Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Ich wurde gefragt, wovon die malische Küche so beeinflusst sei. “Hirse“ war meine spontane, wenn auch enttäuschende Antwort. Und natürlich ist das nicht ganz richtig. Es gibt auch Reis, Erdnüsse und Fisch, Trockenfisch, Schaf und Couscous und alles in mehr oder weniger Bandbreite.
Zur Zeit läuft die Stadt voll mit Schafen. Die meisten haben noch zehn Tage zu leben, dann ist Opferfest. Tabaski. “Fête du mouton”, obwohl sie alle geschlachtet werden, die Schafe. Bis dahin werden sie fragwürdig transportiert: in Dutzenden auf den Dächern der Sammeltaxis, in Minibussen, oder einzeln verschnürt in Fahrradkörben beziehungsweise in den Armen von Mofabeifahrern. Schafe gibt es jede Menge, also. Von ihnen erzähle ich ein ander Mal mehr.

Hätte man mich in meinem Morgengrant gefragt, ich hätte geantwortet, dass es  n i c h t s  gebe. Nur Nescafébrösel, die zu schwarzer Plörre werden, damit man was Warmes im Magen hat. Ich hätte allerdings betont, froh zu sein, dass ich Kaffee schwarz trinke, um nicht noch Milchpulverklumpen aufgiessen zu müssen. Schliesslich kann ich auch im Grant positiv denken.

Vor Kurzem hatte ich überlegt, Brezen zu backen. Ich mag Brezen. Ausserdem hatte ich Weisswürste importiert, samt Senf. Und was soll das sein, ein Weisswurstfrühstück ohne Brezen? Also. Ein Weisswurstfrühstück mit Brezen und Senf und wahlweise den Münchner Gschichten, Monaco Franze oder Kir Royal. Ich legte die Idee einem Bekannten dar, der daraufhin meinte, ich solle gefälligst keine bayerische Parallelgesellschaft bilden, sondern mich ordentlich integrieren. Ich reagierte mit Grant und erzählte ihm von Nescafébröseln. Er entgegnete, ich solle mich nicht so anstellen, guter Kaffee sei kein Menschenrecht und er müsse auch welchen in Ostberlin trinken.

Seufzend schickte ich mich an, mich zu integrieren. Ich stapfte ins Touareg-Kulturzentrum. Nein, das hat nichts mit VW oder zwielichtigen Geschäften zu tun, sondern mit Kamelen, Wüste, Nomadismus, Aufstand, extrovertierten Kopfbedeckungen und Separationsbewegungen. Das kommt ihnen bayerisch vor? Ja. Es kam noch besser: serviert wurde eine Art Gulasch mit Hefeknödeln, die mich sehr an die meiner Oma erinnerten. Soviel Bayern kriegt Ostberlin niemals hin. Darauf einen Nescafé.