Es ist so. Der Dezentralisierungsminster und fünf seiner Ministerkollegen (also ein Sechstel des Kabinetts, Minister gibt es hier eher viele) fahren in den Norden. Sie wollen stellvertretend 400 Rückkehrer aus Libyen begrüßen. Es handelt sich hierbei um Malier, die vor knapp 20 Jahren auszogen, um mit Gaddafi für die Vereinigten Staaten von Afrika zu kämpfen und dann blieben. Kanonenfutter, meinen die einen. Um den großen Reibach zu machen, meinen andere.
Halt, Malier? Das ist nicht ganz richtig. Tuareg der vier Stämme, die sich gerne von Mali abspalten würden. Der zugehörige Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, verschiedene Folgeabkommen von Regierungsseite nicht immer erfüllt, die Stimmung blieb dementsprechend angespannt, zunehmend mehr angry young men langweilen sich seither perspektivlos.

Jetzt kommen die Regierungsvertreter mit Reis, Öl, Geld und guter Stimmung. Gegenzug zeigen die Rückkehrer stolz ihre neuen Besitztümer. Dutzende Toyota Pickups, Kalaschnikows und diverse schwere Waffen. Dass seit der Libyen-Krise schwere Waffen ins Land laufen, ist keine Neuigkeit. Dass sie nun nicht mehr versteckt werden, schon.

Aber die Lybien-Rückkehrer sind nicht die einzigen, die sich nicht verstecken müssen. Vor Kurzem besuchten – ebenfalls mit 40 Pickups – Al Quaida-Gruppen einen Markt, fragten die Leute auf Arabisch den Koran ab, sackten Lebensmittel ein und verschwanden wieder. Das war bevor das mauretanische Militär in Mali eines ihrer Ausbildungslager aushob.

Gleichsam öffentlich werden neue Pisten und Landebahnen gewalzt, um den Drogenhandel von Südamerika nach Europa zu erleichtern. In einem Umkreis von 30 Kilometern sollte man nichts bauen, wovon man länger etwas haben möchte.

Und jetzt: kommt die Nahrungsmittelknappheit. Es hat wenig geregnet, dieses Jahr, nur 46 Prozent der Bewässerungsflächen konnten bewässert werden, viele weitaus kürzer als nötig. Der eigentlich staatlich subventionierte Dünger wurde nicht geliefert, weil die Regierung die Düngerlieferanten nicht mehr bezahlt hat.
Für die Bauern könnte dies eine Nullrechnung sein – egal, ob man wenig zu einem hohen Preis verkauft oder viel billiger. Ab spätestens April rechnet man mit der großen Versorgungskrise für die breite Bevölkerung – zum Zeitpunkt der Präsidentschaftswahlen. Aber vieles wurde schon verkauft, die Spekulationen setzten ein, Geld musste her, für den Schulanfang, für das kommende Opferfest. Vielleicht wird alles schon Anfang des Jahres zu teuer.

Waffen, Separationsbewegungen, Perspektivlosigkeit, militante Gruppen, Drogen, Hunger. Es liest sich wie das Lehrbuchmärchen vom Failed State. On verra. Und viel Glück.

Schirme nach Athen.

November 10, 2010

Ein Anruf. Ich hätte Post. Um genau zu sein, warteten fünf Pakete mit circa 100 Kilo. Ich könne sie gerne abholen, am Flughafen, beim Zoll. Hierzu allerdings müsse ich den Zustellschein haben. Den wiederum könne ich auch abholen, am anderen Ende der Stadt, für fünfzehn Euro. Die Zollgebühren seien unklar und wohl Verhandlungssache.

Da ich mich aus Orientierungs- und Verkehrseigenheitsgründen noch hüte, hier selbst Auto zu fahren, versuche ich, jemanden zu finden, der 100 Kilo Post abholen möchte. Mit gewissen Umständlichkeiten vertraut, errate ich zunächst den Absender, dann erfrage ich die Zustellnummer, die auf dem Zustellschein stehen sollte und verfolge, ob der Zusteller die Zustellung tatsächlich als schon zugestellt notiert hat. Getan, versichere ich mich des Inhalts. Das übliche Veranstaltungsmaterial. Broschüren, Schlüsselringe und eine nicht unbeträchtliche Menge an Regenschirmen.

Regenschirme. Würde ich übertreiben wollen, spräche ich in der Folge von 100 Kilo Regenschirmen. Es sind keine 100 Kilo. Aber es sind Regenschirme. Hatte ich erwähnt, dass dieses Land zu 75 Prozent aus Sahara besteht, die Veranstaltung in die Trockenzeit fällt und auch sonst genau n i e m a n d mit Schirm rumläuft? Denn, wenn es regnet, nutzen Schirme herzlich wenig, es sei denn, man möchte in „Pleiten, Pech und Pannen“ auftreten oder ist diesem eigentümlichen Schirm-Charme-Melone-Gehabe verfallen. Es ist mir ein wenig peinlich.

Seydou möchte los und fragt, was er also abholen solle. Ich überlege ob ich „Taschen“ sage oder „Sonnenschirme“ oder „Zwergelefanten“. Ob es wieder viel dieses unnötigen Hochglanzpapiers sei, fragt er weiter. Wieso wir immer dieses Hochglanzpapier durch die Gegend schickten und nichts Vernünftiges. „Regenschirme?“ Er lacht, dass er uns das auch noch zutrauen würde. Dann staubt er davon.