Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

Kennen Sie Ouagadougou? Nein? Ein Faszinosum. Ich war nie dort, aber die Vokalhäufung entlockt mir bekennendes Staunen. Diese Vokalhäufung zieht auch den Witz nach sich, Ouagadougou sei die Hauptstadt der Oberpfalz. Diese wiederum schätze ich weniger. Wahrscheinlich, weil ich in Niederbayern aufwuchs, und die gering Geschätzten auch immer nochmal nach unten treten möchten. Allerdings wohnte meine Oma in der Oberpfalz. Aber diese Stammesauseinandersetzungen tangieren mich nicht. Ohnehin bin ich in Oberbayern geboren, aber auch das wiederum eher auf zufälliger Durchreise. Aber das alles tut nichts zur Sache. Wir waren bei Ouagadougou.

Funny van Dannen besingt in einem seiner launigen Lieder Uruguay: „Drei U auf engstem Raum / ich denke oft an Uruguay.“ Entweder er kannte Ouagadougou nicht. Westafrika ist ja nicht so in wie die Amerikas. Oder es passte einfach nicht in seinen Liedfluss. Das mag sein. „Ich denke oft an Ouagadougou“ klingt auch unheimlicher als „Uruguay“. Ich schreibe keine Lieder, deshalb kommt in meinen Ouagadougou ebenfalls nicht vor. Als Ersatz höre ich Funny van Dannen.

Ein Freund, der selbst nie in Ouagadougou war, erzählte mir, wichtigster Gegenstand der Grußzeremonie sei der Staub. Zunächst widmet sie sich dem klassischen Kanon: Guten Tag – Wie geht es – was macht die Arbeit – die Familie – die Gesundheit – der Schlaf – die Kinder – die Träume – das Leben – die Schlaglöcher. Und dann folgt: der Staub. Heute ist es wieder sehr staubig, jaja, der Staub, so rot, bestimmt aus Timbuktu, hm, morgen soll es noch mehr Staub geben, er ist unangenehm, der Staub, so rot, dieses Jahr soviel Staub, was sagt man da, hat die Welt noch nie gesehen, soviel Staub. Der Staub.
Das ist nicht Smalltalk. Das ist Hallo-Sagen. Je mehr Leute man in Ouagadougou kennt, umso länger braucht man durch die Stadt. Und den Staub. Aber man gelangt nirgendwohin. Es gibt dort nichts.

Dennoch: Ouagadougou ist nicht die Hauptstadt der Oberpfalz, sondern von Burkina Faso. Ich lernte während eines Praktikums Dinge zu Burkina Faso. Zum Beispiel, dass die Einwohner Burkinabé heißen, dass es dort Baumwolle gibt (der Staub spielte in meinem Praktikum seltsamerweise eine geringe Rolle), dass viele Leute im Nachbarland arbeiten und dort ausländerfeindlich verfolgt wurden. Das erinnerte mich an ein weiteres Lied von Funny van Dannen, das sich mit lesbischen schwarzen Behinderten befasst. Die auch ätzend sein können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem lernte ich anhand von Burkina Faso volkswirtschaftliche Kennzahlen. „So Frau Glitzerkugel, guten Morgen, wie ist der Staub, heute gibt‘s vor der Kaffeepause ein paar volkswirtschaftliche Kennzahlen.“ Allein dieser Satz verrät, dass ich bis heute wenig von volkswirtschaftlichen Kennzahlen verstehe. Sie gehören nicht zu meinem Metier und ich werde kein Lied schreiben, in dem sie vorkommen. Funny van Dannen besingt sie schließlich auch nicht.

Was? Die Pointe? Sie finden, das alles liest sich wie eine Grußzeremonie, in der Staub der wichtigste Gegenstand ist? Nicht einmal Small talk? Geschweige denn ein kosmospolitischer Text? Das mag sein, aber es gibt einen Grund: Ich wurde gebeten, einen Text mit möglichst vielen U-Umlauten zu schreiben. Es ist mir nicht gelungen.

Gescheitert

Ihre glitzerkugel

Was? Sie kannten den Text schon? Das kann sein. Aus aktuellem Anlass präsentiere ich Schonmaldagewesenes. Wenn ich aus Ouagadougou zurück bin, erzähle ich Neues. Vom Staub.
Bis dahin spielen wir ein bisschen Musik.

Seit vorgestern also zähle ich zu den aktiven Teilnehmern am Straßenverkehr. Wie es sich für eine gute Verkehrsteilnehmerin gehört, versuche ich, verschiedene Regeln zu beherzigen.

Erstens: nie den Eindruck erwecken, man würde nicht fahren. Ich halte also drauf. Immer. Wer bremst, verliert. Das kenne ich noch aus meiner niederbayerischen Fahrschule. „Sei koa Verkehrshindernis, Glitzer.“ Tatsächlich, hier wie in Niederbayern gilt das Recht der Stärkeren oder Schnelleren. Wer stehen bleibt, wird vom Verkehr verschluckt und wird die Kreuzung NIE verlassen können. Man muss sich das vorstellen wie eines dieser Wimmelbilder in den Bilderbüchern. Nur, dass eine hiesige Kreuzung bewegt wimmelt, wohingegen eine niederbayerische Kreuzung selten wimmelt.

Um das Gewimmel zu strukturieren, hat sich eine Hackordnung evolutioniert: Rollstühle, Fußgänger, Eselskarren (zu Fuß begleitet), Fahrräder, Esel, Pferde, Mopeds aus China, Mopeds aus Japan, andere Mopeds und Roller, Motorräder, Sammeltaxis, Autos, Taxis, Geländewagen. Je nach Zustand der Vehikel kann sich das etwas verschieben, weshalb ich Busse und Lastwagen einfach gar nicht aufzähle, ebenso variiert die Hackordnung nach Provenienz der Fahrerinnen oder Fahrer. Stadtneulinge wie ich hüten sich also vor Taxis, aber wenn möglich, hefte ich mich an die Anhängerkupplung eines Geländewagens.

Regel Nummer zwei nämlich besagt aus dem Wimmelbild logisch gefolgert: keinen Zentimeter vor der Stoßstange bzw. auch keinen Zentimeter Stoßstange verschenken. Gut, ich gebe zu, im Stau bergauf mache ich das von der Qualität des vor mir stehenden Wagens abhängig. Alle anderen Zentimeter rund ums Auto kann man ohnehin nicht kontrollieren.

Hilfreich bei allem: der Tunnelblick. Damit meine ich nicht, dass man grundsätzlich betrunken fahren sollte. Vielmehr aber würde man Regel eins nicht einhalten können, würde man sich auf jede rutschende Dachladung konzentrieren, jedes flatternde Huhn an einem Motorradlenker oder auf jeden Blinker, der einfach blinkt. (Blinker ignoriere ich grundsätzlich. Ihnen folgt in den meisten Fällen keine Aktion. Wer wirklich abbiegen möchte, weiß, wohin und blinkt deshalb ohnehin nicht.)

Die anderen Regeln sind einfach. Immer mit allem rechnen, an umgekippten Tanklastern schnell vorbeifahren, über Land nie alleine und nicht bei Dunkelheit, angefahrene Schafe, Esel und Rinder kosten unterschiedlich viel und am besten: nicht auffallen.

Nicht auffallen ist schwierig. Das Auto, das mir zur Verfügung steht, ist mit einem Kooperations-Aufkleber geschmückt, es ist sofort klar, woher ich komme. Das ist grundsätzlich gefährlich, vor allem, weil Leute wie ich gerne mal aufgehalten werden. Wenn man an Stopschildern hält, beispielsweise. Bonjour, ça va. Die Frage nach der Familie entfällt. Auch will der Gendarm nicht wissen, wie ich geschlafen habe.
Ich hätte nicht ordnungsgemäß gehalten. Ich schaue fragend, ich stünde doch im Moment v o r dem Stopschild. Ja, aber doch wohl nur, weil er mich aufgehalten habe. Ich verstehe nicht, wieso er mich aufgehalten habe, damit ich vor dem Stopschild stehenbliebe, wenn er gar nicht wissen konnte, ob ich nicht vielleicht von selbst stehen geblieben wäre. Non, Madame, so gehe das nicht und außerdem wolle er, nein, nicht die Papiere, sondern Geld. Während wir diskutieren, ob ich stehengeblieben wäre, Madame, das könne ja jeder behaupten, nicht wahr, brettern neben uns die Autos über das Stopschild, ohne zu halten. Ich frage ihn mutig, was das denn sei. Madame, ich wisse so gut wie er, dass diese Leute die Verkehrsregeln nie gelernt hätten im Gegensatz zu mir. Das könne ich nicht leugnen.

Er nennt eine Summe. Ich zucke die Schultern, er wisse so gut wie ich, dass das Humbug sei. Ich wisse so gut wie er, wer hier die Polizei sei. Er wisse so gut wie ich, dass in diesem Land alles verhandelt würde, Preise grundsätzlich. Wir feilschen um den Preis meines Verkehrsverstoßes, vor dem Stopschild angehalten worden zu sein. Am Ende zahle ich ihm ein Drittel seines Monatslohns und stürze mich ins Gewimmel. Mit dem festen Vorsatz, nächstes Mal auch die Polizisten in meinen Tunnelblick zu integrieren. Das konnte ich schon in Niederbayern recht gut.

Omas Welt.

August 31, 2010

„Ich hab’ schon gemerkt, dass was nicht stimmt. Aber ich wollte nicht, dass es so auffällt“, wird sie nach dem Schlaganfall ihres Sohnes sagen. Jetzt aber spricht meine Oma über die Frisur meiner Schwester (das tut sie immer) und (das ist neu) über meine Figur. Mager sei ich geworden, das stehe mir nicht und mache mich darüber hinaus alt. Was meine Schüler dazu sagen würden. Sie wünscht sich so, dass ich Lehrerin geworden sein könnte, dass sie oft nach meiner Schule fragt. Und schüttelt den Kopf über meine Magerkeit.

Es ist Donnerstagmorgen, ich sehe alt aus und heirate. Der Standesbeamte lächelt angekokst und ich verliere eine Wette. Ich hatte auf Rilke gesetzt, meine Schwester auf Hesse. Er aber zitiert Heyse, der die Liebe mit der Morgenröte verglichen habe. „Morgenrot – schlecht’ Wetter Bot’“ fällt mir ein. Aber ich denke nicht in Omen. Ich denke an Omas preussisches „Geschieden wird nicht!“ und unterschreibe mit dem Namen, den man mir in Druckbuchstaben vorgeschrieben hat. Musik, Ring, Kuss, Sekt, Torte.

Vor den Säulen des Standesamtes eine gelbbemützte Kindergartentruppe. „Bist Du die Brahaut? Aber Du hast gar keine Blumen im Haar!“ Schon nun verkorkst, die Guten. Lächeln, Foto, Sonne, mehr Sekt, Brunch.

Die Zwillinge bewerfen Enten mit Brot und Steinen. Irgendwer fragt meinen Vater, wie es ihm gehe, jetzt, wo die Kleine aus dem Haus sei. Er strahlt. „Mahagor bil paka. Halder“, sagt er. Und „Finima kroa la.“ Meine Oma beißt in ihr Hörnchen und fragt, ob unser Hund vielleicht austreten müsse. Sein Penis sehe so komisch aus.

Ich stehe auf und rufe die Rettung. Genug Morgenrot, vielleicht.

Ich merke, ich bin nervös. Bisher war ich relativ unbeteiligt. Aha, Krankenhaus, Diagnose steht noch aus, aber eine Operation sei nötig. In wenigen Minuten allerdings werde ich ein Bild zur Situation haben. Klein sei er geworden, hat sie erzählt. Also stelle ich mir vor, dass er in riesiger Krankenhausbettwäsche liegt und es den Anschein hat, dass man einen Lawinensensor benötige, ihn wiederzufinden. Bei alledem guckt er hoch verschmitzt und zufrieden.

In seinem Zimmer bin ich zunächst meiner alten Flötenlehrerin ausgesetzt. Mei, wunderschön, immer wenn sie eine Sternschnuppe sehe, frage sie sich, wo ich gerade rumspringe. Sie schließt zwei weitere wirre Sätze an und geht dann ganz schnell. Fieber messen. „Tschüs“, kann ich stammeln. Ein seltsames erstes Wort für einen Besuch. Ich blicke mich um und finde ihn überraschenderweise gleich. So klein ist er gar nicht, außerdem liegt er nicht in, sondern sitzt er auf seinem Bett. Das beruhigt mich. Er sieht nur kurz hoch, um dann weiter hochkonzentriert ein Bonbon auszuwickeln. „Glitzer, schön.“

Ja, schön. Unsicher frage ich eine bescheuerte Krankenhausfrage: „Und, wie geht’s?“ Er schimpft auf sein Doppelzimmer, zeigt mir aber stolz Radio und Fernseher und fragt, ob ich ihm was zu lesen mitgebracht hätte. Ach ja, das sei recht ärgerlich, mitten in der Nacht werde man geweckt, zum Blutdruckmessen, wer habe da schon Blutdruck. Seit Neuestem aber habe er Fieber und einen Gichtzehen. Ich muss fast lachen. Alle rätseln über die Bedeutung von „Geschwür“ und er spricht von der alten Bekannten Gicht.

Gicht ist seine Form von Stressreaktion. Was bei mir Ausschlag, Flechte oder Gürtelrose wird, wird bei ihm Gicht. Trotz allem wirkt er recht aufgeräumt, vielleicht ein wenig froh, dass was passiert. Dass er aus den eingefahrenen Rollen ausbrechen kann, endlich ein klarer Gegner auszumachen ist. Wir diskutieren Fischfang und Olympia, Bohrmaschinen und ob Schwesternschülerinnen grüne Kittel tragen oder ganz andere. Dann erklärt er mir das Krankenhaus.

Auf dem Gang treffe ich eine Nachbarin. Sie erzählt von Nasenbluten und wie man es richtig stoppt und was man auf keinen Fall tun darf. Außerdem sollte sie schon längst zu Hause sein, schließlich sei sie mit Kehrwoche dran. Was denn die Leute denken müssten!
Im Treppenhaus ein Bekannter, der schon lange nicht mehr in der Gegend wohnt, er spricht von Erholungsaufenthalt. Auf dem Weg zum Parkplatz eine Mitschülerin, sie sei zu dünn geworden, versucht sie zu scherzen. Und ob ich die F besucht habe, die sei auch hier – wegen des Valiums. Nein, es ginge ihr gut, nur, dass C nun hier Arzt sei, fände sie komisch. Für den wäre sie gern ein wenig hübscher.

Ich steige ins Auto und atme durch. Ich mag Krankenhäuser von außen schon nicht, aber die Struktur dieses Mikrokosmos’ potenziert das. Wenn man jeden Menschen auf der Welt über sieben Ecken kennt, dann sind es in einem Krankenhaus vielleicht nur zwei. Wie soll man jemals gesund werden, wenn man nicht mal in Ruhe krank sein kann?

Heute Nachmittag auf der Bundesstraße fallen sie mir alle wieder ein. Die Situationen und Sätze von Mitschülern, Fahrlehrern und Freunden, die sich zum Thema „Autofahren“ in meinen Kopf gebrannt haben.
Ich denke an Bene. Bene, mein Schwarm, der mir immer versicherte, ich brauche mich nicht zu sorgen. Schließlich sei er bei der Feuerwehr. „Glitzer, i schneid di raus.“ Ihn hingegen konnte nach dem Feuerwehrfest keiner mehr rechtzeitig aus dem Auto befreien. Manchmal bringe ich ihm Blumen. Viele der Marterl im Umkreis kenne ich mit Namen und dem letzten Klassenfoto.

Das Mädchen ist wieder da, das mir auf der Bundesstraße durch einen Weiler selbstvergessen sein Dreirad vors Motorrad strampelte. Ich konnte ausweichen, der BMW hinter mir hatte Mühe. Er knallte in den Mähdrescher auf der Gegenfahrbahn.

„Da fahr i mit’m Mähdrescher nu durchi“, assoziiere ich. Der Lieblingssatz von Xaver, wenn es um Engstellen, Parkplätze oder Überholen ging. Die B12 hat keine Überholspuren. Trotzdem findet das Leben auf ihnen statt. Manchmal nur eine Jugend lang.

„Achtaneinzg? Sei koa Verkehrshindernis, glitzer, bitte.“ Die Stimme meines Fahrlehrer macht klar, dass er während der Fahrstunde nicht sagen darf, dass er hier auch 100 für zu langsam hält. Ein einziges Mal gesteht er mir 95 zu, als der Mais hoch steht. Man könne ja wirklich nicht abschätzen, ob hinter den Kurven ein Traktor oder ein Kurgast schleiche. Das gelte aber nur fürs Motorrad.

Ich sehe, dass ich links abbiegen muss. Statt der Abbiegespur befindet sich hinter der Kurve neuerdings keine Abbiegespur mehr. „Glernt is glernt“, scherzt Mike in meinem Kopf. Das nächste Bild vor meinem geistigen Auge zeigt den Sanka, der nachts in der Kurve überholt und dessen Gegenverkehr wir sind. „Is’ nu immer guat ganga, bis aufs letzte Mal“, höre ich tausend Resignationen.
Mein Abbiegen gerät schwungvoller als nötig. Ohnehin bin ich auf dem Weg ins Krankenhaus.

Ein Morgen in Niederbayern. Ich erwache irgendwo zwischen Altötting und Marktl. Diesmal ohne Weißbier, sondern in der Baustellenwohnung meiner Schwester. Heute soll die Küche werden. Über Küchen schreibe ich ein ander Mal. Küchendiskussionen kommen vor Kinderwagendiskussionen und sind ähnlich zehrend für alle Unbeteiligten.

Um beim Bäcker Unmengen an Butterbrezen kaufen zu können, muss ich zwei Dinge lösen: Geld abheben und einen Bäcker finden. Geld: ich entscheide mich für die Post. Erstens wegen Cashgroup, zweitens, weil ich sie von der Wohnung aus sehen kann und den Ort sonst nicht kenne. Ich kenne hier nur das Bahnhofsviertel. Ja, haha! Es gab einige Bedenken, als Schwester hierher zog, weil also bitte BAHNHOF. Aber machen wir uns nichts vor: hier kommt manchmal sogar ein Zug. Ansonsten werden hier nichtmal legale Drogen verkauft, geschweige denn Dienstleistungen.

So hat auch die Post vor neun Uhr weder offen noch einen Geldautomaten zu bieten. Ich quetsche mich mit den anderen in den Windfang, wobei klar ist, dass ich nicht von hier bin. Im schlimmsten Fall vermuten sie mich von der anderen Flussseite. Mir egal, sie rücken ein wenig ab und ich kann atmen.

Der Bäcker soll sich „in der Hauptstraße hinter dem Kino“ befinden. Es gibt nichts, was nach Hauptstraße aussieht, aber ich finde dennoch einen Bäcker, neben zwei Metzgereien mit den typisch beschlagenen Fenstern. In solche habe ich mich nie getraut, vor lauter Angst, in eine blutende halbe Sau zu laufen. Auf dem Rückweg entdecke ich das Kino, das ich für eine Boazn gehalten hatte. Nach dem Großeinkauf die Frage, wo man mir hier unter dem Ladentisch wohl eine Zeitung verkauft, die NICHT die Lokalpresse ist.

Der Lottoladen. Ja, wie, Süddeutsche, vielleicht sei da noch die eine von den beiden, Moment. Er bückt sich tatsächlich unter den Ladentisch. Und was? Die Zeit. Hm. Nach einigem Hin und Her und Absprachen mit der Mitarbeiterin findet er eine und nach einigen Schätzungen einigen wir uns auf den Preis, der vorne drauf gedruckt ist.

Ich weiß. Ich bin ein verwöhntes Großstadtgör ohne Einbauküche. Und wahrscheinlich bin ich es gerne. Und ebenso gerne bin ich in Niederbayern.