Es ist so. Ich erhalte eine Rechnung. Also nicht ich, sondern ich als Teil von NeueFirma. Die Rechnung kommt im Januar, sie ist aber für Leistungen letzten November. Seit Januar ist auch die Verwaltung fusioniert, was früher Mathieu und dann Frau Skypeverbot erledigten, erledigt nun – ja nun. Ich trage die Rechnung zu Frau Skypeverbot, die mich mitleidig ansieht und stumm mit den Schultern zuckt.

Dann trage ich die Rechnung zur Freundin von Frau Skypeverbot. Die steht der Verwaltung von NeueFirma hier vor, schüttelt den Kopf. Wie sie das tun solle. Ich habe ja keine Projektnummer und würde nicht über das Büro finanziert. Sie sei nicht zuständig. Wie ich überhaupt finanziert sei. Oder meine Stelle. Das frage sie sich ohnehin. Und wie viele wie mich es denn gebe.

Ich frage in der Zentrale nach, wo das Kopfschütteln per Mail zurückkommt. Man appelliert an meine Geduld, ich solle abwarten, bis ich ein Projektbudget habe. Dass ich gerne, der Rechnungssteller aber nicht so gerne bis ultimo warten könne, wird ignoriert.

Tage später kommt Frau Skypeverbot und fragt nach der Rechnung. Ob die immer noch da sei. Ich könne sie ja privat bezahlen, man werde dann vielleicht im Laufe des Jahres eine Lösung finden, man müsse ja, sie wolle mit ihrer Freundin reden. Ich erwidere, dass ich nicht einsehen würde, Dinge privat zu zahlen. Ich solle mich nicht so anstellen, ich könne schließlich keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sie dann nicht zahlen, das ginge so nicht, man sei ja NeueFirma. Den Einwurf, dass nicht ich die Dienstleistungen in Anspruch genommen habe, sondern die Rechnung im Auftrag von NeueFirma entstanden sei, dass es gewissermaßen mein Job gewesen sei, diese Rechnung zu produzieren, tut sie mit einem weiteren, schulterzuckenden Ich solle mich nicht so anstellen ab. Wofür die Rechnung überhaupt sei, aha, sie halte das ja für völlig überflüssig. Sie jedenfalls könne sich da nicht drum kümmern, am besten sei, ich verursache nun bis auf Weiteres keine Kosten.

Ob ich dann nach Hause gehen könne. Nein, natürlich nicht, ich hätte diesmal ja sogar schon einen Vertrag. Ich frage nach der Büromiete, dem Anteil der Telefonanlage, der Internetverbindung – Ah, Internetverbindung!
Was sie mich schon lange mal fragen wollte, wie das denn sei mit dem, sie wisse jetzt nicht genau, wie man sagte, diesem Widrahtlosinternet, ob sich das in die Telefonanlage einwähle und wo die drahtlosen Kosten denn landeten. Man habe so hohe Telefonkosten, das müsse doch irgendwo herkommen. Ich versuche, ihr den Unterschied zwischen betoniertem und drahtlosem Internet zu erklären, dass das Büro unterschiedliche Telefon- und Internetanbieter habe, auch wenn bei Problemen immer der gleiche Privatunternehmer käme. (Ein sehr sympathischer Malier, der sein Studium als Grillwalker auf dem Kurfürstendamm finanzierte und recht berlinert.)

Frau Skypeverbot nickt, schüttelt den Kopf, nickt, staunt mich stumm an, nimmt die Rechnung und geht. Ich überlege ganz kurz, ob das eben eine private Dienstleistung war oder ob ganz NeueFirma davon profitiert. Dann aber fällt mir ein, dass ich im Trainingsbereich arbeite und das neue Jahr noch ganz jung ist.

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Es ist so. Ich komme also aus Italien wieder, das gar nicht Italien war und gehe irgendwann wieder ins Büro. Dort mache ich, was man macht, wenn man am ersten Tag nach längerer Abwesenheit im Büro ist. Computer, E-Mails. Das Postfach voll, das behaupten alle, die nach längerer Abwesenheit ihre E-Mails ansehen, schließlich ist man wichtig, allerdings nicht so neumodisch wichtig, dass man im Urlaub seine Mails checken müssen möchte. Wozu auch.

Ich zum Beispiel erhalte die unnütze Mail, dass am Mittwoch, 24. August 2011, die Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim schon ab 15.00 Uhr geschlossen sei. Man feiere wohlverdientes Sommerfest. In dringenden Fällen solle man sich an einen diensthabenden Arzt unter der Telefonnummer etc.pp wenden. Ab Donnerstag sei man wieder in gewohnter Weise für das Wohlbefinden aller da.

Sie wissen, ich sitze nicht in Budenheim, wie knapp 10.000 andere Angestellte von NeueFirma ebenfalls nicht. Wir sitzen weltweit. Doch diese Mail geht an alle. Solche Mails gehen immer an alle. Deshalb erhält man in der Folge die Antworten aller an alle.

Der Klassiker in NeueFirma ist die Forderung nach Übersetzung der Mail an alle. Vielleicht wegen des Inhaltes, vielmehr aber wohl, um zu zeigen, dass _die da oben in Deutschland_ _uns hier draußen_ immer vergessen und alle alle wichtigen Mails zwar an alle schicken, nicht aber für alle. Deshalb nun bitte eine Übersetzung ins Englische. Am besten an alle.

Aber nein, die spanischsprachige Welt dürfe nicht vernachlässigt werden, deshalb die vielfache Forderung, die Mail doch bitte auch ins Spanische zu übersetzen.

Inzwischen, Sie kennen das, schreiben mild gereizte, hoch internetkompetente Kollegen belehrende Mails an alle, dass man nicht mehr an alle antworten möge, weil sonst alle ein Postfachproblem wegen aller hätten.
Verzweifelt die Mail eines Kollegen, der liebenswürdigerweise, um dem allem ein Ende zu bereiten, eine englische Übersetzung des Sommerfestes an alle schickt, sogar mit Ländervorwahl des empfohlenen Arztes. Wo aber nun die französische Übersetzung bliebe, fragt eine Dame alle, woraufhin jemand alle warnt, dass es sich bei der besagten Mail vielleicht um einen Virus handeln könne, woraufhin alle hocherschrocken oder – im Falle der hoch internetkompetenten Kollegen – hoch beschwichtigend reagieren.

Es dauert circa zweihundertfünfzig Mails an alle, bis irgendwo in der Zentrale von NeueFirma ein Internetsklave das Ausliefern der Nachrichten über das Sommerfest der Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim an alle verhindert.

Mir bleibt der schwache Trost, dass Menschen, die mitten im August Mails an alle schicken von all jenen, die nicht im Büro sind, eine Abwesenheitsmail erhalten. Bei über 10.000 durchaus beachtenswert. Alle Achtung.

(Sollte ein Vorstand im Sommer eine Mail an alle schicken, dann vielleicht, um in seinem nächsten Interview behaupten zu können, dass er, sobald er eine Mail an alle schicke, SOFORT unheimlich viele Antworten erhielte. Meine Theorie. Aber ich fahre ja auch keinen Oldtimer.)

Es ist so. Ich habe ausführlich die Lokalisierung des Internets in der Welt von Frau Skypeverbot beschrieben. Mittlerweile bin ich mit Frau Skypeverbot per Du und auch sonst verstehen wir uns rührend. Und jetzt weiß ich: sie kann nicht anders. In ihrer Welt existiert das Konzept Internationalität nicht, wie soll man sich da Internet vorstellen können. Oder gar virtuelle Räume. Und wer putzt da überhaupt.

In meinem Büro putzt neuerdings auch niemand mehr, schließlich ist es im Erdgeschoss, dafür geht das Internet nur manchmal, wahrscheinlich ist es verstaubt. Vor Kurzem fragte ich nach, ob jemand auch meinen Müll entsorgen könne, obwohl ich im Erdgeschoss säße. Hm, ja, naja, also, wieso nicht, ich solle ihn einfach nach Feierabend zum Müll in den zweiten Stock stellen, dann könne er abgeholt werden. Seither putze ich selbst.

Darum soll es aber hier nun nicht gehen, ansonsten ist mein Büro funktionell, ich arbeite. Heute entwerfe ich einen Vertrag und fülle das zugehörige Formular zur Mittelanforderung aus. Postwendend (auch eines dieser aussterbenden Worte, nicht aber in der Zusammenarbeit mit Frau Skypeverbot) ein Anruf. Kommense mal, Du.

Das ginge so nicht. Ich könne nicht soviel Geld anfordern, wegen der Abwertung.
Die Abwertung, das ewige Schreckgespenst jeder Buchhaltung. Falls die Abwertung komme (wahlweise die Russen) und man habe soviel Geld auf dem Konto: fatal! Wir befinden uns in einer eurogebundenen Währungszone, die letzte Abwertung erfolgte in den 90ern.
Ohnehin gedenke ich, das Geld auszugeben. Jaha, das habe sie schon gesehen, aber, das ginge so nicht, die Dame sitze im Nachbarland. Und wenn hier, in diesem, unserem Lande Geld ausgegeben werde, müsse es auch hier eingenommen werden. Wegen der Steuer.

Ich scheine sehr ungläubig zu gucken, fange mir das obligatorische Ichsollemichnichtsoanstellen ein, Sie, Du, dass sei ja wohl klar, hier könne man ja nicht überprüfen, ob dort die Steuern ordnungsgemäß abgeführt würden. Mein vorsichtiger Einwurf, dass man das auch hier nicht überprüfen könne, sowie, dass es dafür eine Vertragsklausel gebe, wird brüsk abgeschmettert, darum solle sich ja wohl der Staat kümmern. Ob sich nicht auch Nachbarstaat darum kümmern solle, frage ich und ob meiner Naivität rollt Frau Skypeverbot mit den Augen.
Wenn hier ein Vertrag abgeschlossen würde, dann wüsste der Staat das. Aber Nachbarstaat wüsste das nicht, könne das also nicht nachhalten. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht aus Versehen Vertragsabschlüsse hochzurechnen, die der hiesige Staat bestimmt. alle. einzeln. nachhält. Vielleicht verbirgt sich das ja hinter dem Engagement der Kollegen mit dem Titel „Verwaltungsaufbau“.

Vielleicht aber bräuchten wir hier vielmehr einen Herrn Stoiber, für Bürokratieabbau. Oder aber ich zahle meine Vertragspartner künftig in Naturalien. Die fliege ich dann nach Nachbarland. Vorher aber lasse ich prüfen, ob jeder Reishändler hier seine Steuern ordnungsgemäß abführt.
Geld ist eigentlich eine völlig unsinnige Erfindung, ebenso wie die Internationalität. Braucht kein Mensch. Meins trage ich jetzt in den zweiten Stock zum Müll. Einfach am Staat vorbei.

Vielleicht erinnern Sie sich. Bei meiner letzten Arbeitsstelle war ich von Kollegen umgeben, die gerne mal wikipedia anriefen und denen ich „Flashmobs“ nur als „im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert, um sich diesen anzueignen“ näher bringen konnte.

Hier ist alles anders. Hier kennen die Leute sogar skype. Skype ist verboten. Nicht, weil es ablenkte, nein, weil es das Internet kaputt macht. Sobald auch nur eine einzige Person skype öffnet, kann sofort, s o f o r t, niemand, n i e m a n d, anders mehr online sein, im ganzen Viertel, wohlgemerkt, weil skype das ganze Internet für sich alleine braucht. Skype ist fett, die Internetverbindung mager, skype ist verboten. Das könne man noch nachvollziehen, finden Sie. Ja. Kann man.

Um das Internet nicht unnötig zu belasten, lässt man sich weitere lustige Dinge einfallen Zum Beispiel arbeitet man hier nicht mit den firmenüblichen Internetadressen, sondern hat sich an einen lokalen Provider angedockt. Jeder und jede hat nun eine kryptische Adresse bei @dfghc.com (Meine: berpl.lnd@dfghc.com – ausgesprochen BERaterinPoLitik.LaND soll das logischen Sinn ergeben. Dabei spricht hier niemand deutsch.) Jedenfalls bei @dfghc.com, Weil, wenn man mit den @firma.de-Adressen arbeitet, verschwindet täglich sofort, s o f o r t, jede zweite Mail und überhaupt nie, n i e, kommt eine irgendwo an. Weil @firma.de sei eben so weit weg und @dfghc.com sei soviel näher, die sitzen gleich ums Eck.

Ich hatte anfangs Probleme mit @dfghc.com, nichts erreichte mich, aber @dfghc.com war immerhin so freundlich, eine automatische Antwort zu schicken, es gebe mich gar nicht. Deswegen behielt @dfghc.com auch alle Nachrichten, die an mich gerichtet waren. Ich arbeitete fürderhin verbotenerweise mit glitzer.kugel@firma.de (Außer natürlich, jemand war noch verbotenerweise auf skype.) @firma.de wurde nun auf @neuefirma.de umgestellt. Automatisch. Toll.

Frau Kugel, sprach mich kürzlich Frau Skypeverbot an, Frau Kugel, sie habe nun rausgefunden, wie das sei, mit den Mails bei @dfghc.com Die kämen schon alle an, aber eben später. Weil, wegen dem Spam, da sitze einer morgens bei @dfghc.com und klicke erstmal alle Nicht-Spam-Mails frei. Und wahrscheinlich sei er letztens krank gewesen, als es diese Probleme gab. Nun habe ich ja wohl keine Mailprobleme mehr, oder, sehnse. SEHNSE?

@dfghc.com stellt Frau Skypeverbot nun vor Probleme. Weil, die Firma zieht um, man zieht mit denen, mit denen man nun Neuefirma ist, in ein neues Haus. Im neuen Haus ist wird aber das Internet von jemand anderem betrieben, nämlich von @blue.com . Deswegen hat Frau Skypeverbot jetzt den Vertrag mit @dfghc.com gekündigt, weil, wenn das Internet dann im neuen Haus wem anderen gehört, kann man ja nicht einfach mit den alten Adressen weiter arbeiten. Ich habe das nicht so ganz verstanden, vermute aber, es hat damit zu tun, dass das neue Haus in einem anderen Viertel steht.
Nun verzögert sich die Fertigstellung, das ist keine Überraschung, dafür muss man hier nichtmal Vorurteile haben.

Es ist also so, dass zwischen Ende @dfghc.com und Anfang @blue.com vier Wochen liegen, in denen niemandem das Internet gehört. Für diese Zeit, findet Frau Skypeverbot, sollten sich alle eine @neuefirma.de-Adresse besorgen, allerdings nur für den Übergang, schiebt sie hinterher, man wisse ja, dass das nicht gut ginge, weil das so weit weg sei. Verstehnse.

Ich überlege, ob ich sie auf die Idee bringen soll, bei @dfghc.com nachzufragen, ob die Internetsklaven, die sonst immer die Mails austragen, nicht einfach auf der Baustelle helfen könnten. Das Internet fertig betonieren. Aber so gemein bin ich nicht.

Heute habe ich ein Blatt Papier im Fach, das mir sagt, dass ich ein Jahr lang nicht mehr arbeiten muss. Gut, das steht da nicht. Nicht so direkt. Aber wenn man will, kann man das durchaus so lesen und ja, das möchte ich.
Das Papier schlüsselt auf, welche Gelder ich in 2009 einwerben konnte, um meine Stelle, meine Arbeit und mein Büro zu finanzieren. Ich lese, dass ich in 2009 meine Stelle gleich für 2010 mitfinanziert habe. Für mein Büro bliebe dann sogar noch was übrig.

Statt sofort nach Hause zu fahren, besuche ich – wohlerzogen, wie ich leider bin – unsere Dienstbesprechung. Wir stellen uns gegenseitig unsere Projektplanungen für 2011 vor.

„Gesundheit – Krankheit – Lebensqualität“ erscheint als vermeintlich attraktiver Titel. Ich merke an, dass dieser sich steigernde Dreiklang bei mir die Assoziation „morbide“ auslöst. Ich werde verlacht, ich sei ja noch jung. Kurz überschlagen: meine Kollegen sind im Schnitt 30 Jahre älter als ich. Dann halte ich den Mund, das gebührt der Jugend.

Bis ich dran bin. Alle nicken, freuen sich und lächeln. Als ich aus Versehen „Flashmob“ sage, nicken immer noch alle ganz angetan. Ich hatte mir fest vorgenommen, „im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert “ zu sagen. Nein, in einem unbedachten Moment: „Flashmob“. Als ich mit der Vorstellung aufhöre, herrscht Schweigen. Langes, freundliches, nickendes Schweigen.

„Ja“, räuspert sich mein Chef, „Sie sind ja für die junge Generation zuständig. Was ist das für ein Mob?“ Mein Sitznachbar kichert nervös. In letzter Zeit erkläre ich meinen Kollegen häufig das Internet. Dass man wikipedia nicht anrufen kann, wenn eine Information unvollständig oder gar inkorrekt ist. Was Twitter kann und wer Facebook ist. Wozu ich eine Blogoption möchte.

Ich sage „im Internet initiierte Kunstaktion, die sich spontan im öffentlichen Raum manifestiert“. Nicken. Das klingt soziologisch unterfüttert und nach Jugendforschung. „Aneignung“ lasse ich noch fallen, „Kunst, Politik, Demokratie“, „junge Menschen“. HA! Endlich! Diese Kategorien kennt man. Spürbare Entspannung breitet sich im Raum aus. Visuelles Schulterklopfen.

„Ja“, räuspert sich mein Chef, „Sie sind ja für die junge Generation zuständig.“

Ich überlege, doch lieber gleich nach Hause zu fahren und die junge Generation noch ein Jahr lang in Ruhe zu lassen. In diesem einen Jahr mache ich eine generationenübergreifende Fortbildung. Ich telefoniere ein Jahr lang Twitter hinterher und drucke jede neue Version von wikipedia aus, um sie abzuheften. Und bei Facebook baue ich meinen Schrebergarten nach. Mob? Den brauche ich nur zum Wischen. Privat, ohne Netz, ohne Kunst. Das würde uns allen helfen.