Es ist so. Ich wollte schon lange mal wieder über Essen schreiben. Eigentlich natürlich irgendwas, wo Strizzi ganze gegrillte Knoblauch-Thunfische isst. Aber das geht jetzt nicht. Weil wegen Mara. Mara geht beim Zwack in den Kindergarten, ich habe vielleicht schon von ihr erzählt, die atheistische Elfe.
Jedenfalls, Mara kommt in allen zwackschen Essens-Fragen vor. Vokabeln wie „Essen vertragen“ und Dinge wie „darf kein xy essen/ trinken“ kennt Zwack von Mara. Und jetzt sitzt Zwack beim Essen, schaut seiner dritten Dampfnudel zu, wie sie gemütlich in der Vanillesauce schwimmt und fragt, ob es stimme, dass man stürbe, wenn man zuviel esse. Das sage Mara. So eine Frage bei irgendeinem waghalsigen Kirchererbseneintopf als kreative Ich-mag-nicht-Ausrede, okay. Aber bei Dampfnudeln? Ich frage den Zwack also, ob ihm die Dampfnudeln diesmal nicht schmeckten und dass er auch einfach aufhören könne zu essen, wenn er satt sei. Nein, sagt er, Mara sage, man stürbe, wenn man zuviel esse. Ich versuche, ihm zu erklären, dass der Körper Essen brauche, weil er sonst weder Muskeln noch Energie noch sonst irgendwas Brauchbares zustande brächte. Dass es aber natürlich Essen gebe, das mehr Energie liefere und Essen, dass weniger gut Energie liefern könne. (Jaja, ich weiß. Und nein, die Dampfnudeln sind nicht aus Vollkornmehl. Aber: es gibt immer Gemüsesuppe davor.) Der Zwack überlegt und denkt und senkt eine vierte Dampfnudel in die Vanillesauce.

Das Thema war dann längere Zeit nicht mehr interessant, es ging wieder mehr um Raumschiffe und Räuber und U-Boote und Vulkane. Zwack weigert sich, mit uns in Urlaub zu fahren, weil es auf Izilien einen Vulkan gibt und er sich außerdem nicht sicher ist, was passiert, wenn die Fähre auf der Überfahrt auf ein U-Boot trifft. Oder Mama.

Und dann kommt Bertl zu Besuch und bleibt zum Abendessen, weil es zu Hause einen kreativen Eintopf  aus Hülsenfrüchten gibt und bei uns Nudeln mit Hackfleischsauce. Die Dynamik will, dass auf einmal niemand Sauce essen mag, sondern nur Nudeln mit Käse. (Nein, keine Vollkornnudeln.) Die Dynamik will auch, dass der Zwack sich einen Riesenberg Nudeln in den Mund stopft, den er kaum zu kauen vermag. Das wiederum verleitet mich, zu sagen, dass sie wahrscheinlich gleich zu Ohren wieder rauskämen, woraufhin Bertl seinen Finger in sein Ohr bohrt, um zu verkünden, dass HIER das Ohr zu Ende sei und die Nudeln deswegen nicht rauskommen könnten. Als der Zwack wieder Platz im Mund hat, röhrt er, er würde so viele Nudeln essen, weil er dann stark werde. Komm, wir essen ganz viele Nudeln, Bertl, dann werden wir gaaaanz stark!!! Oder!!!
Da guckt Bertl auf seine zweite Nudelportion ohne irgendwas mit Käse und wird ein bissl traurig. Weil das gar nicht stimme, mit dem stark werden. Weil, wenn man zuviel esse, dann würde man dick. Nein! röhrt der Zwack, man würde stark, dann verstummt er wieder einige Minuten, um den nächsten Riesenberg Nudeln zu bändigen. In dieser Zeit schaffe ich es, Bertl davon zu überzeugen, dass – zum Glück hat er diesen Wikingerpulli an – bei dieser Wikinger-Serie die dicksten Wikinger doch auch besonders stark seien. Weil, der Bertl ist nämlich gar nicht dick. Der Bertl ist vier und spielt jeden Tag nach dem Kindergarten eine Stunde Fußball. Dann reden wir endlich einfach über Wikinger.

Nach dem Essen steht der Strizzi auf, streckt seinen Bauch raus, guckt stolz und ruft, Boah, was für ein dicker Bauch das sei, der sei bestimmt auch schon vier und nicht erst fast drei! Und dass keiner so einen dicken Bauch habe wie er! Tschaka!

Jetzt hoffe ich, dass mir die Geschichte vom gegrillten Thunfisch nicht flöten geht, nur weil die Jungs auf einmal Angst vor Essen haben. Vorsichtshalber sollte es am Wochenende wieder mal Dampfnudeln geben.

Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

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Es ist so. Wenn man Kinder hat, lernt man Augenblicke kennen. Jaja, Sie verdrehen jetzt die Augen und hören sofort auf zu lesen. Denn jetzt, befürchten Sie, folgen Schilderungen herzzereißender Szenen, in denen Zwack und Strizzi total harmonisch miteinander spielen, während ich Zeit habe, einen Kaffee zu genießen. Noch dazu einen, der noch heiß ist.
Aber diese Augenblicke meine ich nicht. Ich meine den NÄCHSTEN Augenblick. Zwack und Strizzi also spielen total harmonisch miteinander und im NÄCHSTEN Augenblick zieht der Strizzi dem Zwack die Pfanne über den Schädel. Ich verbrühe mir vor Schreck die Hand mit dem noch heißen Kaffee, den ich jetzt eh nicht mehr trinken kann. (Ich könnte ein ganzes Buch mit nicht getrunkenen Tassen von Kaffee füllen und den Orten, an denen ich sie Tage später wiederfinde.)

Kurz vorm Schlafengehen setzt mir der Zwack die Funktionsweise einer Bergbahn auseinander und im nächsten Augenblick, mitten im Wort, ist er eingeschlafen. Ein seltener nächster Augenblick. Meistens gefolgt von dem nächsten Augenblick, in dem Strizzi brüllend in seinem Bett steht.

Spielplätze sind auch voll von nächsten Augenblicken. Eben spielen noch alle im Sand und im nächsten Augenblick sind beide Kinder von oben bis unten nassgepritschelt und auch das Nachbarkind – das, das _immer so leicht_ Schnupfen kriegt – wurde gleich mitgeduscht.

Natürlich ein Klassiker: Alles ist entspannt und im nächsten Augenblick brüllt der Zwack vor Zorn und Strizzi wirft mit Legoautos um sich. Und – die Königsklasse – der Zwack brüllt vor Zorn und „Mama, geh weg!“ und Tränen und Rotz und im nächsten Augenblick: „Kuscheln!“ und die Welt ist wieder in Ordnung. Leider bin ich hierfür oft zu langsam.

Morgens gibt es einen besonderen nächsten Augenblick. Man verabschiedet sich von den Kindern und obwohl es nicht sein kann, hat man im nächsten Augenblick eine Rotzspur auf dem Kleid. Und natürlich keine Zeit, sich umzuziehen, weil man schon vor sieben Augenblicken losmusste.

Da gibt es den nächsten Augenblick, in dem sich der Oregano über die Balkonbrüstung verabschiedet. Den nächsten Augenblick, in dem Strizzi auf dem Tisch kniet, um Zwacks Essen aufzuessen. Den nächsten Augenblick, in dem er brüllend auf dem Boden liegt. Zum Glück läuft er im nächsten Augenblick schon wieder durch die Wohnung, bis der Zwack ihn im nächsten Augenblick umschubst. „Ich wollte nur, dass er schneller laufen kann!“ beteuert der noch Augenblicke später.

Sie sehen: es ist kurzweilig. Und voller Überraschungen. Und ich frage mich, ob ich mich je daran gewöhnen werde. Oder ob das hinfällig ist, denn rückwirkend betrachtet, zieht der Zwack wahrscheinlich im nächsten Augenblick schon aus. Aber jetzt spielt er erstmal Eisenbahn. Der nächste Augenblick kommt bestimmt.

Mein Zwack hat einen Ranzen
Den trägt er gern strawanzen
Und find’t sich ziemlich schick.

Jetzt gibt’s hier Pomeranzen
Mit Kalorienmonstranzen
Die sag’n er sei zu dick.

Folgend Diätbilanzen
Sollt‘ ich ihm geben Pflanzen,
Gemüse, Algen, Schlick.

Mein Zwack hat einen Ranzen
Ich seh‘ im Großen, Ganzen
Nur kiloweise Glück.

Djenné. Zentrum der sudanischen Lehmarchitektur. Die Moschee von Djenné ist der größte Lehmbau der Welt. UNESCO Weltkulturerbe.

Es ist so. Meine Schwester und ich sind in Djenné, um zu tun, was Touristen tun müssen: die Moschee bewundern, die Häuser, den Montagsmarkt. Ich wundere mich desweiteren jedes Mal wieder, wie um alles in der Welt ich die französische Vokabel für Abwasserreinigung gerade im Zusammenhang mit Djenné lernen konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir stehen also vor der Moschee, vor uns Fanta und Fatoumata, die Ketten verkaufen wollen. Uns. Unbedingt uns. Es gebe nämlich derzeit keine anderen Touristen, wir Schwestern sähen uns so ähnlich, seien die ersten Kundinnen und weil Schwester Fanta was abkauft, müsse ich Fatoumata eine Freude machen, wo ich ihr die letzten drei Male hier schon nichts abkaufte, das wisse sie genau, dabei, Madame, man müsse sie ermutigen, sie würde einen guten Preis machen, alles sei weniger teuer et cetera und so fort. (Falls Sie überlegen, hierher zu reisen, lasse ich Ihnen den Monolog gerne vorab zukommen.)

Während ich Fatoumata nichts abkaufe, versuche ich gleichzeitig Michel le Magnifique loszuwerden. Das sei er, stellt sich der bullige Mann vor, der in seinem Muskelshirt gekonnt das Fotomotiv Moschee versperrt. Man habe es nicht so gerne, wenn Touristen so ziellos durch die Stadt liefen, wo es doch so viel zu sehen gebe. Er sei zufällig ein offizieller Guide, wie alle seine Brüder und Onkel. Alle weiteren seien längst nicht so offiziell, er fürchte, sie würden uns bestimmt belästigen, falls wir nun darauf bestünden, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Würden wir? Na gut, aber, wenn wir wollten, nur zur Sicherheit natürlich, könnten wir vorab vom Dach seines Hauses einen Blick auf die Stadt, die Moschee und den Markt werfen.
Nein, aha , oder später, er könne das gerne organisieren, eigentlich dürften ja Touristen nicht in die Moschee, aber gegen einen geringen Beitrag würde sich da was machen lassen, gerade für die Schwestern, die heute die ersten Kundinnen seien.
Oder, vielleicht, ein anderes Angebot. Sein Bruder könne kein Französisch, könne uns aber gerne begleiten, um die anderen Guides abzuhalten, gleichzeitig aber nichts zu erklären. Für ihn sei das eine hervorragende Chance, Französisch zu lernen, für uns eine gute Tat oder er lerne eben Deutsch, auch recht. Fünftausend?

Irgendwann schlendern wir durch die Seitenstraßen rund um die Moschee, treffen auf Abdoulaye, ça va les sœurs, Wir seien seine ersten Kundinnen, nein, aha, dann eben kein Geschäft, sondern ein Angebot. Wir hätten Glück, er sei der Sohn des Imam und gegen einen geringen Beitrag könne er mit seinem Vater reden, wir könnten uns die Moschee ansehen, obwohl das verboten sei, aber er als Sohn. Er könne uns auch gerne die Stadt zeigen, wo wir uns gerade herumtrieben sei es für Schwestern eigentlich nicht interessant. Nein? Gut, vielleicht wolle ich mir zur Sicherheit seine Telefonnummer merken, dann könne ich ihn anrufen, sobald wir uns überlegt hätten, die Moschee zu besichtigen.

Es spült uns nach einiger Zeit zurück auf den Markt, wo uns eine Jungswolke zu überreden sucht, ihnen einen Fußball, Bonbons, Kekse, Bleichcreme, Schuhe oder sonst! irgendetwas! zu kaufen!, während ihre kleine Schwester uns Ketten anbietet, Sie haben es erraten, wir seien die ersten Kundinnen und so weiter.
Michel le Magnifique kreuzt in regelmäßigen Abständen unseren Weg, ça va, les sœurs, ob er uns die Frauenkooperative zeigen solle, oder später vielleicht. Auch seinen Bruder treffen wir, der uns auf Französisch, Englisch und Deutsch zu einem Stoffverkäufer führen will.

Schwester drängt, ob wir nicht einfach wieder rückwärts da raus könnten, raus raus raus, wir schlagen uns erneut ins Abseits. Ich steuere auf einen Laden zu, die Touristeninformation. Ich habe sie wohl nicht alle, ob ich wirklich da rein wolle, da seien bestimmt noch mehr. Im Laden überreden wir den Mann, dass die Bücher, die er ausliegen hat, zu verkaufen seien und erstehen einen Bildband.
In Ruhe betrachtet, ist es nämlich wunderschön, dieses Djenné.

Ach so, Sie wissen ja, dass ich Liedtexte nicht vergessen kann, ebenso ergeht es mir mit rhythmischen Zahlenreihen. Falls Sie also einen Guide für Djenné suchen, hier Abdoulayes Nummer: 74 12 47 06, mit schönen Grüßen von den Schwestern.

Es ist so. Ich bin weiß. Mit Sonne werde ich braun. Schnell, anhaltend und mit Sommersprossen. So schnell, langanhaltend und sommersprossig, dass es einen Sommer gab, in dem ich Tim peinlich war beziehungsweise er sich wegen mir. Man könne meinen, er habe mich von einer seiner Dienstreisen aus dem wilden Kurdistan mitgebracht, seufzte er.
Meine Mutter ist der Überzeugung, ich habe das von ihrem Vater, bei uns in der Familie sehe schließlich sonst niemand so aus, alle würden rotbraun, nur ich würde erst gelb und dann schwarz. Und überhaupt, schwarz, haha, wie ich denn nun in Afrika aussehe.

Aber: hier werde ich gar nicht braun. Ich bleibe weiß. Das liegt daran, dass die Sonne immer direkt von oben kommt, dazwischen aber eine Staubschicht liegt. Ohnehin verbringe ich den Hauptteil meiner Zeit drin. Man beginnt kurz nach der Morgendämmerung zu arbeiten und hört kurz vor der Abenddämmerung auf oder aber wenn es schon dunkel ist. Wegen der Mücken, die in der Dämmerung Malaria stechen.

Was die Leute hier an mir manchmal für Farbe halten, ist wahrscheinlich Staub. Und egal, wieviel Staub oder Farbe ich ansetzte, ich bliebe weiß. Denn: ich bin ein Toubab. Toubabou – wahlweise ausgeflüstert wie Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh im Sinne eines Kindergruselfilms: Duweisstschonwer. Oder aber Tou!ba!bou! TOU!BA!BOU! TOU!!BA!!BOU!! gerne crescendo im Chor, solange man das Fussballfeld kreuzt. Toubabou – umstritten ob Arzt, Weißkittel oder einfach Weißnase.
Für manche heißt es auch nicht Toubabou sondern Donnemoilecadeau oder aber Madamebonbon. Ein Kind lief kürzlich „Madamebonbon! Madamebonbon! Madamebonbon!“ brüllend auf Tim zu, alle Weißnasen waren in seiner kleinen Welt Madamebonbon. Ein Traum in Zucker.

Allerdings – ich verteile nie Bonbons, habe selten Geld übrig und möchte nie bei irgendwelchen freundlichen Mofafahrern aufsteigen. Eine langweilige Weißnase. Ich lasse mich lieber in alten Mercedes rumfahren.
„Vois! La petite blanche!“ ruft der Taxifahrer auf einmal, „Vois! Tu vois? Si petite, si mignonne! Ils sont mignons, les petits blancs.“
Ich sitze in einem Taxi und werde ohne Rücksicht auf Verluste über die Bodenwellen Bamakos geschreddert, während der Taxifahrer vor Entzückung die Tochter einer Kollegin anhupt. Weil sie so unglaublich blond und weiß ist. Er winkt, sie schaut verdutzt und winkt dann mir zurück. Tu la connais? Elle est mignonne, la petite blanche!

Kinder anderer Hautfarbe sind also überall süß. Ich aber bin schon groß und verblüfft. Vielleicht war ich noch nie so hautfarbenverblüfft wie in diesem Moment. Ich wurde noch nie auf ein Kind hingewiesen, weil es so weiß ist. Seither streife ich durch die Straßen und fühle mich völlig normal, völlig unweiß. Weil ich nicht mehr klein und süß, sondern nur noch Toubab bin.

Es gibt ein Lied von GUZ, in dem er sich über leserbriefschreibende Lehrer mokiert. Ich stehe vor so einem Exemplar. Nein, sie steht vor mir. Schwer atmend und wild gestikulierend pflügt sie sich über den Hof, um mir den Weg abzuschneiden. Sie schreibt keinen Leserbrief, wählt lieber die direkte Beschwerde.
„Frau Kugel“, hyperventiliert sie, was das bitteschön sei, das habe die Welt ja noch nicht gesehen, was mir einfalle! Eine Fortbildung für Lehrer anzubieten, auf der Kinder – SCHÜLER! – seien. Bei so einem Thema! Wo sie sich bitteschön beschweren könne. Und wie ich mit diesen Räumen umgehe, da hingen ja Kronleuchter und die Kinder könnten einfach mit den Straßenschuhen!
Beschwerdeadresse: meine Visitenkarte. Falls sie doch noch einen Brief schreiben möchte. Ansonsten: das Programm. „Kinderakademie“ steht da und „richtet sich an zehn- bis 12jährige Schülerinnen und Schüler“.
„Isch ’abe gar kein’ Fortbildung“ würde ich gerne sagen, doch dazu komme ich nicht mehr: ich werde überwältigt. Schockstarre. Die „Kinder“, die gerade anreisen, sehen aus wie 17. Notorisch unbeteiligt schleifen sie sich an die Anmeldung und können vor lauter Kaugummiblase kein einziges Wort sprechen. Ich habe Angst. Sie werden sich langweilen, schrecklich langweilen sogar und alles doof finden, mit Papierkugeln und Kaffeetassen werfen, Ritalin schlucken und das ganze Haus mit schlechten Möchtegernbeats beschallen. Auf der Liste sehe ich, dass sie 14 sind. Schlimm genug. In Gedanken ziehe ich das Ritalin ab.

Tatsächlich aber gibt es Teilnehmende, die das Programm wohl gelesen haben und Zielgruppe sind. Der Rest der Belegschaft ist begeistert. „Toll, Frau Kugel, dass sie hier mit diesen Würmern arbeiten! Herzzerreißend! Goldkinder! Wirklich!“ Kurz darauf fragt mich eines dieser herzzerreißenden 10jährigen Goldkinder mit großen Augen und noch größerer Unschuldsmine leise: „Glitzer, sag mal, der Referent, der hat doch ne Latte, oder? Liegt des an Dir?“

Im weiteren Verlauf notiere ich: Jonglage unter Kronleuchtern kann gelingen. Lehrerfortbildungen sollten Lesemodule beinhalten. 17jährige sind vielleicht erst 12 oder zehn, reden aber 17jährige Sätze. Spätzle mit Tomatensauce sehen seltsam aus, werden aber gemocht. Kinder sind begeistert, wenn sie unter dem Bett keine Staubflusen finden. Sie gucken auch wirklich nach. (Wahrscheinlich auf der Suche nach Chips.) Dann fahre ich nach Hause und finde, genug gelernt zu haben. Dabei war ich gar nicht Zielgruppe.