Es ist so. Irgendwann hatte ich aufgehört, den Leuten von unseren Urlaubsplänen zu erzählen. Es gab zwei Reaktionen. Die eine in etwa, Wir seien ja wohl nicht ganz dicht, das sei kein Urlaub, ob wir uns sicher seien, mit drei Kindern, im Auto und dann Sizilien, bei aller Liebe, ihr habt sie doch nicht alle, vier Wochen hin oder her. Das war mir zu blöd und machte mich nervös. Dabei:  wofür gibt’s denn diese Familienkarren, von denen ich vor Kurzem eine – unsere – zielsicher gegen den Betonpfeiler in der Tiefgarage gesetzt habe. Mehr italientauglich geht ja wohl kaum.

Die andere Variante war skeptisch-interessiert, aber mit Details zu Unterkünften und Reiseroute konnte ich bis kurz vor Abfahrt nicht dienen.  Das machte mich auch nervös. Immerhin, wir wussten den Startzeitpunkt. Eine Hüttenübernachtung, bei der Freunde ihren Geburtstag feiern wollten.

Dann der Gardasee – logisch, schließlich sind wir aus München. Und dann, weil wir schon mal da waren, übernachteten wir bei Rom. Irgendwo zwischen zwei Betonwerken am Straßenstrich links im Pinienhain. Zwack spielte mit den Hunden, Strizzi sammelte Steinchen. Der erste Auffahrunfall, die ersten alten Steine, Rom, Berge, Rom, Pizza. Das Kolosseum enttäuschte den Zwack ein bissl, hatte er sich größer vorgestellt. Das Polizeiaufgebot (nach London und rund um das Jubiläum der Römischen Verträge) hingegen beeindruckte ihn sehr.

Während der Autofahrten dichtete Strizzi Unfalllieder („Der Notarzt kommt nicht/ er muss nach Hause/ Die Sirene geht/ DAUDAUDAUDAU!!!“) und reflektierte das Erlebte. „Ein Unfall! Ein Ijod ist auf unser Auto gefahren! IJOD IJOD IJOD! Aber wir haben eine echt gute Stoßstange! Ijoooood! DAUDAUDAU!“

Seit vorgestern sind wir in Sizilien. Auf Sizilien? Egal. Am Meer. Das war eines der beiden Unterkunftskriterien: Meer. Waschmaschine. Und jetzt sitze ich hier, blicke auf das Meer, das sich hinter unserem Wäscheständer heranrollt. Wir haben eine Art Panoramafenster vor dem Meer. Jeder außer mir ist schon dagegen geknallt und hat sich eine Beule geholt. Meine Beule ist von der Dunstabzugshaube. Strizzis Beulen sind außerdem vom Rollern, Ausdembettfallen, dem Treppengeländer, dem Tisch, dem Sideboard. (Tim besteht darauf, dass ich schreibe, wie und wieso er sich eine Beule zugezogen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Meer ist ganz schön laut. Die ganze Nacht, den ganzen Tag. Aber das macht nichts, wir wohnen über der Strandbar. Sie ist – im Gegensatz zum Strand – ab sechs Uhr morgens gut besucht und billig. Wir haben zwei Tage versucht, nicht durch die Gegend zu fahren. Ganz schön anstrengend. Heute war ich vor allem damit beschäftigt, aufzupassen, dass Otto nicht die Schnecken isst, die Strizzi aus dem Kaktusgarten pflückt, außerdem damit, dass sich Strizzi keine Beule beim Schneckensammeln im Kaktusgarten holt und damit, dass er dem Zwack keine Beule mit einem Kaktus verpasst. (Mit einer Schnecke wär‘s mir egal gewesen.) Da kommt einem eine Strandbar gerade recht.

Morgen fahren wir endlich wieder durch die Gegend. Wenn niemand unser Auto klaut. Oder unsere Autoreifen aufsticht. Oder sonstwas. Aber das wird nicht passieren. Und selbst wenn es mir einmal so vorkommen sollte, als sähe unser Auto irgendwie seltsam aus, morgens um fünf, dann sag ich nix. Sonst holt sich Tim noch eine Beule vor lauter Dings.

Schön isses, soweit.

 

Es ist so. Eine unserer Familienlegenden berichtet von einem Italienurlaub, der eigentlich keiner war, weil Kleinglitzer ihn allen verdorben hat. Ich mochte dieses Italien nicht, mit seinen Mücken und der Hitze und den Strandbungalows, wurde krank, bekam Fieber, wir reisten vorzeitig ab. Kurz nach der Grenze zu Österreich ging es mir besser, in Deutschland ward ich vollständig genesen.

Nichts hat sich geändert, früher wurde ich in den Ferien krank, nun im Urlaub. Auf dem Hinflug der erste schläfrige Fieberschub, in der Folge bin ich eine Woche lang damit beschäftigt, zwischen wirren Träumen meinen Körper mit einer Monatsration Immodium zu erhalten. Nur das Gefühl in den Fingern verliere ich zeitweise trotzdem. Ich schlafe gegen die Anstrengung, immer diese Anstrengung auf diesem Kontinent. Was ich hier treibe, sei kein Urlaub, meint der Arzt und verordnet mehr Schlaf. Dabei sei es so schön hier, paradiesisch gar, und so anders im Gegensatz zu zu zu – dort halt.

Ich verschlafe das Paradies vor meinem Fenster. Zwar ist Winter, aber draußen gebe es Shoppingmalls, Müsli, Mineralwasser, Natur, Cafés, Tiere, Infrastruktur, Europäer, die in der Privatwirtschaft arbeiteten. Die Straßen fast schlaglochfrei. Disneyland, berichtet Tim atemlos. Drinnen immerhin DisneyTV, Bundesliga und einen Sender, der rund um die Uhr Food ausstrahlt. Irgendwann packen sie mich ins Auto, ich könne schließlich überall schlafen, statt Disney solle ich Harry Potter lesen, Tim will ans Meer von Disneyland.

Als ich aufwache, scheint der Kontinent verschwunden und mit ihm die Anstrengung. Ein Kellner fragt auf Englisch, ob die Biiittäär Lemonä für mich sei oder doch die Focaccia con Mozzarella. Ich zwicke mich in den Oberschenkel, aus Angst, im Foodsender gelandet zu sein, doch tatsächlich, eine Eisdiele, die Eisdiele von Anna und Andrea, chiuso venerdi. Ich nehme die Focaccia und einen Espresso, der nicht nur italienisch heißt, sondern auch so schmeckt.
Um mich herum Leute in Strandbekleidung, ein italienisches Einrichtungsgeschäft und Tim beteuert, die Spaghetti seien al dente, wir seien nicht mehr in Klischeeafrika, sondern in der Zukunft des Kontinents. Ob ich noch ein Eis wolle. Eis!

Das Fieber sinkt analog zu meinem Italienkonsum rapide, ich schaffe es, mehrere Stunden am Stück wach zu bleiben, schließlich einen ganzen Tag, schalte meinen Afrikamodus ab, laufe barfuß durch Wasser, esse Salat, lerne italienisch vom Barkeeper und werde diesmal in Italien gesund. Einfach so. Am Meer.

Zu Hause hat die Regenzeit überall ihre Schimmelspuren hinterlassen. Erstaunlich, was alles schimmeln kann, nein, nicht vergessener Frischkäse im Kühlschrank, sondern Anzüge, Sofas, Terminkalender. Ich fürchte, dass sich der Schimmel auch meiner bemächtigt, samt Fieber. Meine verzweifelte Gegenwehr: ich backe Focaccia, koche Spaghetti, lerne italienisch und bin mein eigenes Disneyland. Vielleicht hilft es.