Alltagewoche 1.

Ich schlafe schlecht, aber dafür zu wenig. Um fünf ist Schluss. Um Tim nicht aufzuwecken, versuche ich, weiter im Steinmodus zu verharren, lausche den Imamen und warte, bis Aufstehzeit ist. Tim schläft aber auch nicht. Seltsam. Nach einer Zeit kann man den Leuten anhören, ob sie schlafen oder nur regelmäßig atmen.

Ansonsten verläuft dieser Montag, wie so ein Montag verlaufen muss. Übergabe, Bericht, Augenringe, immer noch Genesungswünsche, der Versuch, mir ein beeindruckendes Zeugnis zu formulieren, Nachricht über Abfindung im Zuge meiner Vertragserfüllung. Später deshalb eine Diskussion mit Tim über den Club Med und Abfindungspolitiken.

Egal, alles, was an diesem Montag zählt sind: die Nilpferde. Es sind fünfundsiebzig und wir sollen sie abholen. Auf der Fahrt zum Markt berichtet mir Tim neu Grusliges aus dem Norden, nicht mal für die Nachrichten hatte ich heute Zeit.

Wir stolpern über den Markt, finden den Laden wieder, ohne uns vorher schon zu einem Kunsthandwerkkauf nötigen zu lassen. Ca va, klar erinnere er sich, er sei zwar nur der Bruder (und war letzte Woche gar nicht da), aber, kein Problem, er rufe Amadou an, ahahaha, ach, wir seien die, voilà, gut eingepackt, gute Arbeit, fünfzehn Familien Holznilpferde. Man rechnet in Familien. Überhaupt rechnet man Dinge lieber in Fünferschritten, weswegen Rechnen außerhalb der Fünf manchmal lange dauert.

Die Nilpferde sind der Hit. Alle unterschiedlich groß, dick und schief – einfach perfekt. Wir stellen sie auf den eineinhalb Quadratmetern Laden auf, der Verkäufer von gegenüber guckt ein wenig ungläubig. Vor allem später, als wir bei ihm wirklich keine Lederschachtel für unseren neuen Zoo erstehen wollen.

Fünfzehn Familien, ich fische das Post-it heraus, das unsere Anzahlung dokumentiert, zahle den Rest. Dann fragen wir nach noch zwei Nilpferden, grösser, anders, Amadous Bruder bringt gleichmal fünfzehn, pardon, drei Familien. Wir wollen nur zwei, eines hinkt, verhandeln nicht ganz gut, aber egal.

Tim will weg, ich noch eine Sonne für Mama kaufen, verschwinde einfach in einer Verkaufshöhle, das einzige Mittel, ihn aufzuhalten. Wir verhandeln die Sonne, bis der arme Verkäufer nicht mehr genau weiß, welche Zahl jetzt nach achtzehn kommt, wenn er uns einen Schritt entgegen kommen möchte, nein, wir wollen nicht auch noch den Bronzeskorpion, die zweite Maske oder die Bronzefischerstatue. Gute Laune. A la prochaine, les Allemands.

Deutsches Brot gleich gegenüber, wir versuchen, welches zu kaufen, aber die Leute in der Bäckerei sind so in ihre Diskussion vertieft, dass das gar nicht so leicht ist. Aber für hier so untypisch, dass ich lachen muss, bis auch die Diskutanten kichern.

Nach erfolgreichem Geshoppe und Feierabendverkehr bezwingen: Essen. Ich bin viel zu müde, aber letzte Woche, letztes Fonio, letztes Saka Saka, letzter Bissap. Wobei den gibt es jetzt auch als Energy Drink. Aus Deutschland. Bizz’Up. Vielleicht finde ich den ja in München. Die Liste lautet nun nicht mehr InDeutschlandUnbedingtKonsumieren, sondern: InDeutschlandVielleichtFinden.

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Djenné. Zentrum der sudanischen Lehmarchitektur. Die Moschee von Djenné ist der größte Lehmbau der Welt. UNESCO Weltkulturerbe.

Es ist so. Meine Schwester und ich sind in Djenné, um zu tun, was Touristen tun müssen: die Moschee bewundern, die Häuser, den Montagsmarkt. Ich wundere mich desweiteren jedes Mal wieder, wie um alles in der Welt ich die französische Vokabel für Abwasserreinigung gerade im Zusammenhang mit Djenné lernen konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir stehen also vor der Moschee, vor uns Fanta und Fatoumata, die Ketten verkaufen wollen. Uns. Unbedingt uns. Es gebe nämlich derzeit keine anderen Touristen, wir Schwestern sähen uns so ähnlich, seien die ersten Kundinnen und weil Schwester Fanta was abkauft, müsse ich Fatoumata eine Freude machen, wo ich ihr die letzten drei Male hier schon nichts abkaufte, das wisse sie genau, dabei, Madame, man müsse sie ermutigen, sie würde einen guten Preis machen, alles sei weniger teuer et cetera und so fort. (Falls Sie überlegen, hierher zu reisen, lasse ich Ihnen den Monolog gerne vorab zukommen.)

Während ich Fatoumata nichts abkaufe, versuche ich gleichzeitig Michel le Magnifique loszuwerden. Das sei er, stellt sich der bullige Mann vor, der in seinem Muskelshirt gekonnt das Fotomotiv Moschee versperrt. Man habe es nicht so gerne, wenn Touristen so ziellos durch die Stadt liefen, wo es doch so viel zu sehen gebe. Er sei zufällig ein offizieller Guide, wie alle seine Brüder und Onkel. Alle weiteren seien längst nicht so offiziell, er fürchte, sie würden uns bestimmt belästigen, falls wir nun darauf bestünden, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Würden wir? Na gut, aber, wenn wir wollten, nur zur Sicherheit natürlich, könnten wir vorab vom Dach seines Hauses einen Blick auf die Stadt, die Moschee und den Markt werfen.
Nein, aha , oder später, er könne das gerne organisieren, eigentlich dürften ja Touristen nicht in die Moschee, aber gegen einen geringen Beitrag würde sich da was machen lassen, gerade für die Schwestern, die heute die ersten Kundinnen seien.
Oder, vielleicht, ein anderes Angebot. Sein Bruder könne kein Französisch, könne uns aber gerne begleiten, um die anderen Guides abzuhalten, gleichzeitig aber nichts zu erklären. Für ihn sei das eine hervorragende Chance, Französisch zu lernen, für uns eine gute Tat oder er lerne eben Deutsch, auch recht. Fünftausend?

Irgendwann schlendern wir durch die Seitenstraßen rund um die Moschee, treffen auf Abdoulaye, ça va les sœurs, Wir seien seine ersten Kundinnen, nein, aha, dann eben kein Geschäft, sondern ein Angebot. Wir hätten Glück, er sei der Sohn des Imam und gegen einen geringen Beitrag könne er mit seinem Vater reden, wir könnten uns die Moschee ansehen, obwohl das verboten sei, aber er als Sohn. Er könne uns auch gerne die Stadt zeigen, wo wir uns gerade herumtrieben sei es für Schwestern eigentlich nicht interessant. Nein? Gut, vielleicht wolle ich mir zur Sicherheit seine Telefonnummer merken, dann könne ich ihn anrufen, sobald wir uns überlegt hätten, die Moschee zu besichtigen.

Es spült uns nach einiger Zeit zurück auf den Markt, wo uns eine Jungswolke zu überreden sucht, ihnen einen Fußball, Bonbons, Kekse, Bleichcreme, Schuhe oder sonst! irgendetwas! zu kaufen!, während ihre kleine Schwester uns Ketten anbietet, Sie haben es erraten, wir seien die ersten Kundinnen und so weiter.
Michel le Magnifique kreuzt in regelmäßigen Abständen unseren Weg, ça va, les sœurs, ob er uns die Frauenkooperative zeigen solle, oder später vielleicht. Auch seinen Bruder treffen wir, der uns auf Französisch, Englisch und Deutsch zu einem Stoffverkäufer führen will.

Schwester drängt, ob wir nicht einfach wieder rückwärts da raus könnten, raus raus raus, wir schlagen uns erneut ins Abseits. Ich steuere auf einen Laden zu, die Touristeninformation. Ich habe sie wohl nicht alle, ob ich wirklich da rein wolle, da seien bestimmt noch mehr. Im Laden überreden wir den Mann, dass die Bücher, die er ausliegen hat, zu verkaufen seien und erstehen einen Bildband.
In Ruhe betrachtet, ist es nämlich wunderschön, dieses Djenné.

Ach so, Sie wissen ja, dass ich Liedtexte nicht vergessen kann, ebenso ergeht es mir mit rhythmischen Zahlenreihen. Falls Sie also einen Guide für Djenné suchen, hier Abdoulayes Nummer: 74 12 47 06, mit schönen Grüßen von den Schwestern.

Es ist so. Wir sind in Kani-Kombole. Fragen Sie nicht, wo das liegt, es gibt dort nichts. Gut, die erste Moschee der Ebene, aber Boubacar – dit: Simon – findet Moscheen uninteressant. Simon führt uns seit drei Tagen durch die Ebene, von Dorf zu Dorf, Schmied zu Schmied, Huhn zu Huhn, Ogon zu Ogon, vorbei an Moscheen. Wir finden Moscheen brav auch nicht unbedingt bemerkenswert und beschließen, bald weiter zu ziehen, eine Cola, dann wieder aufs Plateau, Mittagessen, ab in die Stadt. Eine Dusche. Bier. Die Stadt.

Wir trinken unsere Cola, Simon raucht, trinkt seinen Tee und weil ein Tee kein Tee ist, warten wir, sehen uns Schnitzereien an, kaufen nichts, stehen noch ein bisschen um den ältesten Baum des Dorfes, Simon unterhält sich. Ein Junge spielt uns auf seiner Pfeife vor. Als wir sie nicht kaufen wollen, versucht er es mit seiner Steinschleuder, schließlich bleibt er neben uns stehen und sieht uns an. Ein alter Mann begrüßt uns, ein anderer bringt uns eine Bank, ein dritter fragt, ob wir nicht noch seinen Laden besuchen wollen. Simon unterhält sich, er war lange nicht hier, heute ist Markt, später, nach der Feldarbeit.

Als der Junge uns seinen Bruder verkaufen will, schlendern wir doch in den Laden, lassen uns Masken und Ringe, Bronzefiguren und Muscheln, Kuhschwänze und Kani-Kombole erklären. Dass wir bestimmt schon lange in Afrika seien, oder Madame, doch doch, bestimmt, machen Sie mir nichts vor, das könne man sehen. Wir kaufen zwei Ringe, Danke, einen schönen Tag.

Simon unterhält sich, stellt uns vor, fragt, ob wir jetzt hier Essen bestellen sollten. Ob wir nicht aufs Plateau wollten, frage ich. Doch doch, aber jetzt sei es ein wenig spät und weil wir ja noch in die Stadt wollten, es sei besser, wir würden nun hier essen und anschließend nach oben, das hier sei Allaye, ein alter Freund. Wir warten auf das Huhn, lange, länger als auf alle anderen Hühner zusammen, dafür, meint Simon, schmecke es schlechter.

Nach dem Huhn kommt langsam Bewegung in den Markt, Simon meint, wir sollten ihn uns kurz ansehen, erklärt Früchte, Gemüse und Kruditäten, Leute, stellt uns vor. Nach dem Rundgang sitzen wir um den Baum, Simon unterhält sich. Der Junge neben uns, sieht uns an, pustet in seine Pfeife. Irgendwann, Tees später, sitzen wir schweigend. Vor der nächsten Zigarette frage ich Simon, ob wir noch auf etwas warteten. Erstaunt schüttelt er den Kopf, er doch nicht. Wir fahren, der Junge winkt.