Der Präsident spricht. Am dritten Abend der Unruhen in der Hauptstadt und über zwei Wochen nach den ersten Angriffen im Norden meldet er sich erstmals öffentlich zu Wort. Er spricht nicht viel über den Norden, kondoliert den Familien der gefallenen Soldaten und spricht löblich über die Armee. Weiterhin ruft er dazu auf, nun nicht die Tuareg, die mitten unter allen wohnten, die Sorgen, Nöte und Hoffnungen teilten, mit denen zu verwechseln, die im Norden die Waffen erhoben hätten gegen die Einheit der Nation.
Eine Zeitung schreibt ähnlich, man dürfe die Dinge nun nicht vermischen und die hiesigen „peaux rouges“ nicht mit den anderen verwechseln; die hier hießen schließlich auch Traoré oder Cissé.

Da aber nicht alle heißen, wie man hier zu heißen hat, hört man auch von vielen, die versuchen, das Land oder zumindest die Stadt zu verlassen und von solchen, die vom Militär dazu bewegt werden, sich lieber abzusetzen. Universitätsprofessoren, ehemalige Minister, Minister.
Man liest „Pogrom“ und die Entgegnung, diese Unterstellung sei nur eine weitere rassistische Unverschämtheit gegen die einheimische Bevölkerung, die weiße Presse würde die Tuareg eben für weiß halten.

Dazwischen die Nachricht, die Regierung verhandle mit den Tuareg-Rebellen in Algier. Allerdings seien die Rebellen nicht von allen kämpfenden Gruppen als Sprachrohr oder gar Verhandelnde anerkannt.

Der Tag schleppt sich zwischen Nachrichten und Gerüchten weiter. Zu den sichtbarer werdenden Zerstörungen des Vortages kommen neue Tränengasmeldungen, Polizeieinsätze, Polizeirückzüge, Plätze, die den Demonstranten gehörten, geschlossene Geschäfte, gesperrte Straßen und Brücken, Demonstrationen in anderen Städten, die Rückübernahme einer Stadt durch die Tuareg, fliegende Steine, Plünderungspläne, getötete Polizisten.
Hinweise, lieber auf dieser Seite des Flusses zu bleiben, die Stadt zu meiden, irgendwann, man solle lieber nach Hause gehen und den Abend dort zu verbringen.

Spekulationen über Putschabsichten verlaufen im Sande, der Militäroberste ist Katholik und gehört der falschen Ethnie an, ein etwas kernigerer Präsidentschaftskandidat ruft bei einer Wahlveranstaltung in Timbuktu ebenfalls zum Frieden auf und arbeitet wohl lieber auf die Wahlen hin.

Die islamischen Gemeinschaften rufen zum friedlichen Miteinander auf, ein Aufatmen scheint hörbar, vielleicht beruhigt sich die Lage nach dem Freitagsgebet und über das Wochenende, an dem die Geburt des Propheten gefeiert wird.

Andere gute Zeichen: das Tuareg Kulturzentrum in Bamako wurde bisher nicht angegriffen. Der Poolmann kommt und will sein Geld haben. Das Viertelfinale des CAN am Samstag bestimmt weiterhin die Schlagzeilen mit. So weit, so normal. Wir beschließen, es sei der richtige Zeitpunkt, unseren Christstollen anzuschneiden. Die Nacht bleibt ruhig.

Advertisements

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Wer hier eine Uniform an hat, zählt was. Jedenfalls in seinen eigenen Augen. Außerdem eröffnet eine Uniform – je nach Farbe und Einsatzgebiet – die Möglichkeit einfacher Zuverdienste. Sammeltaxifahrer gehören zu gern gesehenen Opfern, überladene Motos. Aufgrund dieser komfortablen Situation versuchen viele Polizistenväter, ihre Kinder auch zu Polizisten zu machen. Die eine oder andere Gunst ist schließlich käuflich. Man kennt sich ja. Und natürlich sind nicht alle so.

Aber immerhin sind so viele so, dass man hier in den Straßen wieder angefangen hat, Diebe, die man sofort erwischt, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dieses Gesetz nennt sich „430“ – 400 Franc für das Benzin, 30 für die Streichhölzer.

Wenn man die Diebe nicht selbst erledige, seien sie in drei Tagen wieder auf freiem Fuß, das finden viele deprimierend. Auf freiem Fuß entweder, weil sie gute Polizeikontakte hätten oder weil sie jemanden hätten, der sie aus dem Gefängnis kauft. Das geht innerhalb von drei Tagen.

Diese drei Tage sind auch gerade das Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern haben sie unseren Gärtner und Tagwächter Renard abgeholt. Diese Nachricht braucht von der Gartenmauer bis zu mir geschlagene sechs Stunden. Obwohl man mich benachrichtigen müsste, obwohl die Polizei Wächter ersetzen müsste, obwohl man mir sagen müsste, wo sie ihn hinbringen. Ich erfahre gegen fünf, dass er nicht da sei, dass die Polizei ihn mitgenommen habe, sonst niemand etwas wisse, außer, was alle wissen: dass polizeiliche Willkür nichts Gutes ist.

Ich hänge mich ans Telefon, wir finden irgendwann das Polizeirevier heraus und natürlich auch, dass man Freitagabend nichts tun könne. Und Samstag und Sonntag auch nicht. Wir schicken Geld für Essen. Und warten.

Währenddessen der Anruf von Clara.

Ob sie nun gefahren seien, trotzdem. Und ob ich schon gehört habe, dass auch heute wieder. Meine seit sechs Wochen anhaltende Adventsruhe schockgefriert bei 30 Grad.

Analytisch betrachtet, klarer Fall, alle haben darauf gewartet. Donnerstag zwei Franzosen entführt, mitten in der Nacht aus ihrem Hotel. Freitag drei Touristen entführt, mitten in Timbuktu, mitten am Tag. Ein vierter konnte entkommen, der fünfte wehrte sich und wurde auf der Stelle erschossen. Vielleicht hängen die beiden Fälle nicht zusammen, vielleicht aber passiert morgen der nächste. Die Verfolgung am Donnerstag habe nicht gleich aufgenommen werden können, weil das einzige Polizeifahrzeug am Ort auf Mission gewesen sei.

Tim ist unterwegs mit Freunden, nicht dort, aber auch in einer Region, in der man nicht unbedingt sein sollte. Orange. Ginge es nach der Französischen Botschaft, sollte man grundsätzlich nicht mehr außerhalb der Hauptstadt sein. Vor einem Jahr amüsierte ich mich über die Elektronische Deutschenliste. Gestern und heute bin ich nicht so gelassen, als sie statt Weihnachtsmarktwerbung nun Sicherheitshinweise sprudelt. Die Sicherheitshinweise sagen, man solle seine Wächter zu erhöhter Vorsicht raten. Einer der unseren wurde heute von der Polizei geklaut.

Ich rufe Tim an, erst wegen Renard, dann wegen Timbuktu, verständige rundrum, dass wir nicht in Timbuktu sind. Weitere Telefonate wegen der Polizei, mittendrin eine Einladung zum Weißwurschtfrühstück, die wohl in einen anderen Film gehört.

Im anderen Film, spreche ich mit Neill. Und er bringt mich darauf, dass ich noch vor Kurzem bei den Leuten saß, die gestern entführt werden. Irgendwie gehört doch alles zu einem Drehbuch.

Es ist so. Der Dezentralisierungsminster und fünf seiner Ministerkollegen (also ein Sechstel des Kabinetts, Minister gibt es hier eher viele) fahren in den Norden. Sie wollen stellvertretend 400 Rückkehrer aus Libyen begrüßen. Es handelt sich hierbei um Malier, die vor knapp 20 Jahren auszogen, um mit Gaddafi für die Vereinigten Staaten von Afrika zu kämpfen und dann blieben. Kanonenfutter, meinen die einen. Um den großen Reibach zu machen, meinen andere.
Halt, Malier? Das ist nicht ganz richtig. Tuareg der vier Stämme, die sich gerne von Mali abspalten würden. Der zugehörige Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, verschiedene Folgeabkommen von Regierungsseite nicht immer erfüllt, die Stimmung blieb dementsprechend angespannt, zunehmend mehr angry young men langweilen sich seither perspektivlos.

Jetzt kommen die Regierungsvertreter mit Reis, Öl, Geld und guter Stimmung. Gegenzug zeigen die Rückkehrer stolz ihre neuen Besitztümer. Dutzende Toyota Pickups, Kalaschnikows und diverse schwere Waffen. Dass seit der Libyen-Krise schwere Waffen ins Land laufen, ist keine Neuigkeit. Dass sie nun nicht mehr versteckt werden, schon.

Aber die Lybien-Rückkehrer sind nicht die einzigen, die sich nicht verstecken müssen. Vor Kurzem besuchten – ebenfalls mit 40 Pickups – Al Quaida-Gruppen einen Markt, fragten die Leute auf Arabisch den Koran ab, sackten Lebensmittel ein und verschwanden wieder. Das war bevor das mauretanische Militär in Mali eines ihrer Ausbildungslager aushob.

Gleichsam öffentlich werden neue Pisten und Landebahnen gewalzt, um den Drogenhandel von Südamerika nach Europa zu erleichtern. In einem Umkreis von 30 Kilometern sollte man nichts bauen, wovon man länger etwas haben möchte.

Und jetzt: kommt die Nahrungsmittelknappheit. Es hat wenig geregnet, dieses Jahr, nur 46 Prozent der Bewässerungsflächen konnten bewässert werden, viele weitaus kürzer als nötig. Der eigentlich staatlich subventionierte Dünger wurde nicht geliefert, weil die Regierung die Düngerlieferanten nicht mehr bezahlt hat.
Für die Bauern könnte dies eine Nullrechnung sein – egal, ob man wenig zu einem hohen Preis verkauft oder viel billiger. Ab spätestens April rechnet man mit der großen Versorgungskrise für die breite Bevölkerung – zum Zeitpunkt der Präsidentschaftswahlen. Aber vieles wurde schon verkauft, die Spekulationen setzten ein, Geld musste her, für den Schulanfang, für das kommende Opferfest. Vielleicht wird alles schon Anfang des Jahres zu teuer.

Waffen, Separationsbewegungen, Perspektivlosigkeit, militante Gruppen, Drogen, Hunger. Es liest sich wie das Lehrbuchmärchen vom Failed State. On verra. Und viel Glück.

Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Ich hatte mich mit der irdischen Welt abgefunden, davon überzeugt, ich würde in Nigeria am Geldautomaten die staatliche Lotterie eines trusted, aber leider sehr kranken Onkels gewinnen, während meine Karte ausgelesen wird und ich vor allem kein Geld erhalte. Dennoch würde ich kurz darauf ausgeraubt werden und weder sollten das Golden Destiny Hotel noch die Daughters of Divine Love mich je zu Gesicht bekommen – dabei hätten letzte noch ein gutes Wort für mich einlegen können. Das leise Ende einer Glitzer.

Ich mag Dienstreisen nicht sonderlich. Vor allem diese, zu erschöpft, zu kraftlos, zu nah am Wasser. Aber gut. Man lernt ja und wenn eine eine Reise tut, kommt heutzutage eben ein Blogeintrag heraus. In Accra habe ich noch die Hoffnung, dass ich vielleicht tatsächlich nie ankäme aufgrund der Flugverspätung. Seltsam aber, trotz allen Nichtankommenwollens finde ich, dass ich jetzt doch langsam nicht mehr hier rumsitzen möchte. Müde bin ich. Um mich wachzuhalten, konsumiere ich Dinge, von denen mir schlecht wird. Burger. Bounty. Büchsencola.

Ich rufe den Fahrer an, er scheint sich glücklicherweise an mich zu erinnern, lacht, als ich sage, ich käme später. Ich solle einfach anrufen, falls ich ankäme. Falls. Good luck.

Viel Glück wünschte auch der Kollege am Vortag, ein seltsamer Abschiedsgruß, das Glück sei mit den Dummen, heißt es. Vielleicht sollte ich mich doch genau jetzt in den Flug nach Hause schmuggeln. Aber nein, Disziplin und Fleiß, so das Motto der Veranstaltung zu der ich eingeladen bin, ich steige in den sauren Flieger. Und werde sogar erwartet.

Der Fahrer hat einen betrunkenen Beifahrer im Schlepptau, der leider alles managen will. So oder so, wir kommen an. Vor dem Hotel ein großes Feuer, grösser als die, die ich gegen Müll oder Mücken kenne. An der Mauer die Aufschrift, dass man dringend Security suche. Ich beschließe, nicht zu überlegen, ob es sich tatsächlich um eine Suchanzeige des Hotels handelt oder um den gut gemeinten Rat irgendwelcher zwielichtiger Geldeintreiber oder Spielautomatenkartelle.

Fünf Stunden mit weniger Security, dann muss ich ohnehin wieder Richtung Flughafen. Leicht gesagt. Die Straße nämlich ist gesperrt. Nein, nicht von der Polizei oder irgendeiner Bande, sondern mit einem soliden Tor, das mit einem nicht weniger soliden Vorhängeschloss gesichert ist – von den Anwohnern. Die aber schlafen noch und es dauert eine Weile, bis der Herr mit dem Schlüssel aufwacht und uns raus lässt, aus dem Viertel. Wegen der Sicherheit, believe it.

In der nächsten Stadt lande ich pünktlich und werde angewiesen, den Flughafen durch eine Tür zu verlassen, die den Eindruck eines Bühnenhintereingangs erweckt. Egal aber, ich werde diesmal nämlich entgegen der Zusage nicht abgeholt, kann mit meiner SIM-Karte nur erratisch telefonieren, am Flughafen aber keine kaufen und Geld habe ich entweder zu groß oder zu wenig für ein Taxi. Außerdem bin ich zu müde für ein Taxi.

Ich frage zwei Frauen, ob ich ihr Handy leihen dürfe, Ah, are you German, We have been to Tuttlingen lately, und organisiere eine Abholung, Später, eine Stunde? Eineinhalb? Mir ist alles egal, mein neu erworbener Nazikrimi dick genug und ohnehin auf Französisch, ich kann also warten. Dumm nur, dass ich müde noch weniger Lust auf fremdsprachige Nazikrimis habe. Disziplin und Fleiß, ich lese wenigstens die Sexszene zu Ende, nachdem ich mich noch ein bisschen über Tuttlingen unterhalten habe.

Irgendwann, Look to your right, you see? This is the UN building they bombed lately, interesting, isn’t it!, lande ich in der Obhut der Daughters of Divine Love, melde mich von Mittagessen und Abendeucharistie ab und schlafe. Nur keinen Fuß vor die Tür setzen müssen. Das war‘s auch schon. Enttäuschend? Gut, nächstes Mal gehe ich zum Geldautomaten.

In der Zwichenzeit freue ich mich auf zu Hause, aber nicht auf unterwegs, diesmal gilt es, eine Nacht auf einem Flughafen zu verbringen, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er nachts überhaupt auf hat. Irgendwie bin ich grad immer falschwo. Aber mit Disziplin und Fleiß komme ich bestimmt an. Und mit Glück. Believe it.

Es ist so. Hier ist alles ruhig.
Vor allem, wenn man die Nachbarländer betrachtet. Im Westen stehen Wahlen an und es brennen die Leute auf der Straße. Im Osten waren Wahlen und es gibt noch keine Regierung, aber auch keine Stabilität, zwischen Osten und Süden revoltiert das Militär und die Kaufleute gegen die Revolte des Militärs, im Süden erholt man sich vom Putsch, im anderen Süden vom Bürgerkrieg. Im Norden ist Wüste, dort landen die Menschen, die im Osten entführt und die Waffen, die noch weiter im Norden geklaut wurden.

Hier ist alles ruhig. Ja, alles ruhig, nichts sei in den letzten zwei Wochen passiert, meint Moussa. Moussa fährt das Taxi, in dem wir gerade aus dem Flughafenparkplatz geschoben wurden, jedenfalls fährt er es, wenn es fährt.
Und überhaupt, versichert mir Moussa, überhaupt, diese Sache da im Norden, das sei ja der Norden, also erstens weit weg und zweitens die Touareg und eben ganz was anderes. Und nein, glitzer, glitzer?, was das für ein Name sei, nein, obwohl sie Touareg seien, für Gaddafi habe von denen keiner gekämpft, die hätten höchstens ein paar Waffen geklaut, haha, sogar die hiesige Air Express habe letzte Woche kurzzeitig den Flugverkehr eingestellt, aus Angst vor den Abwehrraketen. Ob das nicht lustig sei! Auch Air France ließ ihre Crew nicht mehr hier übernachten. Nur wegen ein paar Waffen und der Terroristen, haha.

Darüberhinaus, glitzer – glitzer? Quatsch, er nenne mich lieber Fatoumata, das sei ein ordentlicher Name, glitzer, also bitte, was solle das für ein Name sein, vielleicht gar christlich, darüberhinaus, Fatoumata, müsse man das auch verstehen, bei diesen Entführungen ginge es nicht um die Menschen oder deren Leben, niemand sei ernsthaft in Gefahr, aber, das könne ich nicht leugnen, das sei hier ein armes Land und irgendwie müsse man doch Geld verdienen, oder und dann würden halt auch mal Leute entführt.

Moussa fährt das Taxi durch die Nacht und nennt mich Fatoumata. Fatoumata Sangaré, dann sei ich seine kleine Schwester, wegen der hiesigen Familienbande. Gute Nacht, kleine Schwester, bis zum nächsten Mal und scheppert davon.

Am nächsten Tag eine Krisensitzung bei Frau Skypeverbot. Ich erfahre, dass man seit zwei Monaten nicht mehr in Taxis sitzen sollte, weder als glitzer noch als Fatoumata, schon gar nicht nachts und auf keinen Fall ab Flughafen. Denn dann sei klar, dass niemand auf einen warte, überhaupt die Sicherheitslage sei schon länger prekär, man habe nur versäumt, die Informationen weiterzugeben.

Damit ab sofort immer jeder alles sofort erfährt, wurde ein Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt entwickelt, als Ergänzung zum dreizehnseitigen Krisenplan. Auf diesem praktischen DinA3-Faltblatt steht auch meine Telefonnummer, wer mich im Notfall anruft, und wen ich über den Notfall oder die Krise weiter informiere. Meine Chefin ruft mich an und laut Faltblatt rufe ich dann meinen Kollegen an, dessen Telefonnummer nicht auf dem Faltblatt steht.

Das müsse auch nicht sein, er sei ja kein Deutscher und somit im Normalfall vom Notfall nicht betroffen. Wieso er dann auf dem Faltblatt stehe, wenn den Glücklichen unsere Krisen nicht beträfen. Ich solle mich nicht so anstellen, bei einer Informationskaskade müsse eben jeder irgendjemanden anrufen. Auch sie müsse nun immer ihr Handy dabei haben und wehe, wenn sie mich einmal ohne Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt erwische, egal ob beim Einkaufen oder im Taxi.
Ich erwidere, dass ich nicht mehr Taxi führe, wegen der Sicherheit. Frau Skypeverbot schnaubt, ich solle mich nicht so haben, es sei ja eigentlich alles ruhig. Aber Vorschrift sei nun mal Vorschrift sei besser als Vorsicht und Kontrolle sei am allerbesten. Und jetzt würde sie gerne sehen, dass ich das DinA3- Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt in meinem Geldbeutel verstaue. Wenns mal schnell gehen muss, damit jeder weiß, wo es ist.

Später, zu Hause, lerne ich auswendig, dass ich niemand anrufen muss im Fall des Falles und esse das Faltblatt auf. Sicher ist sicher.

Wie das denn sei, mit Libyen, ob man was merke, so, bei uns, in Afrika.

Ich fahre durch die Stadt und merke nichts. Die Leute sitzen vor ihren Fernsehern und die Kinder treten auf ihre Fußbälle ein. Ich könnte nicht sagen, seit wann das Gaddafi-Konterfei nicht mehr hängt, das riesig neben dem ebenso riesigen Präsidenten-Konterfei in im Eingangsbereich der neuesten, libysch finanzierten Hotelneubauruine flatterte. Ich weiß auch nicht, ob das Verwaltungsviertel und die Hotels wegen der Krise nicht mehr fertig werden oder aus anderen Gründen bunt verfallen.
Ich schätze, dass in der hiesigen Kornkammer noch immer Reis für Libyen angebaut wird, schließlich wurde dafür vielleicht was gezahlt. Und sehe ich aus dem Fenster, gehe ich davon aus, dass die Imame, die von Gaddafi ihre Gehälter beziehen, dies noch immer tun. Sie rufen zu Demonstrationen gegen die Intervention auf, marschieren durch die Stadt von Botschaft zu Botschaft. Dabei würde ein Libyen nach Gaddafi vielleicht sogar muslimischer. Alles wie immer.

Dabei, fragt man nach, er ist nicht sonderlich beliebt, der selbst ernannte Vater aller Afrikaner, Madame. Gut, man brauche sein Geld, warum nicht, sei doch schön, das neue Verwaltungsviertel, oder Madame, so bunt. Aber mögen? Wahrscheinlich sei er sogar verrückt, wie er damals ankam und dieses Hotel räumen ließ, um sein Zelt aufzustellen. Ja, auch sonst, natürlich, er spiele sich auf, sein Gehabe, die Bauten, das Land, die Moscheen – aber noch immer besser als eine Rekolonialisierung durch Sarkozy. Und was sei die Intervention denn anderes als der Versuch einer Neukolonisierung des Kontinents durch die Franzosen. Oder, Madame, oder.

Neben Neubauruinen und Imamen kommt nun auch schweres Geschütz aus Versehen von Libyen in den Norden des Landes. Einfach so in den ausgemergelten Norden, zusammen mit ausgedienten Söldnern und Flüchtlingen und zufällig kommt das alles Al Quaida im Maghreb ganz recht. Aber von all dem merkt man nichts, wenn man Drogenkartellen und Marines keine weitere Beachtung schenkt.

Was man hier merkt, sind die Folgen der Konflikte in Guinea, in Elfenbeinküste, in Burkina Faso, in Benin, in Niger, aber alles in allem staubt hier die Ruhe noch weitab vom Schuss. Der Regen kommt bald, riechen Sie das, der Mangoregen, und ach ja, Madame, viel wichtiger, gegen Simbabwe haben wir gewonnen. Genau genommen liegt Tripolis auch viel näher an München als an hier.

Hui, kurz nach Textveröffentlichung wurde das Spiel Libyen : Komoren hierher verlegt. Wohin auch sonst.

Es ist so. Heute ist Freitag, Freitag ist Freitagsgebet und falls man etwas demonstrieren möchte, tut man das am Besten nach dem Gebet. Gegen etwas demonstrieren natürlich, die Zeiten des Sozialismus, in denen man nur für den Präsidenten, die Märtyrer und die Lebensmittelknappheit sein durfte, sind hier vorbei. Freitags also ist man dagegen. In Libyen war man freitags gegen Gaddafi, hier ist man freitags gegen die Intervention gegen Gaddafi, andernorts ist man freitags gegen die, die freitags gegen die Intervention gegen Gaddafi sind.

Gegen diesen Trend schreibt die Botschaft gestern an die lieben Landsleute und spricht sich für einige Dinge aus. Nach dem Freitagsgebet finde ein Marsch auf (nicht gegen) die französische Botschaft statt. Halt, nein. Der Ausgangspunkt sei das Unabhängigkeitsdenkmal, der Zielpunkt das Märtyrerdenkmal, beides Klassiker der Demonstrationskultur, wenn man nicht im Stadion Massen gegen etwas einschwören muss. Die Botschaft befindet sich nur zufällig bei den Märtyrern und gleicht seit der letzten Bombe ohnehin ein Hochsicherheitstrakt.
Man solle in jedem Fall besser an anderen Orten der Stadt gegen oder auch für etwas sein. Das gelte auch, wenn man im Auto unterwegs sei, trotz der beflaggten Autoaufkleber. Die Aufkleber zogen bisher keine größeren Beschimpfungen nach sich, allein höfliche Hitlergrüße und Rudi Völler-Begeisterung. Ça va und der Fußball? Die Kollegen im Nachbarland haben vor Kurzem ihre Aufkleber von den Autos gekratzt, wahrscheinlich interessieren sie sich nicht für Fußball.

Außerdem empfiehlt die Botschaft, man möge in der am schnellsten wachsenden Hauptstadt des Kontinents Menschenansammlungen vermeiden beziehungsweise sich entfernen, die Autotür immer verriegeln und auch ansonsten keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wollten Sie schon einmal in einer Gruppe Polizisten keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, indem Sie eine Clownsmaske trugen? Aber gut, ich trage weder Clownsmaske noch Autoaufkleber und verzichte darauf, die Rufnummern der hiesigen Behörden in mein Telefon zu speichern (entgegen der Anweisung). Haben Sie schon einmal versucht, Freitagnachmittag eine Behörde zu erreichen?

Der Rest der Post, das Übliche. Die Regierung fragt an, ob man sich beteiligen könne am Programm für die vielleicht dreieinhalbtausend Heimkehrer aus Libyen und Elfenbeinküste, weder Zelte noch Kekse fallen in meine Zuständigkeit. Eine Nachricht aus dem Süden, die Sache mit den plündernden Soldaten sei noch nicht ausgestanden, ich solle lieber nicht vorbeikommen, andere Kollegen schreiben, man könne ob der eskalierenden Lage nach den Wahlen derzeit auch bei Ihnen keine Entscheidungen treffen.
Zur Aufheiterung gehe ich dazu über, deutsche Zeitungen zu lesen. Libyen und die Koalition der Willigen befinden sich zwischen „Heuchelei“ und „Kindergarten“, Tokios Gouverneur versichert, das Wasser in Japan habe schon immer gut geschmeckt. Davon inspiriert und vielleicht vom Echo für Take That wahlkämpft Stefan Mappus für ein Comeback von Philippsburg.

Gelesen, gelacht, gelöscht. Ein Casual Friday in einem gewöhnlichen Büro kurz vor einem normalen Wochenende. Und ich bin nicht dagegen.

Ob ich nicht noch bleiben möge, fragt der Polizist. Ich käme ja wieder, Samstag schon. Was, erst Samstag, wie Sie meinen, Madame, ob ich wisse, dass dieses Land stellenweise zur Zone rouge für Leute wie mich gehöre. Wie auch sein Land. Aber das müsse ich verstehen, schliesslich seien es arme Länder, oder. Naja, gutes Wiederkommen, ach, und ja, gute Reise.

Drei Stunden später stehe ich an einem anderen afrikanischen Flughafen am Gepäckband. Nein, es ist gar kein Band. Eine Bande. Eine Holzbande, auf die die Koffer gestapelt werden. Dann kann man sich einen aussuchen. Was, Sie wollen diesen? Viel Spass damit und herzlich willkommen.

Ich finde einen Taxifahrer, nein, er findet vielmehr mich, dann aber finde ich die Navette des Hotels, in das ich vielleicht sollte. Mein Name steht nicht auf dem Schild, aber ich sage dem Fahrer, dass ich gerne mitfahren möchte. Ah bon, gerne, herzlich willkommen, Sie sind wohl zum ersten Mal hier, Madame. Vom Flughafengebäude bis zum Parkplatz kaufe ich eine neue Telefonnummer, höre rührende Geschichten von einem Jugend-Kunstprojekt, einem Kinder-Musikprojekt, einer Waisen-Handwerkergruppe, einer Frauen-Schmuckbastelgruppe und einer Einäugigen-Tanzgruppe. Gut, die Tanzgruppe ist erfunden. Alle aber verkaufen genau das, was ich nicht suche, vorzugsweise aus Bronze, praktischerweise genau ums Eck und die ganze Woche und gerne auch im Hotel.

Gelernt ist gelernt, aber auch ich bin nicht von schlechten Eltern, ah bon, interessant, wirklich, was für eine äusserst unterstützenswerte Initiative, bonne continuation, Monsieur, gerade so eine Tanzgruppe braucht es hier ganz besonders, wenn ich nicht schon zu spät wäre, würde ich das gerne und auch meinen Kollegen, aber wer weiss, vielleicht, aha, im alten Viertel, sowas, tatsächlich gleich ums Eck und schon immer wollte ich kiloweise Bronze nach Hause schleppen, nein, danke keine Masken, die würde ich wohl besser im Nachbarland kaufen, aber hier sei man ja für die Bronze berühmt. Als wir loskommen, fragt mich der Fahrer der Navette, wo so höfliche Leute wie ich eigentlich herkommen, nein, ich solle ihn nicht auf den Arm nehmen, das könne nicht sein, ah so, Sie wohnen schon länger in der Gegend, er verstehe. Wieviel Bronzefiguren ich besässe?

Ich schreibe diese Zeilen in der ersten Junior Suite meines Lebens, ans Bett gelehnt. Wenn ich mich nicht fest anlehne, fällt der Nachttisch um, auf dem mein Bier steht (wenig später nach diesen Zeilen habe ich sie bereits vergessen und auch mein Bier gehört der Vergangenheit an). In andere Ecken des Zimmers sehe ich vorsorglich lieber nicht.
In der Hotellobby steht ein Bronzevogel, der es mir spontan angetan hat, aber ich kaufe lieber noch ein Bier, Madame, herzlich willkommen. Ich bemühe mich gar nicht erst, die Tür solide zuzusperren, sie lässt sich ohne weiteres aus dem Schloss drücken, ebenso die Balkontür. Dafür sind die Fenster dank Deckenfarbe undurchsichtig.

Allerdings bin ich gute Polizistentochter und nun höre ich natürlich ständig jemanden meinen Tür öffnen. Kurz vor der Paranoia gegen drei Uhr morgens stehe ich auf, gehe zur Rezeption und kaufe den Vogel. Dass der Rezeptionist komisch guckt, ist mir egal. Nur, als er mir erzählt, welche wirklich äusserst unterstützenswerte Selbsthilfegruppe junger aufstrebender höherer Töchter den Vogel hergestellt hat, winke ich ab und prüfe allein die Spitze des Schnabels.
Dann erstehe ich noch eine Schildkröte als Wurfgerät und zwei kleinere Schmuckanhänger, um den Nachttisch zu stabilisieren. Aus einem Glockenspiel bastle ich eine Frühwarnsystem und aus einer Armee ein Tretminenfeld. Endlich weiss ich, wozu man immer kiloweise Bronze zu Hause haben sollte. Bin ich eben meine eigene Zone rouge.