Es ist so. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt Michael Obert in „Regenzauber“ von seinem Arzt, der ihn nach seinen Reisen sehr aufgeregt fragt, was er ihm denn diesmal Schönes mitgebracht habe, gerade so, als würde er seltsame tropische Krankheiten wie Schmetterlinge auf Nadeln spießen und ehrfürchtig sammeln.

Hier gibt es für gewöhnlich nur drei Krankheiten: le rhume, le palu, la fatigue.

La fatigue ist eigentlich immer. Wird man nach einer Reise krank, wegen zuviel Arbeit, wegen zu wenig, aufgrund des Klimas, ohne ersichtlichen Grund – c’est la fatigue. Die Erschöpfung scheint etwas zu sein, was nur Weißnasen befällt, wird aber nicht weniger ernst genommen. Man müsse sich nun gut erholen, nehmen Sie lieber mal zehn Kilo zu, Madame, so hielte ich ja nichts aus, hier sei schließlich Afrika.

Palu, paludisme klingt reizend, meint aber Malaria. Wird im Zweifelsfall immer entdeckt, wenn Fieber im Spiel ist – die Fatigue kennt kein Fieber oder aber, wer erschöpft ist, ist auch anfälliger für Palu und damit das Fieber. Ja, Madame, man wisse jetzt nicht so genau, auch der Test, la fatigue, hm, es könne schon sein, dass man die eine oder andere Plasmodie im Blut habe herumschwimmen sehen. Jedenfalls solle man was dagegen einnehmen. Dieser Rat ist meist tatsächlich ein guter, allein das Mückenvorkommen in den Warteräumen der Gesundheitsstationen überzeugt.

Momentan grassiert die Erkältung, le rhume, wie in jedem vernünftigen Winter auf dieser Welt. Seit es kalt und staubig wurde, sind alle erkältet. Übertragen wird die Erkältung laut eines Kollegen ebenfalls über den Staub. Schließlich husteten alle hinein, die Erreger klammerten sich an die Staubpartikel, die man wiederum arglos einatmete. Oh, es gibt viel Staub zurzeit, an manchen Tagen kann man vor lauter Staub das andere Ufer des Flusses nicht sehen. Allein die Vorstellung, wieviel Erkältung sich auf dieser kurzen Strecke tummelt, führt bei mir zur Fatigue.

Grundsätzlich bin ich als Tochter einer Krankenschwester nicht krank. Der Zusammenhang stellt sich weniger über einen anerzogenen Hygienefimmel her als über die Definition von „krank“. Allerdings habe ich mir diese Definition hier abgewöhnt. Heute bleibe ich aus Rücksicht auf andere mit einer Erkältung zu Hause, die ich früher bestimmt in die Schule getragen hätte. Ich will meine Viren nicht auch noch in den Staub rotzen. Zumal ich davon ausgehen muss, dass mein Immunsystem im hiesigen Vergleich einem Monster gleichkommt.

Aber Ihnen brennt eine andere Frage auf der Seele: gibt es denn wirklich keine anderen Krankheiten? Etwas Spannendes? Oder wenigstens Typhus, Cholera, Ruhr? Flussblindheit, Guinea-Wurm, Bilharziose? Etwas, das nur im Entferntesten an einen Schmetterling erinnert?

Natürlich gibt es die, sie scheinen aber aufgrund ihrer Normalität nicht zu zählen. Nur die Palu hat es trotz ihrer Omnipräsenz in die Top Drei geschafft. Mit allem anderen geht man ins Büro, meist auch, weil es dort ruhiger ist als zu Hause.
Bei afrikanischen Kollegen deutet manchmal wenigstens ein „Ca va un peu“ einen katastrophalen Zustand an. Allerdings muss es kein Typhus sein, auch andere Schicksalsschläge verstecken sich hinter dieser Zurückhaltung.
Meistens aber wird man mit Küsschen Küsschen begrüßt (ich finde ja Händegeben bisweilen schon arg!) und das ça va-Geplänkel beendet der Kollege mit einem beliebig seufzenden Er habe schon wieder Amöben. Oder Typhus. Oder sonstiges. Der Tonfall gleicht meist einem Gespräch über das Wetter.

In solch einer Situation erkenne ich mein eigentliches Problem: ich habe das falsche Hobby. Weder begeistere ich mich für wissenschaftliche Studien am lebenden Objekt noch fürs Schmetterlinge sammeln. Dabei könnte es ein Hobby sein wie jedes andere auch und würde mir einiges erleichtern. So aber taumele ich sofort in eine monströse, zornige Fatigue.

Es ist so. Die Meldung ist alt. Aber ich bin fasziniert. Es gibt also eine Hustenhotline. Dort kann man anrufen, anhusten, ein Sprach-, besser: Hustencomputer erkennt, unter welcher Art Husten man leidet und empfiehlt ein Hustenmittel. Eventuell aus den Reihen der finanzierenden Firma, was natürlich dahingestellt sei und hier auch nicht weiter von Relevanz.

Das erste Mal, dass ich mit einer Automatik telefonierte, handelte es sich um die gute, alte Zeitansage. Gibt es sie noch? Wie spät ist es eigentlich beim nächsten Ton? Danach telefonierte ich mit unterschiedlichen Hotlines, drückte nach Aufforderung die Zwei oder die Sieben, oder versuchte, eine Fahrplanauskunft zu erhalten.
Diese Erfahrungen tönen mir noch im Ohr, als ich – nach einem unbedachten Räuspern – die Husten-Hotline anrufe. Nach einer Eingangsfloskel samt Jingle werde ich aufgefordert zu husten.

Bitte husten Sie nach dem Tonsignal.
– *hust*
Verzeihung. Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte husten Sie noch einmal.
– *hust*
Tut mir leid. Ich kann Ihre Eingabe nicht deuten. Bitte husten Sie deutlicher.
– *HUST*
Vielen Dank. Bitte husten Sie nun mehr aus dem Hals.
– *HUST*
Vielen Dank. Um Ihren Husten genauer zu bestimmen, benötige ich Angaben zur Konsistenz. Wenn Sie beim Husten gelben Auswurf haben, drücken Sie bitte die Eins. Bei grünem Auswurf drücken Sie bitte die Zwei. Bei Verschleimung ohne Auswurf…
Schnell drücke ich die Drei.
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– ?
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– *HUST*
Sind Sie sicher, dass Sie nicht nur verschnupft sind?
– *HUST* *HUST*
Vielen Dank. Sie wollen also nach Paderborn fahren.

Von einem plötzlichen Hustenreiz geschüttelt lege ich auf. Wie lange es wohl dauert, bis diese Hotline in eine App übersetzt wird? In der Folge wird bestimmt jemand einen Logarithmus entwickeln: „Kunden, die wie Sie husten/ in Paderborn husten/ grün auswerfend husten kauften im Anschluss/ riefen auch bei folgender Hotline an…“ Die Möglichkeiten schier unbegrenzt.
Ich lutsche schnell irgendwas aus Salbei, trinke Tee mit Honig und vergesse die Nummer der Hotline. Mein Hals gehört schließlich mir.

Falls Sie die Hotline anrufen möchten, erreichen Sie sie bis Ende März unter 0800 H-U-S-T-E-N. (Nein, unter 0800 0 007178. Gute Besserung.)

Es ist so. Eine unserer Familienlegenden berichtet von einem Italienurlaub, der eigentlich keiner war, weil Kleinglitzer ihn allen verdorben hat. Ich mochte dieses Italien nicht, mit seinen Mücken und der Hitze und den Strandbungalows, wurde krank, bekam Fieber, wir reisten vorzeitig ab. Kurz nach der Grenze zu Österreich ging es mir besser, in Deutschland ward ich vollständig genesen.

Nichts hat sich geändert, früher wurde ich in den Ferien krank, nun im Urlaub. Auf dem Hinflug der erste schläfrige Fieberschub, in der Folge bin ich eine Woche lang damit beschäftigt, zwischen wirren Träumen meinen Körper mit einer Monatsration Immodium zu erhalten. Nur das Gefühl in den Fingern verliere ich zeitweise trotzdem. Ich schlafe gegen die Anstrengung, immer diese Anstrengung auf diesem Kontinent. Was ich hier treibe, sei kein Urlaub, meint der Arzt und verordnet mehr Schlaf. Dabei sei es so schön hier, paradiesisch gar, und so anders im Gegensatz zu zu zu – dort halt.

Ich verschlafe das Paradies vor meinem Fenster. Zwar ist Winter, aber draußen gebe es Shoppingmalls, Müsli, Mineralwasser, Natur, Cafés, Tiere, Infrastruktur, Europäer, die in der Privatwirtschaft arbeiteten. Die Straßen fast schlaglochfrei. Disneyland, berichtet Tim atemlos. Drinnen immerhin DisneyTV, Bundesliga und einen Sender, der rund um die Uhr Food ausstrahlt. Irgendwann packen sie mich ins Auto, ich könne schließlich überall schlafen, statt Disney solle ich Harry Potter lesen, Tim will ans Meer von Disneyland.

Als ich aufwache, scheint der Kontinent verschwunden und mit ihm die Anstrengung. Ein Kellner fragt auf Englisch, ob die Biiittäär Lemonä für mich sei oder doch die Focaccia con Mozzarella. Ich zwicke mich in den Oberschenkel, aus Angst, im Foodsender gelandet zu sein, doch tatsächlich, eine Eisdiele, die Eisdiele von Anna und Andrea, chiuso venerdi. Ich nehme die Focaccia und einen Espresso, der nicht nur italienisch heißt, sondern auch so schmeckt.
Um mich herum Leute in Strandbekleidung, ein italienisches Einrichtungsgeschäft und Tim beteuert, die Spaghetti seien al dente, wir seien nicht mehr in Klischeeafrika, sondern in der Zukunft des Kontinents. Ob ich noch ein Eis wolle. Eis!

Das Fieber sinkt analog zu meinem Italienkonsum rapide, ich schaffe es, mehrere Stunden am Stück wach zu bleiben, schließlich einen ganzen Tag, schalte meinen Afrikamodus ab, laufe barfuß durch Wasser, esse Salat, lerne italienisch vom Barkeeper und werde diesmal in Italien gesund. Einfach so. Am Meer.

Zu Hause hat die Regenzeit überall ihre Schimmelspuren hinterlassen. Erstaunlich, was alles schimmeln kann, nein, nicht vergessener Frischkäse im Kühlschrank, sondern Anzüge, Sofas, Terminkalender. Ich fürchte, dass sich der Schimmel auch meiner bemächtigt, samt Fieber. Meine verzweifelte Gegenwehr: ich backe Focaccia, koche Spaghetti, lerne italienisch und bin mein eigenes Disneyland. Vielleicht hilft es.

Es ist so. A ni fàma, lange nichts gelesen, geschrieben, gehört, gesehen. Ich lerne.
Ich lerne Vokabeln. Nicht wie bisher französische Ausdrücke à la „Du hast den Pfirsich!“, nein, Clara lehrt mich Bambara. Das ist praktisch und vor allem höflich, weil Landessprache. Seit acht Monaten kann ich nichts, wie Clara mir bereitwillig bestätigt. Um genau zu sein, ruft sie mit großem Erstaunen nach jedem zweiten Satz, dass ich ja WIRKLICH nix könne. Und sie hat Recht.

Bisher konnte ich guten Morgen sagen, jetzt stammele ich das Äquivalent zu Mahlzeit! , Guten Nachmittag, Guten Abend, Möge Allah eine friedliche Nacht schenken, Sei gegrüßt beim Kochen / Arbeiten / Verkaufen.
Und ich lerne, ça va et la famille? im ursprünglichen Sinne. I ka kƐnƐ? SomƆgƆw bƐ dì? Ein Mann wird diese Fragen (und alle Fragen der Begrüßungszeremonie) immer mit einem Hinweis auf seine Mutter antworten, eine Frau ihre Gebärfähigkeit preisen. Logisch.

Zugegeben, noch lerne ich vor allem auswendig, was vor in erster Linie daran liegt, dass ich mir „Kein Problem“ besser merken kann als „Leid nichts sich-nicht-befinden`sie [Mehrzahl] an“ herzuleiten. Aber ich arbeite dran, füttere meine Motivation, mit kleinen, auswendig gelernten Erfolgen, wie ein Hund, der Stöckchen holt, bringt, Wurschti kriegt.
Oumar zum Beispiel war hoch erstaunt und erfreut, als ich ihn nach drei Tagen Krankheit nach seiner Gesundheit fragte. Madame! ich könne ja mehr als der Patron* und ja! er sei sehr gesund und aha aha! Bambara! Patron, Madame spricht Bambara! gerade hat sie mich nach meiner Gesundheit gefragt, ça va et la famille?

Außerdem bemühe ich mich, bis zwanzig zu zählen, weil Clara mich mit Engelsgeduld abfragt, Glitzer sieben, Glitzer duuru, Glitzer gegen unendlich, bis ein Kind das alles sehr interessant findet und uns englische Brocken hinwirft, die wir auf Französisch übersetzen sollen, „Du hast den Pfirsich!“ ist nicht dabei.
Das Rechnen erspare ich mir, ständig gilt es, Dinge durch die Gegend zu multiplizieren, weil man einer anderen Zahlensystematik folgt. Clara meint, ich solle mich nicht so anstellen, es sei alles immer nur mal fünf, aber wenn man hundert-hundert sage, sei es halt trotzdem fünfhundert. Ich möchte Pastis.

Was ich sehr praktisch finde sind neben der Abwesenheit von Flexionen die Nachsilben –yƆrƆ, -tìgi und -fƐn. Aus à mìn (trinken) wird mìnyƆrƆ, der Trinkenort, die Bar, mìntìgi, der Trinkenbesitzer und schließlich tatsächlich mìnfƐn, das Trinkending, das Getränk, zum Beispiel Pastis. Mali-Mali**. Außerdem: Hunger-groß sich-befinden ich an.

Ja, ich weiß, so unsystematisch stellt sich das nur halb spannend für Sie da. Und seit fünf Absätzen warten Sie auf die große Blamage meinerseits, die wütende Kamelbesitzer zur Folge hat (kein Angst, so weit kommt es bestimmt bald), wahlweises ein schlimmes Schimpfwort (Unbeschnittener! dafür aber bin ich zu höflich) oder wenigstens die Ergänzung ihrer polyglotten IchliebeDich-Apotheke. Aber das müssen Sie sich schon selbst beibringen. Abana.

*Zum Wesen des Patrons im Allgemeinen, nicht im Besonderen, will ich schon lange schreiben, aber immer kommt mir was dazwischen.

**Der Trinkspruch „Mali-Mali“ geht auf die Anekdote eines malisch-chinesischen Geschäftsessens zurück, bei der ein von chinesischer Seite hervorgebrachtes „Chin-Chin“ schlagfertig mit einem „Mali-Mali“ gekontert wurde.

Es ist so. Gestern habe ich wieder viele Leute zu Besuch in meinem Büro. Einen Militärberater zum Beispiel, wir unterhalten uns über den Norden. Und über Pontonbrücken, die Sicherheitslage, sowie die letzte Mail an die elektronische Deutschenliste.
Sie heisst tatsächlich so. „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, bitten wir Sie, die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes nun ernst zu nehmen.“ Ich überlege kurz, was ich mit den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes bisher getan habe und fühle mich ertappt: ich habe sie ignoriert. Das werde ich weiterhin tun, sie nämlich sind irrelevant. Das Auswärtige Amt warnt mich vor dem Norden, in dem ich nicht bin und warnt mich hingegen nicht vor den reellen Gefahren um die Ecke: vor dem Typhus der Kollegin. Oder vor Mofas. Mofas. Mofas. Mofas. Oder vor der Batteriesäure in Gartenerde.

Der Militärberater lacht. Für die beschriebene Allgegenwart der Gefahren sähe ich noch relativ gut aus. Dennoch: im Moment bastele er eine Vitaminbombe für mich. Ich frage, ob er im Restaurant nebenan gegessen habe, vor dem Essen dort warne das Auswärtige Amt auch nicht. Ob ihm irgendwas nicht wohl bekommen habe?
Vitaminbomber? Rosinen? Mit Kanonen auf Glitzer schiessen?

Er zieht die Augenbraue hoch. Ob ich nichts von der Operation Sauerkraut gehört habe. Wieder fällt mir mein britischer Freund ein und ich denke, dass bei ihm „Operation“ und „Krauts“ wohl ähnliche Fragezeichen auslösen würden. Doch doch, die Operation Sauerkraut, ganz gross. Und dann, verschwörerisch, nur ein Wort: W e i h n a c h t s m a r k t.

Weihnachtsmarkt. Letztes Jahr habe man zum Weihnachtsmarkt Sauerkraut eingeflogen, zwanzig Kilo vielleicht. Allein, es schmeckte nicht. Deshalb, wir wollen nicht von der Vaterlandsehre sprechen, rein von Geschmack, würde dieses Jahr das Sauerkraut selbst gemacht. Weil Würschtl ohne Kraut gingen ja auch nicht. Und damit, mit diesem Vitamin-C-Schub, könne einen hier auch kein Typhus umhauen, versprochen, Glitzer.

Als er gegangen ist, zwanzig Kilo Sauerkraut wollen pfleglich behandelt werden, erwartet mich eine neue Mitteilung an die elektronische Deutschenliste. Vielleicht ist der Norden weiter nach Süden gerückt, oder im Nachbarland wurde mal wieder zur Festigung der Demokratie die Verfassung im Sinne des Präsidenten geändert. Ich tippe auf letzteres.
Aber da: „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, möchten wir sie darauf hinweisen, dass für den Weihnachtsmarkt noch dringend Kuchenspenden  benötigt werden.“ Ich tue, was ich mit der elektronischen Deutschenliste immer tue und stürze mich waghalsig in den Feierabendverkehr.