Es ist so. Seit wir Strizzi Strizzi nennen, werden wir gefragt, wieso. Man könne doch ein Baby oder Kleinkind nicht Strizzi nennen. STRIZZI. Jetzt verstehe ich vielleicht unter Strizzi ein bisschen was anderes, als die, die das fragen. Für mich sind Strizzis nicht zwingend zuhälterische Kleinkriminelle. Unser Strizzi ist ein Strizzi im Sinne von Zenetti-Kid. Halbstarker Möchtegern. Liebenswert. Strizzi halt. (Tja, da staunen Sie jetzt, gell, was Google so ausspuckt. Dass es den Leitmayr mal ganz anders gab.)

Und vielleicht war das eine Ahnung, der Strizzi ein Strizzi. Manche Leute sehen das auch, da erschrickt der Strizzi, wenn fremde Leute sagen, Ah, schau her, so ein Strizzi.
Das ist alles nicht weiter wichtig, für mich zentral ist: ich rechne beim Strizzi vor allem mit einem: dass wir ihn ab seinem 13. Lebensjahr ungefähr regelmäßig entweder in der Notaufnahme oder dem Direktorat werden abholen müssen. Nicht, weil er als Erster doofe Sachen macht. Eher, weil er als Zweiter doofe Sachen noch doofer macht. Vielleicht ist er auch Strizzi genug, sich nicht erwischen zu lassen. Vielleicht hat er aber auch manchmal ein bissl Pech. Oder dann doch strizzitypisches Glück.

Neulich, zum Beispiel, als wir nach vier Wochen Italien auf dem Weg zurück nach München waren. Auf dem Brenner, logisch. Vier Wochen war nichts Bemerkenswertes passiert und dann, Mama, er kriege den Knopf nicht mehr raus. Ich dachte mir nix dabei, Das sei doch nicht so schlimm, so ein Knopf, jetzt im Auto und wo der Knopf denn nun sei. In der Nase. IN DER NASE? In der Nase. Ich bat – so ruhig wie möglich, Strizzi möge doch bitte Luft durch die Nase ausschnauben. Und prompt – nehmen wir es ihm nicht krumm, es ist schon eine Weile her – zog Strizzi geräuschvoll die Nase hoch. Ruhig atmen, erneuter Versuch, erneutes Hochziehen, ein Parkplatz, eine Pinzette, nochmaliges gemeinsames Ausschnauben, ah, jetzt, fast, Luft raus. Irgendwann war der Knopf raus aus der Nase.

Oder auch, letzte Woche, wieder im Auto, wir stehen im Stau nach Ismaning, ein langer Stau, eine schmale Straße, auf der Rückbank startet eine von Strizzis Jammertiraden und irgendwann der Satz, der Gurt kratze so am Hals. Ich bitte ihn, den Gurt in Ruhe zu lassen, sich bitte auch nicht abzuschnallen und so weiter und so weiter, ein Gurt sei halt manchmal ein bisschen unbequem. Ha, unbequem. Ich drehe mich um, um dem Kind aufmunternd zuzulächeln und merke, dass es nicht die Dunkelheit ist, die hier komisch aussieht. Fragen Sie mich nicht wie, Strizzi hatte es durch gelangweilte Gurtanaus-Spiele geschafft, sich eine Schlinge um den Hals zu legen. Eine Schlinge aus Sicherheitsgurt. Ob er noch Luft bekäme. Ja, haucht das Kind, aber dann würde es enger. Keine Chance, irgendwo ran zu fahren, nur nicht bremsen, Kind, nur nicht atmen, nicht bewegen. Es kratze, beschwert sich Strizzi. Und er dachte wirklich, Kratzen sei sein Problem.

Sie sehen, das ist die emotionale Ruhe eines Strizzi, derzeit noch überdeckt durch die emotionalen Eskapaden der Dreijährigkeit. Aber meistens paart sich diese Ruhe mit der Dreistigkeit eines beißenden Flohes und dass der Bub so selten eine mitkriegt, liegt wahrscheinlich daran, dass alle anderen Kinder so gut erzogen sind.

Alle, bis auf seine kleine Schwester. Ihre Versuche, Strizzi zu bzw. von irgendetwas zu bewegen, zum Beispiel von meinem Schoß, quittiert der große Bruder zwar noch mit Lachen. Da steht Otto und zupft ihn am Pulli und schreit wüste Laute – und er bleibt lachend auf meinem Schoß sitzen. Aber auch – sie ist eine gelehrige Schülerin. Da kommt was auf uns zu.

Advertisements