Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.

Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Ich hatte mich mit der irdischen Welt abgefunden, davon überzeugt, ich würde in Nigeria am Geldautomaten die staatliche Lotterie eines trusted, aber leider sehr kranken Onkels gewinnen, während meine Karte ausgelesen wird und ich vor allem kein Geld erhalte. Dennoch würde ich kurz darauf ausgeraubt werden und weder sollten das Golden Destiny Hotel noch die Daughters of Divine Love mich je zu Gesicht bekommen – dabei hätten letzte noch ein gutes Wort für mich einlegen können. Das leise Ende einer Glitzer.

Ich mag Dienstreisen nicht sonderlich. Vor allem diese, zu erschöpft, zu kraftlos, zu nah am Wasser. Aber gut. Man lernt ja und wenn eine eine Reise tut, kommt heutzutage eben ein Blogeintrag heraus. In Accra habe ich noch die Hoffnung, dass ich vielleicht tatsächlich nie ankäme aufgrund der Flugverspätung. Seltsam aber, trotz allen Nichtankommenwollens finde ich, dass ich jetzt doch langsam nicht mehr hier rumsitzen möchte. Müde bin ich. Um mich wachzuhalten, konsumiere ich Dinge, von denen mir schlecht wird. Burger. Bounty. Büchsencola.

Ich rufe den Fahrer an, er scheint sich glücklicherweise an mich zu erinnern, lacht, als ich sage, ich käme später. Ich solle einfach anrufen, falls ich ankäme. Falls. Good luck.

Viel Glück wünschte auch der Kollege am Vortag, ein seltsamer Abschiedsgruß, das Glück sei mit den Dummen, heißt es. Vielleicht sollte ich mich doch genau jetzt in den Flug nach Hause schmuggeln. Aber nein, Disziplin und Fleiß, so das Motto der Veranstaltung zu der ich eingeladen bin, ich steige in den sauren Flieger. Und werde sogar erwartet.

Der Fahrer hat einen betrunkenen Beifahrer im Schlepptau, der leider alles managen will. So oder so, wir kommen an. Vor dem Hotel ein großes Feuer, grösser als die, die ich gegen Müll oder Mücken kenne. An der Mauer die Aufschrift, dass man dringend Security suche. Ich beschließe, nicht zu überlegen, ob es sich tatsächlich um eine Suchanzeige des Hotels handelt oder um den gut gemeinten Rat irgendwelcher zwielichtiger Geldeintreiber oder Spielautomatenkartelle.

Fünf Stunden mit weniger Security, dann muss ich ohnehin wieder Richtung Flughafen. Leicht gesagt. Die Straße nämlich ist gesperrt. Nein, nicht von der Polizei oder irgendeiner Bande, sondern mit einem soliden Tor, das mit einem nicht weniger soliden Vorhängeschloss gesichert ist – von den Anwohnern. Die aber schlafen noch und es dauert eine Weile, bis der Herr mit dem Schlüssel aufwacht und uns raus lässt, aus dem Viertel. Wegen der Sicherheit, believe it.

In der nächsten Stadt lande ich pünktlich und werde angewiesen, den Flughafen durch eine Tür zu verlassen, die den Eindruck eines Bühnenhintereingangs erweckt. Egal aber, ich werde diesmal nämlich entgegen der Zusage nicht abgeholt, kann mit meiner SIM-Karte nur erratisch telefonieren, am Flughafen aber keine kaufen und Geld habe ich entweder zu groß oder zu wenig für ein Taxi. Außerdem bin ich zu müde für ein Taxi.

Ich frage zwei Frauen, ob ich ihr Handy leihen dürfe, Ah, are you German, We have been to Tuttlingen lately, und organisiere eine Abholung, Später, eine Stunde? Eineinhalb? Mir ist alles egal, mein neu erworbener Nazikrimi dick genug und ohnehin auf Französisch, ich kann also warten. Dumm nur, dass ich müde noch weniger Lust auf fremdsprachige Nazikrimis habe. Disziplin und Fleiß, ich lese wenigstens die Sexszene zu Ende, nachdem ich mich noch ein bisschen über Tuttlingen unterhalten habe.

Irgendwann, Look to your right, you see? This is the UN building they bombed lately, interesting, isn’t it!, lande ich in der Obhut der Daughters of Divine Love, melde mich von Mittagessen und Abendeucharistie ab und schlafe. Nur keinen Fuß vor die Tür setzen müssen. Das war‘s auch schon. Enttäuschend? Gut, nächstes Mal gehe ich zum Geldautomaten.

In der Zwichenzeit freue ich mich auf zu Hause, aber nicht auf unterwegs, diesmal gilt es, eine Nacht auf einem Flughafen zu verbringen, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er nachts überhaupt auf hat. Irgendwie bin ich grad immer falschwo. Aber mit Disziplin und Fleiß komme ich bestimmt an. Und mit Glück. Believe it.

Es ist so. Ich lese ein Buch. Es ist ein anderes Buch als das, von dem ich Ihnen schon so lange erzählen will, aber ich lese es trotzdem. Je chanterai pour toi (auf deutsch: Mali Blues). Alles beginnt im Centre Culture Français in Dakar, Senegal.

Mein Wissen über Senegal würde mich keine Millionen gewinnen lassen. Die Fähre von Nord nach Süd, weil Gambia wie ein Wurmfortsatz dazwischen liegt, das Fährunglück, die neue Fähre, die wieder so heißt wie unsere Nachbarstochter, die Casamance, ein Restaurant in München, die Vögel, das Meer, die Rallye, der Thunfisch, die Übersetzung der Relativitätstheorie auf Wolof, der Rapper, dass Nora abgereist ist, weil sie die Gerüche nicht aushielt, die Tür ohne Wiederkehr, der Stolz auf das eigene Französisch, der Rassismus, die Erzählungen von Sabine über den Staub, dass es kalt ist, in Dakar, die Stromausfälle.
Ein Kollege berichtet mir noch von einem Restaurant, in dem eine Portion für sechs Personen reiche, er sagt Paella, mir fällt ein, dass ich eine Woche lang FischFischFisch essen werde und Meeresgetier und Fisch. Dann erzählt er mir von den Taschendieben, die kein Geheimnis daraus machten, dass sie solche seien und man trotzdem keine Chance gegen sie habe.

Im Flugzeug fühle ich mich, wie ich mich auf Dienstreisen immer fühle: irgendwo zwischen Vorfreude und lästiger Pflicht verbunden mit sofortigem Heimweh. Die Wette, ob ich diesmal abgeholt würde, gewinne ich gegen mich, irgendwann bin ich im Hotel, in der Stadtmitte, fürchte mich also vor Taschendieben und vor der Gewissheit, dass ein einziges „Non, merci“ nicht die gleiche Wirkung haben wird wie in meiner Stadt. Hier folgen wüste Beschimpfungen, wenn man nichts kauft. Man könnte ja Franzose sein, in jedem Fall hat man eine provozierende Hautfarbe. Und überhaupt.

Ich sitze in meinem Hotelzimmer, überlege, ob ich heute schon raus möchte, fahre nach unten und stolpere in Oumar. Oumar, mit dem ich letzte Woche zusammenarbeitete. Er wollte nur sehen, ob ich da sei. Wir laufen durch die Stadt. Dakar ist eine Stadt. Meine Stadt ist auch eine Stadt, aber hier wird mir klar, dass ich in der Hauptstadt des Endes der Welt wohne. Nicht umsonst fiel mir als spontaner Reim ein: „Bin nicht am Nabel der Welt, sondern eher am Po. Ich bin in…“ und so weiter.

Jetzt aber bin ich in Dakar. Es sieht aus wie Urlaub. Gut, das mag daran liegen, dass Urlaubsaugen kolonialen Baustil hübsch finden und so [i]anders[/i]. Es könnte aber auch daran liegen, dass mir Oumar alle Verkäufer recht bestimmt vom Leib hält, die Gebäude erklärt und Restaurants zeigt. Unter anderem eines, in dem die Paella sehr zu empfehlen sei, falls man zu sechst hingehe.

Oumar geht schnell. Ich mag Leute, die schnell gehen. Ich muss mir oft vorwerfen lassen, ich würde ohne Grund rennen, aber ich weiß nicht, wozu ich schlurfen soll. Egal, wir gehen zügig durch die Stadt, er setzt mich im Hotel ab, ich bin um sechs Flaschen Wasser und einen Bekannten an der Straßenecke reicher.

Das führt dazu, dass mich mein Übermut das Hotel selbst noch einmal verlassen lässt. Diesmal gehe ich langsamer. Schnell hastende Europäer nimmt niemand ernst. Ich schlendere durch die Straßen, vorbei an meinem neuen Bekannten, Ça va, et le Monsieur, il est sympa, un bon type!, wo ich herkomme, aha aha, Glitzer, soso, bis morgen, schönen Abend – bis zum Centre Culturel Français. Dort bestelle ich mir ein großes Bier und lese den Anfang meines Buches nochmal, erinnere mich daran, als ich Kar Kar einst traf und freue mich auf Paella.

Es ist so. Ich bin weiß. Mit Sonne werde ich braun. Schnell, anhaltend und mit Sommersprossen. So schnell, langanhaltend und sommersprossig, dass es einen Sommer gab, in dem ich Tim peinlich war beziehungsweise er sich wegen mir. Man könne meinen, er habe mich von einer seiner Dienstreisen aus dem wilden Kurdistan mitgebracht, seufzte er.
Meine Mutter ist der Überzeugung, ich habe das von ihrem Vater, bei uns in der Familie sehe schließlich sonst niemand so aus, alle würden rotbraun, nur ich würde erst gelb und dann schwarz. Und überhaupt, schwarz, haha, wie ich denn nun in Afrika aussehe.

Aber: hier werde ich gar nicht braun. Ich bleibe weiß. Das liegt daran, dass die Sonne immer direkt von oben kommt, dazwischen aber eine Staubschicht liegt. Ohnehin verbringe ich den Hauptteil meiner Zeit drin. Man beginnt kurz nach der Morgendämmerung zu arbeiten und hört kurz vor der Abenddämmerung auf oder aber wenn es schon dunkel ist. Wegen der Mücken, die in der Dämmerung Malaria stechen.

Was die Leute hier an mir manchmal für Farbe halten, ist wahrscheinlich Staub. Und egal, wieviel Staub oder Farbe ich ansetzte, ich bliebe weiß. Denn: ich bin ein Toubab. Toubabou – wahlweise ausgeflüstert wie Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh im Sinne eines Kindergruselfilms: Duweisstschonwer. Oder aber Tou!ba!bou! TOU!BA!BOU! TOU!!BA!!BOU!! gerne crescendo im Chor, solange man das Fussballfeld kreuzt. Toubabou – umstritten ob Arzt, Weißkittel oder einfach Weißnase.
Für manche heißt es auch nicht Toubabou sondern Donnemoilecadeau oder aber Madamebonbon. Ein Kind lief kürzlich „Madamebonbon! Madamebonbon! Madamebonbon!“ brüllend auf Tim zu, alle Weißnasen waren in seiner kleinen Welt Madamebonbon. Ein Traum in Zucker.

Allerdings – ich verteile nie Bonbons, habe selten Geld übrig und möchte nie bei irgendwelchen freundlichen Mofafahrern aufsteigen. Eine langweilige Weißnase. Ich lasse mich lieber in alten Mercedes rumfahren.
„Vois! La petite blanche!“ ruft der Taxifahrer auf einmal, „Vois! Tu vois? Si petite, si mignonne! Ils sont mignons, les petits blancs.“
Ich sitze in einem Taxi und werde ohne Rücksicht auf Verluste über die Bodenwellen Bamakos geschreddert, während der Taxifahrer vor Entzückung die Tochter einer Kollegin anhupt. Weil sie so unglaublich blond und weiß ist. Er winkt, sie schaut verdutzt und winkt dann mir zurück. Tu la connais? Elle est mignonne, la petite blanche!

Kinder anderer Hautfarbe sind also überall süß. Ich aber bin schon groß und verblüfft. Vielleicht war ich noch nie so hautfarbenverblüfft wie in diesem Moment. Ich wurde noch nie auf ein Kind hingewiesen, weil es so weiß ist. Seither streife ich durch die Straßen und fühle mich völlig normal, völlig unweiß. Weil ich nicht mehr klein und süß, sondern nur noch Toubab bin.

Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.

[Dieser Text ist Teil einer Tagebuchaktion auf jetzt.de. Mehr davon hier.]

 

Geben Sie es zu. Sie verdrehen jetzt schon die Augen. Nur, weil ich in Afrika sitze und Ihnen jetzt im Advent einen Tag aus meinem Leben zum Thema MANGEL erzählen soll. Sie denken, dass Sie im besten Fall damit davon kommen, dass ich über Mangelware spreche. Stromausfälle und aus der Wand brechende Türen. Im schlimmsten Fall schildere ich ergreifend kindheitslose Kinder, die im Alter von sieben Jahren, ihre grossäugigen Geschwister auf dem Rücken, jeden Verkehrsteilnehmer anbetteln, wobei sie aufpassen müssen, nicht über ihr viel zu grosses, ausgewaschenes, aber löchriges Ballack-Trikot zu stolpern.

Leider aber ist es ein Tagebuch, und in diesem gehören bekanntlich die stärksten Eindrücke eines Tages geschildert. Meiner heute (und Sie haben Glück): das „Komm-nur-mal-schnell-mit-Abholen“ eines Paketes. Woran denken Sie, wenn Sie Paket hören? Wahrscheinlich an ein post-normiertes Paket, schliesslich befinden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem post-normierten Land.

Das Paket kam auch aus Deutschland, genauer gesagt, es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung, die einen Container im Warenwert von mindestens 10 000 Euro umfassen muss, weil es sich sonst nicht rechnete. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung von mindestens 10 000 Euro aus einer Versandmischung von Metro und Otto. Dreiundzwanzig Pakete von Hohes C, Odenwald-Schattenmorellen und Essiggurken über Meica-Würstchen und Becks (Becks! Ich bitte Sie! Wenn man schon fünftausend Kilometer weit Bier transportieren lässt, dann doch bitte kein Becks!) bis hin zur Tischtennisplatte und einem Rasenmäher. (Der Rasenmäher war auch noch für unsere Nachbarn bestimmt. Da hätte ich auch in der Reihenhaussiedlung bleiben können. Oder.) Das Abholen wurde begleitet von einem kontinuierlich schwäbisch-schrillen „Passen Sie auf meinen Petanque-Rasen auf!“ Beim „Nur-mal-schnell-Abholen“ von dreiundzwanzig Paketen wird glücklicherweise selbst das zu überhörbaren Monotonie.

Seit diesem Einblick in die deutsche Importwelt der kleinen Sehnsüchte frage ich mich, ob es vielleicht gar keine Seltenheit war, letzte Woche hier Spätzle kredenzt zu kriegen. Ob vielleicht tatsächlich alle hiesigen Küchenfees den Tag Teig schabend und Maultschen faltend verbringen, während Sie Hohes C und Becks kühlen.
Dann frage ich mich weiter, was ich vermisse. Im Advent. Was ich importieren würde, wenn ich Zugang zur exklusiven Welt der Container-Bestellungen hätte. Und nach längerem Überlegen komme ich zu der selbstlosen, überheblichen Überzeugung, dass kein Meica-Würstchen der Welt so schmecken kann, dass ich nicht Familie, Freunde, Wetter und Alpen vermisste. Kein dröhnender Rasenmäher kann mir vorspielen, dass ich in vertrauter Umgebung sei oder Privatsphäre hätte. Und der Geschmack von Becks machte bestimmt alles nur schlimmer.

Zu allem Überfluss werde ich hier also zur personifizierten Mastercard-Werbung.

Der kleine Ballack und sein grossäugiges Geschwister winken mir zu und obwohl man Kindheit nicht kaufen kann, versuche ich genau das heute doch. Schliesslich ist Advent. Und es ist Afrika. Verdrehen Sie ruhig die Augen.