Es ist so. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt Michael Obert in „Regenzauber“ von seinem Arzt, der ihn nach seinen Reisen sehr aufgeregt fragt, was er ihm denn diesmal Schönes mitgebracht habe, gerade so, als würde er seltsame tropische Krankheiten wie Schmetterlinge auf Nadeln spießen und ehrfürchtig sammeln.

Hier gibt es für gewöhnlich nur drei Krankheiten: le rhume, le palu, la fatigue.

La fatigue ist eigentlich immer. Wird man nach einer Reise krank, wegen zuviel Arbeit, wegen zu wenig, aufgrund des Klimas, ohne ersichtlichen Grund – c’est la fatigue. Die Erschöpfung scheint etwas zu sein, was nur Weißnasen befällt, wird aber nicht weniger ernst genommen. Man müsse sich nun gut erholen, nehmen Sie lieber mal zehn Kilo zu, Madame, so hielte ich ja nichts aus, hier sei schließlich Afrika.

Palu, paludisme klingt reizend, meint aber Malaria. Wird im Zweifelsfall immer entdeckt, wenn Fieber im Spiel ist – die Fatigue kennt kein Fieber oder aber, wer erschöpft ist, ist auch anfälliger für Palu und damit das Fieber. Ja, Madame, man wisse jetzt nicht so genau, auch der Test, la fatigue, hm, es könne schon sein, dass man die eine oder andere Plasmodie im Blut habe herumschwimmen sehen. Jedenfalls solle man was dagegen einnehmen. Dieser Rat ist meist tatsächlich ein guter, allein das Mückenvorkommen in den Warteräumen der Gesundheitsstationen überzeugt.

Momentan grassiert die Erkältung, le rhume, wie in jedem vernünftigen Winter auf dieser Welt. Seit es kalt und staubig wurde, sind alle erkältet. Übertragen wird die Erkältung laut eines Kollegen ebenfalls über den Staub. Schließlich husteten alle hinein, die Erreger klammerten sich an die Staubpartikel, die man wiederum arglos einatmete. Oh, es gibt viel Staub zurzeit, an manchen Tagen kann man vor lauter Staub das andere Ufer des Flusses nicht sehen. Allein die Vorstellung, wieviel Erkältung sich auf dieser kurzen Strecke tummelt, führt bei mir zur Fatigue.

Grundsätzlich bin ich als Tochter einer Krankenschwester nicht krank. Der Zusammenhang stellt sich weniger über einen anerzogenen Hygienefimmel her als über die Definition von „krank“. Allerdings habe ich mir diese Definition hier abgewöhnt. Heute bleibe ich aus Rücksicht auf andere mit einer Erkältung zu Hause, die ich früher bestimmt in die Schule getragen hätte. Ich will meine Viren nicht auch noch in den Staub rotzen. Zumal ich davon ausgehen muss, dass mein Immunsystem im hiesigen Vergleich einem Monster gleichkommt.

Aber Ihnen brennt eine andere Frage auf der Seele: gibt es denn wirklich keine anderen Krankheiten? Etwas Spannendes? Oder wenigstens Typhus, Cholera, Ruhr? Flussblindheit, Guinea-Wurm, Bilharziose? Etwas, das nur im Entferntesten an einen Schmetterling erinnert?

Natürlich gibt es die, sie scheinen aber aufgrund ihrer Normalität nicht zu zählen. Nur die Palu hat es trotz ihrer Omnipräsenz in die Top Drei geschafft. Mit allem anderen geht man ins Büro, meist auch, weil es dort ruhiger ist als zu Hause.
Bei afrikanischen Kollegen deutet manchmal wenigstens ein „Ca va un peu“ einen katastrophalen Zustand an. Allerdings muss es kein Typhus sein, auch andere Schicksalsschläge verstecken sich hinter dieser Zurückhaltung.
Meistens aber wird man mit Küsschen Küsschen begrüßt (ich finde ja Händegeben bisweilen schon arg!) und das ça va-Geplänkel beendet der Kollege mit einem beliebig seufzenden Er habe schon wieder Amöben. Oder Typhus. Oder sonstiges. Der Tonfall gleicht meist einem Gespräch über das Wetter.

In solch einer Situation erkenne ich mein eigentliches Problem: ich habe das falsche Hobby. Weder begeistere ich mich für wissenschaftliche Studien am lebenden Objekt noch fürs Schmetterlinge sammeln. Dabei könnte es ein Hobby sein wie jedes andere auch und würde mir einiges erleichtern. So aber taumele ich sofort in eine monströse, zornige Fatigue.

Djenné. Zentrum der sudanischen Lehmarchitektur. Die Moschee von Djenné ist der größte Lehmbau der Welt. UNESCO Weltkulturerbe.

Es ist so. Meine Schwester und ich sind in Djenné, um zu tun, was Touristen tun müssen: die Moschee bewundern, die Häuser, den Montagsmarkt. Ich wundere mich desweiteren jedes Mal wieder, wie um alles in der Welt ich die französische Vokabel für Abwasserreinigung gerade im Zusammenhang mit Djenné lernen konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir stehen also vor der Moschee, vor uns Fanta und Fatoumata, die Ketten verkaufen wollen. Uns. Unbedingt uns. Es gebe nämlich derzeit keine anderen Touristen, wir Schwestern sähen uns so ähnlich, seien die ersten Kundinnen und weil Schwester Fanta was abkauft, müsse ich Fatoumata eine Freude machen, wo ich ihr die letzten drei Male hier schon nichts abkaufte, das wisse sie genau, dabei, Madame, man müsse sie ermutigen, sie würde einen guten Preis machen, alles sei weniger teuer et cetera und so fort. (Falls Sie überlegen, hierher zu reisen, lasse ich Ihnen den Monolog gerne vorab zukommen.)

Während ich Fatoumata nichts abkaufe, versuche ich gleichzeitig Michel le Magnifique loszuwerden. Das sei er, stellt sich der bullige Mann vor, der in seinem Muskelshirt gekonnt das Fotomotiv Moschee versperrt. Man habe es nicht so gerne, wenn Touristen so ziellos durch die Stadt liefen, wo es doch so viel zu sehen gebe. Er sei zufällig ein offizieller Guide, wie alle seine Brüder und Onkel. Alle weiteren seien längst nicht so offiziell, er fürchte, sie würden uns bestimmt belästigen, falls wir nun darauf bestünden, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Würden wir? Na gut, aber, wenn wir wollten, nur zur Sicherheit natürlich, könnten wir vorab vom Dach seines Hauses einen Blick auf die Stadt, die Moschee und den Markt werfen.
Nein, aha , oder später, er könne das gerne organisieren, eigentlich dürften ja Touristen nicht in die Moschee, aber gegen einen geringen Beitrag würde sich da was machen lassen, gerade für die Schwestern, die heute die ersten Kundinnen seien.
Oder, vielleicht, ein anderes Angebot. Sein Bruder könne kein Französisch, könne uns aber gerne begleiten, um die anderen Guides abzuhalten, gleichzeitig aber nichts zu erklären. Für ihn sei das eine hervorragende Chance, Französisch zu lernen, für uns eine gute Tat oder er lerne eben Deutsch, auch recht. Fünftausend?

Irgendwann schlendern wir durch die Seitenstraßen rund um die Moschee, treffen auf Abdoulaye, ça va les sœurs, Wir seien seine ersten Kundinnen, nein, aha, dann eben kein Geschäft, sondern ein Angebot. Wir hätten Glück, er sei der Sohn des Imam und gegen einen geringen Beitrag könne er mit seinem Vater reden, wir könnten uns die Moschee ansehen, obwohl das verboten sei, aber er als Sohn. Er könne uns auch gerne die Stadt zeigen, wo wir uns gerade herumtrieben sei es für Schwestern eigentlich nicht interessant. Nein? Gut, vielleicht wolle ich mir zur Sicherheit seine Telefonnummer merken, dann könne ich ihn anrufen, sobald wir uns überlegt hätten, die Moschee zu besichtigen.

Es spült uns nach einiger Zeit zurück auf den Markt, wo uns eine Jungswolke zu überreden sucht, ihnen einen Fußball, Bonbons, Kekse, Bleichcreme, Schuhe oder sonst! irgendetwas! zu kaufen!, während ihre kleine Schwester uns Ketten anbietet, Sie haben es erraten, wir seien die ersten Kundinnen und so weiter.
Michel le Magnifique kreuzt in regelmäßigen Abständen unseren Weg, ça va, les sœurs, ob er uns die Frauenkooperative zeigen solle, oder später vielleicht. Auch seinen Bruder treffen wir, der uns auf Französisch, Englisch und Deutsch zu einem Stoffverkäufer führen will.

Schwester drängt, ob wir nicht einfach wieder rückwärts da raus könnten, raus raus raus, wir schlagen uns erneut ins Abseits. Ich steuere auf einen Laden zu, die Touristeninformation. Ich habe sie wohl nicht alle, ob ich wirklich da rein wolle, da seien bestimmt noch mehr. Im Laden überreden wir den Mann, dass die Bücher, die er ausliegen hat, zu verkaufen seien und erstehen einen Bildband.
In Ruhe betrachtet, ist es nämlich wunderschön, dieses Djenné.

Ach so, Sie wissen ja, dass ich Liedtexte nicht vergessen kann, ebenso ergeht es mir mit rhythmischen Zahlenreihen. Falls Sie also einen Guide für Djenné suchen, hier Abdoulayes Nummer: 74 12 47 06, mit schönen Grüßen von den Schwestern.

Es ist so. A ni fàma, lange nichts gelesen, geschrieben, gehört, gesehen. Ich lerne.
Ich lerne Vokabeln. Nicht wie bisher französische Ausdrücke à la „Du hast den Pfirsich!“, nein, Clara lehrt mich Bambara. Das ist praktisch und vor allem höflich, weil Landessprache. Seit acht Monaten kann ich nichts, wie Clara mir bereitwillig bestätigt. Um genau zu sein, ruft sie mit großem Erstaunen nach jedem zweiten Satz, dass ich ja WIRKLICH nix könne. Und sie hat Recht.

Bisher konnte ich guten Morgen sagen, jetzt stammele ich das Äquivalent zu Mahlzeit! , Guten Nachmittag, Guten Abend, Möge Allah eine friedliche Nacht schenken, Sei gegrüßt beim Kochen / Arbeiten / Verkaufen.
Und ich lerne, ça va et la famille? im ursprünglichen Sinne. I ka kƐnƐ? SomƆgƆw bƐ dì? Ein Mann wird diese Fragen (und alle Fragen der Begrüßungszeremonie) immer mit einem Hinweis auf seine Mutter antworten, eine Frau ihre Gebärfähigkeit preisen. Logisch.

Zugegeben, noch lerne ich vor allem auswendig, was vor in erster Linie daran liegt, dass ich mir „Kein Problem“ besser merken kann als „Leid nichts sich-nicht-befinden`sie [Mehrzahl] an“ herzuleiten. Aber ich arbeite dran, füttere meine Motivation, mit kleinen, auswendig gelernten Erfolgen, wie ein Hund, der Stöckchen holt, bringt, Wurschti kriegt.
Oumar zum Beispiel war hoch erstaunt und erfreut, als ich ihn nach drei Tagen Krankheit nach seiner Gesundheit fragte. Madame! ich könne ja mehr als der Patron* und ja! er sei sehr gesund und aha aha! Bambara! Patron, Madame spricht Bambara! gerade hat sie mich nach meiner Gesundheit gefragt, ça va et la famille?

Außerdem bemühe ich mich, bis zwanzig zu zählen, weil Clara mich mit Engelsgeduld abfragt, Glitzer sieben, Glitzer duuru, Glitzer gegen unendlich, bis ein Kind das alles sehr interessant findet und uns englische Brocken hinwirft, die wir auf Französisch übersetzen sollen, „Du hast den Pfirsich!“ ist nicht dabei.
Das Rechnen erspare ich mir, ständig gilt es, Dinge durch die Gegend zu multiplizieren, weil man einer anderen Zahlensystematik folgt. Clara meint, ich solle mich nicht so anstellen, es sei alles immer nur mal fünf, aber wenn man hundert-hundert sage, sei es halt trotzdem fünfhundert. Ich möchte Pastis.

Was ich sehr praktisch finde sind neben der Abwesenheit von Flexionen die Nachsilben –yƆrƆ, -tìgi und -fƐn. Aus à mìn (trinken) wird mìnyƆrƆ, der Trinkenort, die Bar, mìntìgi, der Trinkenbesitzer und schließlich tatsächlich mìnfƐn, das Trinkending, das Getränk, zum Beispiel Pastis. Mali-Mali**. Außerdem: Hunger-groß sich-befinden ich an.

Ja, ich weiß, so unsystematisch stellt sich das nur halb spannend für Sie da. Und seit fünf Absätzen warten Sie auf die große Blamage meinerseits, die wütende Kamelbesitzer zur Folge hat (kein Angst, so weit kommt es bestimmt bald), wahlweises ein schlimmes Schimpfwort (Unbeschnittener! dafür aber bin ich zu höflich) oder wenigstens die Ergänzung ihrer polyglotten IchliebeDich-Apotheke. Aber das müssen Sie sich schon selbst beibringen. Abana.

*Zum Wesen des Patrons im Allgemeinen, nicht im Besonderen, will ich schon lange schreiben, aber immer kommt mir was dazwischen.

**Der Trinkspruch „Mali-Mali“ geht auf die Anekdote eines malisch-chinesischen Geschäftsessens zurück, bei der ein von chinesischer Seite hervorgebrachtes „Chin-Chin“ schlagfertig mit einem „Mali-Mali“ gekontert wurde.

Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

rente@wetten-dass.de

Februar 10, 2011

Es sei so, dass man in England auf alles wetten könne und in Deutschland könne man alles versichern. Ich bin Deutsche. Genau genommen, wie schon dargelegt, Auslandsdeutsche und Deutsche im Sinne der elektronischen Deutschenliste. Aus mir auch unerfindlichen Gründen wollte ich jedenfalls versuchen, mich für die Zeit hier freiwillig in Deutschland rentenzuversichern.

Also rief ich die Rentenversicherung an, Guten Tag, ich ginge ins Ausland und wolle mich freiwillig rentenversichern, bitteschön, wie das von Statten gehe.
„Hamse Internet? Ja, hamse? Laden Sie sich das runter, den Antrag. Könnse sowas ausfüllen, ja? Vielleicht? Dann schickense das. Lesen Sie alles Relevante. Ja, lesen. Könnse? Gut.“
Sindse amüsiert, ja? Ich war es nur ein wenig, fragte mich, was wohl „alles Relevante“ sei, suchte das Formular, hoffte, das richtige gefunden zu haben, füllte es aus und schickte es weg.
Zugegeben, es war nicht Monate im Voraus, sondern ebenso knapp, wie alles in diesen Tagen und dann zog ich eben um.

Irgendwann bekam ich Post. Also, das heisst, meine Schwester, denn ich habe einen Nachsendeauftrag. (Eine Sache, die eher zu Wetten taugt, im Übrigen. Habe ich von Interpol erzählt, als mein Pass samt Visum irgendwo im Nirwana des Nachsendeservices schwelgte? Nein? Ein ander Mal.)

Das Schreiben sagte danke für meinen ordnungsgemäß ausgefüllten Antrag und man sei sich nicht genau im Klaren, was ich von der Rentenversicherung wolle, aber ich könne gerne Frau Naglmoser anrufen. Ich schrieb Frau Naglmoser eine Mail. Frau Naglmoser schickte einen Brief an meine Schwester, mein ordnungsgemäss ausgefüllter Antrag sei eingegangen und geprüft worden. Wenn ich wollte, könne ich mich freiwillig versichern, falls ich im Ausland arbeitete. Ich schickte Frau Naglmoser eine Mail und bestätigte, dass ich mich seit jeher gerne freiwillig rentenversicherte, da ich im Ausland arbeitete.

Dann hörte meine Schwester lange nichts von Frau Naglmoser und ich schrieb ihr erneut eine Mail. Von glitzer@kugel.de an naglmoser@rente.de Prompt erhielt ich eine Fehlermeldung. Die Mail an glitzer-kugel@glitzerkugel.de könne nicht zugestellt werden, da der User nicht bekannt sei. Das ist klar. Das müsste ja meine Mailadresse sein. Sie existiert aber nicht, deshalb schreibe ich sie auch nicht an. Überhaupt wollte ich ja Frau Naglmoser anschreiben, um einen Brief zu erhalten, der mir die Höhe des Wetteinsatzes in Sachen Rente mitteilt, zum Beispiel.

Jetzt aber diese Fehlermeldung von einer Mailadresse, die sich als mich ausgibt und Kontakt aufnimmt, obwohl ich sie gar nicht angeschrieben hatte. Man sollte 1984 nicht unterschätzen, und ich frage mich, was passiert, wenn diese Mailadresse weiterhin so tut, als sei sie ich, obwohl es sie nicht gibt. Stellen Sie sich vor, sie eröffnete ein Facebookprofil an meiner statt. Oder bestellte eine Waschmaschine. Oder würde wettsüchtig. Oder schlösse eine Rente ab. Nicht auszudenken!

Während ich mich ob dieser Gedanken schlaflos wälzte, eine Mail meiner Schwester. Frau Naglmoser habe geschrieben. In ihrer grenzenlos bürokratischen Güte bescheidet sie mir mit, dass ich nun freiwillig einzuzahlen habe bzw. das dürfe. Für weitere Fragen stehe sie nicht zur Verfügung. Ausserdem möge ich bitte eine korrekte Mailadresse angeben, auf jeden Fall aber eine Adresse in Deutschland, am besten mit Meldebestätigung. Habe ich erwähnt, dass ich im Ausland arbeite? Vielleicht frage ich meine nicht existente Mailadresse, wo sie wohnt. Klappt bestimmt und wahrscheinlich versteht sie sich recht gut mit Frau Naglmoser – wetten?

Ob ich nicht noch bleiben möge, fragt der Polizist. Ich käme ja wieder, Samstag schon. Was, erst Samstag, wie Sie meinen, Madame, ob ich wisse, dass dieses Land stellenweise zur Zone rouge für Leute wie mich gehöre. Wie auch sein Land. Aber das müsse ich verstehen, schliesslich seien es arme Länder, oder. Naja, gutes Wiederkommen, ach, und ja, gute Reise.

Drei Stunden später stehe ich an einem anderen afrikanischen Flughafen am Gepäckband. Nein, es ist gar kein Band. Eine Bande. Eine Holzbande, auf die die Koffer gestapelt werden. Dann kann man sich einen aussuchen. Was, Sie wollen diesen? Viel Spass damit und herzlich willkommen.

Ich finde einen Taxifahrer, nein, er findet vielmehr mich, dann aber finde ich die Navette des Hotels, in das ich vielleicht sollte. Mein Name steht nicht auf dem Schild, aber ich sage dem Fahrer, dass ich gerne mitfahren möchte. Ah bon, gerne, herzlich willkommen, Sie sind wohl zum ersten Mal hier, Madame. Vom Flughafengebäude bis zum Parkplatz kaufe ich eine neue Telefonnummer, höre rührende Geschichten von einem Jugend-Kunstprojekt, einem Kinder-Musikprojekt, einer Waisen-Handwerkergruppe, einer Frauen-Schmuckbastelgruppe und einer Einäugigen-Tanzgruppe. Gut, die Tanzgruppe ist erfunden. Alle aber verkaufen genau das, was ich nicht suche, vorzugsweise aus Bronze, praktischerweise genau ums Eck und die ganze Woche und gerne auch im Hotel.

Gelernt ist gelernt, aber auch ich bin nicht von schlechten Eltern, ah bon, interessant, wirklich, was für eine äusserst unterstützenswerte Initiative, bonne continuation, Monsieur, gerade so eine Tanzgruppe braucht es hier ganz besonders, wenn ich nicht schon zu spät wäre, würde ich das gerne und auch meinen Kollegen, aber wer weiss, vielleicht, aha, im alten Viertel, sowas, tatsächlich gleich ums Eck und schon immer wollte ich kiloweise Bronze nach Hause schleppen, nein, danke keine Masken, die würde ich wohl besser im Nachbarland kaufen, aber hier sei man ja für die Bronze berühmt. Als wir loskommen, fragt mich der Fahrer der Navette, wo so höfliche Leute wie ich eigentlich herkommen, nein, ich solle ihn nicht auf den Arm nehmen, das könne nicht sein, ah so, Sie wohnen schon länger in der Gegend, er verstehe. Wieviel Bronzefiguren ich besässe?

Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Junior Suite meines Lebens, ans Bett gelehnt. Wenn ich mich nicht fest anlehne, fällt der Nachttisch um, auf dem mein Bier steht (wenig später nach diesen Zeilen habe ich sie bereits vergessen und auch mein Bier gehört der Vergangenheit an). In andere Ecken des Zimmers sehe ich vorsorglich lieber nicht.
In der Hotellobby steht ein Bronzevogel, der es mir spontan angetan hat, aber ich kaufe lieber noch ein Bier, Madame, herzlich willkommen. Ich bemühe mich gar nicht erst, die Tür solide zuzusperren, sie lässt sich ohne weiteres aus dem Schloss drücken, ebenso die Balkontür. Dafür sind die Fenster dank Deckenfarbe undurchsichtig.

Allerdings bin ich gute Polizistentochter und nun höre ich natürlich ständig jemanden meinen Tür öffnen. Kurz vor der Paranoia gegen drei Uhr morgens stehe ich auf, gehe zur Rezeption und kaufe den Vogel. Dass der Rezeptionist komisch guckt, ist mir egal. Nur, als er mir erzählt, welche wirklich äusserst unterstützenswerte Selbsthilfegruppe junger aufstrebender höherer Töchter den Vogel hergestellt hat, winke ich ab und prüfe allein die Spitze des Schnabels.
Dann erstehe ich noch eine Schildkröte als Wurfgerät und zwei kleinere Schmuckanhänger, um den Nachttisch zu stabilisieren. Aus einem Glockenspiel bastle ich eine Frühwarnsystem und aus einer Armee ein Tretminenfeld. Endlich weiss ich, wozu man immer kiloweise Bronze zu Hause haben sollte. Bin ich eben meine eigene Zone rouge.

Kennen Sie Ouagadougou? Nein? Ein Faszinosum. Ich war nie dort, aber die Vokalhäufung entlockt mir bekennendes Staunen. Diese Vokalhäufung zieht auch den Witz nach sich, Ouagadougou sei die Hauptstadt der Oberpfalz. Diese wiederum schätze ich weniger. Wahrscheinlich, weil ich in Niederbayern aufwuchs, und die gering Geschätzten auch immer nochmal nach unten treten möchten. Allerdings wohnte meine Oma in der Oberpfalz. Aber diese Stammesauseinandersetzungen tangieren mich nicht. Ohnehin bin ich in Oberbayern geboren, aber auch das wiederum eher auf zufälliger Durchreise. Aber das alles tut nichts zur Sache. Wir waren bei Ouagadougou.

Funny van Dannen besingt in einem seiner launigen Lieder Uruguay: „Drei U auf engstem Raum / ich denke oft an Uruguay.“ Entweder er kannte Ouagadougou nicht. Westafrika ist ja nicht so in wie die Amerikas. Oder es passte einfach nicht in seinen Liedfluss. Das mag sein. „Ich denke oft an Ouagadougou“ klingt auch unheimlicher als „Uruguay“. Ich schreibe keine Lieder, deshalb kommt in meinen Ouagadougou ebenfalls nicht vor. Als Ersatz höre ich Funny van Dannen.

Ein Freund, der selbst nie in Ouagadougou war, erzählte mir, wichtigster Gegenstand der Grußzeremonie sei der Staub. Zunächst widmet sie sich dem klassischen Kanon: Guten Tag – Wie geht es – was macht die Arbeit – die Familie – die Gesundheit – der Schlaf – die Kinder – die Träume – das Leben – die Schlaglöcher. Und dann folgt: der Staub. Heute ist es wieder sehr staubig, jaja, der Staub, so rot, bestimmt aus Timbuktu, hm, morgen soll es noch mehr Staub geben, er ist unangenehm, der Staub, so rot, dieses Jahr soviel Staub, was sagt man da, hat die Welt noch nie gesehen, soviel Staub. Der Staub.
Das ist nicht Smalltalk. Das ist Hallo-Sagen. Je mehr Leute man in Ouagadougou kennt, umso länger braucht man durch die Stadt. Und den Staub. Aber man gelangt nirgendwohin. Es gibt dort nichts.

Dennoch: Ouagadougou ist nicht die Hauptstadt der Oberpfalz, sondern von Burkina Faso. Ich lernte während eines Praktikums Dinge zu Burkina Faso. Zum Beispiel, dass die Einwohner Burkinabé heißen, dass es dort Baumwolle gibt (der Staub spielte in meinem Praktikum seltsamerweise eine geringe Rolle), dass viele Leute im Nachbarland arbeiten und dort ausländerfeindlich verfolgt wurden. Das erinnerte mich an ein weiteres Lied von Funny van Dannen, das sich mit lesbischen schwarzen Behinderten befasst. Die auch ätzend sein können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem lernte ich anhand von Burkina Faso volkswirtschaftliche Kennzahlen. „So Frau Glitzerkugel, guten Morgen, wie ist der Staub, heute gibt‘s vor der Kaffeepause ein paar volkswirtschaftliche Kennzahlen.“ Allein dieser Satz verrät, dass ich bis heute wenig von volkswirtschaftlichen Kennzahlen verstehe. Sie gehören nicht zu meinem Metier und ich werde kein Lied schreiben, in dem sie vorkommen. Funny van Dannen besingt sie schließlich auch nicht.

Was? Die Pointe? Sie finden, das alles liest sich wie eine Grußzeremonie, in der Staub der wichtigste Gegenstand ist? Nicht einmal Small talk? Geschweige denn ein kosmospolitischer Text? Das mag sein, aber es gibt einen Grund: Ich wurde gebeten, einen Text mit möglichst vielen U-Umlauten zu schreiben. Es ist mir nicht gelungen.

Gescheitert

Ihre glitzerkugel

Was? Sie kannten den Text schon? Das kann sein. Aus aktuellem Anlass präsentiere ich Schonmaldagewesenes. Wenn ich aus Ouagadougou zurück bin, erzähle ich Neues. Vom Staub.
Bis dahin spielen wir ein bisschen Musik.

Es ist so. Ich habe ein Telefon. Wer nicht vorbeikommen kann, ruft an. Ich telefoniere nicht sonderlich gerne, noch weniger in einer Sprache, die nicht meine ist. Trotzdem hebe ich manchmal ab, wenn es klingelt. Heute zum Beispiel.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich vielleicht gar nicht weiss, wie man hier telefoniert. Dabei scheint es zunächst nicht weiter ungewöhnlich. Es klingelt. So weit, so normal. (Über hiesige Klingeltöne berichte ein ander Mal. Mit Hörproben, versprochen.) Ich hebe – je nach Tagesform – ab.

– Glitzer, bonjour.
Am anderen Ende der Leitung: nichts. Ein neuer Versuch.

– Bonjour?
Oui, bonjour.
Ich bin erleichtert, es hat tatsächlich jemand angerufen.
– Bonjour, hier spricht Glitzer.
Madame Glitzer? Ja?
– Ja, Glitzer.
Ah, Madame Glitzer!
Der erstaunte Tonfall lässt mich kurz überlegen, ob vielleicht i c h das andere Ende der Leitung angerufen habe, dann aber werden meine Gedanken unterbrochen.

Madame Glitzer! Hoch erfreut! Ça va ? Et la famille ?
Das kennen Sie ja bereits. Ich gebe also Auskunft darüber, wie es mir geht, wie es meiner Familie geht, ob ich gut geschlafen habe, was die Arbeit so macht und erfahre das auch vom anderen Ende der Leitung. Manchmal legt das andere Ende der Leitung danach auf, schönen Tag, Grüsse an die Familie, bleiben Sie gesund. Ich aber bleibe hilflos, fragend, ob es mir nicht richtig ginge, ob ich nicht richtig verstanden habe, vielleicht, zu wenig Anteilnahme an der Floskelei zeigte. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiss, wer dran ist. Beziehungsweise war. Geschweige denn den Grund des Anrufs.
Heute legt das andere Ende der Leitung nicht auf.

– Alors, Sie haben angerufen.
Pardon? Ach so? Ja. Madame Glitzer, sind Sie Madame Glitzer? Madame Glitzer, sprechen Sie mit mir auf A1.
Jetzt ist das Erstaunen ganz auf meiner Seite.
– Entschuldigen Sie bitte, ich…
Nein, nein, nein, auf Deutsch. Sprechen Sie mit mir auf A1. Auf Deutsch.
Ich kombiniere, dass das andere Ende der Leitung, das im Übrigen ausgezeichnet geschlafen hat, testen möchte, ob es für irgend etwas ausreichende Sprachkenntnisse besitzt. Ich spreche auf Deutsch in einfachen Sätzen wirres Zeug im Präsens. Ich halte das für A1.

D’accord. Und jetzt: B1.
Ich spreche auf Deutsch schwierigere, längere Sätze mit Vergangenheitsformen, bis ich gebeten werde aufzuhören und zu erklären, was denn bitteschön B2 sei. Habe ich erwähnt, dass ich so gut wie nichts mit Sprachenlernen oder –lehren zu tun habe, abseits meiner persönlichen Anstrengungen? Ich stammele eloquent, was ich für B2 halte.
Interessant. Sind Sie Madame Glitzer? Oui? Ich rufe Sie wieder an. Ich möchte B2 üben. Klick.

Interessant. Ich staune und überlege, auf welchem Sprachniveau man zu telefonieren lernt. Oder ob ich extra Stunden nehmen sollte. Grüssen Sie in jedem Fall Ihre Familie.

Es ist so. Gestern habe ich wieder viele Leute zu Besuch in meinem Büro. Einen Militärberater zum Beispiel, wir unterhalten uns über den Norden. Und über Pontonbrücken, die Sicherheitslage, sowie die letzte Mail an die elektronische Deutschenliste.
Sie heisst tatsächlich so. „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, bitten wir Sie, die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes nun ernst zu nehmen.“ Ich überlege kurz, was ich mit den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes bisher getan habe und fühle mich ertappt: ich habe sie ignoriert. Das werde ich weiterhin tun, sie nämlich sind irrelevant. Das Auswärtige Amt warnt mich vor dem Norden, in dem ich nicht bin und warnt mich hingegen nicht vor den reellen Gefahren um die Ecke: vor dem Typhus der Kollegin. Oder vor Mofas. Mofas. Mofas. Mofas. Oder vor der Batteriesäure in Gartenerde.

Der Militärberater lacht. Für die beschriebene Allgegenwart der Gefahren sähe ich noch relativ gut aus. Dennoch: im Moment bastele er eine Vitaminbombe für mich. Ich frage, ob er im Restaurant nebenan gegessen habe, vor dem Essen dort warne das Auswärtige Amt auch nicht. Ob ihm irgendwas nicht wohl bekommen habe?
Vitaminbomber? Rosinen? Mit Kanonen auf Glitzer schiessen?

Er zieht die Augenbraue hoch. Ob ich nichts von der Operation Sauerkraut gehört habe. Wieder fällt mir mein britischer Freund ein und ich denke, dass bei ihm „Operation“ und „Krauts“ wohl ähnliche Fragezeichen auslösen würden. Doch doch, die Operation Sauerkraut, ganz gross. Und dann, verschwörerisch, nur ein Wort: W e i h n a c h t s m a r k t.

Weihnachtsmarkt. Letztes Jahr habe man zum Weihnachtsmarkt Sauerkraut eingeflogen, zwanzig Kilo vielleicht. Allein, es schmeckte nicht. Deshalb, wir wollen nicht von der Vaterlandsehre sprechen, rein von Geschmack, würde dieses Jahr das Sauerkraut selbst gemacht. Weil Würschtl ohne Kraut gingen ja auch nicht. Und damit, mit diesem Vitamin-C-Schub, könne einen hier auch kein Typhus umhauen, versprochen, Glitzer.

Als er gegangen ist, zwanzig Kilo Sauerkraut wollen pfleglich behandelt werden, erwartet mich eine neue Mitteilung an die elektronische Deutschenliste. Vielleicht ist der Norden weiter nach Süden gerückt, oder im Nachbarland wurde mal wieder zur Festigung der Demokratie die Verfassung im Sinne des Präsidenten geändert. Ich tippe auf letzteres.
Aber da: „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, möchten wir sie darauf hinweisen, dass für den Weihnachtsmarkt noch dringend Kuchenspenden  benötigt werden.“ Ich tue, was ich mit der elektronischen Deutschenliste immer tue und stürze mich waghalsig in den Feierabendverkehr.

„Sieben Wochen ohne Scheu“ – das Motto der Fastenzeit nimmt er sich wohl zu Herzen, mein Banknachbar, als er sich mir vorstellt. Ich kann leider nicht sprechen. Das geht mir seit Donnerstag Abend so. Möchte ich etwas sagen, knödelt allein ein Schluchzen aus meinem Hals. Ich weiß nicht genau, wo es herkommt, wann es aufhört und was es soll. Es ist einfach da. Ich akzeptiere es als meine Form von Reinigung. Andere kriegen Schnupfen oder legen Katheter. Ich heule.

Meine Schwester schickt mich an die frische Luft. Das helfe gegen Depression, gerade bei Sonne. Gut, ich mag einigermaßen unglaubwürdig klingen, als ich versuche, ihr klarzuknödeln, dass es mir gut ginge. Wenigstens vermeidet sie den Ausdruck „bei dem Wetter“ und sagt „bei Sonne“. „Bei dem Wetter“ ist ein Ausdruck unserer Mutter. „Fernsehen?! Bei DEM Wetter?!“ DAS Wetter ist übrigens immer, wenn es gerade kein anderes hat. Meine Emanzipation findet seit fünfzehn Jahren dergestalt statt, dass ich konsequent NICHT rausgehe, bei welchem Wetter auch immer. Aber heute schon, wegen der Sonne

Vor Kurzem ein Gespräch mit zwei Improvisationstheaterspielerinnen. Kurz zuvor inszenieren sie im Sturm der Spontaneität einen Gruselfilm. Auf die Frage, ob sie manchmal erschreckten, welche Sätze aus ihrem Kopf sprudelten, nicken beide vehement. Ja, meint die eine, sehr, vor allem, wenn sie ihre Mutter reden höre. Aber das sei das Gute – gleichzeitig das Schwerste – an Improvisationstheater: man schalte alle Scheren im Kopf aus.

Ich habe viele Scheren im Kopf. Eine politisch korrekte Schere, eine tolerante, eine Stockimarschschere, eine Frauenbewegungsschere, eine Schere der Aufklärung, eine Dassindsätzemeinermutterschere. Vor lauter Scheren muss ich manchmal zu Hause Sätze üben, damit ich sie kann, wenn ich sie brauche. „Ich möchte nicht.“ Das ist mein Lieblingssatz, samt der Erweiterung: „Entschuldigung, ich möchte mich nicht unterhalten.“ Das ist nicht einmal unhöflich, aber spontan könnte ich ihn nicht.

Vielleicht sollte ich ohne Scheu Scheren fasten. Einfach sieben Wochen alle Sätze sagen, die mir einfallen. Ich sehe meinen Banknachbar an und knödele: „Glitzer. Aber jetzt gehe ich raus. Ich möchte mich nicht unterhalten. Bei dem Wetter.“

Draußen atme ich ein wenig Sonne und überlege weitere Ausprägungen glitzernder Scheu und wie ich ihnen bis Ostern beikommen kann. Als mich auf dem Weg zur Pinakothek ein Herr anspricht, wieso ich so traurig schaue, antworte ich – Moment, schnippschnapp, ach nein, gerade nicht, Moment, zurück, äh – „Das geht Sie nichts an.“ Naja, nicht sonderlich originell. Aber für meine Verhältnisse hochrevolutionär. Es muss ja nicht sofort zum Tourette werden. Und: ich habe noch sieben Wochen.