Es gibt ein Lied von GUZ, in dem er sich über leserbriefschreibende Lehrer mokiert. Ich stehe vor so einem Exemplar. Nein, sie steht vor mir. Schwer atmend und wild gestikulierend pflügt sie sich über den Hof, um mir den Weg abzuschneiden. Sie schreibt keinen Leserbrief, wählt lieber die direkte Beschwerde.
„Frau Kugel“, hyperventiliert sie, was das bitteschön sei, das habe die Welt ja noch nicht gesehen, was mir einfalle! Eine Fortbildung für Lehrer anzubieten, auf der Kinder – SCHÜLER! – seien. Bei so einem Thema! Wo sie sich bitteschön beschweren könne. Und wie ich mit diesen Räumen umgehe, da hingen ja Kronleuchter und die Kinder könnten einfach mit den Straßenschuhen!
Beschwerdeadresse: meine Visitenkarte. Falls sie doch noch einen Brief schreiben möchte. Ansonsten: das Programm. „Kinderakademie“ steht da und „richtet sich an zehn- bis 12jährige Schülerinnen und Schüler“.
„Isch ’abe gar kein’ Fortbildung“ würde ich gerne sagen, doch dazu komme ich nicht mehr: ich werde überwältigt. Schockstarre. Die „Kinder“, die gerade anreisen, sehen aus wie 17. Notorisch unbeteiligt schleifen sie sich an die Anmeldung und können vor lauter Kaugummiblase kein einziges Wort sprechen. Ich habe Angst. Sie werden sich langweilen, schrecklich langweilen sogar und alles doof finden, mit Papierkugeln und Kaffeetassen werfen, Ritalin schlucken und das ganze Haus mit schlechten Möchtegernbeats beschallen. Auf der Liste sehe ich, dass sie 14 sind. Schlimm genug. In Gedanken ziehe ich das Ritalin ab.

Tatsächlich aber gibt es Teilnehmende, die das Programm wohl gelesen haben und Zielgruppe sind. Der Rest der Belegschaft ist begeistert. „Toll, Frau Kugel, dass sie hier mit diesen Würmern arbeiten! Herzzerreißend! Goldkinder! Wirklich!“ Kurz darauf fragt mich eines dieser herzzerreißenden 10jährigen Goldkinder mit großen Augen und noch größerer Unschuldsmine leise: „Glitzer, sag mal, der Referent, der hat doch ne Latte, oder? Liegt des an Dir?“

Im weiteren Verlauf notiere ich: Jonglage unter Kronleuchtern kann gelingen. Lehrerfortbildungen sollten Lesemodule beinhalten. 17jährige sind vielleicht erst 12 oder zehn, reden aber 17jährige Sätze. Spätzle mit Tomatensauce sehen seltsam aus, werden aber gemocht. Kinder sind begeistert, wenn sie unter dem Bett keine Staubflusen finden. Sie gucken auch wirklich nach. (Wahrscheinlich auf der Suche nach Chips.) Dann fahre ich nach Hause und finde, genug gelernt zu haben. Dabei war ich gar nicht Zielgruppe.

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Heute wecken mich die letzten Töne des Nachtkonzerts. Das ist definitiv zu früh, aber es ist Donnerstag. Donnerstag beginnt immer kurz vor fünf.
An Donnerstagen versuche ich stets, das System Schule zu verstehen. Ich fungiere als externe Partnerin für ein Projekt im Q11. Das Projekt wird betreut von zwei Lehrerinnen und mir und von der Schulleitung augapfelsgleich gehütet. Letzteres ist ein Vorteil, bringt aber manchmal unberechenbare Dynamiken mit sich. Anrufe. „Frau Kugel, morgen sind wir doch nicht mit zehn Schülern bei Ihnen. Wir bringen 150 mit, ja?“
Der zuständige Herr aus dem Direktorat ist ein hoch motivierter Alt-68er, dem die Jugend von heute natürlich zu unpolitisch ist und der mindestens den Dalai Lama ins Projekt einbinden will. Wahrscheinlich mit 150 Tibetern. Aber darüber machen wir uns erst am Nachmittag vorher Gedanken.

Dann die beiden Lehrerinnen. Eine benotet die Schülerinnen und Schüler nach Schuhmarke und Frisur. „Findst nicht, glitzer, des sieht doch nicht ausreichend aus, oder? Und wie die dasteht.“ Die andere ist einer der höflichsten Menschen die ich kenne, mit der zurückhaltendsten Art und Weise zu sprechen, die ich je erlebt habe. Dazu gehört, dass sie beim Sprechen zur Klasse rückwärts in der Tafel verschwindet. Selten von Vorteil.

Wir reden viel über das Projekt und stimmen uns gefühlt ständig ab. Die Hälfte davon gilt ungefähr so lange, wie die Sprechblase dazu in der Luft hängt. Der viel größere und anstrengendere Rest ist aber der, der nicht kommuniziert wird. Die beiden Damen zum Beispiel reden nicht miteinander. Wie denn auch, wenn eine immer in der Tafel steht. Geschweige denn mit mir. Liegt vielleicht an den Schuhen.

Heute der Kurs. Er besteht aus verzweifelten Schülerinnen und Schülern, denen das G8 die Pubertät geklaut hat. Jetzt sollen sie klar denken, bräuchten aber Zeit für Hormone. „Ja“, sagt einer. „Schön, dass sie da sind. Weil alle anderen kommen nicht.“ Alle anderen sind die beiden Damen, deren Kurs das ist.
Dafür schwingt der Herr aus dem Direktorat herein. Er hat sich überlegt, über nachhaltigen Konsum zu reden. Das hat wenig mit dem Projekt zu tun, aber gut. Wenn wir schonmal hier sind. Er spricht darüber, wie schön und verpackungsarm es damals war, als die Essiggurken noch bei Tante Emma im Riesenholzfass schwammen. Ich denke an Ursuppe. Dann denke ich an „Stoana hat’s grengt und Stoana hamma gessn.“ Ich muss grinsen. Ein großes Problem: ich kann meine Mimik schwer kontrollieren. Ein anderes Problem: ich verfalle in alte schulische Verhaltensweisen: ich bekomme Hunger und werde müde. Irgendwann aber ist es rum. Ich grinse noch immer, aber um einiges müder. Mein Unterrichtskonsum war wenig nachhaltig, bestimmt. Tante Emma hin oder her.