Es ist so. Otto ist ein erstaunliches Kind. Natürlich, alle Kinder sind erstaunlich. Auf ihre Art und Weise und in ihrer Art und Weise. Und dann sind zwei Kinder schon so erstaunlich verschieden und dann kommt das dritte und ist nochmal ganz erstaunlich anders. Eigen, im besten Wortsinne.

Wobei – das ist natürlich entweder Quatsch oder banal. Manches ist freilich recht ähnlich: die frühe Liebe zu Besteck, beispielsweise. Zwack liebte Besteck, weil er sich noch nie gerne die Finger schmutzig machte, Strizzi, weil er alles so machen wollte wie Zwack und Otto liebt Besteck, weil selbermachen. Mit Ottos Essen könnte man derzeit auch Fenster setzen, weil die Konsistenz so sein muss, dass das Essen gegen alle Gesetze der Schwerkraft am Besteck kleben bleibt. Nicht Selbermachen wird mit einem majestätischen Kopfschütteln quittiert und ausgesessen. Manchmal darf man ihr ein bisschen Bauschaum auflöffeln und den Löffel an den Tellerrand legen. Manchmal. Ein bisschen.

Selbermachen ist so eine Sache, die mit zunehmendem Alter abnimmt. Otto ist noch sehr jung. Alles selbermachen. Hilflose Versuche, sich die Schuhe und Socken anzuziehen, Pullis auszuziehen. Dinge auf- und weg- und herräumen. Den Brüdern und mir morgens Schuhe, Mützen und Jacken an die unmöglichsten Orte hinterhertragen. Wehe, die Mützen werden dann nicht aufgesetzt. Beziehungsweise – die Mützen werden aufgesetzt. Weil Otto unermüdlich Mützen durch die Wohnung schleift. „Allo! Da!“ Strizzische Wutanfälle ob des Nichtfunktionieren der Welt bleiben aus. Vorgestern verbrachte Otto eine halbe Stunde vergnügt konzentriert mit dem erfolglosen Versuch, meine Schuhe anzuziehen. Ein Fuß, anderer Fuß, beide Füße in einen Schuh, stolpern, umfallen, versuchenversuchenversuchen, Schuhe in die Badewanne werfen.
Überhaupt – Dinge ordnen. Bisweilen landet zwar das Telefon wie gewohnt in der Waschmaschine, viel öfter aber finde ich dort bereits gebügelte Wäsche, die ich zu lange nicht weggeräumt habe. Wäsche Waschmaschine. Logisch. Andere unauffindbare Wäsche knüllt sich meist aufgeräumt im Badezimmerregal zwischen die Handtücher. „Da! Ja!“
(„JA!“ halte ich für eines der seltsamsten Kinderwörter, tatsächlich.)

Was wirklich neu ist: ein Kind, das Tiere mag. Nicht im Zwackschen Sinne, dass hinter jeder Schafherde ein Traktor lauern könnte. Und auch nicht im Strizzischen Sinne, der sich schon als Baby darauf verstand, den friedlichen Kater der Nachbarn bis zur fauchenden Weißglut zu bringen und dann unschuldig wegzukrabbeln. Nein – Otto böht und mäht und waut und maut, gluckst Fische an, streichelt Tierbücher (die alle recht unbenutzt scheinen) und sitzt eine geschlagene Stunde Nachbars Kater gegenüber und grinst ihn an. „DA! Böh!“ (Die Zuordnung verschiedener Laute zu verschiedenen Tieren wurde noch nicht vom Ordnungssystem erfasst, mit Ausnahme von Schafen, Mäh. Und manchmal böh. „Böh“ ist der Universallaut für Tiere.)

Und, natürlich, das erste Wort. Alle, die bei „Wäsche“ und „Waschmaschine“ schon gezuckt haben, liegen jetzt weiter richtig. Ich habe ja schon erzählt, das Mädchen in der Familie formulierte nicht „A[u]to“ oder „[Ba]Nane“, nein, ein Verb: „DABEN!“
So wackelt sie frühmorgens in ihrem Kleinkindseemannsgang in die Küche, Schublade auf, Müslischachtel raus, raschelraschel. „ALLO! DABEN!“ (Guten Morgen, ich hätte gerne Frühstück, bitte.)
Man sollte sich dann sputen, sonst landet das Müsli in der Waschmaschine. Denn ein bisschen was hat sie von Strizzi durchaus schon gelernt. Sie sitzt dann vor der Waschmaschine, guckt so unschuldig wie Strizzi bei Nachbars Kater (dem er übrigens nun immer Leckerli kaufen will, wahrscheinlich hat er was gut zu machen) und singt. „Häbebe tuju!“
Ich tippe auf „Happy birthday to you“. Sie wissen ja, singen und Wortschatzentwicklung. Aber das ist mir in diesem Moment dann egal.

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