Es ist so. Seit einigen Monaten beschäftigt sich der Zwack mit dem Leben, das ist: dem Tod. Wie das sei, wenn Tiere kaputt gingen. Ob die so kaputt gingen wie Glas. Ob man sie dann reparieren könne. Kleben. Ob sie dann noch gucken könnten. Oder Geräusche machen. Ob Menschen auch kaputt gingen. Ob die dann noch sprechen könnten. Oder gucken. Sprechen und gucken sind also Leben.
Das war der Anfang. Die Analogie zu Fahrzeugen war wohl die einfachste für den Zwack, die Kurven zu „gesund werden“ dementsprechend viele.

Im Urlaub die riesige Holzskulptur, Jesus am Kreuz. Wieso dieser Mann überall Blut habe. Ob er nett gewesen sei. Ob er noch gucken könne. Oder sprechen. Jaja, aus Holz. Aber ob der Mann noch sprechen könne. TOT?! Könne man den wieder reparieren? Kein Sprechen? Kein Gucken? Kein Lachen? Nur noch traurig sein? Das müsse er auch nicht mehr, sage ich, nur seine Freunde. Ob man Freunde kaufen könne? Gewinnen, sage ich und endlich fährt ein Traktor vorbei. Mama! Mit Heuballen! Ablenkung genug.

Wann sterben Menschen? Wenn sie hinfallen? Wenn sie alt sind? Wer ist eigentlich alt? Wenn Du hinfällst, bist Du dann kaputt, Mama? Und schließlich: wenn die Menschen kaputt sind – kommen sie dann in den Müll? Abschied, Beerdigungen, Gräber.

Interessant, sagt eine Freundin. Die einzige Frage ihres Sohnes in diese Richtung sei bisher, wieso man Geld in die Parkuhr werfen müsse. Als die Freundin wieder weg ist, fragt der Zwack, ob das ein Baby in dem Bauch sei. Wie das da rein komme. Was Frau und Mann da zu tun hätten. Und er, er hätte gern eine Schwester. So eine echte. So wie den Strizzi, so eine. Dann presst er Daumen und Zeigefinger zusammen und meint, soooo eine kleine Schwester hätte er gerne. Und außerdem wäre er gerne drei Jungs zu Hause.

Das Buch. Die große Frage. Eine Sammlung von Gründen, auf der Welt zu sein. „Um Geburtstag zu haben“, sagt der große Bruder. „Keine Ahnung“, sagt die Ente. „Um das Leben zu lieben“, sagt der Tod. „Damit ich Dich verwöhnen kann“, sagt die Oma. Der Zwack nickt sehr verständig und möchte Kuchen essen. Wozu sonst sei man auch auf der Welt. Mal abgesehen davon, Fragen zu stellen. Ob die Oma eigentlich alt sei, zum Beispiel.

Es ist so. Es ist Kindergeburtstag. Auf unseren ersten Kindergeburtstag sind wir nicht eingeladen. Wir sitzen im Biergarten, kennen niemanden und niemand kennt uns und dann bekommt dieser Junge ein Feuerwehrauto geschenkt. Ein großes. Mit Batterien und dementsprechendem Blinken und Lärmen. Zwack schielt schon die ganze Zeit zu den Luftballons hinüber und fängt jetzt an, schmachtend um die Geburtstagssause zu schwänzeln. Die Oma des Geburtstagskinds verteidigt eisern das Revier, Zwack holt mich zur Verstärkung, zeigt mir das Auto, für das sich das Geburtstagskind keine Sekunde interessiert. Ich sage ihm, dass er es anschauen, aber nicht anfassen dürfe, weil es einem anderen Jungen gehört, der es zum Geburtstag geschenkt bekommen habe.
Das würde er ja wohl kaum verstehen, zetert die Oma, Nicht kaputt machen, es gehöre dem Enrico und dann sagt sie: „Deine Mama kauft Dir auch eins.“ „Nein“, sage ich und der Zwack sagt „Anschauen“, deutet auf alle Details, erklärt in gebührendem Abstand das Auto, immer unter den Argusaugen der Oma. Irgendwann kommt Enricos Mutter, nimmt das Auto aus der Schachtel, stellt es – unter Oma-Protest, wahrscheinlich also Schwiegermutter – vor den Zwack und drückt ihm ein Stück Kuchen in die Hand.

Die nächsten zwei Stunden verbringt Zwack mit dem Behüten des Feuerwehrautos, ihm auf der Pelle immer die fremde Oma, bis ihr endlich jemand Sekt einschenkt. Als wir gehen müssen, überlegen wir zwei Dinge: wie eisen wir den Zwack vom Feuerwehrauto los? Und: füllen wir jetzt Cola oder doch besser Milch in den Behälter, aus dem man das Löschwasser pumpen kann? (Nur für die Oma. Nicht wegen Enrico.) Wir entscheiden uns für keines von beiden, das Auto gehört ja nicht der Oma, auch wenn das nicht deutlich wird. Ich sage dem Zwack, dass wir jetzt gehen müssen und statt in Heulen auszubrechen, startet er noch einmal die Sirene, bringt das Auto zu Enricos Mama, winkt und klettert in den Fahrradanhänger. Ich staune. Er bekommt noch ein Stück Kuchen.

Auf den nächsten Kindergeburtstag sind wir eingeladen, ein Junge aus der Kita, der auch  in der Nachbarschaft wohnt. Tim besorgt das Geschenk, eine orange Walze, ja, das Fahrzeug. Drei Tage vor dem Geburtstag entdeckt der Zwack die Walze und ruft: „WALZE! NEHMN! DA! WALZEEE! NEEEHMN!“ Ich erkläre ihm, dass die Walze für Bertl zum Geburtstag sei und lege sie irgendwo nach oben hinten in den Schrank. „NEEEHMN!“ plärrt der Zwack und setzt sich vor den Schrank. Irgendwann fruchtet eine Ablenkung und in den nächsten drei Tagen werden die Zeitspannen, die der Zwack „Walze NEEEHMN!“ vor dem Schrank verbringt, kürzer.
Dann kommt der Geburtstag. Ich packe „NEEEHMN! Zwack auch eine Walze! Zwack hat keine Walze! Zwack auch eine Walze! Walze nehmn!“ die Walze ein, erkläre ihm, dass wir sie dem Bertl schenken „MBAAAAAAAAAAAAAAA – NEEEEHMN! WALZEEEÄÄÄ!“ und er aber vielleicht im Laufe des Nachmittags damit spielen „NEEEEHMN! ZWACK WALZÄÄÄ NEEEHMN!“ kann. Ich drücke ihm eine Packung Salzbrezeln „ESSEN! WALZE NEHMN! ESSEEEEEN!“ in die Hand, packe ihn „WALZÄÄÄÄÄ! Zwack auch eine Walze!“ in den Wagen, wir gehen los. „PAPA WALZE SORGEN! Zwack auch eine Walze.“ – „Ja, wir können ja mal sehen, ob wir nochmal so eine Walze finden…“ (leises Schniefen) „…aber heute nicht mehr.“ – „MBAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! WALZE SORGEN! Zwack hat keine Walze!“

Nach sieben weiteren „…aber heute nicht mehr.“ – „MBAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“ kommen wir an, Zwack hat die Brezeln in der Packung gewissenhaft zerbröselt, drückt sie Bertl in die Hand, will das Geschenk aber nicht rausrücken. Bertl greift beherzt zu, packt aus, Zwacks vorgeschobene Unterlippe zittert. Dann kommen neue Gäste, in der Aufregung merkt der Zwack gar nicht, dass Bertl die Walze festhält, aufatmen, reingehen, ausziehen, Kuchen, genauer: Nussecken, weil mit Schokolade.

Ich atme auf. Der Zwack isst an diesem Nachmittag noch viele Nussecken, spielt beständig mit der „Die macht alles platt!“ Walze, lässt sie am Ende sogar recht widerstandslos da, pult der Katze im Ohr, nimmt noch die letzte Nussecke mit nach Hause (nachdem er auch die Gemüseplatte leergegessen hat, immerhin).

Strizzi übrigens ist auch dabei. Der schafft es, in einem unbeobachteten Moment die Seelenruhe von Katze zum Fauchen zu bringen. Als er mich sieht, krabbelt er betont desinteressiert davon, um ein paar Wasserbecher vom Tisch zu fegen und sich irgendetwas in den Mund zu stopfen.

Ich weiß nicht, ob Geburtstage, auf die man nicht eingeladen ist, die entspannteren sind. Ich weiß auch nicht, ob man uns künftig mehr als einmal einlädt. Ich weiß nur, dass jemand (nicht ich!) dem Zwack ein kleines Feuerwehrauto geschenkt hat. Es blinkt. Es lärmt. Er liebt es. Ich verbringe meine Nachmittage seit Kurzem damit, Lego-Walzen zu bauen. Das Leben ist kein Kindergeburtstag.

Es ist so. Irgendwann abends beim Schlafengehen sagt der Zwack: „Zwack Burtstag.“ Ich erschrecke ein bisschen. Nicht, weil ich seinen Geburtstag vergessen hätte, nein, eher, weil es noch mindestens eine Kinderewigkeit bis zu diesem Geburtstag dauert.
Ja, sage ich, er habe Geburtstag, bald, aber es dauere auch noch ein bisschen. „Zwack Burtstag!“ lächelt er. Was denn passiere am Geburtstag, frage ich ihn. Der Zwack lächelt verlegen und murmelt „Sungen“. Es wird also gesungen. Und sonst? Noch verlegener sagt er: „Ein Geschenk. Ein Geschenk Danielle.“ Aha. Daher weht der Wind. Danielle ist die Kinderpflegerin in der Krippe. Alle haben also Geburtstag in der Kinderkrippe, nur der Zwack nicht. Wir reden noch ein bisschen über „Kuchu“ und der Zwack schläft ein.

Ab diesem Zeitpunkt fragt der Zwack jeden Abend nach seinem Geburtstag, betont „sungen“ und murmelt noch manchmal vom Geschenk. Manchmal, wenn er ein Fahrzeug sieht, das ihm gefällt, aber nicht gehört, sagt er auch „Zwack Traktor. Burtstag!“. Die Grundprinzipien sind schnell begriffen.
In der Woche vor seinem Geburtstag fischt er die Krone aus dem Regal, die er zum ersten Geburtstag bekam und möchte sie den ganzen Nachmittag aufbehalten. Wie auch damals. Mit dem Unterschied, dass sein Kopf mittlerweile zu groß ist, die Krone ständig vom Kopf rutscht. Wir beginnen, beim Zubettgehen neben Kuchu und Sungen noch über Soundsovielmalschlafen zu reden. Schwierig. Der Zwack zählt zwar, allerdings konstant ohne drei und sechs und ich weiß nicht, ob er das auch mit Mengen oder Zeiträumen verbindet. Meist habe ich den Eindruck, er zählt vor allem, bevor er sich rückwärts irgendwohin plumpsen lässt. (Gerne: „acht neun zehn neun“ – plumps.)

Dann ist es geschafft. Zwack Burtstag. Er kriecht morgens zu uns ins Bett und wir singen ihm ein Ständchen. Er lächelt verlegen. Er lächelt oft recht verlegen, wenn er im Mittelpunkt steht. Zum Frühstück gibt es Kuchen, mit Kerzen. Die Kerzen sind die Attraktion. Er liebt Kerzen. Diese sind auch noch bunt und er soll pusten und sie sind klein und und und so faszinierend, dass der Zwack gar nicht merkt, dass da noch ein Geschenk steht. Irgendwann reißt er ein Stück Papier ab und wir packen es aus. Zu diesem Zeitpunkt – sieben Uhr – ist der Zwack vor lauter Überschwang schon wieder bettreif. Eigentlich ging er wohl davon aus, dass Geburtstag nur in der Kinderkrippe stattfindet.
Da geht es dann auch hin und es wird gefeiert. Samt Sungen und Kuchu und Geschenk Danielle, Krone und verlegenem ImMittelpunktSitzen.
Wir holen ihn vor dem Mittagsschlaf ab, um in Urlaub zu fahren. Er sitzt mit Krone im Auto und singt. Happy Birthday. Um genau zu sein, singt er Happy Bürste. („Bürste“ ist eines seiner liebsten Worte. Es kam auf, als er „Kehrmaschine“ noch nicht sagen konnte.) Birthday oder Bürste, völlig egal. Der Zwack ist happy.

Am Ziel angekommen, ist immer noch Geburtstag, diesmal singt die Tante, wir verschieben das Geschenk auf den nächsten Tag. Der Zwack ist so geburtstagsgeschlaucht, dass er nichtmal mehr essen kann und unheimlich schnell froh einschläft.
Irgendwie schade, dass Kinder so selten Geburtstag haben. Wenn man aber bedenkt, wie viele Kinderewigkeiten es dauert, bis sich der Zwack von seinem erholt, vielleicht auch ganz gut. Bürsten-Lieder kann man ja trotzdem singen.