Ich habe Ihnen von neue Firma erzählt, die die alte Firma plus zwei andere Firmen ist. Neue Firma ist ein Fusionsprodukt. Keine Fusion im herkömmlichen Sinn, sondern eine Fusion, die so tut, als dürfte niemand seinen Job verlieren und als müssten alle drei Firmen gleichberechtigt sich in neue Firma wiederfinden können, obwohl eine der alten Firmen siebenmal so groß, wichtig und kompetent ist wie die beiden anderen zusammen.

Im Zuge dieser Fusion voller Widernatürlichkeiten entsteht Fusionssprech, zurzeit en vogue ist es, die totale Integration hin zur Vollfusion auf Augenhöhe bei laufendem Produktionsprozess anzustreben. Laufender Produktionsprozess. Dabei fassen wir kaum mehr was an, wir beraten und produzieren bisweilen in ohnehin heißen Ländern heiße Luft. Meine Stelle natürlich bildet hier eine Ausnahme, ich entstamme einem der beiden Zwergenfusionspartnern der Augenhöhe. Trotzdem habe ich ein grünes Logo an meine Tür geklebt. Überhaupt, überall dorthin, wo vorher ein gelbes war. Seither fühle ich mich total integriert.

Gestern erreichte uns das erste Sammelheft Funktionssprech, die interne Unternehmenszeitschrift. Der Oberbefehlshaber spricht hier gerne von der erwiesenen, ständigen Fusionsbereitschaft seiner neuen Truppe, deren Mission es sei, den Weltmarkt anzuführen. Das Sammelheft heißt „greifbar intern“. „Intern“ hießen die alten Zeitschriften von zwei Vorgängerorganisationen, „greifbar“ die der dritten.

Jetzt frage ich mich, ob neue Firma nach der Fusion auch extern greifbar ist, ob es Dinge gibt und welche Dinge es sind, die weder intern, extern oder sonstwie greifbar, begreifbar oder gar unangreifbar sind. Oder ob es dafür eine extra Zeitschrift gibt, so ähnlich wie „KGB aktuell“. Dort heißt es dann nicht mehr Weltmarkt, sondern Weltherrschaft. Aber vielleicht wittere ich zu sehr die Fusion als ihre Widernatürlichkeiten, selbstverständlich sind wir bei laufendem Produktionsprozess völlig transparent.

Die Zeitschrift schlägt sich von selbst in der Heftmitte auf, eine Weltkarte, in der alle Standorte von neue Firma eingetragen sind. Alle? Nur ein kleines westafrikanisches Büro ist im Nachbarland gelandet. Nachbarland hat nun zwei Standorte, wohingegen mitten im Sahel eine Lücke klafft, nicht schwierig zu erraten, ich arbeite in dieser Lücke. Ich bin zwar laufender Produktionsprozess, aber anscheinend trotz Logotreue nicht totalintegriert oder aber nicht für voll fusioniert.

Verwunderlich, erst gestern hieß es, unser Standort solle den Pilot der Piloten für den Vollfusionsprozess darstellen. Wenn aber die grüne Vollfusion eine Totalintegration in das Nachbarlandbüro heißt, wird wohl auch der laufende Produktionsprozess verlagert. Vielleicht also stellen wir auf fernmündliche Beratung um, die ist besonders teuer, wie man weiß. Dadurch würde der unsichtbare Pilot der Piloten die Geschäftszahlen auf unerklärbare Weise nach oben treiben können.

Durch diese Aktion im Untergrund zur Eroberung des Weltmarktes werden wir bestimmt ein Fall für „KGB aktuell“. Um die Mission nicht zu gefährden, kratze ich vorsichtshalber das neue Logo von der Tür und schlage mich mitten in den Sahel. Von hier operieren auch andere Untergrundgruppen schon recht erfolgreich. Aber psssst. Sonst wird zurückfusioniert.

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Dass sich weiterhin Kollegen in mein Büro verirren, sorgt für Abwechslung („Ich such was, ist das vielleicht hier in der Rumpel- äh, Ihrem Büro?“), aber viel mehr: das Telefon. Neue Klangwelten. Zwar nur ein interner Anruf, natürlich, von außen kann man mich nicht anrufen. Wozu auch, das Büro gibt es erst seit zwei Tagen und auch ansonsten wissen wenige von seiner Existenz. Und von denen, die um sie wissen, erhalte ich Abwesenheitsassistenten-Post. Die rufen also auch nicht an. Aber immerhin, ein Anruf.

Das Ende der Leitung meint, ich hätte Besuch.

Besuch?
Besuch.

Ein Fabrikant. Ça va. Et la famille.

Er sei Fabrikant, habe eine Fabrik und fabriziere. Eimer, Matratzen, Tanks. Er fabriziere Eimer, Matratzen, Tanks in seiner Fabrik und alles mit deutscher Chemie. Seit zwanzig Jahren fabriziere er mit deutscher Chemie in seiner Fabrik Eimer, Matratzen, Tanks. Er wolle umstellen. Nicht weg von der Chemie, nicht weg von den Eimern oder den Matratzen oder den Tanks, sondern künftig mit Hilfe deutscher Eimer-, Matratzen- und Tankproduktionsmaschinen. Wegen der Qualität. Alle würden nach China gehen, in China einkaufen, aber das sei nicht gut, wegen der Qualität der Eimer. Und der der Matratzen. Ganz zu schweigen von der Qualität der Tanks. Zwanzig Jahre habe sich die deutsche Qualität ausgezahlt.

Er sei alt, ein alter Fabrikant. Jetzt müsse die neue Generation lernen, die Eimer, Matratzen und Tanks zu fabrizieren. Für die deutschen Maschinen sei es natürlich besser, die Fabrikation in Deutschland zu studieren. Sein Sohn solle deutscher Ingenieur werden. Für die Qualität der Eimer, Matratzen und Tanks. Sonst sehe er sich leider gezwungen, seine Eimer, Matratzen und Tanks wie alle anderen mit chinesischen Maschinen und, wer weiß, vielleicht auch auf der Grundlage chinesischer Chemie zu produzieren. Ob ich ihm helfen könne. Und seinem Sohn. Und meinem Land. Und natürlich seinem Land, das sei ja wohl in meinem Interesse, da die Bevölkerung sonst gezwungen sei, Eimer, Matratzen und Tanks minderer Qualität zu kaufen. Wenn sein Sohn den Vorteil deutscher Qualität nicht zu erkennen vermöge. Gerne könne ich mir die Fabrik einmal ansehen. Und wenn ich einen Eimer bräuchte oder eine Matratze oder einen Tank guter Qualität, solle ich anrufen.

Ob ich sein Anliegen verstünde.

p.s. Weißt Du schon, wann Du wo bist?

p.p.s. Keine Zwistangst. Dürfen? Immer. Ich auch.  Ich weiß nicht, ob die SMS von der hiesigen Nummer ankam. Ich habe auch die deutsche hier, ist bestimmt einfacher.