Ich finde den Aushang zu unserem Sonnensegel im Briefkasten. Eine Kurzmitteilung an Tim zur Kenntnisnahme und Erledigung. Anbei die Beschlüsse, Datum, gezeichnet Frau Hauswart.

1978 wurde beschlossen, unifarbene und/ oder gestreifte Markisen zuzulassen, ebenfalls jeweils passende Seitenblenden. Allerdings nur in den drei Farben gelb, orange und braun. In der Abstimunmung abgeschlagen moosgrün und/ oder blau, die 70er Klassiker orange und/ oder grün sowie die Tarnkombi moosgrün und/ oder braun.
Dem Geschmack der Zeit folgend (!) im Jahr 2000 eine Erweiterung um beige.

Eigentlich hatten wir es gewusst.

Ich pflücke das Schreiben aus dem Briefkasten.
Vor dem Haus eine alte Frau in Begleitung. Ach, ruft die Frau über ihren Rolator mir zu, das habe sie schon gehört, dass beim Bertl (wohl ihr Begleiter) wer Neues eingezogen, sie wohne ja gar nicht hier, aber das habe sie schon gehört. Bertl schüttelt den Kopf, davon wisse er nix. Doch, begeistert sich die Frau, das habe die Anni erzählt, die es von ihrer Putzfrau wisse. Bertl schüttelt weiter den Kopf. Wer ich denn nun sei. Das sei ich, meint die Frau, außerdem käme ich ja grade vom Briefkasten, ich wohne ja hier. Bestimmt die Mitteilung zu unserem Balkon, jaja, das sei hier so geregelt. AH! Bertls Augen leuchten. Balkon! Dann sei ich die aus dem Dritten, die Wimmerwohnung, ja freilich, wo vorher der Grieche war. Aha aha, ich sei das also. Ob da nicht auch noch ein Mann…

Ich nicke, drücke mich nach draußen, schönen Tag noch und überlege, wieso sonst nichts passiert, mitten in München. Vielleicht das Sommerloch, möge es das Sommerloch sein.

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Es ist so. Wir bekommen Besuch. Ein Bundestagsausschuss kommt seiner Pflicht nach. Die Bespaßung von Politikern ist eine heikle Sache. Sie wollen und sollen spannende Dinge sehen, die aber trotzdem mit unserer Arbeit zu tun haben. Neben diesen animierten Kaffeefahrten (man konnte ihnen gerade so von der Besichtigung des Uranabbaus in der Zone Rouge abraten) die Notwendigkeit von Sozialprogramm. Hier: die Einweihung des Hauses von NeueFirma (und der Firma, die hier auch noch sitzt).

Man schreibt eine Liste, an oberster Stelle: ein rotes Band. Es soll ein Haus eingeweiht werden (das extra zu diesem Anlass noch einmal neu gestrichen werden wird, ebenfalls rot), also braucht man ein Band, das durchschnitten gehört, ergo braucht man auch eine Schere, ein Scherenkissen, Scherenkissenhaltekinder, HymnenFahnenRedepult, Ansprachen, Essen, Sekt, Gesprächspartner. Leider gibt es für solcherart Hauseinweihungen kein Pendant zum Moderationskoffer, in dem schon alles drin ist. Kommt sofort auf meine geheime Liste genialer Geschäftsideen.
Da ich diese Geschäftsidee noch nicht verwirklichen konnte, steht auf einmal eine Dame aus der Botschaft in meinem Büro und fragt, ob ich zufällig Fahnen habe. Bisher hielt ich diese Art von Dekoration (gerne auch in Form von Lampions, Girlanden oder Wimpeln) für eine diplomatische Kernkompetenz, scheine mich aber geirrt zu haben. Ich schicke die Dame zu meinem Schneider, er färbt auch Stoffe relativ treffend und drei Streifen wird er schon zusammenkriegen.

Am nächsten Tag großes Hallo im Hof. Eine Bande von Pfadfindern baut Zelte auf, ein anderer Stamm hält draußen auf der Straße jedes Auto an, ermuntert den Beifahrer zum Aussteigen und weist das Auto dann in einen imaginären Parkplatz, während ein Dutzend Polizisten argwöhnisch guckt. Das geht so, bis gut hundertfünfzig Leute in unserem Hof stehen, die alle etwas anderes vorhaben. Aber die Pfadfinder mit den Zelten müssen ausprobieren, wie viele Leute unter ein Zeltdach passen und wie diese dann am besten postiert sind, um auch wirklich die Sonne abzuhalten, auch wenn diese hier eigentlich immer genau von oben kommt, Stichwort Äquatornähe. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um Pfadfinder handelt, sondern Mitarbeiter einer Firma, die den großen Tag der Einweihung dieses Hauses üben. Und die Polizisten üben argwöhnisch gucken.

Essen, Sekt und Gesprächspartner übt leider niemand. Dafür wabert die bekannte Menschentraube samt Katzen aufmerksam und Notizen sammelnd über den Hof, um Zeltdächer noch einmal einen halben Meter nach links zu rutschen, Stühle und deren Aussicht zu testen, sowie einen Sitzplan zu erstellen. Dann wird der Ort für das Band festgelegt, mit großen Schritten und wichtiger Miene dessen notwendige Länge ausgemessen.

Ich sehe von drinnen dem schwitzenden Treiben und Wogen zu und ahne, dass es ein besonders lustiger Abend zu werden verspricht. Noch drei Wochen. Drei Wochen Hymne suchen, Fahnen nähen, Sonnenstand berechnen, Haus streichen, Katzen dressieren, Luft anhalten und argwöhnisch gucken üben. Dann kann der große Auftritt kommen, zu Anlass des hohen Besuches – aller fünf.

Es ist so. Ich bin weiß. Mit Sonne werde ich braun. Schnell, anhaltend und mit Sommersprossen. So schnell, langanhaltend und sommersprossig, dass es einen Sommer gab, in dem ich Tim peinlich war beziehungsweise er sich wegen mir. Man könne meinen, er habe mich von einer seiner Dienstreisen aus dem wilden Kurdistan mitgebracht, seufzte er.
Meine Mutter ist der Überzeugung, ich habe das von ihrem Vater, bei uns in der Familie sehe schließlich sonst niemand so aus, alle würden rotbraun, nur ich würde erst gelb und dann schwarz. Und überhaupt, schwarz, haha, wie ich denn nun in Afrika aussehe.

Aber: hier werde ich gar nicht braun. Ich bleibe weiß. Das liegt daran, dass die Sonne immer direkt von oben kommt, dazwischen aber eine Staubschicht liegt. Ohnehin verbringe ich den Hauptteil meiner Zeit drin. Man beginnt kurz nach der Morgendämmerung zu arbeiten und hört kurz vor der Abenddämmerung auf oder aber wenn es schon dunkel ist. Wegen der Mücken, die in der Dämmerung Malaria stechen.

Was die Leute hier an mir manchmal für Farbe halten, ist wahrscheinlich Staub. Und egal, wieviel Staub oder Farbe ich ansetzte, ich bliebe weiß. Denn: ich bin ein Toubab. Toubabou – wahlweise ausgeflüstert wie Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh im Sinne eines Kindergruselfilms: Duweisstschonwer. Oder aber Tou!ba!bou! TOU!BA!BOU! TOU!!BA!!BOU!! gerne crescendo im Chor, solange man das Fussballfeld kreuzt. Toubabou – umstritten ob Arzt, Weißkittel oder einfach Weißnase.
Für manche heißt es auch nicht Toubabou sondern Donnemoilecadeau oder aber Madamebonbon. Ein Kind lief kürzlich „Madamebonbon! Madamebonbon! Madamebonbon!“ brüllend auf Tim zu, alle Weißnasen waren in seiner kleinen Welt Madamebonbon. Ein Traum in Zucker.

Allerdings – ich verteile nie Bonbons, habe selten Geld übrig und möchte nie bei irgendwelchen freundlichen Mofafahrern aufsteigen. Eine langweilige Weißnase. Ich lasse mich lieber in alten Mercedes rumfahren.
„Vois! La petite blanche!“ ruft der Taxifahrer auf einmal, „Vois! Tu vois? Si petite, si mignonne! Ils sont mignons, les petits blancs.“
Ich sitze in einem Taxi und werde ohne Rücksicht auf Verluste über die Bodenwellen Bamakos geschreddert, während der Taxifahrer vor Entzückung die Tochter einer Kollegin anhupt. Weil sie so unglaublich blond und weiß ist. Er winkt, sie schaut verdutzt und winkt dann mir zurück. Tu la connais? Elle est mignonne, la petite blanche!

Kinder anderer Hautfarbe sind also überall süß. Ich aber bin schon groß und verblüfft. Vielleicht war ich noch nie so hautfarbenverblüfft wie in diesem Moment. Ich wurde noch nie auf ein Kind hingewiesen, weil es so weiß ist. Seither streife ich durch die Straßen und fühle mich völlig normal, völlig unweiß. Weil ich nicht mehr klein und süß, sondern nur noch Toubab bin.