Es ist so. Form sei der höchste Inhalt, vermittelte uns unsere Deutschlehrerin. Damals ging es um Lyrik. Dieser Satz hilft mir oft weiter und vielleicht verstehen Sie nun, wieso die Ouverture und die Clôture einer Veranstaltung viel wichtiger sind als deren Inhalt. (Die Banderole lassen wir mal außen vor.) Nein, es ist Ihnen noch nicht klar? Gut, ich teile gerne Anschaulichkeiten, nehmen wir das Beispiel einer einfachen Ouverture, ohne Minister, ohne allzu viel Aufhebens.

Heute erhalte ich die Einladung [URGENT!] zu einer Veranstaltung mit beigefügtem Programm, 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Ouverture 10.00 Uhr, Clôture 12.00 Uhr. Aus dem Einladungsschreiben geht hervor, dass ich NUR zu Ouverture und Clôture eingeladen bin, nicht zum Arbeiten zwischendrin.

Ein Blick aufs Programm verschafft Klarheit:
Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfzig: Installation der Teilnehmer.
Neun Uhr fünfzig bis neun Uhr achtundfünfzig: Installation der Päsidiumsmitglieder.
Dann folgen zwei Minuten voller Nichts (das Fernsehen verlegt die Kabel, Namensschilder werden vor die richtige Person gerutscht.)

Zehn Uhr: Ouverture. Der Zeremonienmeister, der unbedingt jemand anderes sein muss als der Einladende oder die Moderatoren, verliest das Programm. Das Programm der Ouverture, wohlgemerkt, denn die geht um zehn Uhr fünf erst so richtig los. Fünfzehn Minuten Ansprache des Generaldirektors für Öffentliche Aufträge, zehn Minuten Intervention des Geberchefs, fünfzehn Minuten Ansprache des Generalsekretärs der einladenden Initiative – es ist geschafft. Die Ouverture vorbei, zehn Uhr fünfundvierzig, es gibt Kaffee und der nicht arbeitende Teil der Anwesenden kann sich bequem zurückziehen. Danach, bis elf Uhr, Aufheben der Kaffeepause, elf Uhr, Fortsetzung (!) der Arbeit.

Für diese sind genau dreißig Minuten veranschlagt.

Um elf Uhr dreißig beginnt die Installation der Teilnehmer zur Clôture, anschließend, bis elf Uhr achtundfünfzig die der Präsidiumsmitglieder, um elf Uhr neunundfünfzig, offizieller Beginn der Clôture, zwölf Uhr Präsentation des Programmes (genau, der Clôture) durch den Zeremonienmeister (der gleiche wie vorhin), fünf Minuten später jeweils fünf Minuten des Dankes der beiden Arbeitsgruppen, fünfzehn Minuten Schlussansprache des Generalsekretärs, Übergabe der Zertifikate, zwölf Uhr dreißig: Schluss.

Fast. Eingeladen bis vierzehn Uhr, also: Installation der Teilnehmer am Mittagstisch. Ohne große Worte.

Ich rechne kurz, dass ich bisher noch vor jeder Ouverture mindestens 30 Minuten auf das Fernsehen warten musste und beschließe, einfach im Büro Kaffee zu trinken und zu Hause zu Mittag zu essen, jegliche Form völlig ignorierend. Urgence, Pertinence hin oder her.

Ich wurde gefragt, wovon die malische Küche so beeinflusst sei. “Hirse“ war meine spontane, wenn auch enttäuschende Antwort. Und natürlich ist das nicht ganz richtig. Es gibt auch Reis, Erdnüsse und Fisch, Trockenfisch, Schaf und Couscous und alles in mehr oder weniger Bandbreite.
Zur Zeit läuft die Stadt voll mit Schafen. Die meisten haben noch zehn Tage zu leben, dann ist Opferfest. Tabaski. “Fête du mouton”, obwohl sie alle geschlachtet werden, die Schafe. Bis dahin werden sie fragwürdig transportiert: in Dutzenden auf den Dächern der Sammeltaxis, in Minibussen, oder einzeln verschnürt in Fahrradkörben beziehungsweise in den Armen von Mofabeifahrern. Schafe gibt es jede Menge, also. Von ihnen erzähle ich ein ander Mal mehr.

Hätte man mich in meinem Morgengrant gefragt, ich hätte geantwortet, dass es  n i c h t s  gebe. Nur Nescafébrösel, die zu schwarzer Plörre werden, damit man was Warmes im Magen hat. Ich hätte allerdings betont, froh zu sein, dass ich Kaffee schwarz trinke, um nicht noch Milchpulverklumpen aufgiessen zu müssen. Schliesslich kann ich auch im Grant positiv denken.

Vor Kurzem hatte ich überlegt, Brezen zu backen. Ich mag Brezen. Ausserdem hatte ich Weisswürste importiert, samt Senf. Und was soll das sein, ein Weisswurstfrühstück ohne Brezen? Also. Ein Weisswurstfrühstück mit Brezen und Senf und wahlweise den Münchner Gschichten, Monaco Franze oder Kir Royal. Ich legte die Idee einem Bekannten dar, der daraufhin meinte, ich solle gefälligst keine bayerische Parallelgesellschaft bilden, sondern mich ordentlich integrieren. Ich reagierte mit Grant und erzählte ihm von Nescafébröseln. Er entgegnete, ich solle mich nicht so anstellen, guter Kaffee sei kein Menschenrecht und er müsse auch welchen in Ostberlin trinken.

Seufzend schickte ich mich an, mich zu integrieren. Ich stapfte ins Touareg-Kulturzentrum. Nein, das hat nichts mit VW oder zwielichtigen Geschäften zu tun, sondern mit Kamelen, Wüste, Nomadismus, Aufstand, extrovertierten Kopfbedeckungen und Separationsbewegungen. Das kommt ihnen bayerisch vor? Ja. Es kam noch besser: serviert wurde eine Art Gulasch mit Hefeknödeln, die mich sehr an die meiner Oma erinnerten. Soviel Bayern kriegt Ostberlin niemals hin. Darauf einen Nescafé.