Es ist so. Unser Haus liegt seltsam still. Ca va, et la journée, Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Diesmal heißt „kein Strom“, man habe ihn abgedreht. Jemand vom hiesigen Energieversorger sei gekommen und habe ihn abgedreht. Das Wasser ebenfalls. Auf der Avis de Coupure steht, wir seien im Zahlungsverzug.

Man erklärt uns, es gebe Ausstände aus Mai, die man seit November auf der Rechnung vermerke. Die Novemberrechnung darüber hinaus sei auch nicht gezahlt. Und ja, auf der bereits beglichenen Dezemberrechnung habe man die Ausstände auch vermerkt.
(Eine Rechnung begleichen geht so: man nimmt die Rechnung, fährt zur Zahlstelle des Energieversorgers und zahlt.) Nein, bei Begleichung der Rechnung von Dezember habe man nicht auf die Ausstände hingewiesen, sie seien ja vermerkt. Ein Teil Mai plus November, das gebe zwei Monate Ausstand, voilà, die Coupure und heute sei die Kasse leider schon geschlossen. Morgen vielleicht.

Wir schöpfen einen Eimer Wasser aus dem Pool für die Klospülung, kramen Stirnlampen und Kerzen hervor. Später sind wir ohnehin verabredet und verbringen den Abend bei Wein, Film und Pizza.

Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass die Novemberrechnung nicht gezahlt wurde. Wir haben sie nicht erhalten. Ha, Postrechnung nicht bezahlt! ruft meine Schwester. Das Lustige ist, dass es gar keine Post gibt, der Energieversorger also normalerweise die Rechnungen selbst austragen lässt. Meistens kommen sie an. Nur Mahnungswesen gibt es keines.

Am nächsten Morgen fahren wir an die Kasse und zahlen. Einen Mairest und den November. Leider, es sei schon neun Uhr, es sei nicht sicher, ob derjenige, der dafür zuständig ist, die Hähne wieder aufzudrehen, heute noch vorbeikommen könne. Es sei Freitag und da arbeite man nachmittags nicht. Vorsichtshalber duschen wir im Büro.

Außerdem vorsichtshalber gehen wir nach Feierabend erstmal in die Kneipe ums Eck, schmieden Wochenendpläne. Orte, mit Duschen. Und Essen. Gleichzeitig läuft im Radio einer der wenigen Berichte über die Kämpfe im Norden. Bürgerkrieg, könnte man sagen. Und irgendwie scheinen Wasser und Strom beim nächsten Bier tatsächlich kein allzu großes Problem zu sein.

Advertisements

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Es ist so. Hier ist alles ruhig.
Vor allem, wenn man die Nachbarländer betrachtet. Im Westen stehen Wahlen an und es brennen die Leute auf der Straße. Im Osten waren Wahlen und es gibt noch keine Regierung, aber auch keine Stabilität, zwischen Osten und Süden revoltiert das Militär und die Kaufleute gegen die Revolte des Militärs, im Süden erholt man sich vom Putsch, im anderen Süden vom Bürgerkrieg. Im Norden ist Wüste, dort landen die Menschen, die im Osten entführt und die Waffen, die noch weiter im Norden geklaut wurden.

Hier ist alles ruhig. Ja, alles ruhig, nichts sei in den letzten zwei Wochen passiert, meint Moussa. Moussa fährt das Taxi, in dem wir gerade aus dem Flughafenparkplatz geschoben wurden, jedenfalls fährt er es, wenn es fährt.
Und überhaupt, versichert mir Moussa, überhaupt, diese Sache da im Norden, das sei ja der Norden, also erstens weit weg und zweitens die Touareg und eben ganz was anderes. Und nein, glitzer, glitzer?, was das für ein Name sei, nein, obwohl sie Touareg seien, für Gaddafi habe von denen keiner gekämpft, die hätten höchstens ein paar Waffen geklaut, haha, sogar die hiesige Air Express habe letzte Woche kurzzeitig den Flugverkehr eingestellt, aus Angst vor den Abwehrraketen. Ob das nicht lustig sei! Auch Air France ließ ihre Crew nicht mehr hier übernachten. Nur wegen ein paar Waffen und der Terroristen, haha.

Darüberhinaus, glitzer – glitzer? Quatsch, er nenne mich lieber Fatoumata, das sei ein ordentlicher Name, glitzer, also bitte, was solle das für ein Name sein, vielleicht gar christlich, darüberhinaus, Fatoumata, müsse man das auch verstehen, bei diesen Entführungen ginge es nicht um die Menschen oder deren Leben, niemand sei ernsthaft in Gefahr, aber, das könne ich nicht leugnen, das sei hier ein armes Land und irgendwie müsse man doch Geld verdienen, oder und dann würden halt auch mal Leute entführt.

Moussa fährt das Taxi durch die Nacht und nennt mich Fatoumata. Fatoumata Sangaré, dann sei ich seine kleine Schwester, wegen der hiesigen Familienbande. Gute Nacht, kleine Schwester, bis zum nächsten Mal und scheppert davon.

Am nächsten Tag eine Krisensitzung bei Frau Skypeverbot. Ich erfahre, dass man seit zwei Monaten nicht mehr in Taxis sitzen sollte, weder als glitzer noch als Fatoumata, schon gar nicht nachts und auf keinen Fall ab Flughafen. Denn dann sei klar, dass niemand auf einen warte, überhaupt die Sicherheitslage sei schon länger prekär, man habe nur versäumt, die Informationen weiterzugeben.

Damit ab sofort immer jeder alles sofort erfährt, wurde ein Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt entwickelt, als Ergänzung zum dreizehnseitigen Krisenplan. Auf diesem praktischen DinA3-Faltblatt steht auch meine Telefonnummer, wer mich im Notfall anruft, und wen ich über den Notfall oder die Krise weiter informiere. Meine Chefin ruft mich an und laut Faltblatt rufe ich dann meinen Kollegen an, dessen Telefonnummer nicht auf dem Faltblatt steht.

Das müsse auch nicht sein, er sei ja kein Deutscher und somit im Normalfall vom Notfall nicht betroffen. Wieso er dann auf dem Faltblatt stehe, wenn den Glücklichen unsere Krisen nicht beträfen. Ich solle mich nicht so anstellen, bei einer Informationskaskade müsse eben jeder irgendjemanden anrufen. Auch sie müsse nun immer ihr Handy dabei haben und wehe, wenn sie mich einmal ohne Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt erwische, egal ob beim Einkaufen oder im Taxi.
Ich erwidere, dass ich nicht mehr Taxi führe, wegen der Sicherheit. Frau Skypeverbot schnaubt, ich solle mich nicht so haben, es sei ja eigentlich alles ruhig. Aber Vorschrift sei nun mal Vorschrift sei besser als Vorsicht und Kontrolle sei am allerbesten. Und jetzt würde sie gerne sehen, dass ich das DinA3- Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt in meinem Geldbeutel verstaue. Wenns mal schnell gehen muss, damit jeder weiß, wo es ist.

Später, zu Hause, lerne ich auswendig, dass ich niemand anrufen muss im Fall des Falles und esse das Faltblatt auf. Sicher ist sicher.

Es ist so, ich fliege. Es ist Valentinstag und ich fliege in den Süden, ans Meer. Das klingt romantisch und weil Valentinstag ist, schenkt mir meine Fluglinie eine Rose. Denkbar praktisches Fluggepäck. Nach Zielstadt, sage ich, Aber, aber das ginge nicht, sagt die Frau hinter dem Schalter so tonlos wie sie mir die Rose überreicht hat. Ja, ich habe ein Ticket, aber über Umsteigestadt und ab da von einer anderen Fluggesellschaft. Das ginge nicht. Ob sie wenigstens mein Gepäck bis Zielstadt markieren könne, frage ich. Das könne sie, würde sie mir aber nicht raten. Es wäre besser, ich würde es vom Gepäckband pflücken und neu einchecken, wie auch mich.

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Sie speisen sich natürlich auch aus Erfahrungen blablabla, wie auch immer, sie sind da und ich tauche in sie ein, um zu überlegen, dass keine Boardkarte auf einem afrikanischen Flughafen vielleicht heisst, dass man aus dem Flughafen wieder raus muss. Das wiederum könnte bedeuten, dass die bierernsten, hochwichtigen Polizisten finden, ich bräuchte ein Visum. Oder viel Geld. Da ich beides nicht habe, aber wenig Umsteigezeit, entscheide ich mich gegen das Gepäck für volle Konzentration auf Umsteigen und Flug erwischen. Die Wette gilt, die Dame hinter dem Schalter schaut mich tonlos, aber ungläubig an. Wenn ich meinte.

Wieso ich so unvorbereitet bin? Nun ja, das liegt daran, dass am Freitag ein Treffen von Mittwoch auf Dienstag – egal, ich musste meinen Flug vorverlegen, kann nun nicht direkt nach Zielstadt fliegen, sondern eben nur über Umsteigestadt. Die Realsatire möchte, dass ich fünf Tage später ohnehin nach Umsteigestadt reise. Auf welchem Weg, das ist noch nicht geklärt und unterwegs muss sich das Visum auftreiben lassen. Es ist ja auch nur ein Katzensprung.
Eine Dame (ich stehe noch immer am Schalter, wieso auch nicht), bonjour, ça va, et la famille, ob das mein einziges Gepäckstück sei, nein, nicht die Rose, aha aha, sehr gut, ob ich auch ihres einchecken könne. Leider, sage ich, leider (und ich bin froh, nicht lügen zu müssen), würde mein Gepäck bis Zielstadt durchgestellt (toitoitoi). Sie sieht mich bedauernd an und ich bin mir nicht sicher ob ihrer Enttäuschung oder ob meines naiven Wagemuts. Wagemut, mein vierter innerafrikanischer Flug.

Aber, wie so oft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich komme in Zielstadt an. Auch mein Gepäck, abgesehen von der Rose, die ich irgendwo vergesse. Am Flughafen warte ich auf meine Abholung. Als niemand kommt, gehe ich an die Hauptstraße, warte auf gut Glück, bis ein Auto meiner Organisation vorbeifährt und halte es an. Ah, bienvenue, soso, aha, ça va und der Flug und die Familie und interessant, dass ich jetzt hier sei. Der Kollege sei vorhin losgefahren, um mich in Umsteigestadt abzuholen. Aber das mache ja nichts, ich solle einsteigen.

Schöner mikrowohnen.

März 24, 2010

Ich habe eine neue Mikrowelle. Wahrscheinlich haben alle Menschen eine neue Mikrowelle, die ihre Bedürfnisse von Tchibo beeinflussen lassen. Aber mehr als das: für mich ist sie der Schritt zu einer neuen Küche.

Gut, „Küche!“, werden Sie lachen, falls sie meine Wohnung kennen, „Wie bitteschön spricht man bei 25 Quadratmetern von Küche?“ 25 Quadratmeter als Gesamtgröße der zu bewohnenden Fläche, wohlgemerkt, nicht für einen Ballsaal Küche. Küche wird auf dieser Fläche eine Herausforderung. Sobald zum Beispiel ein einziger benutzter Teller herumsteht, scheint sie VOLL. Deshalb will ich einen Geschirrspüler. Das geht aber nur, wenn ich auf einen Ofen verzichte, deshalb also die heißluftfähige, grillende Mikrowelle. Ich sehe, Sie haben verstanden.

Noch aber habe ich einen Ofen, deshalb ist die vielversprechend silbern glänzende neue Mitbewohnerin ein wenig unpraktisch. Sie dominiert mit ihrem doch ausladenden Wesen die gesamte Wohnung. Was nicht schwierig ist, aber bisweilen ungemütlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich über meine neue Gefährtin, auch wenn ich zunächst eine herbe Enttäuschung erleben musste: das Mikrowellenpopcorn, um das ich Mikrowellenbesitzer seit jeher beneidete, schmeckte mir gar nicht. Aber da kann die Maschine ja nix für. Dennoch. Schlecht erfüllte Illusionen sind schlimm.

So oder so – mein Plan war, die Mikrowelle in Zeiten des Nichtgebrauchs zu verstauen. An einem Ort, der nicht sofort ins Auge sticht. Auch das eine Herausforderung in 25 Quadratmetern. Ich entschied mich für eine Ecke auf meinem Bücherregal, holte den Tritt, wischte da oben ein bisschen rum (ja, das Frühjahrsputzgen!) und versuchte dann, den silbern vielversprechenden Kasten dorthin zu wuchten.

K e i n e  C h a n c e .

Nicht, dass ich die Dame nicht heben könnte. Nein, das kann ich. Sogar, ohne, dass sie mir sofort auf die Zehen fällt. Zugegeben, mit ihr im Arm auf einen Tritt zu steigen, schien mir kühn. Aber dann zu versuchen, sie in Überkopfhöhe abzustellen – schier unmöglich. Fest davon überzeugt, erst wieder mit mindestens Gehirnerschütterung und gequetschter Schulter unter dem silbernen Glänzen zu erwachen, schob ich sie schnell auf die Couch. Von dort wuchtete ich sie – auf Körperhöhe – auf ihren alten, vorübergehenden Platz.

Seit heute wohne ich in meiner Küche. Besser: in meiner Mikrowelle. Sie riecht nach Popcorn.