Es ist so. Die Meldung ist alt. Aber ich bin fasziniert. Es gibt also eine Hustenhotline. Dort kann man anrufen, anhusten, ein Sprach-, besser: Hustencomputer erkennt, unter welcher Art Husten man leidet und empfiehlt ein Hustenmittel. Eventuell aus den Reihen der finanzierenden Firma, was natürlich dahingestellt sei und hier auch nicht weiter von Relevanz.

Das erste Mal, dass ich mit einer Automatik telefonierte, handelte es sich um die gute, alte Zeitansage. Gibt es sie noch? Wie spät ist es eigentlich beim nächsten Ton? Danach telefonierte ich mit unterschiedlichen Hotlines, drückte nach Aufforderung die Zwei oder die Sieben, oder versuchte, eine Fahrplanauskunft zu erhalten.
Diese Erfahrungen tönen mir noch im Ohr, als ich – nach einem unbedachten Räuspern – die Husten-Hotline anrufe. Nach einer Eingangsfloskel samt Jingle werde ich aufgefordert zu husten.

Bitte husten Sie nach dem Tonsignal.
– *hust*
Verzeihung. Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte husten Sie noch einmal.
– *hust*
Tut mir leid. Ich kann Ihre Eingabe nicht deuten. Bitte husten Sie deutlicher.
– *HUST*
Vielen Dank. Bitte husten Sie nun mehr aus dem Hals.
– *HUST*
Vielen Dank. Um Ihren Husten genauer zu bestimmen, benötige ich Angaben zur Konsistenz. Wenn Sie beim Husten gelben Auswurf haben, drücken Sie bitte die Eins. Bei grünem Auswurf drücken Sie bitte die Zwei. Bei Verschleimung ohne Auswurf…
Schnell drücke ich die Drei.
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– ?
Bitte husten Sie den Schleim deutlich hörbar nach dem Signalton.
– *HUST*
Sind Sie sicher, dass Sie nicht nur verschnupft sind?
– *HUST* *HUST*
Vielen Dank. Sie wollen also nach Paderborn fahren.

Von einem plötzlichen Hustenreiz geschüttelt lege ich auf. Wie lange es wohl dauert, bis diese Hotline in eine App übersetzt wird? In der Folge wird bestimmt jemand einen Logarithmus entwickeln: „Kunden, die wie Sie husten/ in Paderborn husten/ grün auswerfend husten kauften im Anschluss/ riefen auch bei folgender Hotline an…“ Die Möglichkeiten schier unbegrenzt.
Ich lutsche schnell irgendwas aus Salbei, trinke Tee mit Honig und vergesse die Nummer der Hotline. Mein Hals gehört schließlich mir.

Falls Sie die Hotline anrufen möchten, erreichen Sie sie bis Ende März unter 0800 H-U-S-T-E-N. (Nein, unter 0800 0 007178. Gute Besserung.)

Es ist so. Unser Büro ist umgezogen. Mein Büro befindet sich im Erdgeschoss, noch vor der Rezeption, tatsächlich erste Tür rechts. Deswegen kommen alle Leute in mein Büro. Ça va, et la famille, ob ich Arbeit habe, Ça va, et la famille, die Post, Ça va, et la famille, wo bitteschön fände man denn Frau Skypeverbot, Ça va, et la famille, ob ich eine Klimaanlage kaufen wolle, die kühlte, wo Mutti nur noch heizen könne, haha, Ça va, et la famille, man sei angerufen worden, die Mücken zu fangen. Meistens schicke ich die Leute an die Rezeption.

Mein Büro ist das einzige Büro, das die Rezeption im Blick hat und bisher auch das einzige Büro im Erdgeschoss, deswegen schickt der Herr an der Rezeption die Leute meistens zu mir zurück. Damit ich nicht das Haus bin, das Verrückte macht, bemühe ich mich, herauszufinden, wo ich die Leute besser hinschicken kann. Dazu brauchte ich ein Telefon.
Das war ein Problem.

Ich hatte ein Telefon, das noch nicht angeschlossen war, weil die Leute, die ihre Büros auch im Erdgeschoss haben, noch
nicht eingezogen waren. Und nur wegen mir nehme man das Erdgeschoss noch lange nicht in Betrieb. Ich könne ja an der Rezeption telefonieren. Für die habe man eine Ausnahme gemacht. Ich muss sehr sehr irritiert geguckt haben, vielleicht habe ich auch etwas gesagt, ich erinnere mich lieber nicht, jedenfalls bekam ich einen Anschluss. Natürlich nur unter lautem Augenverdrehen, wieso ich mich eigentlich immer so anstelle.

Zu Kontrollzwecken sollte ich nach Einrichtung der Durchwahl – ich bekam die schicke -112 – Frau Skypeverbot anrufen. Die Logik verlangt, dass sie für das Telefon zuständig ist, jedenfalls für meines. Was das für eine Durchwahl sei. Die -112, Ja, das sehe sie auch, das ginge aber so nicht. Wieso ich keine drei vorne dran hätte. Ich erschloss, dass die Durchwahlen im Erdgeschoss eine eins vorne dran hätten, die im ersten Stock eine zwei und die im zweiten Stock eine drei. Ich säße aber nicht im zweiten Stock, sondern im Erdgeschoss, deswegen eins, nicht drei. Das ginge so nicht, das würde alle nur verwirren, denn eigentlich gehöre ich ja in den zweiten Stock, naja, das könne man ja auf der Telefonliste ändern, überhaupt, wieso ich nicht auf der Telefonliste stünde, naja, auf der Telefonliste jedenfalls solle ich die -323 bekommen. Klick.

Kurz darauf, ça va, et la famille, er sei von der Telefongesellschaft und solle mir eine neue Nummer einrichten, dabei ginge das so nicht, ich säße doch im Erdgeschoss. Ich zucke die Schultern und versuche den armen Mann mit Frau Skypeverbot zu verbinden.

Die Telefonliste sagt mir, Frau Skypeverbot habe die Durchwahl -320. Stimmt, sie sitzt im zweiten Stock, das war einfach.
Das Displays meines Telefons zeigt mir an, dass ich nicht Frau Skypeverbot, sondern meine Kollegin Cindy anrufe und bevor ich auflegen kann, meldet sich mein Kollege, oui, ah, glitzer, ça va, hast Du auch endlich ein Telefon, eine seltsame Nummer, ach so, ich säße ja da unten. Ich frage ihn, wieso er weder Frau Skypeverbot sei, wie im Telefonverzeichnis, noch Cindy wie auf dem Display. Das sei ihm eigentlich egal, er habe die -320, vielleicht stimme die Verstöpselung der Telefonanlage nicht, die Liste, welche Liste, wahrscheinlich sei meine veraltet, schließlich stehe ich auf seiner auch mit der -323 und riefe aber nun von -112 an. Wie das überhaupt ginge. Ich könne ja auch hochkommen, wenn ich mit Frau Skypeverbot reden wolle, wieso ich mich so anstelle.

Ich erkläre dem Herrn von der Telefongesellschaft, wo Frau Skypeverbot sitzt, er läuft an die Rezeption, kommt zurück, ich schicke ihn noch einmal los.

Das Telefon klingelt, das Display sagt, es sein meine Chefin, als ich abhebe, ist allerdings Cindy dran, Hä, wie das denn gehe, glitzer, ich säße doch im Erdgeschoss, sie habe aber eine drei vorgewählt und überhaupt wolle sie zu unserer Chefin, so stehe das auf der Liste. Ich behaupte, ich würde sie verbinden und singe ein bisschen Warteschleifenmusik, bis sie, Glitzer! GLITZER!, entnervt auflegt.

Ich besorge mir einen Raumplan des neuen Gebäudes und bastele ein paar Passierscheine, Marke A 38. Ein Glück, dass mein Büro so leicht zu erreichen ist. Jedenfalls, wenn man es nicht per Telefon versucht. Gerne können Sie mich besuchen kommen. Erste Tür rechts.

Es ist so. Ich habe ein Telefon. Wer nicht vorbeikommen kann, ruft an. Ich telefoniere nicht sonderlich gerne, noch weniger in einer Sprache, die nicht meine ist. Trotzdem hebe ich manchmal ab, wenn es klingelt. Heute zum Beispiel.

Manchmal habe ich den Verdacht, dass ich vielleicht gar nicht weiss, wie man hier telefoniert. Dabei scheint es zunächst nicht weiter ungewöhnlich. Es klingelt. So weit, so normal. (Über hiesige Klingeltöne berichte ein ander Mal. Mit Hörproben, versprochen.) Ich hebe – je nach Tagesform – ab.

– Glitzer, bonjour.
Am anderen Ende der Leitung: nichts. Ein neuer Versuch.

– Bonjour?
Oui, bonjour.
Ich bin erleichtert, es hat tatsächlich jemand angerufen.
– Bonjour, hier spricht Glitzer.
Madame Glitzer? Ja?
– Ja, Glitzer.
Ah, Madame Glitzer!
Der erstaunte Tonfall lässt mich kurz überlegen, ob vielleicht i c h das andere Ende der Leitung angerufen habe, dann aber werden meine Gedanken unterbrochen.

Madame Glitzer! Hoch erfreut! Ça va ? Et la famille ?
Das kennen Sie ja bereits. Ich gebe also Auskunft darüber, wie es mir geht, wie es meiner Familie geht, ob ich gut geschlafen habe, was die Arbeit so macht und erfahre das auch vom anderen Ende der Leitung. Manchmal legt das andere Ende der Leitung danach auf, schönen Tag, Grüsse an die Familie, bleiben Sie gesund. Ich aber bleibe hilflos, fragend, ob es mir nicht richtig ginge, ob ich nicht richtig verstanden habe, vielleicht, zu wenig Anteilnahme an der Floskelei zeigte. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiss, wer dran ist. Beziehungsweise war. Geschweige denn den Grund des Anrufs.
Heute legt das andere Ende der Leitung nicht auf.

– Alors, Sie haben angerufen.
Pardon? Ach so? Ja. Madame Glitzer, sind Sie Madame Glitzer? Madame Glitzer, sprechen Sie mit mir auf A1.
Jetzt ist das Erstaunen ganz auf meiner Seite.
– Entschuldigen Sie bitte, ich…
Nein, nein, nein, auf Deutsch. Sprechen Sie mit mir auf A1. Auf Deutsch.
Ich kombiniere, dass das andere Ende der Leitung, das im Übrigen ausgezeichnet geschlafen hat, testen möchte, ob es für irgend etwas ausreichende Sprachkenntnisse besitzt. Ich spreche auf Deutsch in einfachen Sätzen wirres Zeug im Präsens. Ich halte das für A1.

D’accord. Und jetzt: B1.
Ich spreche auf Deutsch schwierigere, längere Sätze mit Vergangenheitsformen, bis ich gebeten werde aufzuhören und zu erklären, was denn bitteschön B2 sei. Habe ich erwähnt, dass ich so gut wie nichts mit Sprachenlernen oder –lehren zu tun habe, abseits meiner persönlichen Anstrengungen? Ich stammele eloquent, was ich für B2 halte.
Interessant. Sind Sie Madame Glitzer? Oui? Ich rufe Sie wieder an. Ich möchte B2 üben. Klick.

Interessant. Ich staune und überlege, auf welchem Sprachniveau man zu telefonieren lernt. Oder ob ich extra Stunden nehmen sollte. Grüssen Sie in jedem Fall Ihre Familie.