Es ist so. Fast wäre ich ins Fernsehen gekommen. Das ist hier groß, alle hätten es gesehen, Madame, es gibt nur einen einzigen Sender, den man ohne Satellit empfangen kann. Dieser Sender wird überall dort von allen geguckt, wo ein Fernseher steht. Den ganzen Tag. Wenn niemand guckt, läuft das Programm trotzdem, schließlich handelt es sich um einen Fernseher und es könnte ja jemand gucken wollen.

Ich war zur Eröffnungszeremonie einer Veranstaltung eingeladen. Dazu bestellt man das Fernsehen, denn bei einer Eröffnung reden wichtige Menschen (in Ermangelung derer manchmal auch ich), die Veranstalter werden ständig genannt, die pertinente Wichtigkeit des Themas von Qualität wird betont, alle werden bedankt und beglückwünscht. Dabei sitzt man unter einer Banderole, die Ort, Datum, Veranstalter und Veranstaltung nennt und blickt bedeutungsvoll.
Es gibt Tage, da flackern stundenlang nur Eröffnungszeremonien über die Röhre, eins zu eins abgefilmt, ohne Zoom ohne Schnitt, ohne Schwenk, dafür aber manchmal mit Rückkopplung und wenig Unterscheidungsmarkanz. Wenn man mehr als den auch zu verhandelnden Standard zahlt, gibt es vielleicht Interviews.
Sie haben sich nicht verlesen, jaja, in den staatlichen Fernsehsender kann man sich einkaufen.

Ich saß also bedeutungsvoll blickend unter der Banderole, die die Vollversammlung des Netzwerkes zur Stärkung der Kapazitäten im Bereich der Wertschöpfungskette der Wassermelone drei Tage lang im Versammlungszentrum in Hauptstadt verkündete. Der Zeremonienmeister, der Moderator und der Vorsitzende meinten abwechselnd, man müsse sich leider noch etwas gedulden, das Fernsehen. Ich blickte weiter bedeutungsvoll und sortierte im Kopf meine Begrüßungsreihenfolge, um ja niemanden zu vergessen oder falsch wichtig zu nehmen. Das wäre durchaus fatal. Nach einer dreiviertel Stunde bedeutungsvollen Blickens konnte ich auch den Rest meiner Reizworte und Pertinenzphrasen von Qualität dreifach auswendig.

Wir begannen. Ohne Fernsehen. Dennoch nicht weniger wichtig oder pertinent. Auch ich sprach, begrüßte, bedankte und beglückwünschte zu dieser pertinenten Initiative von Qualität und blickte weiter bedeutungsvoll.
Irgendwann, großer Aufruhr vor der Tür, Verstummen, Aufruhr, Händeklatschen, Jubel, psssst. Das Fernsehen war gerade angekommen und man hatte sich auch auf einen Preis geeinigt.

Doch nun: ein Teil der Grußworte war gesprochen, ein Teil der wichtigen Menschen wollte zur nächsten pertinenten Eröffnungszeremonie von Qualität. Man konnte die Grußworte weder wiederholen noch nur eine Hälfte im Fernsehen bringen. Das hätte der Qualität und der Pertinenz der Veranstaltung nicht zu ihrer Wichtigkeit gereicht.

Nach einigem Hin und Her einigte man sich darauf, die Abschlusszeremonie im Fernsehen übertragen zu lassen. Diese fand dann – aus terminlichen Gründen der wichtigen Menschen – zwei Tage nach dem eigentlichen Ende der Vollversammlung des Netzwerkes zur Stärkung der Kapazitäten im Bereich der Wertschöpfungskette der Wassermelone statt und wurde in ihrer pertinenten Qualität vollständig bedeutungsvoll übertragen. Dass im Hintergrund keine Teilnehmenden mehr saßen, merkt man bei andauernden Frontalaufnahmen nicht. Dafür hatte man daran gedacht, eine neue Banderole mit aktuellem Datum anfertigen zu lassen. Eine Veranstaltung von Qualität lässt sich schließlich nicht lumpen, wenn das Fernsehen kommt. Die Wassermelone wird es zu würdigen wissen.

Schirme nach Athen.

November 10, 2010

Ein Anruf. Ich hätte Post. Um genau zu sein, warteten fünf Pakete mit circa 100 Kilo. Ich könne sie gerne abholen, am Flughafen, beim Zoll. Hierzu allerdings müsse ich den Zustellschein haben. Den wiederum könne ich auch abholen, am anderen Ende der Stadt, für fünfzehn Euro. Die Zollgebühren seien unklar und wohl Verhandlungssache.

Da ich mich aus Orientierungs- und Verkehrseigenheitsgründen noch hüte, hier selbst Auto zu fahren, versuche ich, jemanden zu finden, der 100 Kilo Post abholen möchte. Mit gewissen Umständlichkeiten vertraut, errate ich zunächst den Absender, dann erfrage ich die Zustellnummer, die auf dem Zustellschein stehen sollte und verfolge, ob der Zusteller die Zustellung tatsächlich als schon zugestellt notiert hat. Getan, versichere ich mich des Inhalts. Das übliche Veranstaltungsmaterial. Broschüren, Schlüsselringe und eine nicht unbeträchtliche Menge an Regenschirmen.

Regenschirme. Würde ich übertreiben wollen, spräche ich in der Folge von 100 Kilo Regenschirmen. Es sind keine 100 Kilo. Aber es sind Regenschirme. Hatte ich erwähnt, dass dieses Land zu 75 Prozent aus Sahara besteht, die Veranstaltung in die Trockenzeit fällt und auch sonst genau n i e m a n d mit Schirm rumläuft? Denn, wenn es regnet, nutzen Schirme herzlich wenig, es sei denn, man möchte in „Pleiten, Pech und Pannen“ auftreten oder ist diesem eigentümlichen Schirm-Charme-Melone-Gehabe verfallen. Es ist mir ein wenig peinlich.

Seydou möchte los und fragt, was er also abholen solle. Ich überlege ob ich „Taschen“ sage oder „Sonnenschirme“ oder „Zwergelefanten“. Ob es wieder viel dieses unnötigen Hochglanzpapiers sei, fragt er weiter. Wieso wir immer dieses Hochglanzpapier durch die Gegend schickten und nichts Vernünftiges. „Regenschirme?“ Er lacht, dass er uns das auch noch zutrauen würde. Dann staubt er davon.

Es gibt ein Lied von GUZ, in dem er sich über leserbriefschreibende Lehrer mokiert. Ich stehe vor so einem Exemplar. Nein, sie steht vor mir. Schwer atmend und wild gestikulierend pflügt sie sich über den Hof, um mir den Weg abzuschneiden. Sie schreibt keinen Leserbrief, wählt lieber die direkte Beschwerde.
„Frau Kugel“, hyperventiliert sie, was das bitteschön sei, das habe die Welt ja noch nicht gesehen, was mir einfalle! Eine Fortbildung für Lehrer anzubieten, auf der Kinder – SCHÜLER! – seien. Bei so einem Thema! Wo sie sich bitteschön beschweren könne. Und wie ich mit diesen Räumen umgehe, da hingen ja Kronleuchter und die Kinder könnten einfach mit den Straßenschuhen!
Beschwerdeadresse: meine Visitenkarte. Falls sie doch noch einen Brief schreiben möchte. Ansonsten: das Programm. „Kinderakademie“ steht da und „richtet sich an zehn- bis 12jährige Schülerinnen und Schüler“.
„Isch ’abe gar kein’ Fortbildung“ würde ich gerne sagen, doch dazu komme ich nicht mehr: ich werde überwältigt. Schockstarre. Die „Kinder“, die gerade anreisen, sehen aus wie 17. Notorisch unbeteiligt schleifen sie sich an die Anmeldung und können vor lauter Kaugummiblase kein einziges Wort sprechen. Ich habe Angst. Sie werden sich langweilen, schrecklich langweilen sogar und alles doof finden, mit Papierkugeln und Kaffeetassen werfen, Ritalin schlucken und das ganze Haus mit schlechten Möchtegernbeats beschallen. Auf der Liste sehe ich, dass sie 14 sind. Schlimm genug. In Gedanken ziehe ich das Ritalin ab.

Tatsächlich aber gibt es Teilnehmende, die das Programm wohl gelesen haben und Zielgruppe sind. Der Rest der Belegschaft ist begeistert. „Toll, Frau Kugel, dass sie hier mit diesen Würmern arbeiten! Herzzerreißend! Goldkinder! Wirklich!“ Kurz darauf fragt mich eines dieser herzzerreißenden 10jährigen Goldkinder mit großen Augen und noch größerer Unschuldsmine leise: „Glitzer, sag mal, der Referent, der hat doch ne Latte, oder? Liegt des an Dir?“

Im weiteren Verlauf notiere ich: Jonglage unter Kronleuchtern kann gelingen. Lehrerfortbildungen sollten Lesemodule beinhalten. 17jährige sind vielleicht erst 12 oder zehn, reden aber 17jährige Sätze. Spätzle mit Tomatensauce sehen seltsam aus, werden aber gemocht. Kinder sind begeistert, wenn sie unter dem Bett keine Staubflusen finden. Sie gucken auch wirklich nach. (Wahrscheinlich auf der Suche nach Chips.) Dann fahre ich nach Hause und finde, genug gelernt zu haben. Dabei war ich gar nicht Zielgruppe.