Es ist so. A ni fàma, lange nichts gelesen, geschrieben, gehört, gesehen. Ich lerne.
Ich lerne Vokabeln. Nicht wie bisher französische Ausdrücke à la „Du hast den Pfirsich!“, nein, Clara lehrt mich Bambara. Das ist praktisch und vor allem höflich, weil Landessprache. Seit acht Monaten kann ich nichts, wie Clara mir bereitwillig bestätigt. Um genau zu sein, ruft sie mit großem Erstaunen nach jedem zweiten Satz, dass ich ja WIRKLICH nix könne. Und sie hat Recht.

Bisher konnte ich guten Morgen sagen, jetzt stammele ich das Äquivalent zu Mahlzeit! , Guten Nachmittag, Guten Abend, Möge Allah eine friedliche Nacht schenken, Sei gegrüßt beim Kochen / Arbeiten / Verkaufen.
Und ich lerne, ça va et la famille? im ursprünglichen Sinne. I ka kƐnƐ? SomƆgƆw bƐ dì? Ein Mann wird diese Fragen (und alle Fragen der Begrüßungszeremonie) immer mit einem Hinweis auf seine Mutter antworten, eine Frau ihre Gebärfähigkeit preisen. Logisch.

Zugegeben, noch lerne ich vor allem auswendig, was vor in erster Linie daran liegt, dass ich mir „Kein Problem“ besser merken kann als „Leid nichts sich-nicht-befinden`sie [Mehrzahl] an“ herzuleiten. Aber ich arbeite dran, füttere meine Motivation, mit kleinen, auswendig gelernten Erfolgen, wie ein Hund, der Stöckchen holt, bringt, Wurschti kriegt.
Oumar zum Beispiel war hoch erstaunt und erfreut, als ich ihn nach drei Tagen Krankheit nach seiner Gesundheit fragte. Madame! ich könne ja mehr als der Patron* und ja! er sei sehr gesund und aha aha! Bambara! Patron, Madame spricht Bambara! gerade hat sie mich nach meiner Gesundheit gefragt, ça va et la famille?

Außerdem bemühe ich mich, bis zwanzig zu zählen, weil Clara mich mit Engelsgeduld abfragt, Glitzer sieben, Glitzer duuru, Glitzer gegen unendlich, bis ein Kind das alles sehr interessant findet und uns englische Brocken hinwirft, die wir auf Französisch übersetzen sollen, „Du hast den Pfirsich!“ ist nicht dabei.
Das Rechnen erspare ich mir, ständig gilt es, Dinge durch die Gegend zu multiplizieren, weil man einer anderen Zahlensystematik folgt. Clara meint, ich solle mich nicht so anstellen, es sei alles immer nur mal fünf, aber wenn man hundert-hundert sage, sei es halt trotzdem fünfhundert. Ich möchte Pastis.

Was ich sehr praktisch finde sind neben der Abwesenheit von Flexionen die Nachsilben –yƆrƆ, -tìgi und -fƐn. Aus à mìn (trinken) wird mìnyƆrƆ, der Trinkenort, die Bar, mìntìgi, der Trinkenbesitzer und schließlich tatsächlich mìnfƐn, das Trinkending, das Getränk, zum Beispiel Pastis. Mali-Mali**. Außerdem: Hunger-groß sich-befinden ich an.

Ja, ich weiß, so unsystematisch stellt sich das nur halb spannend für Sie da. Und seit fünf Absätzen warten Sie auf die große Blamage meinerseits, die wütende Kamelbesitzer zur Folge hat (kein Angst, so weit kommt es bestimmt bald), wahlweises ein schlimmes Schimpfwort (Unbeschnittener! dafür aber bin ich zu höflich) oder wenigstens die Ergänzung ihrer polyglotten IchliebeDich-Apotheke. Aber das müssen Sie sich schon selbst beibringen. Abana.

*Zum Wesen des Patrons im Allgemeinen, nicht im Besonderen, will ich schon lange schreiben, aber immer kommt mir was dazwischen.

**Der Trinkspruch „Mali-Mali“ geht auf die Anekdote eines malisch-chinesischen Geschäftsessens zurück, bei der ein von chinesischer Seite hervorgebrachtes „Chin-Chin“ schlagfertig mit einem „Mali-Mali“ gekontert wurde.

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Es ist so. Ich habe ein Telefon. Wer nicht vorbeikommen kann, ruft an. Ich telefoniere nicht sonderlich gerne, noch weniger in einer Sprache, die nicht meine ist. Trotzdem hebe ich manchmal ab, wenn es klingelt. Heute zum Beispiel.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich vielleicht gar nicht weiss, wie man hier telefoniert. Dabei scheint es zunächst nicht weiter ungewöhnlich. Es klingelt. So weit, so normal. (Über hiesige Klingeltöne berichte ein ander Mal. Mit Hörproben, versprochen.) Ich hebe – je nach Tagesform – ab.

– Glitzer, bonjour.
Am anderen Ende der Leitung: nichts. Ein neuer Versuch.

– Bonjour?
Oui, bonjour.
Ich bin erleichtert, es hat tatsächlich jemand angerufen.
– Bonjour, hier spricht Glitzer.
Madame Glitzer? Ja?
– Ja, Glitzer.
Ah, Madame Glitzer!
Der erstaunte Tonfall lässt mich kurz überlegen, ob vielleicht i c h das andere Ende der Leitung angerufen habe, dann aber werden meine Gedanken unterbrochen.

Madame Glitzer! Hoch erfreut! Ça va ? Et la famille ?
Das kennen Sie ja bereits. Ich gebe also Auskunft darüber, wie es mir geht, wie es meiner Familie geht, ob ich gut geschlafen habe, was die Arbeit so macht und erfahre das auch vom anderen Ende der Leitung. Manchmal legt das andere Ende der Leitung danach auf, schönen Tag, Grüsse an die Familie, bleiben Sie gesund. Ich aber bleibe hilflos, fragend, ob es mir nicht richtig ginge, ob ich nicht richtig verstanden habe, vielleicht, zu wenig Anteilnahme an der Floskelei zeigte. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiss, wer dran ist. Beziehungsweise war. Geschweige denn den Grund des Anrufs.
Heute legt das andere Ende der Leitung nicht auf.

– Alors, Sie haben angerufen.
Pardon? Ach so? Ja. Madame Glitzer, sind Sie Madame Glitzer? Madame Glitzer, sprechen Sie mit mir auf A1.
Jetzt ist das Erstaunen ganz auf meiner Seite.
– Entschuldigen Sie bitte, ich…
Nein, nein, nein, auf Deutsch. Sprechen Sie mit mir auf A1. Auf Deutsch.
Ich kombiniere, dass das andere Ende der Leitung, das im Übrigen ausgezeichnet geschlafen hat, testen möchte, ob es für irgend etwas ausreichende Sprachkenntnisse besitzt. Ich spreche auf Deutsch in einfachen Sätzen wirres Zeug im Präsens. Ich halte das für A1.

D’accord. Und jetzt: B1.
Ich spreche auf Deutsch schwierigere, längere Sätze mit Vergangenheitsformen, bis ich gebeten werde aufzuhören und zu erklären, was denn bitteschön B2 sei. Habe ich erwähnt, dass ich so gut wie nichts mit Sprachenlernen oder –lehren zu tun habe, abseits meiner persönlichen Anstrengungen? Ich stammele eloquent, was ich für B2 halte.
Interessant. Sind Sie Madame Glitzer? Oui? Ich rufe Sie wieder an. Ich möchte B2 üben. Klick.

Interessant. Ich staune und überlege, auf welchem Sprachniveau man zu telefonieren lernt. Oder ob ich extra Stunden nehmen sollte. Grüssen Sie in jedem Fall Ihre Familie.