Ich finde den Aushang zu unserem Sonnensegel im Briefkasten. Eine Kurzmitteilung an Tim zur Kenntnisnahme und Erledigung. Anbei die Beschlüsse, Datum, gezeichnet Frau Hauswart.

1978 wurde beschlossen, unifarbene und/ oder gestreifte Markisen zuzulassen, ebenfalls jeweils passende Seitenblenden. Allerdings nur in den drei Farben gelb, orange und braun. In der Abstimunmung abgeschlagen moosgrün und/ oder blau, die 70er Klassiker orange und/ oder grün sowie die Tarnkombi moosgrün und/ oder braun.
Dem Geschmack der Zeit folgend (!) im Jahr 2000 eine Erweiterung um beige.

Eigentlich hatten wir es gewusst.

Ich pflücke das Schreiben aus dem Briefkasten.
Vor dem Haus eine alte Frau in Begleitung. Ach, ruft die Frau über ihren Rolator mir zu, das habe sie schon gehört, dass beim Bertl (wohl ihr Begleiter) wer Neues eingezogen, sie wohne ja gar nicht hier, aber das habe sie schon gehört. Bertl schüttelt den Kopf, davon wisse er nix. Doch, begeistert sich die Frau, das habe die Anni erzählt, die es von ihrer Putzfrau wisse. Bertl schüttelt weiter den Kopf. Wer ich denn nun sei. Das sei ich, meint die Frau, außerdem käme ich ja grade vom Briefkasten, ich wohne ja hier. Bestimmt die Mitteilung zu unserem Balkon, jaja, das sei hier so geregelt. AH! Bertls Augen leuchten. Balkon! Dann sei ich die aus dem Dritten, die Wimmerwohnung, ja freilich, wo vorher der Grieche war. Aha aha, ich sei das also. Ob da nicht auch noch ein Mann…

Ich nicke, drücke mich nach draußen, schönen Tag noch und überlege, wieso sonst nichts passiert, mitten in München. Vielleicht das Sommerloch, möge es das Sommerloch sein.

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Es ist so. Ich komme also aus Italien wieder, das gar nicht Italien war und gehe irgendwann wieder ins Büro. Dort mache ich, was man macht, wenn man am ersten Tag nach längerer Abwesenheit im Büro ist. Computer, E-Mails. Das Postfach voll, das behaupten alle, die nach längerer Abwesenheit ihre E-Mails ansehen, schließlich ist man wichtig, allerdings nicht so neumodisch wichtig, dass man im Urlaub seine Mails checken müssen möchte. Wozu auch.

Ich zum Beispiel erhalte die unnütze Mail, dass am Mittwoch, 24. August 2011, die Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim schon ab 15.00 Uhr geschlossen sei. Man feiere wohlverdientes Sommerfest. In dringenden Fällen solle man sich an einen diensthabenden Arzt unter der Telefonnummer etc.pp wenden. Ab Donnerstag sei man wieder in gewohnter Weise für das Wohlbefinden aller da.

Sie wissen, ich sitze nicht in Budenheim, wie knapp 10.000 andere Angestellte von NeueFirma ebenfalls nicht. Wir sitzen weltweit. Doch diese Mail geht an alle. Solche Mails gehen immer an alle. Deshalb erhält man in der Folge die Antworten aller an alle.

Der Klassiker in NeueFirma ist die Forderung nach Übersetzung der Mail an alle. Vielleicht wegen des Inhaltes, vielmehr aber wohl, um zu zeigen, dass _die da oben in Deutschland_ _uns hier draußen_ immer vergessen und alle alle wichtigen Mails zwar an alle schicken, nicht aber für alle. Deshalb nun bitte eine Übersetzung ins Englische. Am besten an alle.

Aber nein, die spanischsprachige Welt dürfe nicht vernachlässigt werden, deshalb die vielfache Forderung, die Mail doch bitte auch ins Spanische zu übersetzen.

Inzwischen, Sie kennen das, schreiben mild gereizte, hoch internetkompetente Kollegen belehrende Mails an alle, dass man nicht mehr an alle antworten möge, weil sonst alle ein Postfachproblem wegen aller hätten.
Verzweifelt die Mail eines Kollegen, der liebenswürdigerweise, um dem allem ein Ende zu bereiten, eine englische Übersetzung des Sommerfestes an alle schickt, sogar mit Ländervorwahl des empfohlenen Arztes. Wo aber nun die französische Übersetzung bliebe, fragt eine Dame alle, woraufhin jemand alle warnt, dass es sich bei der besagten Mail vielleicht um einen Virus handeln könne, woraufhin alle hocherschrocken oder – im Falle der hoch internetkompetenten Kollegen – hoch beschwichtigend reagieren.

Es dauert circa zweihundertfünfzig Mails an alle, bis irgendwo in der Zentrale von NeueFirma ein Internetsklave das Ausliefern der Nachrichten über das Sommerfest der Erste-Hilfe-Stelle am Standort Budenheim an alle verhindert.

Mir bleibt der schwache Trost, dass Menschen, die mitten im August Mails an alle schicken von all jenen, die nicht im Büro sind, eine Abwesenheitsmail erhalten. Bei über 10.000 durchaus beachtenswert. Alle Achtung.

(Sollte ein Vorstand im Sommer eine Mail an alle schicken, dann vielleicht, um in seinem nächsten Interview behaupten zu können, dass er, sobald er eine Mail an alle schicke, SOFORT unheimlich viele Antworten erhielte. Meine Theorie. Aber ich fahre ja auch keinen Oldtimer.)

Es ist so. Auch in Unternehmen ist Sommerloch. Bei uns ist gerade Sommerloch, obwohl wir NeueFirma wurden und circa drei Viertel der Angestellten noch nicht genau wissen, was sie ab September tun werden. Der erste September galt als magisches Datum. Zum ersten September sollten alle voll fusioniert und totalintegriert sein.

Gut, heißt es jetzt, vielleicht auch ein bisschen später oder aber, wer weiß, vielleicht mache es auch Sinn, das alles erst ab Ende des Jahres neu zu regeln. Dann hätten wir ein Jahr lang fusioniert einfach so weitergearbeitet wie bisher und dann kann man den Rest der Fusionsrendite auch noch absitzen. Nun aber sitzen wir erstmal das Sommerloch ab und aus.

In diese Hektik des Sommerloches erhalte ich die Nachricht eines unserer Vorstände. Er habe in den letzten Monaten Außergewöhnliches festgestellt. Während ich darauf tippe, dass er bei „Meet and Greet andere Betriebsteile“ große Einsichten in die Kompetenzen vieler Mitarbeitender zum Wohle NeuerFirma erlangte, bleibe ich dann doch an seinen Zeilen hängen.

Herr Vorstand ruft zur Selbstorganisation auf. Es mögen sich diejenigen versammeln, die nicht nur passives Mitglied sein wollten, sondern sich in ihrer Freizeit (die Mail erreicht mich um 14.32 Uhr) aktiv einbringen möchten, zum Gründungstreffen der Betriebssportgruppe Oldtimer.
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten in Deutschland und weltweit teilten seine Passion, winters und sommers Ausflüge und Spritztouren zu unternehmen, sich über Schrauben und Ölwannen zu unterhalten oder einfach nur den Wagen zu polieren oder polieren zu lassen. Betriebssport diene vor allem dem gemeinsamen Erleben und um dieses Erleben zu ermöglichen, nun eben die Betriebssportgruppe.

Was finden Sie am lustigsten? Dass Oldtimerpolieren als sportliches Erlebnis gilt, vielleicht. Dass es Unternehmen gibt, in denen diejenigen, die eben keinen Jagdschein besitzen, Oldtimer fahren. Dass man eher eine Betriebssportgruppe Motorrad bräuchte, um die Fusionsrendite im Zeitplan zu erreichen.

Ich finde lustig, dass Herr Vorstand offensichtlich nie bei dem von ihm viel beworbenen „Meet and Greet andere Betriebsteile“ war. Sonst wüsste er vielleicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit in den meisten Fällen eher unfreiwillig Oldtimer oder in erster Linie Allrad Pick-Ups fahren. Oder er wüsste, was sein Unternehmen weltweit so macht – Straßen bauen zum Beispiel oder neue Mobilitätskonzepte entwickeln.
Aber gut, ich will nicht so sein. Ich melde unseren Büro-Fahrer zur Betriebssportgruppe an. Niemand kann so gut Autopolieren wie Abaya. Und das sogar im Fusionsloch.