Es ist so. An diesem Kühlschrank der Freunde kleben zig bedruckte Magnetplättchen. Buchstaben, Satzzeichen, Smileys. Ganz platt, relativ klein, quadratisch. Verzweifelt versucht Strizzi, dieser Plättchen habhaft zu werden. Leider ist das so eine Sache mit der Feinmotorik (für alle Informierten: kein Pinzettengriff weit und breit!) und es bleibt ihm, die Plättchen mit energischen Bewegungen über den Kühlschrank zu rutschen.

Als ich das nächste Mal zum Kühlschrank blicke, hat sich Strizzi – in Ermangelung des Pinzettengriffs – am Kühlschrank festgesogen. Anschauen und rutschen reicht nicht. Nie. Alles muss in den Mund. Genau genommen ist Strizzi ein einziger Mund, fleischgewordene orale Phase. Nun also klebt er mit Mund und Schnupfennase an diesem Kühlschrank und sabbert rüsselgleich über die Plättchen.

Das ist natürlich alles normal. Und natürlich eine Phase.

Die Kinder der Freunde gucken ungläubig. „Strizzi, Du bist komisch“, meint Katharina. Timo lacht sich kaputt. Seit unserer Ankunft versucht er mit großem Ernst, mindestens eine Sache in diesem Haus zu finden, die man Strizzi hinhalten kann, ohne, dass er sie in den Mund stecken würde oder das zumindest versucht. Fehlanzeige. „Nein!“ hört man ihn vor dem Abendessen rufen, „Tatsächlich auch meine Gummistiefel! Bäh! Das war doch nicht so gemeint!“ Das hätte ich ihm sagen können. Schuhe sind Strizzis Leiberkundungsgegenstand. Trage ich diese Schuhe mit neongelb, kommt Strizzi in einem Affenzahn auf mich zugekrabbelt. Nein, genauer: nicht auf mich. Auf die Schuhe. Dann sabbert er sich am Neongelb fest. Treffen wir auf Spaziergängen auf Leute in bunten Funktionsjacken, wird Strizzi ungeduldig, möchte wissen, wie diese Farbe wohl schmeckt.

Anfangs sabberte der Strizzi einfach nur Dinge an. Den Zwack. Das Dreirad. Bücher. Mittlerweile angele ich ihm routiniert und regelmäßig in den Mund, um Dinge herauszuholen: Squashbälle, Legopinguine, Bauklötze, Blumenerde, Spielzeugautos, Socken, Kastanien, Wachsmalkreiden, Schuhbänder, mehr Blumenerde, Wäscheklammern, USB-Sticks, Kaffeepads (fragen Sie nicht!), Taschentücher, das Telefon, Klopapierrollen, Buchseiten, noch mehr Blumenerde. Irgendetwas findet sich immer. Manchmal wache ich davon auf, dass mir Sabber ins Nasenloch läuft.
Kinder in diesem Alter beginnen, ihre Schätze anderen zu zeigen oder zu geben. Strizzi ebenfall. Mit Hingabe versucht er, uns neu ersabberte Teile seiner Welt in den Mund zu stecken.

Erfahrungshunger, sinniert ein Freund, Es sei doch hochspannend, wohin ihn dieser Erfahrungshunger noch führen würde. Währenddessen beschäftigt Strizzi sich mal wieder mit einer Katze, versucht alf-esk, sie in den Mund zu schieben. Leider fängt er damit bei der Pfote an. Und, meint der Freund, Jaja, es sei alles nur eine Phase.

Kein Mensch, keine Katze spricht über die Dauer von Phasen. Ich halte Strizzi statt der Katze zum Trost eine bunte Socke hin.

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Es ist so. Es ist Kindergeburtstag. Auf unseren ersten Kindergeburtstag sind wir nicht eingeladen. Wir sitzen im Biergarten, kennen niemanden und niemand kennt uns und dann bekommt dieser Junge ein Feuerwehrauto geschenkt. Ein großes. Mit Batterien und dementsprechendem Blinken und Lärmen. Zwack schielt schon die ganze Zeit zu den Luftballons hinüber und fängt jetzt an, schmachtend um die Geburtstagssause zu schwänzeln. Die Oma des Geburtstagskinds verteidigt eisern das Revier, Zwack holt mich zur Verstärkung, zeigt mir das Auto, für das sich das Geburtstagskind keine Sekunde interessiert. Ich sage ihm, dass er es anschauen, aber nicht anfassen dürfe, weil es einem anderen Jungen gehört, der es zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.
Das würde er ja wohl kaum verstehen, zetert die Oma, Nicht kaputt machen, es gehöre dem Enrico und dann sagt sie: „Deine Mama kauft Dir auch eins.“ „Nein“, sage ich und der Zwack sagt „Anschauen“, deutet auf alle Details, erklärt in gebührendem Abstand das Auto, immer unter den Argusaugen der Oma. Irgendwann kommt Enricos Mutter, nimmt das Auto aus der Schachtel, stellt es – unter Oma-Protest, wahrscheinlich also Schwiegermutter – vor den Zwack und drückt ihm ein Stück Kuchen in die Hand.

Die nächsten zwei Stunden verbringt Zwack mit dem Behüten des Feuerwehrautos, ihm auf der Pelle immer die fremde Oma, bis ihr endlich jemand Sekt einschenkt. Als wir gehen müssen, überlegen wir zwei Dinge: wie eisen wir den Zwack vom Feuerwehrauto los? Und: füllen wir jetzt Cola oder doch besser Milch in den Behälter, aus dem man das Löschwasser pumpen kann? (Nur für die Oma. Nicht wegen Enrico.) Wir entscheiden uns für keines von beiden, das Auto gehört ja nicht der Oma, auch wenn das nicht deutlich wird. Ich sage dem Zwack, dass wir jetzt gehen müssen und statt in Heulen auszubrechen, startet er noch einmal die Sirene, bringt das Auto zu Enricos Mama, winkt und klettert in den Fahrradanhänger. Ich staune. Er bekommt noch ein Stück Kuchen.

Auf den nächsten Kindergeburtstag sind wir eingeladen, ein Junge aus der Kita, der auch  in der Nachbarschaft wohnt. Tim besorgt das Geschenk, eine orange Walze, ja, das Fahrzeug. Drei Tage vor dem Geburtstag entdeckt der Zwack die Walze und ruft: „WALZE! NEHMN! DA! WALZEEE! NEEEHMN!“ Ich erkläre ihm, dass die Walze für Bertl zum Geburtstag sei und lege sie irgendwo nach oben hinten in den Schrank. „NEEEHMN!“ plärrt der Zwack und setzt sich vor den Schrank. Irgendwann fruchtet eine Ablenkung und in den nächsten drei Tagen werden die Zeitspannen, die der Zwack „Walze NEEEHMN!“ vor dem Schrank verbringt, kürzer.
Dann kommt der Geburtstag. Ich packe „NEEEHMN! Zwack auch eine Walze! Zwack hat keine Walze! Zwack auch eine Walze! Walze nehmn!“ die Walze ein, erkläre ihm, dass wir sie dem Bertl schenken „MBAAAAAAAAAAAAAAA – NEEEEHMN! WALZEEEÄÄÄ!“ und er aber vielleicht im Laufe des Nachmittags damit spielen „NEEEEHMN! ZWACK WALZÄÄÄ NEEEHMN!“ kann. Ich drücke ihm eine Packung Salzbrezeln „ESSEN! WALZE NEHMN! ESSEEEEEN!“ in die Hand, packe ihn „WALZÄÄÄÄÄ! Zwack auch eine Walze!“ in den Wagen, wir gehen los. „PAPA WALZE SORGEN! Zwack auch eine Walze.“ – „Ja, wir können ja mal sehen, ob wir nochmal so eine Walze finden…“ (leises Schniefen) „…aber heute nicht mehr.“ – „MBAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! WALZE SORGEN! Zwack hat keine Walze!“

Nach sieben weiteren „…aber heute nicht mehr.“ – „MBAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“ kommen wir an, Zwack hat die Brezeln in der Packung gewissenhaft zerbröselt, drückt sie Bertl in die Hand, will das Geschenk aber nicht rausrücken. Bertl greift beherzt zu, packt aus, Zwacks vorgeschobene Unterlippe zittert. Dann kommen neue Gäste, in der Aufregung merkt der Zwack gar nicht, dass Bertl die Walze festhält, aufatmen, reingehen, ausziehen, Kuchen, genauer: Nussecken, weil mit Schokolade.

Ich atme auf. Der Zwack isst an diesem Nachmittag noch viele Nussecken, spielt beständig mit der „Die macht alles platt!“ Walze, lässt sie am Ende sogar recht widerstandslos da, pult der Katze im Ohr, nimmt noch die letzte Nussecke mit nach Hause (nachdem er auch die Gemüseplatte leergegessen hat, immerhin).

Strizzi übrigens ist auch dabei. Der schafft es, in einem unbeobachteten Moment die Seelenruhe von Katze zum Fauchen zu bringen. Als er mich sieht, krabbelt er betont desinteressiert davon, um ein paar Wasserbecher vom Tisch zu fegen und sich irgendetwas in den Mund zu stopfen.

Ich weiß nicht, ob Geburtstage, auf die man nicht eingeladen ist, die entspannteren sind. Ich weiß auch nicht, ob man uns künftig mehr als einmal einlädt. Ich weiß nur, dass jemand (nicht ich!) dem Zwack ein kleines Feuerwehrauto geschenkt hat. Es blinkt. Es lärmt. Er liebt es. Ich verbringe meine Nachmittage seit Kurzem damit, Lego-Walzen zu bauen. Das Leben ist kein Kindergeburtstag.

Es ist so. Die zentrale Servicestelle schickt eine Mail, Betreff: Nagerproblematik. Zwar habe man diese in den meisten Teilen der Firma nun in den Griff bekommen, noch immer aber stehe man ihr gegenüber. Um der Nager, bei denen es sich vor allem um Mäuse handelt, Herr zu werden, mögen bitten alle die im Folgenden dargestellten Empfehlungen beherzigen.

Alles, alles, aber auch wirklich ALLES Essbare biete einen Anreiz für die Mäuse, angelutschte Hustenbonbons ebenso wie der kleinste Kekskrümel. Selbiges und anderes möge man bitte noch zu den Arbeitszeiten in den Kaffeeküchen fachgerecht entsorgen, damit das Servicepersonal dies vor Dienstschluss aus dem Haus schaffen könnte. Nur so könnten die Köder in den ausgelegten Fallen ihre Wirkung tun.

Desweiteren möge man privat bevorratete Lebensmittel nur noch in sicher verschließbaren Behältnissen auf für Nager unzugänglichen Sideboards aufbewahren. Zu beachten sei hierbei, dass Rollcontainer keine Sideboards seien und darüberhinaus von ihrer Unterseite her zugänglich. Büros, die nicht über solcherart Sideboards verfügten, würden in den nächsten Tagen damit ausgestattet.

Vor meinem geistigen Auge schaffen Männer in Schutzanzügen bergeweise angelutschte Hustenbonbons und Kekskrümel in gelben, mit Totenköpfen bezeichneten Tüten aus dem Haus, während schreiende Mitarbeiter sich verzweifelt an ihre Vorratsdosen klammern – erfolglos, sie werden gewaltsam getrennt. Außerdem frage ich mich, ob das Nagerproblem vor allem darin besteht, dass die Mäuse sich über private Vorräte hermachen, die aus unerklärlichen Gründen im Büro gelagert werden. Und, ob besonders ausgehungerte Mitarbeiter nun ihrerseits die Köder aus den Fallen fischen.

Ich entwerfe eine Antwortmail an alle, auf Französisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch, Sorbisch und Latein, frage, ob ich denn demnächst auch mit einem ähnlich hilfreichen Merkblatt gegen die Ameisenproblematik rechnen dürfe. Und ob sicher verschließbare Behältnisse im Sinne der allgemeinen Hygiene künftig über Büromittel abgerechnet werden dürften, als ein Maunzen meine Konzentration unterbricht.

Vor meinem realen Auge fläzen sich die Bürokatzen die Feuertreppe entlang. Sie stehen unter dem persönlichen Schutz von La Directrice, wohnen in ihrem Büro, werden auf ihre Anweisung von Büromitarbeitern gefüttert, deren eigene Kinder nur an Feiertagen ein Mittagessen bekommen. Gleichzeitig ernähren wir so alle Ratten der Nachbarschaft. Vor Kurzem habe ich gelesen, dass man pro entdeckte Ratte mindestens zehn weitere vermuten muss. Ich habe lieber aufgehört zu zählen und zu rechnen. Tierliebe, entgegnet La Directrice. Bemerkungen lokaler Kollegen, man habe durchaus auch Katzenesser im Team, werden strafleidenden Blickes ignoriert.

Flöhe haben die Katzen trotzdem und Junge kriegen sie auch. Ich überlege, ob ich der Servicestelle besser einen Deal anbieten soll. Katzen – Projektkatzen! Die gehören quasi schon zum Team! – gegen Nager. Dafür unterstützt mich die Zentrale Servicestelle beim Start-Up meiner Tischameisenbärenzucht. Diese Mail schicke ich lieber nicht an alle. Beim Rausgehen gurre ich die Katzen freundlich an. Wer weiß, wie oft ich sie noch sehe.

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Neue Firma ist vor geraumer Zeit umgezogen. Mein Büro im Erdgeschoss befindet sich neben der Rezeption. Mittlerweile kenne ich alle Klingeltöne aller Leute und weiß immer, wer gerade im Haus ist. Ich mag das. Einst hatte ich ein Büro neben der Kaffeeküche. Noch praktischer, weil man dann weiß, wer im Haus ist UND worüber getratscht wird.

Vor Kurzem findet sich vor meinem Büro eine laute Menschentraube. Ein Bild wird aufgehängt. Die Traube diskutiert, wie das zu bewerkstelligen ist. Vraiment, ein veritabler Diskussionsgegenstand, etwas von pertinenter Arbetitsurgence murmelnd verziehe ich mich, höre aber trotzdem, wie die elfköpfige Traube das Bild an der Wand heraufherunterlinksrechtseinbisschenSTOOOP! kommandiert.

Ein Bild, mögen Sie lachen, ausmessen, bohren, dübeln, hängen.

Beim Ausmessen fängt es an. Jenseits des Einflusses des DIN wird es schwierig. Wozu genau soll das rechteckige Bild nun parallel hängen? Einbisschenmehrlinksja!ja!ja!STOOOP!
Und in welcher Höhe? RunterrunterrunterEinbisschennochNein!Zuviel!Hoch!Ja!STOOOOP!
Parallel zum Oberlicht (aus in sich schiefen Glasbausteinen. Glasbausteine!)? LinkslinkslinkslinkslinksSTOOOP!
Zum Türdurchbruch? RechtsrunterJa!STOOOP!
Zum Wandschrank? GeradegeradegeradeGERADE!Herrgott!STOOOP!
Zum Rezeptionstisch? HöherhöherLinkLinks!ANDERESLINKS!STOOOP!
Und in welchem Winkel zur Wand soll dieser dann stehen? Oder einfach der allgemeinen Ästhetik entsprechend?

Ob wa denn – Halten!STOOOP!HALTEN! – keine Wasserwaage hätten, lästert Frau Skypeverbot, tatsächlich aber gibt es eine, deren Ergebnis jedoch gegen das Geradheitsempfinden der Anwesenden verstößt. Nach fünfzehn Minuten ziehen sich die ersten Kollegen rückwärts in mein Büro hinter den Schrank zurück, Augen verdrehend mir bedeutend, ich dürfe sie nicht verraten.

Nach fünfundzwanzig Minuten die Einigung, das Bild sei vielleicht an anderer Stelle im Haus besser aufgehoben. Nach einer Stunde Ortsbegehung die Frage, ob man das Bild denn zurückgeben könne. Schließlich sei es blau. Nach drei weiteren Stunden gehe ich nach Hause.

Am nächsten Morgen hängt das Bild hinter dem Rezeptionstisch. Einfach so. Er habe es jetzt aufgehängt, sagt Mathieu. Sehr gut, erwidere ich, sehr mutig. Zwei Wochen hängt es vor sich hin und stört niemanden.

Dann kommt La Directrice aus dem Urlaub zurück. Was hier passiert sei!, dieses Bild!, so blau, so kalt!, ob es vielleicht sogar schief!!! hänge, wer das bestellt habe, also bitte! und überhaupt, sie könne nicht jeden Morgen von so einem blauen Bild empfangen werden, da kriege sie ja sofort, sofort!, Kopfweh. Und wie es den Katzen ginge.

Entschwebend, trommelt sie die Traube zusammen, versammelt sie vor dem Bild, dem Kopfweh und dem Blau, wer dafür verantwortlich sei, außerdem sei es schief.
Nach fünfzehn Minuten die Einigung, das Bild müsse weg. La Directrice ordert die Traube in die Bar nebenan, zeigt auf die dortigen Bilder. So müsse das aussehen, in dieser Bar bekäme man nie Kopfweh, höchstens am nächsten Tag, aber das liege nicht an den Bildern. Sie würde sich nun persönlich darum kümmern.

Dann geht sie die Katzen füttern.

Es ist so. In diesem Land gibt es nicht viele Tiere. „Alle aufgegessen“, heißt es im Scherz, wie es so ist, mit den Scherzen und ihrem wahren Kern. Das betrifft nicht nur große Katzen, freche Affen oder kleine Dickhäuter. Es gilt auch für Ratten, streunende Hunde oder Miezis.

Zum Beispiel die Katze, die sich in unseren Garten verirrte. Von Katzen lernen, hieße liegen lernen: sie lag mager und zerzaust auf dem Garagendach im Schatten des Mangobaums, fraß ab und zu etwas, was ein Vogel gewesen sein könnte. Seit längerem allerdings bleibt unser Dach verwaist, ich weiß nicht, wo sie hin ist, ich weiß nur, dass unser Gärtner manchmal Vögel jagt, vielleicht zog die Miez bei einem Nahrungskampf den Kürzeren, wurde vom Jäger zur Gejagten. Vielleicht war ihr auch langweilig bei uns.

Ich hätte sie gerne gefüttert, die Miez, aber ich durfte nicht. Tim sagte, ich solle einen Gecko in eine Socke stecken, wenn ich ein Haustier mit Fell haben wolle, man könne keine Tiere hätscheln, wenn nebenan die Kinder verhungerten.

Nebenan. Von wegen. Unsere Nachbarin hat gar keine Kinder, sie hat auch keinen Tim, sie hat Katzen. Zwei. Sie werden nicht nur gefüttert, sondern sogar bekocht. Zweimal zwei Mahlzeiten pro Tag, jeweils Fleisch und Fisch, weil die eine nur Fisch und die andere nur Fleisch frisst. Nach dem Essen liegen sie faul herum, aber nein, nicht etwa auf Garagendächern, sondern im Haus. Genauer: im Katzenzimmer. Präzise: im extra klimatisierten Katzenzimmer. Ist schließlich heiß, dieses Afrika.

Gegenüber wohnt ein Herr mit seltsamen Gartenbewohnern, er hält sich zwei Esel. Sie machen im Großen und Ganzen wenig bis nichts, werden dafür auch nicht bekocht. Er hat sie einem Müllfahrer abgekauft, weil er fand, er behandelte sie nicht gut. Von dem Geld heiratete er eine weitere Frau und jetzt ziehen seine Kinder den Müllkarren.

Unsere anderen Nachbarn haben einen Hund. Kevin. Kevin ist noch recht jung, bewohnt eine Zweizimmerhundehütte. Viermal die Woche kommt der Hundetrainer, um Sitz!Fuß!Platz!Brav!Fein!Pfote!Pfui!Leckerli-Aus!NichtdasHerrchen!Aus!AHAUS! und andere Dinge zu üben. Wachhund will gelernt sein. Die Nachbarin informiert mich auch täglich über die Kevins Fortschritte, wobei sie mich letztens im Unklaren über die Leckerli-Vorlieben lassen musste, denn, Ach Glitzer, es gibt hier einfach keine vernünftigen Wurstis, aber huch, schon so spät, ich muss los, Hundeschwimmen.

Ich habe auch so geguckt. Wurstis. Hundeschwimmen. Aber wenn es auch so heiß ist, dieses Afrika.

Unser Franz Jott hatte es nicht halb so gut. Bei der Besichtigung der nordkoreanischen Straußenfarm am Rande der Stadt hatte man ihn uns feierlich überreicht. Und einem geschenkten Strauß schaut man bekanntlich nicht in den Schnabel, auch, wenn er weder Fell hat noch in eine Socke passt. Wenigstens ernährte sich Franz Jott weitgehend selbst, war auch sonst anspruchslos und ein guter Einbrecherschreck. Hin und wieder spazierte ich mit ihm durchs Viertel, er war sehr neugierig und plusterte sich auf wie ein Pfau.

Während des Urlaubs hatte unser Gärtner den Auftrag, ihn regelmäßig auszureiten. Als wir allerdings wiederkamen, war er fort. Beim Synchronschwimmen mit Kevin ertrunken, hieß es. Daran glaube ich nicht. Können Sie sich Franz Jott beim Synchronschwimmen vorstellen? Mit jemandem, der Kevin heißt? Na bitte. Vielleicht war ihm langweilig, vielleicht lief er zurück in die Farm zu seinen Geschwistern. Oder er spielt im Haustierhimmel mit der mageren Garagendachkatze. Dort ist es bestimmt schön kühl.