Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Heute lese ich einen Artikel in der Zeitung über bedrohte Wurstarten. Gut, das stimmt so nicht, aber das bleibt in meinem Kopf. Genauer: in meinem Kopf entsteht die Vorstellung einer Roten Liste mit vom Aussterben bedrohter Wurstarten.

Die gute alte Currywurst vom Imbiss. Mit der Schere geschnitten! Zwiebelwurst. Die fette Rote. Bratwürste außerhalb des Reservates Nürnberger Altstadt. Wer kennt heut noch Blaue Zipfel? Auch die Weißwürscht, die ich vor Kurzem aß, schmeckten ein wenig seltsam. Die Lyoner muss sich als Salat prostituieren, ihre schweinerne Seele verkaufen, um noch konsumiert zu werden!

Sie alle sterben, während sich die Chorizo auf der Pizza ausbreitet wie Springkraut am Straßenrand. (Zum direkt proportionalen Zusammenhang vom Wurstimbissbudensterben am Straßenrand und der Ausbreitung des Springkrauts ein ander Mal.)

Im Laufe des Artikels wird mir schlagartig bewusst, dass auch ich gedankenlos meinen Beitrag zum Wurststerben leiste. Manchmal esse ich Fisch. Oder Schnitzel. Ich bekenne: Sogar am Standl bestelle ich eher Leberkas als eine beliebige Wurst.
Was ich bisher als lächerlichen Spleen weißbemützter Scharlatane oder Resteverwertung abtat, sind letzte Rettungsversuche: Weißwurschtcarpaccio. Bratwursthascheenockerl. Knackerschaumsüppchen. Grützwurst Hawaii.

Gepackt vom wütend bürgerlichen Aktivismus dieser Tage, rufe ich sofort die Unterstützer des synergetischen Netzwerks zur Rettung des Wurschtwertschöpfungsprozesses an. (Sie erinnern sich doch wohl, oder?) Schon vor Monaten war uns das Wurststerben ein Anliegen, allein die weltweiten, menschengemachten Ausmaße des Wurstwandels blieben uns verschlossen.

Als erstes planen wir die Verhinderung irgendeines Bauprojektes, indem wir mit der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wurstarten wedeln. Eine Brücke. Ein Bahnhof. Eine Innenstadtsanierung. Irgendetwas wird an der Wurscht scheitern.

Im Geiste sehe ich schon die Transparente vor mir: „Wenn die letzte Wurst gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Curry nicht tanken kann!“ – „Die Wurst geht weiter.“ – „Alte Würste braucht das Land!“ – „Alle wollen zurück zur Wurst, aber keiner ohne Darm!“ – „In dubio pro Wurst!“ – „Alles hat ein Ende!“
Die Planungen bringen mich in Ekstase und ich weiß: solange es in meinem Bekanntenkreis noch mindestens zwei Wurschtmaschinen gibt, ist noch nichts verloren. Und Sie? Kämpfen Sie mit. Essen und spenden Sie jetzt. Kaufen Sie sich heute Mittag eine Wurst beim abgeranztesten Standl, das sie kennen. Tun Sie es für die Sache. Die Wurscht wird es Ihnen danken.

Ach so. Den ausschlaggebenden Artikel finden Sie hier.

Dieser Text ist Teil der Adventskalenderaktion „Abwarten und Türchen öffnen“ auf jetzt.de

*

Vorspeise: Christbaumkugelcarpaccio im Lamettanest.

Kugelscherben vom letzten Jahr
Mit Zimt und Anis würzen
Schnell schockgefrieren das Tartar
Und dann die Masse stürzen.

In Scheiben schneiden, hauchdünnzart
Sodann noch einmal kühlen
Die bunten Scherben je nach Art
Werd‘n hart, das kann man fühlen.

Glitzercarpaccio dann serviern
Im Lamettanest. Ob blau,
Ob rot oder Silberschlieren
Egal – alles eh nur Schau.

*

(Zwischengänge nach Belieben
weihnachtsfroh dazwischenschieben.)

*

Hauptgang: Rentiersternchen an Rentierschaum auf Glühweinspiegel. Gerne mit Christkindllocken als Beilage zu reichen.

Fürn Rentierschaum dem Rentier klaun
Des Nachts die rote Nase
Mit Kunstschnee, Sternstaub hart verhaun
Schick anrichten als Vase.

Den Rest vom Viech sodann mit Kraft
durch den Fleischwolf würgpressen
Mit Ei, Zimt, Lebkuchensaft:
Sterne geformt. Nicht essen!

Anbraten, kross. Im nächsten Schritt
In die Vase dekoriern.
Alt Räuchermännchenhack als Kitt
Grosszügig dazwischenschmiern.

Den Glühweinspiegel messen Sie
Am einfachsten im Blute
Sehn Sie noch klar, dann gönnen Sie
Sich noch drei Gläschen, gute!

*

(Lichterketten nicht vergessen –
Essentiell fürs Weihnachtsessen!)

*

Nachspeise: der Wunschzettel.

Man nehm die Wünsche die man hat
Zwei Handvoll, drei, gar mehr
Rühre sie mit LastChristmas glatt
Schütte Mistel hinterher.

Nach einer Stunde Ruhezeit
Den Teig beflissen fröbeln
Das geht am besten auch zu zweit
(Dann hamse wen zum Pöbeln.)

Ziehen lassen gut vier Wochen
Und später untern Baume
Frisch und frohgemut gekrochen.
Obs geklappt hat, mit dem Traume?

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Es ist so. Eine unserer Familienlegenden berichtet von einem Italienurlaub, der eigentlich keiner war, weil Kleinglitzer ihn allen verdorben hat. Ich mochte dieses Italien nicht, mit seinen Mücken und der Hitze und den Strandbungalows, wurde krank, bekam Fieber, wir reisten vorzeitig ab. Kurz nach der Grenze zu Österreich ging es mir besser, in Deutschland ward ich vollständig genesen.

Nichts hat sich geändert, früher wurde ich in den Ferien krank, nun im Urlaub. Auf dem Hinflug der erste schläfrige Fieberschub, in der Folge bin ich eine Woche lang damit beschäftigt, zwischen wirren Träumen meinen Körper mit einer Monatsration Immodium zu erhalten. Nur das Gefühl in den Fingern verliere ich zeitweise trotzdem. Ich schlafe gegen die Anstrengung, immer diese Anstrengung auf diesem Kontinent. Was ich hier treibe, sei kein Urlaub, meint der Arzt und verordnet mehr Schlaf. Dabei sei es so schön hier, paradiesisch gar, und so anders im Gegensatz zu zu zu – dort halt.

Ich verschlafe das Paradies vor meinem Fenster. Zwar ist Winter, aber draußen gebe es Shoppingmalls, Müsli, Mineralwasser, Natur, Cafés, Tiere, Infrastruktur, Europäer, die in der Privatwirtschaft arbeiteten. Die Straßen fast schlaglochfrei. Disneyland, berichtet Tim atemlos. Drinnen immerhin DisneyTV, Bundesliga und einen Sender, der rund um die Uhr Food ausstrahlt. Irgendwann packen sie mich ins Auto, ich könne schließlich überall schlafen, statt Disney solle ich Harry Potter lesen, Tim will ans Meer von Disneyland.

Als ich aufwache, scheint der Kontinent verschwunden und mit ihm die Anstrengung. Ein Kellner fragt auf Englisch, ob die Biiittäär Lemonä für mich sei oder doch die Focaccia con Mozzarella. Ich zwicke mich in den Oberschenkel, aus Angst, im Foodsender gelandet zu sein, doch tatsächlich, eine Eisdiele, die Eisdiele von Anna und Andrea, chiuso venerdi. Ich nehme die Focaccia und einen Espresso, der nicht nur italienisch heißt, sondern auch so schmeckt.
Um mich herum Leute in Strandbekleidung, ein italienisches Einrichtungsgeschäft und Tim beteuert, die Spaghetti seien al dente, wir seien nicht mehr in Klischeeafrika, sondern in der Zukunft des Kontinents. Ob ich noch ein Eis wolle. Eis!

Das Fieber sinkt analog zu meinem Italienkonsum rapide, ich schaffe es, mehrere Stunden am Stück wach zu bleiben, schließlich einen ganzen Tag, schalte meinen Afrikamodus ab, laufe barfuß durch Wasser, esse Salat, lerne italienisch vom Barkeeper und werde diesmal in Italien gesund. Einfach so. Am Meer.

Zu Hause hat die Regenzeit überall ihre Schimmelspuren hinterlassen. Erstaunlich, was alles schimmeln kann, nein, nicht vergessener Frischkäse im Kühlschrank, sondern Anzüge, Sofas, Terminkalender. Ich fürchte, dass sich der Schimmel auch meiner bemächtigt, samt Fieber. Meine verzweifelte Gegenwehr: ich backe Focaccia, koche Spaghetti, lerne italienisch und bin mein eigenes Disneyland. Vielleicht hilft es.

GEH! UH! EL! AH! ES! CEH! HA!
find ich einfach wunderbar!
Auch lieb ich den Gaumenkitzel
Den beschert ein Wiener Schnitzel.

Niemals nie nicht wird mir fad
Gönne ich mir Wurschtsalat.
Muss das arme Schwein auch hinken
Viel geb ich um guten Schinken.

Kirre werde ich und jeck
Träume ich von sattem Speck.
Ob Onkel Rudi daran starb?
Es ist gesund, es ist low carb!

Ob ich die Eröffnungsrede halten könne, zur Tagung des Netzwerkes zu den komplexen Synergien der Beteiligung von Frauen am gesamten Wertschöpfungsprozess in der Wertschöpfungskette der Cashewnuss. Morgen. Um neun. Wegen des Fernsehens.
Natürlich. Seufzend werfe ich die Palavermaschine an und übe mein Staatsfernsehenlächeln. Das kennen Sie ja schon. Dabei mag ich Cashewnüsse nicht mal sonderlich.

Fünf vor neun sind mein Lächeln, meine Rede und ich da und weil nichts passiert, bis das Fernsehen kommt, unterhalte ich mich mit Niels über den Untergang des Wurschtens. Es ist nämlich so, dass kaum mehr jemand selbst wurschtet. Die Wertschöpfungskette der Wurscht etabliert sich quasi ohne die Beteiligung von irgendjemandem.
Das entspricht jedenfalls meiner Erfahrung, ich versuchte, für Niels zweihundert Meter Darm aufzutreiben. Ich erntete in zig Metzgereien bedauerndes Kopfschütteln, man habe kein Stückchen Darm, man wurschte nicht.
Nur einmal, freilich, Madl, Darm, sowieso, immer, aber in der Menge bis morgen – ganz schlecht. Man wurschte gerade die Würschtl für das Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr Tandern, vastehst, da bleibt nix, zwoahundert Meter, höchstens Dienstag oder as nächste Moi, dann gern als Spende für Afrika, haha, mogst a Wiener?

Niels hat eine Wurschtmaschine. Niels wurschtet. Er produziert und isst seine eigene Wurschtwertschöfpungskette. Manchmal veranstaltet er Grillfeste, legendär mit Harry von Brot für die Welt. Das nächste Fest soll in der Kneipe von den Australiern stattfinden. Sonst frühstückt man dort Speck-Spiegelei-Kartoffelpuffer-Burger süß-sauer, aber kein Vergleich mit Niels Würschten.

Allerdings sind die Grillfeste jetzt in Gefahr, in Ermangelung von Darm und Strom und während wir uns über Darm und Strom unterhalten, sagt man uns, man warte noch auf das Fernsehen. Irgendwann warten wir nicht mehr auf das Fernsehen, sondern fangen mit der Tagung an, und weil das Fernsehen nicht da ist, braucht man auch keine Eröffnung. Als das Fernsehen dann aber nach einer Stunde Diskussion über die komplexen Synergien der Beteiligung von Frauen am gesamten Wertschöpfungsprozess in der Wertschöpfungskette der Cashewnuss doch noch kommt, unterbricht man die Diskussionen und beginnt die Eröffnungszeremonie.

Niels entwirft während meiner Rede seinen neuen Grill. Ich schalte mein Staatsfernsehenlächeln ein und versuche, nicht ständig an Wurscht zu denken oder gar „Wurscht“ zu sagen. Womöglich noch Schweinswürschtl im muslimischen Staatsfernsehen, ein Eklat.

Das bringt mich zu einer Frage: was ist eigentlich Ihr liebstes Wurschtrezept? Oder sind Sie gar nicht mehr am Wertschöpfungskettenprozess der Wurscht beteiligt? Es wurschtet ja kaum mehr jemand. Vielleicht sollte ich beim nächsten Grillfest ein komplex synergetisches Netzwerk gründen. Machen Sie mit! Cashewnüsse wachsen schließlich auch nicht in der Dose.

[Dieser Text ist Teil einer Tagebuchaktion auf jetzt.de. Mehr davon hier.]

 

Geben Sie es zu. Sie verdrehen jetzt schon die Augen. Nur, weil ich in Afrika sitze und Ihnen jetzt im Advent einen Tag aus meinem Leben zum Thema MANGEL erzählen soll. Sie denken, dass Sie im besten Fall damit davon kommen, dass ich über Mangelware spreche. Stromausfälle und aus der Wand brechende Türen. Im schlimmsten Fall schildere ich ergreifend kindheitslose Kinder, die im Alter von sieben Jahren, ihre grossäugigen Geschwister auf dem Rücken, jeden Verkehrsteilnehmer anbetteln, wobei sie aufpassen müssen, nicht über ihr viel zu grosses, ausgewaschenes, aber löchriges Ballack-Trikot zu stolpern.

Leider aber ist es ein Tagebuch, und in diesem gehören bekanntlich die stärksten Eindrücke eines Tages geschildert. Meiner heute (und Sie haben Glück): das „Komm-nur-mal-schnell-mit-Abholen“ eines Paketes. Woran denken Sie, wenn Sie Paket hören? Wahrscheinlich an ein post-normiertes Paket, schliesslich befinden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem post-normierten Land.

Das Paket kam auch aus Deutschland, genauer gesagt, es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung, die einen Container im Warenwert von mindestens 10 000 Euro umfassen muss, weil es sich sonst nicht rechnete. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung von mindestens 10 000 Euro aus einer Versandmischung von Metro und Otto. Dreiundzwanzig Pakete von Hohes C, Odenwald-Schattenmorellen und Essiggurken über Meica-Würstchen und Becks (Becks! Ich bitte Sie! Wenn man schon fünftausend Kilometer weit Bier transportieren lässt, dann doch bitte kein Becks!) bis hin zur Tischtennisplatte und einem Rasenmäher. (Der Rasenmäher war auch noch für unsere Nachbarn bestimmt. Da hätte ich auch in der Reihenhaussiedlung bleiben können. Oder.) Das Abholen wurde begleitet von einem kontinuierlich schwäbisch-schrillen „Passen Sie auf meinen Petanque-Rasen auf!“ Beim „Nur-mal-schnell-Abholen“ von dreiundzwanzig Paketen wird glücklicherweise selbst das zu überhörbaren Monotonie.

Seit diesem Einblick in die deutsche Importwelt der kleinen Sehnsüchte frage ich mich, ob es vielleicht gar keine Seltenheit war, letzte Woche hier Spätzle kredenzt zu kriegen. Ob vielleicht tatsächlich alle hiesigen Küchenfees den Tag Teig schabend und Maultschen faltend verbringen, während Sie Hohes C und Becks kühlen.
Dann frage ich mich weiter, was ich vermisse. Im Advent. Was ich importieren würde, wenn ich Zugang zur exklusiven Welt der Container-Bestellungen hätte. Und nach längerem Überlegen komme ich zu der selbstlosen, überheblichen Überzeugung, dass kein Meica-Würstchen der Welt so schmecken kann, dass ich nicht Familie, Freunde, Wetter und Alpen vermisste. Kein dröhnender Rasenmäher kann mir vorspielen, dass ich in vertrauter Umgebung sei oder Privatsphäre hätte. Und der Geschmack von Becks machte bestimmt alles nur schlimmer.

Zu allem Überfluss werde ich hier also zur personifizierten Mastercard-Werbung.

Der kleine Ballack und sein grossäugiges Geschwister winken mir zu und obwohl man Kindheit nicht kaufen kann, versuche ich genau das heute doch. Schliesslich ist Advent. Und es ist Afrika. Verdrehen Sie ruhig die Augen.

Es ist so. Gestern habe ich wieder viele Leute zu Besuch in meinem Büro. Einen Militärberater zum Beispiel, wir unterhalten uns über den Norden. Und über Pontonbrücken, die Sicherheitslage, sowie die letzte Mail an die elektronische Deutschenliste.
Sie heisst tatsächlich so. „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, bitten wir Sie, die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes nun ernst zu nehmen.“ Ich überlege kurz, was ich mit den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes bisher getan habe und fühle mich ertappt: ich habe sie ignoriert. Das werde ich weiterhin tun, sie nämlich sind irrelevant. Das Auswärtige Amt warnt mich vor dem Norden, in dem ich nicht bin und warnt mich hingegen nicht vor den reellen Gefahren um die Ecke: vor dem Typhus der Kollegin. Oder vor Mofas. Mofas. Mofas. Mofas. Oder vor der Batteriesäure in Gartenerde.

Der Militärberater lacht. Für die beschriebene Allgegenwart der Gefahren sähe ich noch relativ gut aus. Dennoch: im Moment bastele er eine Vitaminbombe für mich. Ich frage, ob er im Restaurant nebenan gegessen habe, vor dem Essen dort warne das Auswärtige Amt auch nicht. Ob ihm irgendwas nicht wohl bekommen habe?
Vitaminbomber? Rosinen? Mit Kanonen auf Glitzer schiessen?

Er zieht die Augenbraue hoch. Ob ich nichts von der Operation Sauerkraut gehört habe. Wieder fällt mir mein britischer Freund ein und ich denke, dass bei ihm „Operation“ und „Krauts“ wohl ähnliche Fragezeichen auslösen würden. Doch doch, die Operation Sauerkraut, ganz gross. Und dann, verschwörerisch, nur ein Wort: W e i h n a c h t s m a r k t.

Weihnachtsmarkt. Letztes Jahr habe man zum Weihnachtsmarkt Sauerkraut eingeflogen, zwanzig Kilo vielleicht. Allein, es schmeckte nicht. Deshalb, wir wollen nicht von der Vaterlandsehre sprechen, rein von Geschmack, würde dieses Jahr das Sauerkraut selbst gemacht. Weil Würschtl ohne Kraut gingen ja auch nicht. Und damit, mit diesem Vitamin-C-Schub, könne einen hier auch kein Typhus umhauen, versprochen, Glitzer.

Als er gegangen ist, zwanzig Kilo Sauerkraut wollen pfleglich behandelt werden, erwartet mich eine neue Mitteilung an die elektronische Deutschenliste. Vielleicht ist der Norden weiter nach Süden gerückt, oder im Nachbarland wurde mal wieder zur Festigung der Demokratie die Verfassung im Sinne des Präsidenten geändert. Ich tippe auf letzteres.
Aber da: „Liebe elektronische Deutschenliste, blablabla, möchten wir sie darauf hinweisen, dass für den Weihnachtsmarkt noch dringend Kuchenspenden  benötigt werden.“ Ich tue, was ich mit der elektronischen Deutschenliste immer tue und stürze mich waghalsig in den Feierabendverkehr.

Ich wurde gefragt, wovon die malische Küche so beeinflusst sei. “Hirse“ war meine spontane, wenn auch enttäuschende Antwort. Und natürlich ist das nicht ganz richtig. Es gibt auch Reis, Erdnüsse und Fisch, Trockenfisch, Schaf und Couscous und alles in mehr oder weniger Bandbreite.
Zur Zeit läuft die Stadt voll mit Schafen. Die meisten haben noch zehn Tage zu leben, dann ist Opferfest. Tabaski. “Fête du mouton”, obwohl sie alle geschlachtet werden, die Schafe. Bis dahin werden sie fragwürdig transportiert: in Dutzenden auf den Dächern der Sammeltaxis, in Minibussen, oder einzeln verschnürt in Fahrradkörben beziehungsweise in den Armen von Mofabeifahrern. Schafe gibt es jede Menge, also. Von ihnen erzähle ich ein ander Mal mehr.

Hätte man mich in meinem Morgengrant gefragt, ich hätte geantwortet, dass es  n i c h t s  gebe. Nur Nescafébrösel, die zu schwarzer Plörre werden, damit man was Warmes im Magen hat. Ich hätte allerdings betont, froh zu sein, dass ich Kaffee schwarz trinke, um nicht noch Milchpulverklumpen aufgiessen zu müssen. Schliesslich kann ich auch im Grant positiv denken.

Vor Kurzem hatte ich überlegt, Brezen zu backen. Ich mag Brezen. Ausserdem hatte ich Weisswürste importiert, samt Senf. Und was soll das sein, ein Weisswurstfrühstück ohne Brezen? Also. Ein Weisswurstfrühstück mit Brezen und Senf und wahlweise den Münchner Gschichten, Monaco Franze oder Kir Royal. Ich legte die Idee einem Bekannten dar, der daraufhin meinte, ich solle gefälligst keine bayerische Parallelgesellschaft bilden, sondern mich ordentlich integrieren. Ich reagierte mit Grant und erzählte ihm von Nescafébröseln. Er entgegnete, ich solle mich nicht so anstellen, guter Kaffee sei kein Menschenrecht und er müsse auch welchen in Ostberlin trinken.

Seufzend schickte ich mich an, mich zu integrieren. Ich stapfte ins Touareg-Kulturzentrum. Nein, das hat nichts mit VW oder zwielichtigen Geschäften zu tun, sondern mit Kamelen, Wüste, Nomadismus, Aufstand, extrovertierten Kopfbedeckungen und Separationsbewegungen. Das kommt ihnen bayerisch vor? Ja. Es kam noch besser: serviert wurde eine Art Gulasch mit Hefeknödeln, die mich sehr an die meiner Oma erinnerten. Soviel Bayern kriegt Ostberlin niemals hin. Darauf einen Nescafé.