitzen weltweit. Doch diese Mail geht an alle. Solche Mails gehen immer an alle. Deshalb erhält man in der Folge die Antworten aller an alle.

Der Klassiker in NeueFirma ist die Forderung nach Übersetzung der Mail an alle. Vielleicht wegen des Inhaltes, vielmehr aber wohl, um zu zeigen, dass _die da oben in Deutschland_ _uns hier draußen_ immer vergessen und alle alle wichtigen Mails zwar an alle schicken, nicht aber für alle. Deshalb nun bitte eine Übersetzung ins Englische. Am besten an alle.

Aber nein, die spanischsprachige Welt dürfe nicht vernachlässigt werden, deshalb die vielfache Forderung, die Mail doch bitte auch ins Spanische zu übersetzen.

Inzwischen, Sie kennen das, schreiben mild gereizte, hoch internetkompetente Kollegen belehrende Mails an alle, dass man nicht mehr an alle antworten möge, weil sonst alle ein Postfachproblem wegen aller hätten.
Verzweifelt die Mail eines Kollegen, der liebenswürdigerweise, um dem allem ein Ende zu bereiten, eine englische Übersetzung des Sommerfestes an alle schickt, sogar mit Ländervorwahl des empfohlenen Arztes. Wo aber nun die französische Übersetzung bliebe, fragt eine Dame alle, woraufhin jemand alle warnt, dass es sich bei der besagten Mail vielleicht um einen Virus handeln könne, woraufhin alle hocherschrocken oder – im Falle der hoch internetkompetenten Kollegen – hoch beschwichtigend reagieren.

Es dauert circa zweihundertfünfzig Mails an alle, bis irgendwo in der Zentrale von NeueFirma ein Internetsklave das Ausliefern der Nachrichten über das Sommerfest der Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim an alle verhindert.

Mir bleibt der schwache Trost, dass Menschen, die mitten im August Mails an alle schicken von all jenen, die nicht im Büro sind, eine Abwesenheitsmail erhalten. Bei über 10.000 durchaus beachtenswert. Alle Achtung.

(Sollte ein Vorstand im Sommer eine Mail an alle schicken, dann vielleicht, um in seinem nächsten Interview behaupten zu können, dass er, sobald er eine Mail an alle schicke, SOFORT unheimlich viele Antworten erhielte. Meine Theorie. Aber ich fahre ja auch keinen Oldtimer.)

Es ist so. Ich habe ausführlich die Lokalisierung des Internets in der Welt von Frau Skypeverbot beschrieben. Mittlerweile bin ich mit Frau Skypeverbot per Du und auch sonst verstehen wir uns rührend. Und jetzt weiß ich: sie kann nicht anders. In ihrer Welt existiert das Konzept Internationalität nicht, wie soll man sich da Internet vorstellen können. Oder gar virtuelle Räume. Und wer putzt da überhaupt.

In meinem Büro putzt neuerdings auch niemand mehr, schließlich ist es im Erdgeschoss, dafür geht das Internet nur manchmal, wahrscheinlich ist es verstaubt. Vor Kurzem fragte ich nach, ob jemand auch meinen Müll entsorgen könne, obwohl ich im Erdgeschoss säße. Hm, ja, naja, also, wieso nicht, ich solle ihn einfach nach Feierabend zum Müll in den zweiten Stock stellen, dann könne er abgeholt werden. Seither putze ich selbst.

Darum soll es aber hier nun nicht gehen, ansonsten ist mein Büro funktionell, ich arbeite. Heute entwerfe ich einen Vertrag und fülle das zugehörige Formular zur Mittelanforderung aus. Postwendend (auch eines dieser aussterbenden Worte, nicht aber in der Zusammenarbeit mit Frau Skypeverbot) ein Anruf. Kommense mal, Du.

Das ginge so nicht. Ich könne nicht soviel Geld anfordern, wegen der Abwertung.
Die Abwertung, das ewige Schreckgespenst jeder Buchhaltung. Falls die Abwertung komme (wahlweise die Russen) und man habe soviel Geld auf dem Konto: fatal! Wir befinden uns in einer eurogebundenen Währungszone, die letzte Abwertung erfolgte in den 90ern.
Ohnehin gedenke ich, das Geld auszugeben. Jaha, das habe sie schon gesehen, aber, das ginge so nicht, die Dame sitze im Nachbarland. Und wenn hier, in diesem, unserem Lande Geld ausgegeben werde, müsse es auch hier eingenommen werden. Wegen der Steuer.

Ich scheine sehr ungläubig zu gucken, fange mir das obligatorische Ichsollemichnichtsoanstellen ein, Sie, Du, dass sei ja wohl klar, hier könne man ja nicht überprüfen, ob dort die Steuern ordnungsgemäß abgeführt würden. Mein vorsichtiger Einwurf, dass man das auch hier nicht überprüfen könne, sowie, dass es dafür eine Vertragsklausel gebe, wird brüsk abgeschmettert, darum solle sich ja wohl der Staat kümmern. Ob sich nicht auch Nachbarstaat darum kümmern solle, frage ich und ob meiner Naivität rollt Frau Skypeverbot mit den Augen.
Wenn hier ein Vertrag abgeschlossen würde, dann wüsste der Staat das. Aber Nachbarstaat wüsste das nicht, könne das also nicht nachhalten. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht aus Versehen Vertragsabschlüsse hochzurechnen, die der hiesige Staat bestimmt. alle. einzeln. nachhält. Vielleicht verbirgt sich das ja hinter dem Engagement der Kollegen mit dem Titel „Verwaltungsaufbau“.

Vielleicht aber bräuchten wir hier vielmehr einen Herrn Stoiber, für Bürokratieabbau. Oder aber ich zahle meine Vertragspartner künftig in Naturalien. Die fliege ich dann nach Nachbarland. Vorher aber lasse ich prüfen, ob jeder Reishändler hier seine Steuern ordnungsgemäß abführt.
Geld ist eigentlich eine völlig unsinnige Erfindung, ebenso wie die Internationalität. Braucht kein Mensch. Meins trage ich jetzt in den zweiten Stock zum Müll. Einfach am Staat vorbei.