Es ist so. Von verschiedenen Seiten habe ich diesen Advent schon vernommen, dass die Vorweihnachtszeit und vor allem Weihnachten mit Kindern doch nochmal etwas ganz Besonderes sei. (Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass diesen Aussagen oft Geschichten von Weihnachten mit den Kleinen in der Notaufnahme folgen, aber die seligmachende Weihnachtszeit scheint über besondere Weichzeichner zu verfügen.)

Tatsächlich, etwas ganz Besonderes. Wir zum Beispiel tragen uns diesen Advent besonders mit der Frage, wo wir den Nikolausteller eigentlich hinstellen müssen, damit der Zwack ihn nicht auf einmal aufisst. Wir haben einen Ort gefunden und setzen uns nach „NIKOLAUS NEHMN!“ nun täglich mit „Ich will nicht den da oben stehen!“ auseinander. Und wo wir gerade dabei sind: wie machen wir das mit dem Christbaum? Auf ein Tischchen stellen oder erhöhen wir damit nur die Fallhöhe? Die Äste von unten her absägen, bis der Strizzi nicht mehr rankommt? Unten einfach nicht schmücken? Den Baum hinter der Couch verstecken oder sonstige Zugangsschikanen einbauen? Das ist eine Herausforderung. Strizzi nämlich hat es eilig und pflegt mittlerweile herumzustehen, sich überall hochzuziehen und klettert mit Vorliebe irgendwo hinauf. Das macht der Zwack schließlich auch. Der Zwack aber kann dann einfach runterhüpfen und dabei laut juchzen, während Strizzi eher einer Katze gleicht, die man mit der Feuerwehr aus dem Baum retten muss. Nun ja. Andere Geschichte. Wir pflücken den Strizzi jedenfalls öfters aus misslichen Lagen und möchten ihn ungern in eine missliche Lage mit dem Christbaum bringen. Und uns. Und dann alle in die Notaufnahme.

Wo wir aber nun bei Feuerwehr sind, das machen wir diesen Advent auch. Backen. Feuerwehrautos backen, Betonmischer und Bagger. Die Ausstechform für den Traktor der Besinnlichkeit ist noch im Adventskalender. Backen ist, der Zwack steht auf dem Stuhl und drückt in rasanter Geschwindigkeit wahllos seine Ausstechformen in den Teig und ich soll sie dann aufs Blech kriegen. Nach dem Backen möchte er gerne alle aufessen und dann verzieren. Einzeln. Nicht jeden Bagger einzeln, nein, jeden Streusel. Einzeln. Ahoi, entschleunigte, staade Adventszeit.

Natürlich singen wir viel. Neben allen Sankt Martins-Liedern, weil der Zwack sie halt kann, auch Weihnachtslieder, sogar schon die Tannenbaum-Version mit dem Opa im Kofferraum. Gestern, nach SchneeflöckchenWeißröckchen mit weißen Jongliertüchern im Kreise anderer Kinder und Mütter (nein, das war alles nicht meine Idee!), knallte der Zwack vor lauter Begeisterung gegen den Glasschrank. Mit Karacho. Jetzt kann man entweder fragen, wer zum Teufel stellt eigentlich Glasschränke in einen Raum, in dem regelmäßig Kinder rumlaufen? Oder man kann fragen: wieso scheint sonst nie ein Kind mit Karacho gegen den Glasschrank zu krachen, der Zwack aber schon? Den Abend jedenfalls verbrachten wir mit Geheul, vor allem einem frommen Wunsch des Zwacks: „Möchte eine Beule haben!“ Ich habe das nicht genau verstanden. So oder so – wir bewegen uns auf die Notaufnahme zu und genießen weiterhin den besonders beschaulichen Advent. Mehr davon, wenn ich den Strizzi aus dem Adventskranz befreit habe.

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Es ist so. Sie kennen bestimmt noch „Was bin ich?“, das heitere Beruferaten mit der typischen Handbewegung. Das spielen wir hier. Nur anders – ich bin die Jukebox und der Zwack steht vor mir, sagt „Mama! Erde!“ und macht eine Handbewegung. Dann schaut er mich groß an und wartet, bis ich das richtige Lied ausspucke.

Ja, ich darf wieder, ich soll sogar singen. Der Zwack mag Musik. Letzten Sonntag rockte er beim Frühstück auf seinem Hochstuhl zu barocker Orgelmusik. Morgens um fünf. Aber auch sonst wird fast jeder Jingle mit Tanzbewegungen begleitet. Überhaupt, Bewegung. Es existiert eine Unzahl von Kinderbewegungsliedern. Und in der Kita lernen sie sie alle. Das hat eben zur Folge, dass der Zwack zu Hause am Tisch sitzt, mit dem Arm durch die Luft wischt und sagt: „Mama! Erde!“ Dann dieses großäugige Warten. Tja.

Einiges habe ich schon entschlüsselt. „Mama! Mond!“ bedeutet, ich soll „Der Mond ist aufgegangen“ singen. Wenn der Zwack „O-wak“ sagt und einen Kreis in die Luft zeichnet, meint er das Frösche-Lied. „U-u Drago“: Bruder Jakob. Hockt er zusammengekauert auf dem Boden, spielt er Häschen in der Grube, wankt er von einem Bein aufs andere: der Tanzbär. Und weil der einen Freund braucht, musste gestern Strizzi auch mittanzen. Und wenn etwas klingt wie „Schlange“, handelt es sich eigentlich um einen Schneemann, der bald geschmolzen sein wird. Hier kann ich nur den Text, nicht die Melodie, was mir regelmäßig kritische Blicke einbringt.

Nun aber „Mama! Erde!“ Ich kenne aber kein Lied mit „Erde“, beziehungsweise nur welche, die der Zwack nicht kennt – denke ich jedenfalls. Jetzt sitzt der Zwack vor seinem Müsli, kurz nach der barocken Orgel, wischt durch die Luft und ruft „Mama! Erde!“ und Jukebox Mama versagt. Ich singe ein anderes Erde-Lied, er schaut skeptisch und dann: „Nein! Mama! Erde! Mau!“ Wisch, wisch.

Später frage ich in der Kita nach. Ob es ein Lied mit „Erde“ gebe, bei dem man mit dem Arm durch die Luft wischen müsse. Wisch, wisch. Eventuell komme auch eine Katze vor. Die beiden Damen sehen mich genauso groß an wie der Zwack, wenn er auf ein Lied wartet. Außerdem sind sie verwundert, dass der Zwack zu Hause Lieder einfordere. Er sei doch sonst immer eher ruhig, beim Singen. Wenn sie Instrumente verteilten, bekäme er immer die Trommel, weil er sonst so ein ruhiges, zurückhaltendes Kind sei.

Das ist ohnehin interessant, dieser andere Zwack der Gruppendynamik. Schon im letzten Elterngespräch war ich kurz davor nachzufragen, von welchem Kind sie die ganze Zeit eigentlich spreche. Hier jedenfalls klopft er begeistert mit Löffeln auf Metallschüsseln und ruft gleichzeitig:“Waut! Waut! Mama! Waut! Papa! Waut!“ Und sie geben ihm die Trommel, weil er so ein zurückhaltendes Kind sei.

Wie dem auch sei. Mir wird das Geheimnis hinter „Mama! Erde!“ entschlüsselt und wisch, wisch, der Zwack ist froh. Schließlich trage Singen zur Wortschatzentwicklung bei, betont die Erzieherin. In meiner Erinnerung betont sie das an dem Tag, an dem sie zu Fasching ein neues Lied gelernt haben: „Rucki-Zucki“.

Heute Nacht habe ich auch den Zwackschen Wortschatz entwickelt. „Mama! Mond! Nein! Mama! Erde!“ Wisch, wisch. Eineinhalb Stunden lang. Bis halb fünf. Dann wollte er lieber aufstehen. Ein bisschen zur Orgelmusik auf die Metallschüssel klopfen. Manchmal bin ich mir nicht sicher, was ich von musikalischer Früherziehung halten soll. Oder ob sich „früh“ auf die Uhrzeit bezieht. Aber ich tröste mich mit der Wortschatzentwicklung. Wisch, wisch.

Es ist so. Der Nikolausfeier folgt die Adventsfeier in der Hospitalisierung. Es werden Nüsse verteilt, die wir zu „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ aneinanderschlagen. Ich singe nach Zwackverbot mal wieder nicht, der Zwack nimmt dafür meine Nüsse, weil vier mehr sind als zwei und ruft immer nur „Auf! Auf! Auf!“. Dann singe ich ein weiteres Lied nicht mit und wir müssen die Nüsse wieder hergeben. Ungern, weil keine Nüsse sind weniger als vier und die Schale voller Nüsse gleicht dem Jackpot.

Nach der musikalischen Einstimmung dürfen Kinder und Eltern Styroporchristbaumkugeln bemalen. Mit Farbe. Und Glitzer.
Alle (alle!) Kinder lassen sich einen Malkittel überziehen und setzen sich an den Tisch. Ich versuche erst gar nicht, dem Zwack einen Kittel anzuziehen und schiebe auch den Stuhl weg. Der Zwack rennt aufgeregt um den Tisch, will Glitzer verteilen und Farbe trinken. Oder mich anmalen. Oder fuchteln. Am Ende jedenfalls sind wir beide voller Farbe und Glitzer, die Kugeln haben auch ein wenig was abgekriegt.

Es folgen Essen und Spielen. Während alle (alle!) Kinder am Tisch sitzen und ein bisschen Kuchen knabbern, bleibt der Zwack am Buffet-Tisch stehen und isst, was er von unten aus erreichen kann. Endlich schafft er es, sich die Plätzchenschüssel zu angeln. Er stopft sich drei Kekse in den Mund, nimmt je zwei in die Hand und wartet, bis im Mund endlich wieder Platz für Nachschub ist. Am Ende des Nachmittages wird er alle Plätzchen gegessen haben und Danielle wird mir noch fünfmal versichern, dass er heute Mittag auch zu essen bekommen habe, Nudeln, vier Portionen.

Der Bauch des Zwack gleicht nun meinem. Und dem von Katha-Minna, die sich einen Ball unter den Pulli stopft. Die Schüssel ist leer, alle gucken ungläubig erst das Kind an, dann mich. Ich zucke gedanklich mit den Schultern. Weil es nichts mehr zu essen gibt, schiebt der Zwack ein wenig Mandarine nach. Dann fahren wir nach Hause. Abendbrot.

Ich weiß nicht genau, wie er das macht. Anstatt allein in die Breite zu wachsen, wacht der Zwack am nächsten Morgen größer auf. So groß, dass er endlich an die Türklinken kommt. Mit großer Freude öffnet er Türen (schließlich ist Advent), entdeckt neue Räume und wirft juchzend Teelichter ins Klo. Besinnliche Zeiten.