Es ist so. Ich habe schonmal über Wut geschrieben. Und Autonomie, es ist ja Autonomie, nicht Trotz. Ich verstehe Autonomie also als Eigengesetzlichkeit und wenn man diese Eigengesetze annimmt, dann wird es auch ein wenig leichter. Der Strizzi also.

Morgens auf keinen Fall das Wasser in einen anderen Becher schütten als den, den der Zwack gerade hat. Überhaupt, das Wasser auf keinen Fall in einen falschen Becher schütten. Oder in ein Glas. Und Tee nur in die Eulentasse, aber die orange. Das ist ja einfach. Wobei: „falsch“ ist schwierig. Das ändert sich nämlich gerne spontan. Im Zweifelsfall ist alles falsch.

Müsli nur mit genügend Schokostücken, die Beliebtheitsreihenfolge der Schüsseln: erst Rennautos, dann Schafe, dann Schildkröten. Und immer immer immer den gestreiften Löffel. (Er ist von Ikea und wir haben trotzdem noch nur einen einzigen davon.) Und seit letzter Woche auf keinen Fall den Joghurt mit dem Müsli mischen, höchstens auf das Müsli draufsetzen und wenn Milch dran kommt, dann ist das Frühstück gelaufen. Bitte nicht die Serviette vergessen, ja nicht die Stühle verwechseln. Und beim Frühstück lieber nicht hingucken. „Der Swack hat mich anschaut! DAS SOLL ER NICHT!“ Zum Glück scheint derzeit keine Morgensonne in das strizzische Antlitz. DIE SOLL WEGGEHEN!

Bloß nicht versuchen, dem Strizzi das T-Shirt mit den Giraffen anzuziehen oder gar den grauen Pulli. Weil der doof ist. Und gut erspüren, ob man jetzt helfen soll beim Anziehen oder aber nicht. Abends dann andersrum und die Frage Decke oder Schlafsack immer in Richtung Decke auflösen, weil man mit dem Schlafsack nicht Rutschauto fahren kann. Auch wenn man das nachts eigentlich nicht soll.

Jetzt kann es aber vorkommen, dass der Strizzi nachts aufwacht, findet, es könnte jetzt Frühstück und Rutschauto geben und brüllt, weil niemand bereit ist, ihm den gestreiften Löffel und Schokomüsli in die Rennautoschüssel zu platzieren. Auch nicht nachts bin ich manchmal nicht dazu bereit, weil . Bisschen viel Eigengesetzlichkeit für halb sechs Uhr morgens, das alles.

Große böse Wutausbrüche. Weil die Mama nämlich doof ist. (Nur Otto kommt hier immer ganz gut weg.) Manchmal fährt Strizzi richtig große Geschütze auf. Wenn er zum Beispiel keinen weiteren allerletzten Schoko-irgendwas kriegt. Gefangen in den Eigengesetzlichkeiten des Daseins, wirft er wüst um sich: DANN GEHE ICH ALLEINE INS KINDERZIMMER! UND SPIELE NICHT! Auf meinen Hinweis, dass er im Moment ohnehin nicht in der Lage scheine zu spielen, greift er wutentbrannt irgendein herumliegendes Auto und fährt es demonstrativ zwei Zentimeter auf dem Sofakissen. DOCH!!! DOOOOCH!!! SCHOOOKOOOLADEEEE! Und natürlich: PAAAPAAA!

Irgendwann löst sich alles in Wohlgefallen und Käsebrot auf, abends haben auch die Wassergläser weniger Bedeutung. Ich glaube, Eigengesetzlichkeit macht den Strizzi müde. Und morgen ist ja ein neuer Tag, der wieder ganz eigene Gesetze hervorbringt. Aber nennen Sie es auf keinen Fall Trotz, gell!

 

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Es ist so. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern: vor Kurzem erzählte ich vom Luftholen. Vergessen Sie alles, den Spinat, die Nudeln.

Schließen Sie die Augen, holen Sie Luft. Atmen Sie ruhig und folgen Sie mir in eine gewöhnliche Familienwohnung. Ein Regal im Wohnzimmer, eine Couch, überall Lego und dazwischen Kochgeschirr.
Stellen Sie sich ein Kind vor. Das Kind stampft. Das Kind stampft auf seine Mutter zu. Es bleibt stehen. Es stampft wütend auf, dreht sich demonstrativ um und stampft wieder weg. Dann wirft es sich auf den Boden und strampelt. Strampelt gegen die Töpfe, gegen das Lego.

Holen Sie Luft. Malen Sie sich die Lautstärke aus. Nein, kein Rohrspatz, lauter, viel lauter und unartikuliert. Laute, brüllen, schluchzen, Rotz.
Strampelnder Rotz, großes Elend.

Und jetzt – was könnte der Grund dafür sein? Ein Schokoladenverbot. Die falsche Nudelform. Mittagsschlaf. Kein Mittagsschlaf. Ein roter Pulli. Eigentlich ist es egal. Wahrscheinlich hat die Mutter das Kind aus dem Regal gepflückt, als es gerade ganz oben angekommen war, von der Lehne des Sofas aus elegant hochgehangelt, wo es so lustig zu schwanken beginnt. Und dann kommt diese Frau und pflückt das Kind aus dem Schwanken. Da muss man doch mal stampfen dürfen.

Sie schrecken aus Ihrer entspannten Meditation hoch. Wieso wendet diese Mutter denn Gewalt an, indem sie das Kind einfach aus dem Regal pflückt! Wieso überzeugt sie ihn nicht mit Engelszungen, überredet ihn, doch herunterzusteigen, diskutiert mit ihm oder lockt ihn mit Schokolade – irgendetwas muss dieser Mutter doch einfallen, um den Zwack wieder aus dem Regal zu bezirzen! Dafür ist sie doch Mutter!

Sehen Sie – hier liegt Ihr Meditationsfehler. Der Zwack nämlich steht unten und juchzt, während Strizzi auf dem Regal schaukelt. „Mama! Der Strizzi!“, juchzt der Zwack. Und ich pflücke ihn aus dem Regal.
Es heißt also „Terrible Two“ habe ich gelesen und auch erfahren, dass sich der Trotz erst später Bahn bricht. Darüber denke ich nach, als Strizzi brüllend durch die Gegend stampft. Es ist nämlich so, dass andere Kinder in seinem Alter gerade üben, selbständig zu laufen. Der Strizzi aber stampft. Holt Luft, brüllt weiter.

Wenig später kocht er Legosteine, als wäre nichts gewesen und ich werde ihn an diesem Tag noch einige Male aus dem Regal pflücken, er wird noch öfter stampfen und ich male mir gar nicht erst aus, wie sich die Terrible Two anfühlen werden. Bis dahin ist ja auch noch Zeit. Ich werde sie mit autogenem Training verbringen.

Es ist so. Man liest immer öfter, Mütter sollten mehr über Frust schreiben. Das sei wohltuender für andere Mütter, ehrlicher und diene der Katharsis. Voilà. Hier herrscht der Frust.

Strizzi zum Beispiel. Er ist noch kein halbes Jahr alt und am Tag unzählige Male gefrustet. Weil ich aufs Klo gehe, obwohl er trinken möchte. Weil er sich zwar mittlerweile auf den Bauch drehen kann, aber trotzdem nicht vom Fleck kommt. Weil er, wenn er es schafft, sich zurück auf den Rücken zu drehen, das nicht kontrollieren kann und mit dem Kopf aufklonkt. Oder so unterm Schrank zu liegen kommt, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Weil der Zwack ihm immer nur das öde Spielzeug in die Hand drückt und nicht den großen Bagger. Und auch nicht das Laufrad. Weil der Zwack es nicht ausstehen kann, dass der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Weil er nichts zu essen bekommt, obwohl er sich mit aller Macht – manchmal schmerzlich – in meinen Teller wirft. Oder gegen meine Tasse. Weil man Licht nicht in den Mund nehmen kann. Weil er nicht weiß, wozu diese Füße eigentlich gut sein sollen und warum er da immer Socken anhat. Weil ihm sein Hut über die Augen rutscht. Weil Leben jeden Tag anstrengender wird.

Und der Zwack erst. Beim Aufwachen erster Frust: aufgewacht, noch nicht fertig mit schlafen, aber Wiedereinschlafen unmöglich, weil man sonst was vom Tag verpasst. Frust, weil Mama nicht gleich aufstehen will. Frust, weil er Strizzis Bett mit Strizzi drin nicht durch die Wohnung schieben soll. Frust, weil Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil keine Erdbeeren im Müsli sind. Frust, weil ihm „Müllverbrennungsanlage“ noch immer nicht ganz korrekt über die Lippen kommen will. Neue Windel: Frust. Keine neue Windel: Frust. Frust, weil unten kein Betonmischer vorbeifährt, wenn er aus dem Fenster schaut. Frust, weil der Strizzi ihm begeistert den Pulli vollsabbert. Anziehen, Zähne putzen, Schuhe aussuchen, Spielzeug einpacken, Losfahren – alles birgt großes Frustpotential. Am schlimmsten verwirrt den Zwack die eigene Entscheidungsfindung. „Hoch! Runter!“„Eiei! Nicht Eiei!“ „Essen! NEIN! NICHT ESSEN! EEESSEEEEEN!“ Fragen Sie erst gar nicht nach vom Spielplatz nach Hause fahren oder ins Bett gehen.

Und ich sowieso. Diese Tage, an denen das einzig Kreative ist, eine neue, unnötige Falte in ein Hemd zu bügeln. Dieses Baby in meinem Essen. Diese einzigen geraden Sätze mit einer erwachsenen Person: ein Gespräch über das Essverhalten des Zwacks in der Krippe. Diese Balkonpflanzen, die mich überzeugen, dass mein Daumen kein bisschen grün ist. Diese vollgesabberten Pullis. Dieser Strizzi. Dieser Zwack. Diese Stadt. Dieses Umfünfuhraufstehen. Dieser zynisch anmutende Satz der Ärztin in meinem Kopf: „Schlafen Sie, wenn das Kind schläft.“ Dieser koffeinfreie Kaffee.

Aber jetzt seien wir mal ehrlich: wer liest denn sowas bis zum Schluss?