Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Der erste Weiße, der je einen Fuß nach Timbuktu gesetzt habe, erzählt Moussa, sei ein Deutscher gewesen. Sein Haus stehe noch.

Die ersten, die die Unabhängigkeit dieses Landes anerkannt hätten, seien die Deutschen gewesen, vor über fünfzig Jahren.

Dann habe sein Vater angefangen, für die Deutschen zu arbeiten. Straßenbau. Sein Onkel habe bei den Deutschen als Wächter gearbeitet und er, er fahre nun seit zwanzig Jahren für die Deutschen, spreche nur leider zu wenig Deutsch.

Die Deutschen seien gute Arbeitgeber, ja, tatsächlich, sie zahlten anständig, kein Scherz, Madame, behandelten die Menschen respektvoll und man könne sich auf das Wort eines Deutschen verlassen, wo gebe es dann schon noch.

In der Politik, da sei es genauso, was die Deutschen sagten, das habe Hand und Fuß, da solle sich Frankreich mal eine Scheibe abschneiden, immer erst die ganze Welt provozieren und sich dann verziehen. Man müsse sich nur die Deutsche Botschaft hier ansehen, so freundlich, so offen und dann die der Franzosen! Ein Fort! Sie hätten Angst.

Deutsche müssten nirgendwo auf der Welt Angst haben. Sie könnten sich überall auf der Welt frei bewegen und würden von allen geliebt. Immer nur von allen geliebt. Er arbeite gerne für die Deutschen.

Vom deutschen Fußball ganz zu schweigen! Voller! Beckenbauer! Schweinsteiger!

Doch, die Deutschen seien gute Menschen.

Nur eine Frage habe er. Manchmal, da salutiere man hier den Autos mit den deutschen Aufklebern ganz anders als man sonst militärisch salutiere. Ob das typisch deutsch sei.

Kurz darauf ein Gespräch mit einem Kollegen. Über den Stolz auf die Bundesrepublik. Die alte Bundesrepublik, früher, die Bundesrepublik, die Leuten ermöglicht habe, auf dem zweiten Bildungsweg zu studieren und die – ach. Früher. Ob ich mich jetzt schon beworben habe, bei denen, die aus dem Stolz auf die alte Bundesrepublik heraus nun politische Bildungsarbeit leisteten. Wir trinken noch ein bisschen Bier und denken an Berlin.

Monate später sitze ich in einer unwirtlichen Umgebung, Disziplin und Fleiß, möchte seit drei Tagen eigentlich nur nach Hause. Neben mir ein kratziger Kollege, auf der anderen Seite der Geschäftshaber der Botschaft. Hinter mir an der Wand steht, ich sei für West- und Zentralafrika plus Madagaskar zuständig. Madagaskar… irgendwann würde ich da tatsächlich gerne hin. Während ich überlege, wo ich sonst noch so hinmöchte, am Besten JETZT, erklingt die deutsche Hymne. Und diesmal – ich bin selbst überrascht – wird auch mir ganz weihnachtlich dabei. Bald ist wieder 03. Oktober, wie seltsam. Wie anders.

Es ist so. Ich hatte mich mit der irdischen Welt abgefunden, davon überzeugt, ich würde in Nigeria am Geldautomaten die staatliche Lotterie eines trusted, aber leider sehr kranken Onkels gewinnen, während meine Karte ausgelesen wird und ich vor allem kein Geld erhalte. Dennoch würde ich kurz darauf ausgeraubt werden und weder sollten das Golden Destiny Hotel noch die Daughters of Divine Love mich je zu Gesicht bekommen – dabei hätten letzte noch ein gutes Wort für mich einlegen können. Das leise Ende einer Glitzer.

Ich mag Dienstreisen nicht sonderlich. Vor allem diese, zu erschöpft, zu kraftlos, zu nah am Wasser. Aber gut. Man lernt ja und wenn eine eine Reise tut, kommt heutzutage eben ein Blogeintrag heraus. In Accra habe ich noch die Hoffnung, dass ich vielleicht tatsächlich nie ankäme aufgrund der Flugverspätung. Seltsam aber, trotz allen Nichtankommenwollens finde ich, dass ich jetzt doch langsam nicht mehr hier rumsitzen möchte. Müde bin ich. Um mich wachzuhalten, konsumiere ich Dinge, von denen mir schlecht wird. Burger. Bounty. Büchsencola.

Ich rufe den Fahrer an, er scheint sich glücklicherweise an mich zu erinnern, lacht, als ich sage, ich käme später. Ich solle einfach anrufen, falls ich ankäme. Falls. Good luck.

Viel Glück wünschte auch der Kollege am Vortag, ein seltsamer Abschiedsgruß, das Glück sei mit den Dummen, heißt es. Vielleicht sollte ich mich doch genau jetzt in den Flug nach Hause schmuggeln. Aber nein, Disziplin und Fleiß, so das Motto der Veranstaltung zu der ich eingeladen bin, ich steige in den sauren Flieger. Und werde sogar erwartet.

Der Fahrer hat einen betrunkenen Beifahrer im Schlepptau, der leider alles managen will. So oder so, wir kommen an. Vor dem Hotel ein großes Feuer, grösser als die, die ich gegen Müll oder Mücken kenne. An der Mauer die Aufschrift, dass man dringend Security suche. Ich beschließe, nicht zu überlegen, ob es sich tatsächlich um eine Suchanzeige des Hotels handelt oder um den gut gemeinten Rat irgendwelcher zwielichtiger Geldeintreiber oder Spielautomatenkartelle.

Fünf Stunden mit weniger Security, dann muss ich ohnehin wieder Richtung Flughafen. Leicht gesagt. Die Straße nämlich ist gesperrt. Nein, nicht von der Polizei oder irgendeiner Bande, sondern mit einem soliden Tor, das mit einem nicht weniger soliden Vorhängeschloss gesichert ist – von den Anwohnern. Die aber schlafen noch und es dauert eine Weile, bis der Herr mit dem Schlüssel aufwacht und uns raus lässt, aus dem Viertel. Wegen der Sicherheit, believe it.

In der nächsten Stadt lande ich pünktlich und werde angewiesen, den Flughafen durch eine Tür zu verlassen, die den Eindruck eines Bühnenhintereingangs erweckt. Egal aber, ich werde diesmal nämlich entgegen der Zusage nicht abgeholt, kann mit meiner SIM-Karte nur erratisch telefonieren, am Flughafen aber keine kaufen und Geld habe ich entweder zu groß oder zu wenig für ein Taxi. Außerdem bin ich zu müde für ein Taxi.

Ich frage zwei Frauen, ob ich ihr Handy leihen dürfe, Ah, are you German, We have been to Tuttlingen lately, und organisiere eine Abholung, Später, eine Stunde? Eineinhalb? Mir ist alles egal, mein neu erworbener Nazikrimi dick genug und ohnehin auf Französisch, ich kann also warten. Dumm nur, dass ich müde noch weniger Lust auf fremdsprachige Nazikrimis habe. Disziplin und Fleiß, ich lese wenigstens die Sexszene zu Ende, nachdem ich mich noch ein bisschen über Tuttlingen unterhalten habe.

Irgendwann, Look to your right, you see? This is the UN building they bombed lately, interesting, isn’t it!, lande ich in der Obhut der Daughters of Divine Love, melde mich von Mittagessen und Abendeucharistie ab und schlafe. Nur keinen Fuß vor die Tür setzen müssen. Das war‘s auch schon. Enttäuschend? Gut, nächstes Mal gehe ich zum Geldautomaten.

In der Zwichenzeit freue ich mich auf zu Hause, aber nicht auf unterwegs, diesmal gilt es, eine Nacht auf einem Flughafen zu verbringen, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er nachts überhaupt auf hat. Irgendwie bin ich grad immer falschwo. Aber mit Disziplin und Fleiß komme ich bestimmt an. Und mit Glück. Believe it.

Es ist so. Eine unserer Familienlegenden berichtet von einem Italienurlaub, der eigentlich keiner war, weil Kleinglitzer ihn allen verdorben hat. Ich mochte dieses Italien nicht, mit seinen Mücken und der Hitze und den Strandbungalows, wurde krank, bekam Fieber, wir reisten vorzeitig ab. Kurz nach der Grenze zu Österreich ging es mir besser, in Deutschland ward ich vollständig genesen.

Nichts hat sich geändert, früher wurde ich in den Ferien krank, nun im Urlaub. Auf dem Hinflug der erste schläfrige Fieberschub, in der Folge bin ich eine Woche lang damit beschäftigt, zwischen wirren Träumen meinen Körper mit einer Monatsration Immodium zu erhalten. Nur das Gefühl in den Fingern verliere ich zeitweise trotzdem. Ich schlafe gegen die Anstrengung, immer diese Anstrengung auf diesem Kontinent. Was ich hier treibe, sei kein Urlaub, meint der Arzt und verordnet mehr Schlaf. Dabei sei es so schön hier, paradiesisch gar, und so anders im Gegensatz zu zu zu – dort halt.

Ich verschlafe das Paradies vor meinem Fenster. Zwar ist Winter, aber draußen gebe es Shoppingmalls, Müsli, Mineralwasser, Natur, Cafés, Tiere, Infrastruktur, Europäer, die in der Privatwirtschaft arbeiteten. Die Straßen fast schlaglochfrei. Disneyland, berichtet Tim atemlos. Drinnen immerhin DisneyTV, Bundesliga und einen Sender, der rund um die Uhr Food ausstrahlt. Irgendwann packen sie mich ins Auto, ich könne schließlich überall schlafen, statt Disney solle ich Harry Potter lesen, Tim will ans Meer von Disneyland.

Als ich aufwache, scheint der Kontinent verschwunden und mit ihm die Anstrengung. Ein Kellner fragt auf Englisch, ob die Biiittäär Lemonä für mich sei oder doch die Focaccia con Mozzarella. Ich zwicke mich in den Oberschenkel, aus Angst, im Foodsender gelandet zu sein, doch tatsächlich, eine Eisdiele, die Eisdiele von Anna und Andrea, chiuso venerdi. Ich nehme die Focaccia und einen Espresso, der nicht nur italienisch heißt, sondern auch so schmeckt.
Um mich herum Leute in Strandbekleidung, ein italienisches Einrichtungsgeschäft und Tim beteuert, die Spaghetti seien al dente, wir seien nicht mehr in Klischeeafrika, sondern in der Zukunft des Kontinents. Ob ich noch ein Eis wolle. Eis!

Das Fieber sinkt analog zu meinem Italienkonsum rapide, ich schaffe es, mehrere Stunden am Stück wach zu bleiben, schließlich einen ganzen Tag, schalte meinen Afrikamodus ab, laufe barfuß durch Wasser, esse Salat, lerne italienisch vom Barkeeper und werde diesmal in Italien gesund. Einfach so. Am Meer.

Zu Hause hat die Regenzeit überall ihre Schimmelspuren hinterlassen. Erstaunlich, was alles schimmeln kann, nein, nicht vergessener Frischkäse im Kühlschrank, sondern Anzüge, Sofas, Terminkalender. Ich fürchte, dass sich der Schimmel auch meiner bemächtigt, samt Fieber. Meine verzweifelte Gegenwehr: ich backe Focaccia, koche Spaghetti, lerne italienisch und bin mein eigenes Disneyland. Vielleicht hilft es.

Djenné. Zentrum der sudanischen Lehmarchitektur. Die Moschee von Djenné ist der größte Lehmbau der Welt. UNESCO Weltkulturerbe.

Es ist so. Meine Schwester und ich sind in Djenné, um zu tun, was Touristen tun müssen: die Moschee bewundern, die Häuser, den Montagsmarkt. Ich wundere mich desweiteren jedes Mal wieder, wie um alles in der Welt ich die französische Vokabel für Abwasserreinigung gerade im Zusammenhang mit Djenné lernen konnte, aber das ist eine andere Geschichte.

Wir stehen also vor der Moschee, vor uns Fanta und Fatoumata, die Ketten verkaufen wollen. Uns. Unbedingt uns. Es gebe nämlich derzeit keine anderen Touristen, wir Schwestern sähen uns so ähnlich, seien die ersten Kundinnen und weil Schwester Fanta was abkauft, müsse ich Fatoumata eine Freude machen, wo ich ihr die letzten drei Male hier schon nichts abkaufte, das wisse sie genau, dabei, Madame, man müsse sie ermutigen, sie würde einen guten Preis machen, alles sei weniger teuer et cetera und so fort. (Falls Sie überlegen, hierher zu reisen, lasse ich Ihnen den Monolog gerne vorab zukommen.)

Während ich Fatoumata nichts abkaufe, versuche ich gleichzeitig Michel le Magnifique loszuwerden. Das sei er, stellt sich der bullige Mann vor, der in seinem Muskelshirt gekonnt das Fotomotiv Moschee versperrt. Man habe es nicht so gerne, wenn Touristen so ziellos durch die Stadt liefen, wo es doch so viel zu sehen gebe. Er sei zufällig ein offizieller Guide, wie alle seine Brüder und Onkel. Alle weiteren seien längst nicht so offiziell, er fürchte, sie würden uns bestimmt belästigen, falls wir nun darauf bestünden, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Würden wir? Na gut, aber, wenn wir wollten, nur zur Sicherheit natürlich, könnten wir vorab vom Dach seines Hauses einen Blick auf die Stadt, die Moschee und den Markt werfen.
Nein, aha , oder später, er könne das gerne organisieren, eigentlich dürften ja Touristen nicht in die Moschee, aber gegen einen geringen Beitrag würde sich da was machen lassen, gerade für die Schwestern, die heute die ersten Kundinnen seien.
Oder, vielleicht, ein anderes Angebot. Sein Bruder könne kein Französisch, könne uns aber gerne begleiten, um die anderen Guides abzuhalten, gleichzeitig aber nichts zu erklären. Für ihn sei das eine hervorragende Chance, Französisch zu lernen, für uns eine gute Tat oder er lerne eben Deutsch, auch recht. Fünftausend?

Irgendwann schlendern wir durch die Seitenstraßen rund um die Moschee, treffen auf Abdoulaye, ça va les sœurs, Wir seien seine ersten Kundinnen, nein, aha, dann eben kein Geschäft, sondern ein Angebot. Wir hätten Glück, er sei der Sohn des Imam und gegen einen geringen Beitrag könne er mit seinem Vater reden, wir könnten uns die Moschee ansehen, obwohl das verboten sei, aber er als Sohn. Er könne uns auch gerne die Stadt zeigen, wo wir uns gerade herumtrieben sei es für Schwestern eigentlich nicht interessant. Nein? Gut, vielleicht wolle ich mir zur Sicherheit seine Telefonnummer merken, dann könne ich ihn anrufen, sobald wir uns überlegt hätten, die Moschee zu besichtigen.

Es spült uns nach einiger Zeit zurück auf den Markt, wo uns eine Jungswolke zu überreden sucht, ihnen einen Fußball, Bonbons, Kekse, Bleichcreme, Schuhe oder sonst! irgendetwas! zu kaufen!, während ihre kleine Schwester uns Ketten anbietet, Sie haben es erraten, wir seien die ersten Kundinnen und so weiter.
Michel le Magnifique kreuzt in regelmäßigen Abständen unseren Weg, ça va, les sœurs, ob er uns die Frauenkooperative zeigen solle, oder später vielleicht. Auch seinen Bruder treffen wir, der uns auf Französisch, Englisch und Deutsch zu einem Stoffverkäufer führen will.

Schwester drängt, ob wir nicht einfach wieder rückwärts da raus könnten, raus raus raus, wir schlagen uns erneut ins Abseits. Ich steuere auf einen Laden zu, die Touristeninformation. Ich habe sie wohl nicht alle, ob ich wirklich da rein wolle, da seien bestimmt noch mehr. Im Laden überreden wir den Mann, dass die Bücher, die er ausliegen hat, zu verkaufen seien und erstehen einen Bildband.
In Ruhe betrachtet, ist es nämlich wunderschön, dieses Djenné.

Ach so, Sie wissen ja, dass ich Liedtexte nicht vergessen kann, ebenso ergeht es mir mit rhythmischen Zahlenreihen. Falls Sie also einen Guide für Djenné suchen, hier Abdoulayes Nummer: 74 12 47 06, mit schönen Grüßen von den Schwestern.

Die Ökonomie der Hexerei und die Ökonomie des Neides, heißt es, trügen die Verantwortung dafür, dass es in Westafrika keine Wolkenkratzer gebe. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Wolkenkratzer, aber seit ich in diesem Land wohne, ich gebe zu: alles, was mehr als ein Erdgeschoss besitzt, flößt mir Respekt ein. Momentan, wie Sie wissen, befinde ich mich allerdings in einem anderen Land – dem Ursprung des Sklavenhandels und dem Ursprung der Hexerei, nein, falsch, sogar des Voodoo.

Voodoo – ja, der Strohpuppenzauber aus James Bond. Voodoo. Stecknadeln, ungeklärte Todesfälle. Das verhindert bestimmt Wolkenkratzer, ja, ich wage zu behaupten, es verhindert alles bis auf eine ausgeprägte Paranoia. Zugegeben, ich weiß nicht sonderlich viel von Voodoo, ich weiß nur, dass man beim Friseur seine Haare mitnehmen muss, damit einem keiner einen Zauber anhängt, man dann Gift und Galle spuckt oder sich aber verliebt. Oder stirbt. Oder einfach Nierensteine bekommt.

Nein, Sie haben Recht, ich gehe hier nicht zum Friseur. Um genau zu sein, meine Produktivität sinkt auf Null, denn ich traue mich keinen Schritt aus dem Haus. Wer weiß, wo hier wer gegen welche Weißnasen irgendwelche Fetische, Gebeine oder Getier vergraben hat? Was hat der Portier vorhin gemurmelt – „Bonjour“ oder doch ein kurzer Fluch? Hoffentlich sagt er nichts über meine Familie! Ob es etwas zu bedeuten hat (und falls ja: WAS?), dass die Zimmerdame den Aschenbecher verkehrt herum auf das Neue Testament gelegt hat? Habe ich meine Bürste in den Koffer gesperrt? Die Spinne im Obstsalat – mangelnde Hygiene oder fauler Zauber? Bringen Geckos hier auch soviel Unglück wie in dem Land, in dem ich wohne? Und der tote Gecko zwischen Tür und Rahmen: Zufall? Absicht? Wohin ist eigentlich die Visitenkarte des Kollegen verschwunden? Und wieso habe ich mich schon wieder mit Pizza bekleckert? Das neue Loch in der Hose, ja, am Stuhl hängen geblieben, aber grundlos? Ständig ist bei meiner Schwester das Telefon besetzt – da hat doch wer was gedreht. Wieso ist die Lampe nicht eingesteckt und was passiert, wenn ich den Kleiderständer verrutsche?

Wieso gucken Sie so? Sie halten mich für verrückt? Dann helfen Sie mir! Gehen Sie zu einem Marabou Ihres Vertrauens und fragen Sie ihn nach einem Fetisch für mich. Ich kann Ihnen zu diesem Zwecke auch gerne ein paar Haare faxen. Ihnen kann ich doch vertrauen, oder? Wobei. Wem kann man eigentlich… Wieso sollte ich Ihnen Haare faxen? Nein, ich möchte keinen Wolkenkratzer kaufen! Wer sind Sie überhaupt? Lassen Sie mich in Ruhe! Verschwinden Sie aus meinem Text! SOFORT!

Es ist so, ich fliege. Es ist Valentinstag und ich fliege in den Süden, ans Meer. Das klingt romantisch und weil Valentinstag ist, schenkt mir meine Fluglinie eine Rose. Denkbar praktisches Fluggepäck. Nach Zielstadt, sage ich, Aber, aber das ginge nicht, sagt die Frau hinter dem Schalter so tonlos wie sie mir die Rose überreicht hat. Ja, ich habe ein Ticket, aber über Umsteigestadt und ab da von einer anderen Fluggesellschaft. Das ginge nicht. Ob sie wenigstens mein Gepäck bis Zielstadt markieren könne, frage ich. Das könne sie, würde sie mir aber nicht raten. Es wäre besser, ich würde es vom Gepäckband pflücken und neu einchecken, wie auch mich.

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Sie speisen sich natürlich auch aus Erfahrungen blablabla, wie auch immer, sie sind da und ich tauche in sie ein, um zu überlegen, dass keine Boardkarte auf einem afrikanischen Flughafen vielleicht heisst, dass man aus dem Flughafen wieder raus muss. Das wiederum könnte bedeuten, dass die bierernsten, hochwichtigen Polizisten finden, ich bräuchte ein Visum. Oder viel Geld. Da ich beides nicht habe, aber wenig Umsteigezeit, entscheide ich mich gegen das Gepäck für volle Konzentration auf Umsteigen und Flug erwischen. Die Wette gilt, die Dame hinter dem Schalter schaut mich tonlos, aber ungläubig an. Wenn ich meinte.

Wieso ich so unvorbereitet bin? Nun ja, das liegt daran, dass am Freitag ein Treffen von Mittwoch auf Dienstag – egal, ich musste meinen Flug vorverlegen, kann nun nicht direkt nach Zielstadt fliegen, sondern eben nur über Umsteigestadt. Die Realsatire möchte, dass ich fünf Tage später ohnehin nach Umsteigestadt reise. Auf welchem Weg, das ist noch nicht geklärt und unterwegs muss sich das Visum auftreiben lassen. Es ist ja auch nur ein Katzensprung.
Eine Dame (ich stehe noch immer am Schalter, wieso auch nicht), bonjour, ça va, et la famille, ob das mein einziges Gepäckstück sei, nein, nicht die Rose, aha aha, sehr gut, ob ich auch ihres einchecken könne. Leider, sage ich, leider (und ich bin froh, nicht lügen zu müssen), würde mein Gepäck bis Zielstadt durchgestellt (toitoitoi). Sie sieht mich bedauernd an und ich bin mir nicht sicher ob ihrer Enttäuschung oder ob meines naiven Wagemuts. Wagemut, mein vierter innerafrikanischer Flug.

Aber, wie so oft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich komme in Zielstadt an. Auch mein Gepäck, abgesehen von der Rose, die ich irgendwo vergesse. Am Flughafen warte ich auf meine Abholung. Als niemand kommt, gehe ich an die Hauptstraße, warte auf gut Glück, bis ein Auto meiner Organisation vorbeifährt und halte es an. Ah, bienvenue, soso, aha, ça va und der Flug und die Familie und interessant, dass ich jetzt hier sei. Der Kollege sei vorhin losgefahren, um mich in Umsteigestadt abzuholen. Aber das mache ja nichts, ich solle einsteigen.

Ob ich nicht noch bleiben möge, fragt der Polizist. Ich käme ja wieder, Samstag schon. Was, erst Samstag, wie Sie meinen, Madame, ob ich wisse, dass dieses Land stellenweise zur Zone rouge für Leute wie mich gehöre. Wie auch sein Land. Aber das müsse ich verstehen, schliesslich seien es arme Länder, oder. Naja, gutes Wiederkommen, ach, und ja, gute Reise.

Drei Stunden später stehe ich an einem anderen afrikanischen Flughafen am Gepäckband. Nein, es ist gar kein Band. Eine Bande. Eine Holzbande, auf die die Koffer gestapelt werden. Dann kann man sich einen aussuchen. Was, Sie wollen diesen? Viel Spass damit und herzlich willkommen.

Ich finde einen Taxifahrer, nein, er findet vielmehr mich, dann aber finde ich die Navette des Hotels, in das ich vielleicht sollte. Mein Name steht nicht auf dem Schild, aber ich sage dem Fahrer, dass ich gerne mitfahren möchte. Ah bon, gerne, herzlich willkommen, Sie sind wohl zum ersten Mal hier, Madame. Vom Flughafengebäude bis zum Parkplatz kaufe ich eine neue Telefonnummer, höre rührende Geschichten von einem Jugend-Kunstprojekt, einem Kinder-Musikprojekt, einer Waisen-Handwerkergruppe, einer Frauen-Schmuckbastelgruppe und einer Einäugigen-Tanzgruppe. Gut, die Tanzgruppe ist erfunden. Alle aber verkaufen genau das, was ich nicht suche, vorzugsweise aus Bronze, praktischerweise genau ums Eck und die ganze Woche und gerne auch im Hotel.

Gelernt ist gelernt, aber auch ich bin nicht von schlechten Eltern, ah bon, interessant, wirklich, was für eine äusserst unterstützenswerte Initiative, bonne continuation, Monsieur, gerade so eine Tanzgruppe braucht es hier ganz besonders, wenn ich nicht schon zu spät wäre, würde ich das gerne und auch meinen Kollegen, aber wer weiss, vielleicht, aha, im alten Viertel, sowas, tatsächlich gleich ums Eck und schon immer wollte ich kiloweise Bronze nach Hause schleppen, nein, danke keine Masken, die würde ich wohl besser im Nachbarland kaufen, aber hier sei man ja für die Bronze berühmt. Als wir loskommen, fragt mich der Fahrer der Navette, wo so höfliche Leute wie ich eigentlich herkommen, nein, ich solle ihn nicht auf den Arm nehmen, das könne nicht sein, ah so, Sie wohnen schon länger in der Gegend, er verstehe. Wieviel Bronzefiguren ich besässe?

Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Junior Suite meines Lebens, ans Bett gelehnt. Wenn ich mich nicht fest anlehne, fällt der Nachttisch um, auf dem mein Bier steht (wenig später nach diesen Zeilen habe ich sie bereits vergessen und auch mein Bier gehört der Vergangenheit an). In andere Ecken des Zimmers sehe ich vorsorglich lieber nicht.
In der Hotellobby steht ein Bronzevogel, der es mir spontan angetan hat, aber ich kaufe lieber noch ein Bier, Madame, herzlich willkommen. Ich bemühe mich gar nicht erst, die Tür solide zuzusperren, sie lässt sich ohne weiteres aus dem Schloss drücken, ebenso die Balkontür. Dafür sind die Fenster dank Deckenfarbe undurchsichtig.

Allerdings bin ich gute Polizistentochter und nun höre ich natürlich ständig jemanden meinen Tür öffnen. Kurz vor der Paranoia gegen drei Uhr morgens stehe ich auf, gehe zur Rezeption und kaufe den Vogel. Dass der Rezeptionist komisch guckt, ist mir egal. Nur, als er mir erzählt, welche wirklich äusserst unterstützenswerte Selbsthilfegruppe junger aufstrebender höherer Töchter den Vogel hergestellt hat, winke ich ab und prüfe allein die Spitze des Schnabels.
Dann erstehe ich noch eine Schildkröte als Wurfgerät und zwei kleinere Schmuckanhänger, um den Nachttisch zu stabilisieren. Aus einem Glockenspiel bastle ich eine Frühwarnsystem und aus einer Armee ein Tretminenfeld. Endlich weiss ich, wozu man immer kiloweise Bronze zu Hause haben sollte. Bin ich eben meine eigene Zone rouge.

Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.