Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

Es ist so. Auch in Unternehmen ist Sommerloch. Bei uns ist gerade Sommerloch, obwohl wir NeueFirma wurden und circa drei Viertel der Angestellten noch nicht genau wissen, was sie ab September tun werden. Der erste September galt als magisches Datum. Zum ersten September sollten alle voll fusioniert und totalintegriert sein.

Gut, heißt es jetzt, vielleicht auch ein bisschen später oder aber, wer weiß, vielleicht mache es auch Sinn, das alles erst ab Ende des Jahres neu zu regeln. Dann hätten wir ein Jahr lang fusioniert einfach so weitergearbeitet wie bisher und dann kann man den Rest der Fusionsrendite auch noch absitzen. Nun aber sitzen wir erstmal das Sommerloch ab und aus.

In diese Hektik des Sommerloches erhalte ich die Nachricht eines unserer Vorstände. Er habe in den letzten Monaten Außergewöhnliches festgestellt. Während ich darauf tippe, dass er bei „Meet and Greet andere Betriebsteile“ große Einsichten in die Kompetenzen vieler Mitarbeitender zum Wohle NeuerFirma erlangte, bleibe ich dann doch an seinen Zeilen hängen.

Herr Vorstand ruft zur Selbstorganisation auf. Es mögen sich diejenigen versammeln, die nicht nur passives Mitglied sein wollten, sondern sich in ihrer Freizeit (die Mail erreicht mich um 14.32 Uhr) aktiv einbringen möchten, zum Gründungstreffen der Betriebssportgruppe Oldtimer.
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten in Deutschland und weltweit teilten seine Passion, winters und sommers Ausflüge und Spritztouren zu unternehmen, sich über Schrauben und Ölwannen zu unterhalten oder einfach nur den Wagen zu polieren oder polieren zu lassen. Betriebssport diene vor allem dem gemeinsamen Erleben und um dieses Erleben zu ermöglichen, nun eben die Betriebssportgruppe.

Was finden Sie am lustigsten? Dass Oldtimerpolieren als sportliches Erlebnis gilt, vielleicht. Dass es Unternehmen gibt, in denen diejenigen, die eben keinen Jagdschein besitzen, Oldtimer fahren. Dass man eher eine Betriebssportgruppe Motorrad bräuchte, um die Fusionsrendite im Zeitplan zu erreichen.

Ich finde lustig, dass Herr Vorstand offensichtlich nie bei dem von ihm viel beworbenen „Meet and Greet andere Betriebsteile“ war. Sonst wüsste er vielleicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit in den meisten Fällen eher unfreiwillig Oldtimer oder in erster Linie Allrad Pick-Ups fahren. Oder er wüsste, was sein Unternehmen weltweit so macht – Straßen bauen zum Beispiel oder neue Mobilitätskonzepte entwickeln.
Aber gut, ich will nicht so sein. Ich melde unseren Büro-Fahrer zur Betriebssportgruppe an. Niemand kann so gut Autopolieren wie Abaya. Und das sogar im Fusionsloch.

Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

Es ist so, ich fliege. Es ist Valentinstag und ich fliege in den Süden, ans Meer. Das klingt romantisch und weil Valentinstag ist, schenkt mir meine Fluglinie eine Rose. Denkbar praktisches Fluggepäck. Nach Zielstadt, sage ich, Aber, aber das ginge nicht, sagt die Frau hinter dem Schalter so tonlos wie sie mir die Rose überreicht hat. Ja, ich habe ein Ticket, aber über Umsteigestadt und ab da von einer anderen Fluggesellschaft. Das ginge nicht. Ob sie wenigstens mein Gepäck bis Zielstadt markieren könne, frage ich. Das könne sie, würde sie mir aber nicht raten. Es wäre besser, ich würde es vom Gepäckband pflücken und neu einchecken, wie auch mich.

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Sie speisen sich natürlich auch aus Erfahrungen blablabla, wie auch immer, sie sind da und ich tauche in sie ein, um zu überlegen, dass keine Boardkarte auf einem afrikanischen Flughafen vielleicht heisst, dass man aus dem Flughafen wieder raus muss. Das wiederum könnte bedeuten, dass die bierernsten, hochwichtigen Polizisten finden, ich bräuchte ein Visum. Oder viel Geld. Da ich beides nicht habe, aber wenig Umsteigezeit, entscheide ich mich gegen das Gepäck für volle Konzentration auf Umsteigen und Flug erwischen. Die Wette gilt, die Dame hinter dem Schalter schaut mich tonlos, aber ungläubig an. Wenn ich meinte.

Wieso ich so unvorbereitet bin? Nun ja, das liegt daran, dass am Freitag ein Treffen von Mittwoch auf Dienstag – egal, ich musste meinen Flug vorverlegen, kann nun nicht direkt nach Zielstadt fliegen, sondern eben nur über Umsteigestadt. Die Realsatire möchte, dass ich fünf Tage später ohnehin nach Umsteigestadt reise. Auf welchem Weg, das ist noch nicht geklärt und unterwegs muss sich das Visum auftreiben lassen. Es ist ja auch nur ein Katzensprung.
Eine Dame (ich stehe noch immer am Schalter, wieso auch nicht), bonjour, ça va, et la famille, ob das mein einziges Gepäckstück sei, nein, nicht die Rose, aha aha, sehr gut, ob ich auch ihres einchecken könne. Leider, sage ich, leider (und ich bin froh, nicht lügen zu müssen), würde mein Gepäck bis Zielstadt durchgestellt (toitoitoi). Sie sieht mich bedauernd an und ich bin mir nicht sicher ob ihrer Enttäuschung oder ob meines naiven Wagemuts. Wagemut, mein vierter innerafrikanischer Flug.

Aber, wie so oft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich komme in Zielstadt an. Auch mein Gepäck, abgesehen von der Rose, die ich irgendwo vergesse. Am Flughafen warte ich auf meine Abholung. Als niemand kommt, gehe ich an die Hauptstraße, warte auf gut Glück, bis ein Auto meiner Organisation vorbeifährt und halte es an. Ah, bienvenue, soso, aha, ça va und der Flug und die Familie und interessant, dass ich jetzt hier sei. Der Kollege sei vorhin losgefahren, um mich in Umsteigestadt abzuholen. Aber das mache ja nichts, ich solle einsteigen.

Vollgas Feierabend.

Januar 7, 2011

Kennen Sie diese Feierabendverlockung? Ein ganzer Abend, nichts zu tun, einfach nur in Ruhe stumpf vor sich starren und am nächsten Tag ist auch noch Wochenende.
Es ist nicht überraschend: ich mag Feierabende. Zurzeit habe ich die Wohnung für mich. Nach Hause kommen, Ruhe atmen, zum Kühlschrank schlurfen, Madame, bonsoir, ça va, das Gas sei alle. Alle? Alle, fini, aus. Ich bin nämlich nie wirklich alleine.

Ich gehe zu Mathieu, bon soir, und der Tag, alles gut, ça marche, das Gas sei alle, ob er neues besorgen könne, ja, sehr gut. Pause. Äh, jetzt? Jetzt, jetzt, ja, nein, ja, natürlich, jaja, da gebe es dieses Standl links beim Libanesen, die kenne er, on est ensemble. Was es koste, frage ich. Nun ja, wegen des Libanesen, er wisse nicht genau. Mathieu geht zum Nachbarn, großes Hallo, kommt zurück, wegen des Libanesen, also, der sei ein bisschen teurer, Wieviel, Nun ja. Mathieu geht zum Nachbarn, großes Hallo, kommt zurück, Zwölfeinhalb.

Während er unterwegs ist, erstmal zum Nachbarn, großes Hallo, treffe ich Jean, bonsoir, Madame, und der Tag und die Arbeit und hier und alles gut, ça marche, jetzt sei ja auch Wochenende, alles in Ordnung, dankeschön.

Mathieu, der Nachbar und die Gasflasche kommen an. Jetzt war doch alles billiger, das Standl beim Libanesen hatte gar kein Gas wegen Elfenbeinküste, nun ja, egal, aber ein Kumpel von Mathieu und Freund des Nachbarn, ach, man sei eben ensemble, n’est pas?

Jean, Mathieu und der Nachbar verschrauben lautstark das Gas, Fatoumata ruft aus der Küche, wie es denn nun aussehe, der Freund des Nachbarn kommt mit Tee, bonsoir, Madame, ça va, die Wohnung taucht in einen recht eigenen Gasgeruch und auf einmal steht Ralf vor mir, wegen der Spätzlepresse. Ja, eines Schwaben Stolz und hier sei ja mächtig was los, ça bouge, nein, danke, nichts zu trinken, aber wie war Weihnachten, Silvester, ja, die Familie, jetzt müsse er aber auch los, die Kinder, die Spätzle, Grüße.

Ich bin einigermaßen froh, dass sich die Gaskartusche draußen befindet, nein, noch immer nicht, Mathieu sei aber schon unterwegs, zum Cousin, wegen des Klebebands, keine Sorge, ça va. Bevor ich mir Gedanken über Klebeband im Zusammenhang mit Gas mache, Bonsoir, Madame, er sei der mit den Pestiziden, die Rechnung, bitteschön, aber minus zehn, wegen des Kredits. Beim Anblick der „geschätzten Kosten“ frage ich mich, wieso jemand mit einer derart findigen Buchhaltung noch einen Kredit benötigt. Aber ich sage nichts, denn immerhin hilft er dem mittlerweile recht ansehnlichen Trupp – endlich mal was los im Quartier! – das Gas weiterhin nicht anzuschließen.

Irgendwann einigt man sich darauf, dass man besser jedes Mal neu auf- und wieder zudrehe oder aber je nach Bedarf so auch laufend den Druck regulierte. Schließlich sie ohnehin immer jemand da. So ein Glück.

Seit vorgestern also zähle ich zu den aktiven Teilnehmern am Straßenverkehr. Wie es sich für eine gute Verkehrsteilnehmerin gehört, versuche ich, verschiedene Regeln zu beherzigen.

Erstens: nie den Eindruck erwecken, man würde nicht fahren. Ich halte also drauf. Immer. Wer bremst, verliert. Das kenne ich noch aus meiner niederbayerischen Fahrschule. „Sei koa Verkehrshindernis, Glitzer.“ Tatsächlich, hier wie in Niederbayern gilt das Recht der Stärkeren oder Schnelleren. Wer stehen bleibt, wird vom Verkehr verschluckt und wird die Kreuzung NIE verlassen können. Man muss sich das vorstellen wie eines dieser Wimmelbilder in den Bilderbüchern. Nur, dass eine hiesige Kreuzung bewegt wimmelt, wohingegen eine niederbayerische Kreuzung selten wimmelt.

Um das Gewimmel zu strukturieren, hat sich eine Hackordnung evolutioniert: Rollstühle, Fußgänger, Eselskarren (zu Fuß begleitet), Fahrräder, Esel, Pferde, Mopeds aus China, Mopeds aus Japan, andere Mopeds und Roller, Motorräder, Sammeltaxis, Autos, Taxis, Geländewagen. Je nach Zustand der Vehikel kann sich das etwas verschieben, weshalb ich Busse und Lastwagen einfach gar nicht aufzähle, ebenso variiert die Hackordnung nach Provenienz der Fahrerinnen oder Fahrer. Stadtneulinge wie ich hüten sich also vor Taxis, aber wenn möglich, hefte ich mich an die Anhängerkupplung eines Geländewagens.

Regel Nummer zwei nämlich besagt aus dem Wimmelbild logisch gefolgert: keinen Zentimeter vor der Stoßstange bzw. auch keinen Zentimeter Stoßstange verschenken. Gut, ich gebe zu, im Stau bergauf mache ich das von der Qualität des vor mir stehenden Wagens abhängig. Alle anderen Zentimeter rund ums Auto kann man ohnehin nicht kontrollieren.

Hilfreich bei allem: der Tunnelblick. Damit meine ich nicht, dass man grundsätzlich betrunken fahren sollte. Vielmehr aber würde man Regel eins nicht einhalten können, würde man sich auf jede rutschende Dachladung konzentrieren, jedes flatternde Huhn an einem Motorradlenker oder auf jeden Blinker, der einfach blinkt. (Blinker ignoriere ich grundsätzlich. Ihnen folgt in den meisten Fällen keine Aktion. Wer wirklich abbiegen möchte, weiß, wohin und blinkt deshalb ohnehin nicht.)

Die anderen Regeln sind einfach. Immer mit allem rechnen, an umgekippten Tanklastern schnell vorbeifahren, über Land nie alleine und nicht bei Dunkelheit, angefahrene Schafe, Esel und Rinder kosten unterschiedlich viel und am besten: nicht auffallen.

Nicht auffallen ist schwierig. Das Auto, das mir zur Verfügung steht, ist mit einem Kooperations-Aufkleber geschmückt, es ist sofort klar, woher ich komme. Das ist grundsätzlich gefährlich, vor allem, weil Leute wie ich gerne mal aufgehalten werden. Wenn man an Stopschildern hält, beispielsweise. Bonjour, ça va. Die Frage nach der Familie entfällt. Auch will der Gendarm nicht wissen, wie ich geschlafen habe.
Ich hätte nicht ordnungsgemäß gehalten. Ich schaue fragend, ich stünde doch im Moment v o r dem Stopschild. Ja, aber doch wohl nur, weil er mich aufgehalten habe. Ich verstehe nicht, wieso er mich aufgehalten habe, damit ich vor dem Stopschild stehenbliebe, wenn er gar nicht wissen konnte, ob ich nicht vielleicht von selbst stehen geblieben wäre. Non, Madame, so gehe das nicht und außerdem wolle er, nein, nicht die Papiere, sondern Geld. Während wir diskutieren, ob ich stehengeblieben wäre, Madame, das könne ja jeder behaupten, nicht wahr, brettern neben uns die Autos über das Stopschild, ohne zu halten. Ich frage ihn mutig, was das denn sei. Madame, ich wisse so gut wie er, dass diese Leute die Verkehrsregeln nie gelernt hätten im Gegensatz zu mir. Das könne ich nicht leugnen.

Er nennt eine Summe. Ich zucke die Schultern, er wisse so gut wie ich, dass das Humbug sei. Ich wisse so gut wie er, wer hier die Polizei sei. Er wisse so gut wie ich, dass in diesem Land alles verhandelt würde, Preise grundsätzlich. Wir feilschen um den Preis meines Verkehrsverstoßes, vor dem Stopschild angehalten worden zu sein. Am Ende zahle ich ihm ein Drittel seines Monatslohns und stürze mich ins Gewimmel. Mit dem festen Vorsatz, nächstes Mal auch die Polizisten in meinen Tunnelblick zu integrieren. Das konnte ich schon in Niederbayern recht gut.

Ja, ich habe lange nichts geschrieben. Ich könnte behaupten, ich sei viel unterwegs. Das stimmt allerdings nicht. Selbst, wenn ich unterwegs wäre, würde ich vor allem rumstehen. Ich bin mit Abdoulaye unterwegs. Da ist insofern hilfreich, als er die Stadt kennt und sich in ihr bewegen kann, wenn man nicht gerade rumsteht.

Es ist so: durch diese Stadt fliesst ein Fluss, über diesen führen zwei Brücken. Über diese beiden Brücken fahren morgens alle mehr oder weniger motorisierten Fahrzeuge in die Stadt und abends wieder aus der Stadt. Zu diesen Hauptverkehrszeiten ist jeweils eine Brücke nur in eine Richtung geöffnet, die andere bedient die weniger frequentierte Richtung auch nur mit einer Spur. Lebensmüde Verkehrspolizisten (für diesen Beruf muss man hier lebensmüde sein, ebenso wie für das Fahren von Zweirädern) regeln das, indem sie sich pfeifend vor Autos werfen, die in die falsche Richtung zu fahren versuchen.

Abdoulaye und ich sind also gestern Abend in Richtung der alten Brücke unterwegs, das ist: wir stehen im Stau. Nein, richtig: wir stehen im Verkehrsknoten. Um genau zu sein: wir sind der Verkehrsknoten. Eines der vielen Herzen des Verkehrsknoten. In unserer direkten Nachbarschaft befinden sich drei Taxis, vier Pick-ups, ein liegengebliebener LKW, neun Mopeds, ein Esels- und ein Handkarren, ein halbes Fahrrad, zwei Sammelbusse. (Für eine profunde Verkehrsanalyse rechnen Sie das einfach in einen Quadratkilometer um.)  Diese Gefährte (und die circa  93 dazugehörigen Personen plus Esel) stauen sich wenig synchron in unterschiedlicher Fahrtrichtung, folgen aber einem ähnlichen Huprhythmus. („Lane discipline! They don’t have any lane discipline!“, höre ich in solchen Situationen einen britischen Freund rufen. Das allerdings auf Malta.)

Abdoulaye zum Beispiel hupt regelmässig einen der Pick-ups vor uns an, da der keine Ahnung vom Autofahren habe. (In meiner laienhaften Wahrnehmung würde ich behaupten, er k ö n n  e überhaupt nicht fahren, weil nämlich Stau ist, aber Abdoulaye sieht das anders.) Er seinerseits schliesst jeden Zentimeter Lücke, was uns das Hupen der Mopeds, die Flüche der Taxis und das wütende Fuchteln des Vordermannes einbringt, der unseren Kuhfänger bedrohlich nah empfindet. Nach einer halben Stunde und zwei Metern treffen wir im Verkehrsknoten einen Bekannten, der uns eine Spur blockiert. „On est ensemble.“ Das freudige Hupen von Abdoulaye und Oumar vermischt sich mit dem aufgeregten Hupen aller anderen Verkehrsknotenpunkte und der Trillerpfeife des Verkehrspolizisten.
Wir aber bilden einen wilden Zweierkonvoi.

Noch lange.

Es heisst, dieses Land sei landlocked. Überall rundrum: Land. Kein Meerzugang, keine Küste, kein Korridor. Aber es ist nicht wahr. Dieses Land ist eine Insel.

Sie machen sich Sorgen um meinen Verstand? Ob ich schon zu lange in der Wüste sei? Und Oasen sehe?

Gut, dann eben keine Insel. Dieses Land ist eine Zeitfressmaschine.
Ich weiss nicht, wie lange ich schon wieder hier bin, meine Wahrnehmung sagt: ewig. In Abendgestaltung gemessen bin ich vier komplette Vorabendserien, eine Filmserie, die Hälfte von Stanley Kubrick, sowie ein Bücherregal lang hier, einen Botschaftsempfang, ein Jubiläum, zwei Partys, diverse Telefonabende, drei Abendesseneinladungen, ein Gitarrenselbststudium. Sowie bereits so lange, dass ich auch bei 30Grad meine Zeit mit mir verhasstem Ausdauertraining auf dem von mir nicht sonderlich geschätzten Rad verbringe.

Sie denken, ich sei vielleicht hyperaktiv?

Nein, es ist ein durchaus normaler Kompensationsvorgang. Viel der restlichen Zeit verbringe ich mit Warten. Oder Rumstehen. Oder Warten darauf, dass ich wieder irgendwo rumstehen kann, um mich den Absurditäten des Alltages zu widmen. Zum Beispiel warte ich noch immer auf die Gültigwerdung meines Arbeitsvertrages.
Dafür hat das Warten auf die Post ein Ende, nachdem ein Nachmittag beim Zoll rumgestanden wurde: seit letzer Woche ist mein Büro um 130 Kilo Corporate Identity erweiter. Ein Kilo davon verströmt Pfefferminzduft. Dazwischen vertrocknen Minigeckos und werden zu Ameisenhaufen.

Dabei kann man zugucken, beim Warten. Aber ich habe Glück. Ich muss noch einen Excel-Tabelle erneuern. Eine tausendzweihundertzeilige Excel-Tabelle. Wussten Sie, dass es in diesem Land gefühlt circa sieben Nachnamen gibt und siebzehn Vornamen, von denen wiederum zehn irgendwie Mamadou sind? Zwischen dem Warten ordne ich also die Liste. Nach Geburts- und Todesdaten, Funktion, Vorhandensein von Telefonnummern oder alphabetisch. Oder eben in Kombination. Ich mag Excel. Ich dachte immer, ich würde einen Atlas auf eine einsame Insel mitnehmen wollen. Aber ich glaube, ich nähme nun doch lieber eine Exceltabelle mit. Aber ich will gar nicht auf eine einsame Insel.

Ich bin ja schon hier.

Heute Nachmittag auf der Bundesstraße fallen sie mir alle wieder ein. Die Situationen und Sätze von Mitschülern, Fahrlehrern und Freunden, die sich zum Thema „Autofahren“ in meinen Kopf gebrannt haben.
Ich denke an Bene. Bene, mein Schwarm, der mir immer versicherte, ich brauche mich nicht zu sorgen. Schließlich sei er bei der Feuerwehr. „Glitzer, i schneid di raus.“ Ihn hingegen konnte nach dem Feuerwehrfest keiner mehr rechtzeitig aus dem Auto befreien. Manchmal bringe ich ihm Blumen. Viele der Marterl im Umkreis kenne ich mit Namen und dem letzten Klassenfoto.

Das Mädchen ist wieder da, das mir auf der Bundesstraße durch einen Weiler selbstvergessen sein Dreirad vors Motorrad strampelte. Ich konnte ausweichen, der BMW hinter mir hatte Mühe. Er knallte in den Mähdrescher auf der Gegenfahrbahn.

„Da fahr i mit’m Mähdrescher nu durchi“, assoziiere ich. Der Lieblingssatz von Xaver, wenn es um Engstellen, Parkplätze oder Überholen ging. Die B12 hat keine Überholspuren. Trotzdem findet das Leben auf ihnen statt. Manchmal nur eine Jugend lang.

„Achtaneinzg? Sei koa Verkehrshindernis, glitzer, bitte.“ Die Stimme meines Fahrlehrer macht klar, dass er während der Fahrstunde nicht sagen darf, dass er hier auch 100 für zu langsam hält. Ein einziges Mal gesteht er mir 95 zu, als der Mais hoch steht. Man könne ja wirklich nicht abschätzen, ob hinter den Kurven ein Traktor oder ein Kurgast schleiche. Das gelte aber nur fürs Motorrad.

Ich sehe, dass ich links abbiegen muss. Statt der Abbiegespur befindet sich hinter der Kurve neuerdings keine Abbiegespur mehr. „Glernt is glernt“, scherzt Mike in meinem Kopf. Das nächste Bild vor meinem geistigen Auge zeigt den Sanka, der nachts in der Kurve überholt und dessen Gegenverkehr wir sind. „Is’ nu immer guat ganga, bis aufs letzte Mal“, höre ich tausend Resignationen.
Mein Abbiegen gerät schwungvoller als nötig. Ohnehin bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus.