Es ist so. Es gibt diese Kinder, die gerne barfuß in Pfützen springen, im Gatsch wühlen und mit Fingerfarben malen. Der Zwack gehört nicht dazu.
Blinzelt morgens die Sonne durch die Vorhänge und sieht ganz verheißungsvoll sommerlich aus, läuft er „Pfui! Staub! Pfui! Lauter Staub!“ rufend durch die Wohnung. Bröselt er einen Keks auf den Boden, folgt ein: „Oh nein! Überall Brösel!“ Landet beim Essen Müsli an seinem Finger, wischt er sie schneller ab, als man gucken kann.
Draußen nicht anders. Als der Zwack noch krabbelnd unterwegs war, war es ein Leichtes, Nachmittage mit ihm im Park zu verbringen: Decke ausbreiten, Spielzeug verteilen, sich daneben legen, lesen. Der Zwack wich nicht von der Decke. Auch, wenn sein Lieblingsspielzeug im Gras lag. Aber ich bitte Sie: Gras! Nicht mit dem Zwack. Kein Schritt.
Noch heute steht er im Sandkasten manchmal einfach nicht auf, sondern streckt mir unglücklich seine Hände entgegen: „Mama! Sahaaaand!“ Den wenigen Schnee des Winters betrat er nichtmal mit Schuhen und wurde regelrecht hysterisch, wenn ihm jemand Schnee unter die Nase hielt. „Nein! WEEEEG!“
Von Fingerfarben oder Basteln mit Kleister muss ich Ihnen nichts erzählen. Oder von dem arglosen Versuch einer Erzieherin, ihn zu schminken. „Mag nicht Zwack“ eine harmlose Reaktion.

Seit Kurzem robbt das Grauen durch unsere Wohnung. Strizzi. Bei Strizzi muss alles im Mund landen. Luftballons, Plüschtiere, Rasseln, Autos, der Zwack. Vor Kurzem schleckte er genüsslich eine halbe Stunde am Reifen des Tretautos herum, Pfützenbildung inklusive. Zwack versucht sich in der Strategie, den Strizzi mit halb-spannenden Dingen von den spannenden Dingen abzulenken. Tretauto und Strizzi trennte er durch ein langweiliges Holzbuch, das er Strizzi in den Mund steckte, rollte das Auto angewidert von Strizzi weg. Weit. Dann fasste er es zwei Tage nicht mehr an. „Strizzi angesabbert“ murmelte er jedes Mal dunkel im Vorbeigehen. Wenn die Strategie nicht aufgeht, höre ich ein „NEEEIIIN! Nicht angesabbern! Meine Buch! Mamaaaa! Nein! NEEEIIIN! Strizzi angesabbern!“
Strizzi folgt diesen Ausbrüchen aufmerksam. Dann sabbert er statt des Buches den Zwack von hinten an. Oder dreht sich in eine andere Richtung und robbt sabbernd dem nächsten Ziel entgegen.
(Der Frust übrigens wird dadurch nicht kleiner. Zwar kommt er nun vorwärts, macht seinem Ärger aber lauthals Luft, wenn er herausfindet, dass ein Tretauto eben nicht auf einmal in den Mund passt. Oder ein Schrank. Oder ein großer Bruder.)

Natürlich fände ich es praktischer, wenn man Sabber zum Putzen verwenden könnte. Aber nun, ich sehe es pragmatisch und rate Besuchern zu Gummistiefeln. Und so langsam verstehe ich auch, wieso der Zwack seine so gerne mag. Nur heute Morgen haben sie ihm nicht geholfen, als der Strizzi ihn wachsabberte, weil er den Schlafsack so interessant fand. Ich fürchte, dass der Zwack künftig in Matschhose und Gummistiefeln ins Bett geht. Aber: alles nur eine Phase. Bestimmt. Oder?

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Wenn ich mich recht erinnere, erzählt Michael Obert in „Regenzauber“ von seinem Arzt, der ihn nach seinen Reisen sehr aufgeregt fragt, was er ihm denn diesmal Schönes mitgebracht habe, gerade so, als würde er seltsame tropische Krankheiten wie Schmetterlinge auf Nadeln spießen und ehrfürchtig sammeln.

Hier gibt es für gewöhnlich nur drei Krankheiten: le rhume, le palu, la fatigue.

La fatigue ist eigentlich immer. Wird man nach einer Reise krank, wegen zuviel Arbeit, wegen zu wenig, aufgrund des Klimas, ohne ersichtlichen Grund – c’est la fatigue. Die Erschöpfung scheint etwas zu sein, was nur Weißnasen befällt, wird aber nicht weniger ernst genommen. Man müsse sich nun gut erholen, nehmen Sie lieber mal zehn Kilo zu, Madame, so hielte ich ja nichts aus, hier sei schließlich Afrika.

Palu, paludisme klingt reizend, meint aber Malaria. Wird im Zweifelsfall immer entdeckt, wenn Fieber im Spiel ist – die Fatigue kennt kein Fieber oder aber, wer erschöpft ist, ist auch anfälliger für Palu und damit das Fieber. Ja, Madame, man wisse jetzt nicht so genau, auch der Test, la fatigue, hm, es könne schon sein, dass man die eine oder andere Plasmodie im Blut habe herumschwimmen sehen. Jedenfalls solle man was dagegen einnehmen. Dieser Rat ist meist tatsächlich ein guter, allein das Mückenvorkommen in den Warteräumen der Gesundheitsstationen überzeugt.

Momentan grassiert die Erkältung, le rhume, wie in jedem vernünftigen Winter auf dieser Welt. Seit es kalt und staubig wurde, sind alle erkältet. Übertragen wird die Erkältung laut eines Kollegen ebenfalls über den Staub. Schließlich husteten alle hinein, die Erreger klammerten sich an die Staubpartikel, die man wiederum arglos einatmete. Oh, es gibt viel Staub zurzeit, an manchen Tagen kann man vor lauter Staub das andere Ufer des Flusses nicht sehen. Allein die Vorstellung, wieviel Erkältung sich auf dieser kurzen Strecke tummelt, führt bei mir zur Fatigue.

Grundsätzlich bin ich als Tochter einer Krankenschwester nicht krank. Der Zusammenhang stellt sich weniger über einen anerzogenen Hygienefimmel her als über die Definition von „krank“. Allerdings habe ich mir diese Definition hier abgewöhnt. Heute bleibe ich aus Rücksicht auf andere mit einer Erkältung zu Hause, die ich früher bestimmt in die Schule getragen hätte. Ich will meine Viren nicht auch noch in den Staub rotzen. Zumal ich davon ausgehen muss, dass mein Immunsystem im hiesigen Vergleich einem Monster gleichkommt.

Aber Ihnen brennt eine andere Frage auf der Seele: gibt es denn wirklich keine anderen Krankheiten? Etwas Spannendes? Oder wenigstens Typhus, Cholera, Ruhr? Flussblindheit, Guinea-Wurm, Bilharziose? Etwas, das nur im Entferntesten an einen Schmetterling erinnert?

Natürlich gibt es die, sie scheinen aber aufgrund ihrer Normalität nicht zu zählen. Nur die Palu hat es trotz ihrer Omnipräsenz in die Top Drei geschafft. Mit allem anderen geht man ins Büro, meist auch, weil es dort ruhiger ist als zu Hause.
Bei afrikanischen Kollegen deutet manchmal wenigstens ein „Ca va un peu“ einen katastrophalen Zustand an. Allerdings muss es kein Typhus sein, auch andere Schicksalsschläge verstecken sich hinter dieser Zurückhaltung.
Meistens aber wird man mit Küsschen Küsschen begrüßt (ich finde ja Händegeben bisweilen schon arg!) und das ça va-Geplänkel beendet der Kollege mit einem beliebig seufzenden Er habe schon wieder Amöben. Oder Typhus. Oder sonstiges. Der Tonfall gleicht meist einem Gespräch über das Wetter.

In solch einer Situation erkenne ich mein eigentliches Problem: ich habe das falsche Hobby. Weder begeistere ich mich für wissenschaftliche Studien am lebenden Objekt noch fürs Schmetterlinge sammeln. Dabei könnte es ein Hobby sein wie jedes andere auch und würde mir einiges erleichtern. So aber taumele ich sofort in eine monströse, zornige Fatigue.

Es ist so. Ich lese ein Buch. Es ist ein anderes Buch als das, von dem ich Ihnen schon so lange erzählen will, aber ich lese es trotzdem. Je chanterai pour toi (auf deutsch: Mali Blues). Alles beginnt im Centre Culture Français in Dakar, Senegal.

Mein Wissen über Senegal würde mich keine Millionen gewinnen lassen. Die Fähre von Nord nach Süd, weil Gambia wie ein Wurmfortsatz dazwischen liegt, das Fährunglück, die neue Fähre, die wieder so heißt wie unsere Nachbarstochter, die Casamance, ein Restaurant in München, die Vögel, das Meer, die Rallye, der Thunfisch, die Übersetzung der Relativitätstheorie auf Wolof, der Rapper, dass Nora abgereist ist, weil sie die Gerüche nicht aushielt, die Tür ohne Wiederkehr, der Stolz auf das eigene Französisch, der Rassismus, die Erzählungen von Sabine über den Staub, dass es kalt ist, in Dakar, die Stromausfälle.
Ein Kollege berichtet mir noch von einem Restaurant, in dem eine Portion für sechs Personen reiche, er sagt Paella, mir fällt ein, dass ich eine Woche lang FischFischFisch essen werde und Meeresgetier und Fisch. Dann erzählt er mir von den Taschendieben, die kein Geheimnis daraus machten, dass sie solche seien und man trotzdem keine Chance gegen sie habe.

Im Flugzeug fühle ich mich, wie ich mich auf Dienstreisen immer fühle: irgendwo zwischen Vorfreude und lästiger Pflicht verbunden mit sofortigem Heimweh. Die Wette, ob ich diesmal abgeholt würde, gewinne ich gegen mich, irgendwann bin ich im Hotel, in der Stadtmitte, fürchte mich also vor Taschendieben und vor der Gewissheit, dass ein einziges „Non, merci“ nicht die gleiche Wirkung haben wird wie in meiner Stadt. Hier folgen wüste Beschimpfungen, wenn man nichts kauft. Man könnte ja Franzose sein, in jedem Fall hat man eine provozierende Hautfarbe. Und überhaupt.

Ich sitze in meinem Hotelzimmer, überlege, ob ich heute schon raus möchte, fahre nach unten und stolpere in Oumar. Oumar, mit dem ich letzte Woche zusammenarbeitete. Er wollte nur sehen, ob ich da sei. Wir laufen durch die Stadt. Dakar ist eine Stadt. Meine Stadt ist auch eine Stadt, aber hier wird mir klar, dass ich in der Hauptstadt des Endes der Welt wohne. Nicht umsonst fiel mir als spontaner Reim ein: „Bin nicht am Nabel der Welt, sondern eher am Po. Ich bin in…“ und so weiter.

Jetzt aber bin ich in Dakar. Es sieht aus wie Urlaub. Gut, das mag daran liegen, dass Urlaubsaugen kolonialen Baustil hübsch finden und so [i]anders[/i]. Es könnte aber auch daran liegen, dass mir Oumar alle Verkäufer recht bestimmt vom Leib hält, die Gebäude erklärt und Restaurants zeigt. Unter anderem eines, in dem die Paella sehr zu empfehlen sei, falls man zu sechst hingehe.

Oumar geht schnell. Ich mag Leute, die schnell gehen. Ich muss mir oft vorwerfen lassen, ich würde ohne Grund rennen, aber ich weiß nicht, wozu ich schlurfen soll. Egal, wir gehen zügig durch die Stadt, er setzt mich im Hotel ab, ich bin um sechs Flaschen Wasser und einen Bekannten an der Straßenecke reicher.

Das führt dazu, dass mich mein Übermut das Hotel selbst noch einmal verlassen lässt. Diesmal gehe ich langsamer. Schnell hastende Europäer nimmt niemand ernst. Ich schlendere durch die Straßen, vorbei an meinem neuen Bekannten, Ça va, et le Monsieur, il est sympa, un bon type!, wo ich herkomme, aha aha, Glitzer, soso, bis morgen, schönen Abend – bis zum Centre Culturel Français. Dort bestelle ich mir ein großes Bier und lese den Anfang meines Buches nochmal, erinnere mich daran, als ich Kar Kar einst traf und freue mich auf Paella.

Es ist so. Ich bin weiß. Mit Sonne werde ich braun. Schnell, anhaltend und mit Sommersprossen. So schnell, langanhaltend und sommersprossig, dass es einen Sommer gab, in dem ich Tim peinlich war beziehungsweise er sich wegen mir. Man könne meinen, er habe mich von einer seiner Dienstreisen aus dem wilden Kurdistan mitgebracht, seufzte er.
Meine Mutter ist der Überzeugung, ich habe das von ihrem Vater, bei uns in der Familie sehe schließlich sonst niemand so aus, alle würden rotbraun, nur ich würde erst gelb und dann schwarz. Und überhaupt, schwarz, haha, wie ich denn nun in Afrika aussehe.

Aber: hier werde ich gar nicht braun. Ich bleibe weiß. Das liegt daran, dass die Sonne immer direkt von oben kommt, dazwischen aber eine Staubschicht liegt. Ohnehin verbringe ich den Hauptteil meiner Zeit drin. Man beginnt kurz nach der Morgendämmerung zu arbeiten und hört kurz vor der Abenddämmerung auf oder aber wenn es schon dunkel ist. Wegen der Mücken, die in der Dämmerung Malaria stechen.

Was die Leute hier an mir manchmal für Farbe halten, ist wahrscheinlich Staub. Und egal, wieviel Staub oder Farbe ich ansetzte, ich bliebe weiß. Denn: ich bin ein Toubab. Toubabou – wahlweise ausgeflüstert wie Touuuuuuhbaaaaahbouuuuuuh im Sinne eines Kindergruselfilms: Duweisstschonwer. Oder aber Tou!ba!bou! TOU!BA!BOU! TOU!!BA!!BOU!! gerne crescendo im Chor, solange man das Fussballfeld kreuzt. Toubabou – umstritten ob Arzt, Weißkittel oder einfach Weißnase.
Für manche heißt es auch nicht Toubabou sondern Donnemoilecadeau oder aber Madamebonbon. Ein Kind lief kürzlich „Madamebonbon! Madamebonbon! Madamebonbon!“ brüllend auf Tim zu, alle Weißnasen waren in seiner kleinen Welt Madamebonbon. Ein Traum in Zucker.

Allerdings – ich verteile nie Bonbons, habe selten Geld übrig und möchte nie bei irgendwelchen freundlichen Mofafahrern aufsteigen. Eine langweilige Weißnase. Ich lasse mich lieber in alten Mercedes rumfahren.
„Vois! La petite blanche!“ ruft der Taxifahrer auf einmal, „Vois! Tu vois? Si petite, si mignonne! Ils sont mignons, les petits blancs.“
Ich sitze in einem Taxi und werde ohne Rücksicht auf Verluste über die Bodenwellen Bamakos geschreddert, während der Taxifahrer vor Entzückung die Tochter einer Kollegin anhupt. Weil sie so unglaublich blond und weiß ist. Er winkt, sie schaut verdutzt und winkt dann mir zurück. Tu la connais? Elle est mignonne, la petite blanche!

Kinder anderer Hautfarbe sind also überall süß. Ich aber bin schon groß und verblüfft. Vielleicht war ich noch nie so hautfarbenverblüfft wie in diesem Moment. Ich wurde noch nie auf ein Kind hingewiesen, weil es so weiß ist. Seither streife ich durch die Straßen und fühle mich völlig normal, völlig unweiß. Weil ich nicht mehr klein und süß, sondern nur noch Toubab bin.

Mögen Sie Ihren Stadtbezirk oder wengistens Ihre Kommune? Bestimmt. Ich wohne ja in einer Stadt, die den Beinamen „La Belle“ trug. Die Schöne, ereifert sich meine Nachbarin gerne, pah, dass sie nicht lache, sie müsse selbst dafür sorgen, dass die Straße vor ihrem Haus sauber sei. Die Schöne, von wegen, eigentlich gebe es nur Staub. Staub und Dreck. Staub und Dreck und Menschen und staubdreckige Menschen. Ihre Straße trage jetzt keine Nummer mehr, sondern werde „rue Daniele“ genannt, nach ihr, auch wenn es streng genommen Drahamane sei, der die Straße sauber schaufele. Aber sie zahle ihn schließlich dafür.

„J’aime ma commune, je paye mes impôts“ hieß die Kampagne hier, aber was nach GEZ klingt, säubert noch lange keine Straßen und die Beamten, die aus den Steuern manchmal und leidlich bezahlt werden, kehren die Straßen ebenfalls nicht, sondern zocken als Zuverdienst die private Müllabfuhr ab. Das bringt nicht soviel ein, wie das Abzocken der Sammeltaxis, aber die werden von den Polizisten abgezockt, es hat schließlich alles seine Ordnung, den Beamten gehört die Müllabfuhr. Nicht, was sie schon wieder denken, keine orangenen Laster, nein, Eselskarren. „Eselchen, wie süß!“ rief eine Besucherin kürzlich bei jedem Müllkarren aus. Vielleicht passen die süßen Eselchen besser in die Idylle von La Belle und das Ganze hat Konzept. (Idylle: erzählte ich schon, wie ich vor Kurzem beim Rechtsabbiegen ein Kamel im toten Winkel übersah, weil ich noch vor der von links nahenden Rinderherde samt Kinderhirten auf der Hauptstraße sein wollte? Nein? Großes Kino, wirklich.)

Um die Stadt also sauber zu kriegen, vor allem die Abwasserkanäle kurz vor der Regenzeit, rollt nun eine neue Kampagne an: „J’éclaire ma commune.“ Die Wutbürger des Ländles würden sich umschauen, soviel Schaffeschaffe allerorten. Die Abwasserkanäle werden freigeschaufelt, was die Liebe zur Kommune hergibt, fein säuberlich wird der Unrat aufgehäuft.
Und bleibt dann am Straßenrand liegen. Denn es gibt keine Müllabfuhr, jedenfalls keine öffentlich organisierte. Die süßen Eselchen kommen nur zu Leuten wie Daniele, die dafür zahlen. Und wer zahlt schon für Müll. Der bleibt also solange liegen, bis ihn Wind oder Regen, Verkehr, süße Eselchen oder Rinder zurück in den Abwasserkanal treiben. Oder in den Nachbarbezirk, dann wäre der eigene entsprechend der Kampagne sauber.

Während die Leute aus Liebe zur Kommune schaufeln, wird ihre Regierung entlassen. Und irgendjemand wird einen Kreisverkehr oder eine Straße nach ihnen benennen. Dieser irgendjemand wird auch dafür bezahlt werden. Von wessen Geld auch immer.

Und irgendwann wächst Staub über die Sache, die Kreisverkehre, die Regierungen, die Müllhaufen, die Kanäle, die Schaufeln, die Eselchen, die Beamten, die Kampagnen und die Kommunen. Allein die rue Daniele erstrahlt weiter im aufrichtigen Glanz der Eigeninitiative.

Wie das denn sei, mit Libyen, ob man was merke, so, bei uns, in Afrika.

Ich fahre durch die Stadt und merke nichts. Die Leute sitzen vor ihren Fernsehern und die Kinder treten auf ihre Fußbälle ein. Ich könnte nicht sagen, seit wann das Gaddafi-Konterfei nicht mehr hängt, das riesig neben dem ebenso riesigen Präsidenten-Konterfei in im Eingangsbereich der neuesten, libysch finanzierten Hotelneubauruine flatterte. Ich weiß auch nicht, ob das Verwaltungsviertel und die Hotels wegen der Krise nicht mehr fertig werden oder aus anderen Gründen bunt verfallen.
Ich schätze, dass in der hiesigen Kornkammer noch immer Reis für Libyen angebaut wird, schließlich wurde dafür vielleicht was gezahlt. Und sehe ich aus dem Fenster, gehe ich davon aus, dass die Imame, die von Gaddafi ihre Gehälter beziehen, dies noch immer tun. Sie rufen zu Demonstrationen gegen die Intervention auf, marschieren durch die Stadt von Botschaft zu Botschaft. Dabei würde ein Libyen nach Gaddafi vielleicht sogar muslimischer. Alles wie immer.

Dabei, fragt man nach, er ist nicht sonderlich beliebt, der selbst ernannte Vater aller Afrikaner, Madame. Gut, man brauche sein Geld, warum nicht, sei doch schön, das neue Verwaltungsviertel, oder Madame, so bunt. Aber mögen? Wahrscheinlich sei er sogar verrückt, wie er damals ankam und dieses Hotel räumen ließ, um sein Zelt aufzustellen. Ja, auch sonst, natürlich, er spiele sich auf, sein Gehabe, die Bauten, das Land, die Moscheen – aber noch immer besser als eine Rekolonialisierung durch Sarkozy. Und was sei die Intervention denn anderes als der Versuch einer Neukolonisierung des Kontinents durch die Franzosen. Oder, Madame, oder.

Neben Neubauruinen und Imamen kommt nun auch schweres Geschütz aus Versehen von Libyen in den Norden des Landes. Einfach so in den ausgemergelten Norden, zusammen mit ausgedienten Söldnern und Flüchtlingen und zufällig kommt das alles Al Quaida im Maghreb ganz recht. Aber von all dem merkt man nichts, wenn man Drogenkartellen und Marines keine weitere Beachtung schenkt.

Was man hier merkt, sind die Folgen der Konflikte in Guinea, in Elfenbeinküste, in Burkina Faso, in Benin, in Niger, aber alles in allem staubt hier die Ruhe noch weitab vom Schuss. Der Regen kommt bald, riechen Sie das, der Mangoregen, und ach ja, Madame, viel wichtiger, gegen Simbabwe haben wir gewonnen. Genau genommen liegt Tripolis auch viel näher an München als an hier.

Hui, kurz nach Textveröffentlichung wurde das Spiel Libyen : Komoren hierher verlegt. Wohin auch sonst.

Kennen Sie Ouagadougou? Nein? Ein Faszinosum. Ich war nie dort, aber die Vokalhäufung entlockt mir bekennendes Staunen. Diese Vokalhäufung zieht auch den Witz nach sich, Ouagadougou sei die Hauptstadt der Oberpfalz. Diese wiederum schätze ich weniger. Wahrscheinlich, weil ich in Niederbayern aufwuchs, und die gering Geschätzten auch immer nochmal nach unten treten möchten. Allerdings wohnte meine Oma in der Oberpfalz. Aber diese Stammesauseinandersetzungen tangieren mich nicht. Ohnehin bin ich in Oberbayern geboren, aber auch das wiederum eher auf zufälliger Durchreise. Aber das alles tut nichts zur Sache. Wir waren bei Ouagadougou.

Funny van Dannen besingt in einem seiner launigen Lieder Uruguay: „Drei U auf engstem Raum / ich denke oft an Uruguay.“ Entweder er kannte Ouagadougou nicht. Westafrika ist ja nicht so in wie die Amerikas. Oder es passte einfach nicht in seinen Liedfluss. Das mag sein. „Ich denke oft an Ouagadougou“ klingt auch unheimlicher als „Uruguay“. Ich schreibe keine Lieder, deshalb kommt in meinen Ouagadougou ebenfalls nicht vor. Als Ersatz höre ich Funny van Dannen.

Ein Freund, der selbst nie in Ouagadougou war, erzählte mir, wichtigster Gegenstand der Grußzeremonie sei der Staub. Zunächst widmet sie sich dem klassischen Kanon: Guten Tag – Wie geht es – was macht die Arbeit – die Familie – die Gesundheit – der Schlaf – die Kinder – die Träume – das Leben – die Schlaglöcher. Und dann folgt: der Staub. Heute ist es wieder sehr staubig, jaja, der Staub, so rot, bestimmt aus Timbuktu, hm, morgen soll es noch mehr Staub geben, er ist unangenehm, der Staub, so rot, dieses Jahr soviel Staub, was sagt man da, hat die Welt noch nie gesehen, soviel Staub. Der Staub.
Das ist nicht Smalltalk. Das ist Hallo-Sagen. Je mehr Leute man in Ouagadougou kennt, umso länger braucht man durch die Stadt. Und den Staub. Aber man gelangt nirgendwohin. Es gibt dort nichts.

Dennoch: Ouagadougou ist nicht die Hauptstadt der Oberpfalz, sondern von Burkina Faso. Ich lernte während eines Praktikums Dinge zu Burkina Faso. Zum Beispiel, dass die Einwohner Burkinabé heißen, dass es dort Baumwolle gibt (der Staub spielte in meinem Praktikum seltsamerweise eine geringe Rolle), dass viele Leute im Nachbarland arbeiten und dort ausländerfeindlich verfolgt wurden. Das erinnerte mich an ein weiteres Lied von Funny van Dannen, das sich mit lesbischen schwarzen Behinderten befasst. Die auch ätzend sein können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Außerdem lernte ich anhand von Burkina Faso volkswirtschaftliche Kennzahlen. „So Frau Glitzerkugel, guten Morgen, wie ist der Staub, heute gibt‘s vor der Kaffeepause ein paar volkswirtschaftliche Kennzahlen.“ Allein dieser Satz verrät, dass ich bis heute wenig von volkswirtschaftlichen Kennzahlen verstehe. Sie gehören nicht zu meinem Metier und ich werde kein Lied schreiben, in dem sie vorkommen. Funny van Dannen besingt sie schließlich auch nicht.

Was? Die Pointe? Sie finden, das alles liest sich wie eine Grußzeremonie, in der Staub der wichtigste Gegenstand ist? Nicht einmal Small talk? Geschweige denn ein kosmospolitischer Text? Das mag sein, aber es gibt einen Grund: Ich wurde gebeten, einen Text mit möglichst vielen U-Umlauten zu schreiben. Es ist mir nicht gelungen.

Gescheitert

Ihre glitzerkugel

Was? Sie kannten den Text schon? Das kann sein. Aus aktuellem Anlass präsentiere ich Schonmaldagewesenes. Wenn ich aus Ouagadougou zurück bin, erzähle ich Neues. Vom Staub.
Bis dahin spielen wir ein bisschen Musik.