Es ist so. Der Zwack hat sich nun lange mit Leben, Tod, Wiedergeburt und dem Geheimnis des Lebens in Bäuchen beschäftigt. Dazu gehört natürlich auch die himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass er nie ein Baby im Bauch wird haben können, also weder Mama noch Oma werden kann. Dabei hätten Männer doch viel mehr Platz für Babies im Bauch, schließlich seien sie dicker! Oder, Mama!
(Es gibt ja diese dreijährigen Skinny-Jeans-Jungs. Der Zwack gehört nicht dazu. Er hat einen Freund, der gerade auf Fastenzeit gesetzt wird. Sogar Strizzi verdrückt mehr als dieser Freund – zum Beispiel in Pfannkuchen – , vom Zwack ganz zu schweigen. Aber davon ein ander Mal.)

Jedenfalls, nach diesen großen Themen sitzt der Zwack am Frühstückstisch und sagt: „Mama, Robin Hood.“ Jajaja, endlich leichte Kost, werden sie denken. Helden in Strumpfhosen! Disney! Abenteuerspaß! Und mir fällt auch prompt einer von zwei feststehenden Sätzen aus dem Englischunterricht ein: „He robbed the rich to help the poor“. Was der gemacht habe.
Ich übersetze meinen Satz und veranschauliche das mit einem schlechten Beispiel. Dann fällt mir ein besseres ein, Zwacksche Autos. Dass es doch aber den Robin Hood gar nicht mehr gebe und dass er deswegen auch nicht zehn Zwacksche Autos (also ungefähr die Menge, die er jeden Tag in seinen diversen Jackentaschen rumschleppt) einem Kind geben könne, das gar keine Autos habe. Überhaupt, er kenne nur Kinder, die mehr Autos hätten als er. Zum Beispiel der Paul.
Ich erwidere, dass es Leute gebe, die die Idee von Robin Hood aber durchaus noch für nachahmenswert hielten, auch wenn es Robin Hood selbst nicht mehr gebe. Der Zwack kaut nachdenklich sein Brot.

Pfffff, was soll das, denken Sie. Easy, oder.

Mama, was macht die Polizei zu Robin Hood? Stören Sie sich nicht an der Grammatik. Der Zwack nutzt diese Formulierung für alles. Was machen Astronauten zu Kindern? Was machen Hunde zu Katzen? Und so weiter. Stellen Sie sich vielmehr vor, dass da ein Kind am Frühstückstisch sitzt, das mich seit viertel nach fünf wach hält. Jetzt stellt dieses Kind mich vor die Aufgabe, in dreijährig-gerechtem Happen den Unterschied zwischen „Recht“ (verkürzt Polizei) und „Gerechtigkeit“ (verkürzt Robin Hood) zu erklären. Und der Zwack natürlich selbst im Grunde seines Herzens noch in der Polizisten-Phase.
Seltsamerweise schluckt der Zwack meine Ausführungen zwischen „richtig“ und „gut“ ohne große Widerworte mit nur wenig Nachfragen.

Ein Brot später die Frage: „Mama, gibt es böse Polizei? Und gute?“ Ich bin ja davon überzeugt, dass dem so ist, einfach auch, weil’s menschelt. Vielleicht hätten wir ihm auch Jan Böhmermann vorenthalten sollen – „Polizei macht, was Polizei will“.
Aber statt tiefer in „gut“ und „böse“ zu dringen, möchte der Zwack nur wissen, was böse Polizisten zu Kindern machen. Endlich wirft Strizzi sein Glas um und unterbricht die Litanei. Jedenfalls bis 30 Minuten später, wo ein Zwack aus dem Fahrradanhänger penibel eine Frage nach der anderen zu Recht, Gesetz und Strafe stellt. Alles erst der Anfang. Wenn Sie mir gut Philosophen empfehlen wollen, nur zu. Wenn Sie mir außerdem verraten können, welche Birne Dreijährigen von Robin Hood erzählt – JEDERZEIT!

Gleichwohl, der Nachmittag verläuft unethisch, kindlich-kreativ. Zwack malt Fensterbilder. Aus Schnupfen. Ich freue mich fast darüber, reiche Taschentücher und Kekse.

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Es ist so. Es gibt Dinge, die eine Generation überspringen. Ich zum Beispiel habe Haare, die es in meiner näheren Familie so nicht gibt. Ich bin auch die Tochter eines Polizisten, aber Verkehrserziehertum liegt mir fern. Dafür sind mir viele Dinge zu wurscht. Der Zwack hingegen, der Zwack ist ein großer Polizist. Nicht nur, dass er sich seit jeher für blaue Blinker interessiert oder sich an Polizeieinsätzen erfreut. Neulich standen wir in einem Stau, der dadurch entstand, dass – egal, am Ende stand die Polizei und hat in die Autos geleuchtet beziehungsweise auch nicht und es war für den Zwack das schönste Erlebnis des Tages.

Auch fallen ihm sämtliche falsch geparkten Autos auf. „Mama, der darf da nicht stehen, der große BMW? Braucht der viel Benzin? Wieso parkt der da? Das ist für Fußgänger, nicht für Autos. Der darf da nicht parken! Mama, der darf da aber nicht parken! Wieso parkt der da?! Der darf da aber nicht parken!“ – (Mann von hinten, sichtlich genervt.) „I blei do oba steh!“ – „Warum, Mama, warum bleibt der stehen? Wenn er doch aber nicht darf? (…)“ Irgendwann haut ihn mal wer deswegen.

Vielleicht können Sie sich vorstellen, was bei uns im Kinderzimmer passiert und wer hier welche Regeln macht. Ich bin kurz davor, mir das alles zu Nutze zu machen und besorge gleich nachher ein bisschen weißes Isolierband, um Parkplätze für Rutschauto und Laufrad in der Wohnung auszuweisen. (Ja, ich habe mich schon mehrfach an unsachgemäß geparkten Fahrzeugen verletzt.) Und ich werde Verkehrszeichen auf Kinderaugenhöhe anbringen, gleichzeitig weise ich Küche und Bad schon regelmäßig als Fußgängerzone aus. Ein Wort, das mittlerweile auch Strizzi annähernd beherrscht.

Tja, Strizzi.
Strizzi ist kein Polizistenenkel. Vielleicht, weil er Polizistenbruder ist. Zwar winkt er fröhlich mit der Polizeikelle, die ein Freund von Zwack hat und ruft „STOP! ZEI! POZEI!“. Im Straßenverkehr aber hält er jedes Taxi aufgeregt für eine Polizei. Und voilà, was heißt das wohl für unsere Fußgängerzone Küche, wenn die Taxler da die Regeln machen.

„Geh Strizzi, das ist Fußgängerzone, fahr bitte raus.“
„Ich park da!“
„Das ist kein Parkplatz.“
„Parkplatz!“ (steigt ab, holt das Rutschauto in die Küche, parkt es hinter seinem Laufrad)
„Strizzi!“
(juchzt) „PAAARKPLATZ!!!“

Zum Glück sind beide große Abschlepper- und ADAC-Fans. Den kann man auch immer noch anrufen, damit er dann die Fahrzeuge aus der Küche holt. Es klappt häufig. Wenn man sich schon auf die Polizei nicht verlassen kann.

Der Präsident spricht. Am dritten Abend der Unruhen in der Hauptstadt und über zwei Wochen nach den ersten Angriffen im Norden meldet er sich erstmals öffentlich zu Wort. Er spricht nicht viel über den Norden, kondoliert den Familien der gefallenen Soldaten und spricht löblich über die Armee. Weiterhin ruft er dazu auf, nun nicht die Tuareg, die mitten unter allen wohnten, die Sorgen, Nöte und Hoffnungen teilten, mit denen zu verwechseln, die im Norden die Waffen erhoben hätten gegen die Einheit der Nation.
Eine Zeitung schreibt ähnlich, man dürfe die Dinge nun nicht vermischen und die hiesigen „peaux rouges“ nicht mit den anderen verwechseln; die hier hießen schließlich auch Traoré oder Cissé.

Da aber nicht alle heißen, wie man hier zu heißen hat, hört man auch von vielen, die versuchen, das Land oder zumindest die Stadt zu verlassen und von solchen, die vom Militär dazu bewegt werden, sich lieber abzusetzen. Universitätsprofessoren, ehemalige Minister, Minister.
Man liest „Pogrom“ und die Entgegnung, diese Unterstellung sei nur eine weitere rassistische Unverschämtheit gegen die einheimische Bevölkerung, die weiße Presse würde die Tuareg eben für weiß halten.

Dazwischen die Nachricht, die Regierung verhandle mit den Tuareg-Rebellen in Algier. Allerdings seien die Rebellen nicht von allen kämpfenden Gruppen als Sprachrohr oder gar Verhandelnde anerkannt.

Der Tag schleppt sich zwischen Nachrichten und Gerüchten weiter. Zu den sichtbarer werdenden Zerstörungen des Vortages kommen neue Tränengasmeldungen, Polizeieinsätze, Polizeirückzüge, Plätze, die den Demonstranten gehörten, geschlossene Geschäfte, gesperrte Straßen und Brücken, Demonstrationen in anderen Städten, die Rückübernahme einer Stadt durch die Tuareg, fliegende Steine, Plünderungspläne, getötete Polizisten.
Hinweise, lieber auf dieser Seite des Flusses zu bleiben, die Stadt zu meiden, irgendwann, man solle lieber nach Hause gehen und den Abend dort zu verbringen.

Spekulationen über Putschabsichten verlaufen im Sande, der Militäroberste ist Katholik und gehört der falschen Ethnie an, ein etwas kernigerer Präsidentschaftskandidat ruft bei einer Wahlveranstaltung in Timbuktu ebenfalls zum Frieden auf und arbeitet wohl lieber auf die Wahlen hin.

Die islamischen Gemeinschaften rufen zum friedlichen Miteinander auf, ein Aufatmen scheint hörbar, vielleicht beruhigt sich die Lage nach dem Freitagsgebet und über das Wochenende, an dem die Geburt des Propheten gefeiert wird.

Andere gute Zeichen: das Tuareg Kulturzentrum in Bamako wurde bisher nicht angegriffen. Der Poolmann kommt und will sein Geld haben. Das Viertelfinale des CAN am Samstag bestimmt weiterhin die Schlagzeilen mit. So weit, so normal. Wir beschließen, es sei der richtige Zeitpunkt, unseren Christstollen anzuschneiden. Die Nacht bleibt ruhig.

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Wer hier eine Uniform an hat, zählt was. Jedenfalls in seinen eigenen Augen. Außerdem eröffnet eine Uniform – je nach Farbe und Einsatzgebiet – die Möglichkeit einfacher Zuverdienste. Sammeltaxifahrer gehören zu gern gesehenen Opfern, überladene Motos. Aufgrund dieser komfortablen Situation versuchen viele Polizistenväter, ihre Kinder auch zu Polizisten zu machen. Die eine oder andere Gunst ist schließlich käuflich. Man kennt sich ja. Und natürlich sind nicht alle so.

Aber immerhin sind so viele so, dass man hier in den Straßen wieder angefangen hat, Diebe, die man sofort erwischt, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dieses Gesetz nennt sich „430“ – 400 Franc für das Benzin, 30 für die Streichhölzer.

Wenn man die Diebe nicht selbst erledige, seien sie in drei Tagen wieder auf freiem Fuß, das finden viele deprimierend. Auf freiem Fuß entweder, weil sie gute Polizeikontakte hätten oder weil sie jemanden hätten, der sie aus dem Gefängnis kauft. Das geht innerhalb von drei Tagen.

Diese drei Tage sind auch gerade das Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern haben sie unseren Gärtner und Tagwächter Renard abgeholt. Diese Nachricht braucht von der Gartenmauer bis zu mir geschlagene sechs Stunden. Obwohl man mich benachrichtigen müsste, obwohl die Polizei Wächter ersetzen müsste, obwohl man mir sagen müsste, wo sie ihn hinbringen. Ich erfahre gegen fünf, dass er nicht da sei, dass die Polizei ihn mitgenommen habe, sonst niemand etwas wisse, außer, was alle wissen: dass polizeiliche Willkür nichts Gutes ist.

Ich hänge mich ans Telefon, wir finden irgendwann das Polizeirevier heraus und natürlich auch, dass man Freitagabend nichts tun könne. Und Samstag und Sonntag auch nicht. Wir schicken Geld für Essen. Und warten.

Währenddessen der Anruf von Clara.

Ob sie nun gefahren seien, trotzdem. Und ob ich schon gehört habe, dass auch heute wieder. Meine seit sechs Wochen anhaltende Adventsruhe schockgefriert bei 30 Grad.

Analytisch betrachtet, klarer Fall, alle haben darauf gewartet. Donnerstag zwei Franzosen entführt, mitten in der Nacht aus ihrem Hotel. Freitag drei Touristen entführt, mitten in Timbuktu, mitten am Tag. Ein vierter konnte entkommen, der fünfte wehrte sich und wurde auf der Stelle erschossen. Vielleicht hängen die beiden Fälle nicht zusammen, vielleicht aber passiert morgen der nächste. Die Verfolgung am Donnerstag habe nicht gleich aufgenommen werden können, weil das einzige Polizeifahrzeug am Ort auf Mission gewesen sei.

Tim ist unterwegs mit Freunden, nicht dort, aber auch in einer Region, in der man nicht unbedingt sein sollte. Orange. Ginge es nach der Französischen Botschaft, sollte man grundsätzlich nicht mehr außerhalb der Hauptstadt sein. Vor einem Jahr amüsierte ich mich über die Elektronische Deutschenliste. Gestern und heute bin ich nicht so gelassen, als sie statt Weihnachtsmarktwerbung nun Sicherheitshinweise sprudelt. Die Sicherheitshinweise sagen, man solle seine Wächter zu erhöhter Vorsicht raten. Einer der unseren wurde heute von der Polizei geklaut.

Ich rufe Tim an, erst wegen Renard, dann wegen Timbuktu, verständige rundrum, dass wir nicht in Timbuktu sind. Weitere Telefonate wegen der Polizei, mittendrin eine Einladung zum Weißwurschtfrühstück, die wohl in einen anderen Film gehört.

Im anderen Film, spreche ich mit Neill. Und er bringt mich darauf, dass ich noch vor Kurzem bei den Leuten saß, die gestern entführt werden. Irgendwie gehört doch alles zu einem Drehbuch.

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Mögen Sie Ihren Stadtbezirk oder wengistens Ihre Kommune? Bestimmt. Ich wohne ja in einer Stadt, die den Beinamen „La Belle“ trug. Die Schöne, ereifert sich meine Nachbarin gerne, pah, dass sie nicht lache, sie müsse selbst dafür sorgen, dass die Straße vor ihrem Haus sauber sei. Die Schöne, von wegen, eigentlich gebe es nur Staub. Staub und Dreck. Staub und Dreck und Menschen und staubdreckige Menschen. Ihre Straße trage jetzt keine Nummer mehr, sondern werde „rue Daniele“ genannt, nach ihr, auch wenn es streng genommen Drahamane sei, der die Straße sauber schaufele. Aber sie zahle ihn schließlich dafür.

„J’aime ma commune, je paye mes impôts“ hieß die Kampagne hier, aber was nach GEZ klingt, säubert noch lange keine Straßen und die Beamten, die aus den Steuern manchmal und leidlich bezahlt werden, kehren die Straßen ebenfalls nicht, sondern zocken als Zuverdienst die private Müllabfuhr ab. Das bringt nicht soviel ein, wie das Abzocken der Sammeltaxis, aber die werden von den Polizisten abgezockt, es hat schließlich alles seine Ordnung, den Beamten gehört die Müllabfuhr. Nicht, was sie schon wieder denken, keine orangenen Laster, nein, Eselskarren. „Eselchen, wie süß!“ rief eine Besucherin kürzlich bei jedem Müllkarren aus. Vielleicht passen die süßen Eselchen besser in die Idylle von La Belle und das Ganze hat Konzept. (Idylle: erzählte ich schon, wie ich vor Kurzem beim Rechtsabbiegen ein Kamel im toten Winkel übersah, weil ich noch vor der von links nahenden Rinderherde samt Kinderhirten auf der Hauptstraße sein wollte? Nein? Großes Kino, wirklich.)

Um die Stadt also sauber zu kriegen, vor allem die Abwasserkanäle kurz vor der Regenzeit, rollt nun eine neue Kampagne an: „J’éclaire ma commune.“ Die Wutbürger des Ländles würden sich umschauen, soviel Schaffeschaffe allerorten. Die Abwasserkanäle werden freigeschaufelt, was die Liebe zur Kommune hergibt, fein säuberlich wird der Unrat aufgehäuft.
Und bleibt dann am Straßenrand liegen. Denn es gibt keine Müllabfuhr, jedenfalls keine öffentlich organisierte. Die süßen Eselchen kommen nur zu Leuten wie Daniele, die dafür zahlen. Und wer zahlt schon für Müll. Der bleibt also solange liegen, bis ihn Wind oder Regen, Verkehr, süße Eselchen oder Rinder zurück in den Abwasserkanal treiben. Oder in den Nachbarbezirk, dann wäre der eigene entsprechend der Kampagne sauber.

Während die Leute aus Liebe zur Kommune schaufeln, wird ihre Regierung entlassen. Und irgendjemand wird einen Kreisverkehr oder eine Straße nach ihnen benennen. Dieser irgendjemand wird auch dafür bezahlt werden. Von wessen Geld auch immer.

Und irgendwann wächst Staub über die Sache, die Kreisverkehre, die Regierungen, die Müllhaufen, die Kanäle, die Schaufeln, die Eselchen, die Beamten, die Kampagnen und die Kommunen. Allein die rue Daniele erstrahlt weiter im aufrichtigen Glanz der Eigeninitiative.

Es ist so. Ich bin Polizistentochter. Das schleppt man ein Leben lang mit. So wenig, wie Polizisten nicht Polizisten sein können, sei es beim Abendessen, sei es während des Sommerurlaubs, so wenig kann ich aufhören, Poilzistentochter zu sein. Nein, es ist nicht sonderlich manisch, nur eben so – präsent.

Radarkontrollen. Kugel, wo stehn s‘ denn heute, die Blitzer, aha, danke, ganz lieb, kömma des von letzter Woche noch äh regeln, meinst, super, weil es hat halt einfach pressiert, des müssen die doch verstehn.
Oder Personenkontrollen. So, aha, Grüss Gott schön, wo woll mer denn hin, Personenkontrolle, gell, wo komma denn her Sie her, Sie haben einen Rucksack dabei, aha, Hamma an Ausweis, gell, Wir werden dann gleich mal den Rucksack – ah, jetzt, Kugel, ah haha, haha, schönen Tag noch und Grüsse an den Herrn Papa, gell, nix für ungut.
Oder Fahrzeugkontrollen. Aha, Fahrzeugkontrolle, Ihre Papiere, Aha, soso, Kugel, vom Kugel Franz de Tochter, aha und er, vom Hintereder Manni der Bua, aha, soso, na dann: sofort. alle. aussteigen.

Kurz: von wegen Inspektor gibt’s kan, immer und überall bin ich Polizistentochter und von Polizisten umgeben, in Kletterkursen, im Urlaub, in der Kneipe, selbst hier lerne ich als erstes die Kollegen aus Südbayern kennen (wenn auch etwas peinlich, diese Anekdote ein ander Mal) – ich fürchte, es ist eine Aura.

Und heute habe ich eine rote Ampel überfahren. Ich war so konzentriert darauf, in der Verkehrswolke wild gewordener Mopedfahrer mitzuschwimmen ohne einen oder sieben unbemerkt zu überfahren, dass ich der Ampel keinerlei Beachtung schenkte und sie wohl bei rot überfuhr. Dass es rot gewesen sein musste, bemerkte ich erst, als der einzige Zug auf dem einzigen Gleis in diesem Land mich knapp nicht erwischte und ein Polizist mich wild aus der Mopedwolke fuchtelte. Hätte ich jemanden überfahren, hätte das niemanden interessiert.

Schockstarre.

Papiere? Hoffentlich im Handschuhfach. Geld? Hoffentlich genug. Führerschein? Hoffentlich nicht im Büro vergessen.

Schockstarre halten Sie für übertrieben? Na gut. So oder so, der streng blickende Herr, der sich nun in mein Fenster beugt, hat im Schnitt circa drei Frauen und sieben Kinder, verdient im Monat rund fünfundvierzig Euro und findet, er müsse schauen, wo er bleibt. Und ich – ich bin nicht von hier. Madame, Sie haben, erstmal ça va, gut geschlafen, nein, er nicht so, Oumar heiße er und ich, aha, glitzer, angenehm, ich sei Deutsche, ja, die Deutschen, die hätten auch gute Polizisten. Und Fußballer. Wie es Völler gehe, soso.

Wir diskutieren ein bisschen über Bamako, die graue Karte, über Mopeds, ob mir aufgefallen sei, dass ich eine Ampel überfahren hätte, et la famille, ob ich zufällig rauchte, schade, sonst hätte er gerne die ein oder andere Zigarette genommen, gerade angesichts der grauen Karte und ob das alle Papiere seien, die ich dabei hätte.

Hinter ihm hupt ein Polizistenkollege, ça va, und die Madame, aha die Ampel, so so, ob ich rauchte, schade, aber jetzt gebe es Tee. Oumar schaut mich an. Er wolle nicht so sein, Madame, heute, schließlich mache man immer einen guten Preis für den ersten Kunden, er habe auch nicht soviel Zeit, der Tee und überhaupt, man könne keine Frauen ausnehmen. Schließlich, on est ensemble, oder, Madame.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht, diese Polizistentochteraura, winke, gebe Gas, fahre knapp niemanden über den Haufen und kaufe bei der nächsten Möglichkeit wenigstens Zigaretten.

Seit vorgestern also zähle ich zu den aktiven Teilnehmern am Straßenverkehr. Wie es sich für eine gute Verkehrsteilnehmerin gehört, versuche ich, verschiedene Regeln zu beherzigen.

Erstens: nie den Eindruck erwecken, man würde nicht fahren. Ich halte also drauf. Immer. Wer bremst, verliert. Das kenne ich noch aus meiner niederbayerischen Fahrschule. „Sei koa Verkehrshindernis, Glitzer.“ Tatsächlich, hier wie in Niederbayern gilt das Recht der Stärkeren oder Schnelleren. Wer stehen bleibt, wird vom Verkehr verschluckt und wird die Kreuzung NIE verlassen können. Man muss sich das vorstellen wie eines dieser Wimmelbilder in den Bilderbüchern. Nur, dass eine hiesige Kreuzung bewegt wimmelt, wohingegen eine niederbayerische Kreuzung selten wimmelt.

Um das Gewimmel zu strukturieren, hat sich eine Hackordnung evolutioniert: Rollstühle, Fußgänger, Eselskarren (zu Fuß begleitet), Fahrräder, Esel, Pferde, Mopeds aus China, Mopeds aus Japan, andere Mopeds und Roller, Motorräder, Sammeltaxis, Autos, Taxis, Geländewagen. Je nach Zustand der Vehikel kann sich das etwas verschieben, weshalb ich Busse und Lastwagen einfach gar nicht aufzähle, ebenso variiert die Hackordnung nach Provenienz der Fahrerinnen oder Fahrer. Stadtneulinge wie ich hüten sich also vor Taxis, aber wenn möglich, hefte ich mich an die Anhängerkupplung eines Geländewagens.

Regel Nummer zwei nämlich besagt aus dem Wimmelbild logisch gefolgert: keinen Zentimeter vor der Stoßstange bzw. auch keinen Zentimeter Stoßstange verschenken. Gut, ich gebe zu, im Stau bergauf mache ich das von der Qualität des vor mir stehenden Wagens abhängig. Alle anderen Zentimeter rund ums Auto kann man ohnehin nicht kontrollieren.

Hilfreich bei allem: der Tunnelblick. Damit meine ich nicht, dass man grundsätzlich betrunken fahren sollte. Vielmehr aber würde man Regel eins nicht einhalten können, würde man sich auf jede rutschende Dachladung konzentrieren, jedes flatternde Huhn an einem Motorradlenker oder auf jeden Blinker, der einfach blinkt. (Blinker ignoriere ich grundsätzlich. Ihnen folgt in den meisten Fällen keine Aktion. Wer wirklich abbiegen möchte, weiß, wohin und blinkt deshalb ohnehin nicht.)

Die anderen Regeln sind einfach. Immer mit allem rechnen, an umgekippten Tanklastern schnell vorbeifahren, über Land nie alleine und nicht bei Dunkelheit, angefahrene Schafe, Esel und Rinder kosten unterschiedlich viel und am besten: nicht auffallen.

Nicht auffallen ist schwierig. Das Auto, das mir zur Verfügung steht, ist mit einem Kooperations-Aufkleber geschmückt, es ist sofort klar, woher ich komme. Das ist grundsätzlich gefährlich, vor allem, weil Leute wie ich gerne mal aufgehalten werden. Wenn man an Stopschildern hält, beispielsweise. Bonjour, ça va. Die Frage nach der Familie entfällt. Auch will der Gendarm nicht wissen, wie ich geschlafen habe.
Ich hätte nicht ordnungsgemäß gehalten. Ich schaue fragend, ich stünde doch im Moment v o r dem Stopschild. Ja, aber doch wohl nur, weil er mich aufgehalten habe. Ich verstehe nicht, wieso er mich aufgehalten habe, damit ich vor dem Stopschild stehenbliebe, wenn er gar nicht wissen konnte, ob ich nicht vielleicht von selbst stehen geblieben wäre. Non, Madame, so gehe das nicht und außerdem wolle er, nein, nicht die Papiere, sondern Geld. Während wir diskutieren, ob ich stehengeblieben wäre, Madame, das könne ja jeder behaupten, nicht wahr, brettern neben uns die Autos über das Stopschild, ohne zu halten. Ich frage ihn mutig, was das denn sei. Madame, ich wisse so gut wie er, dass diese Leute die Verkehrsregeln nie gelernt hätten im Gegensatz zu mir. Das könne ich nicht leugnen.

Er nennt eine Summe. Ich zucke die Schultern, er wisse so gut wie ich, dass das Humbug sei. Ich wisse so gut wie er, wer hier die Polizei sei. Er wisse so gut wie ich, dass in diesem Land alles verhandelt würde, Preise grundsätzlich. Wir feilschen um den Preis meines Verkehrsverstoßes, vor dem Stopschild angehalten worden zu sein. Am Ende zahle ich ihm ein Drittel seines Monatslohns und stürze mich ins Gewimmel. Mit dem festen Vorsatz, nächstes Mal auch die Polizisten in meinen Tunnelblick zu integrieren. Das konnte ich schon in Niederbayern recht gut.