Es ist so. Ich war unterwegs. Mit Otto. Wir sind mit dem Zug gefahren. Ein bisschen Notarzt-Chaos, ein bisschen Hitze, ein bisschen Anschlusszugssprinten. Das stört Otto nicht weiter. Otto ist unglaublich. Sie beschäftigt sich die erste Stunde im Zug mit einer Breze, eine Papiertüte, zwei Servietten und der Schwerkraft. Auf ihrem Sitz. Eine weitere Stunde schläft sie. Eine dritte guckt sie den Hund hinter uns an oder klopft ans Fenster. Die Rückfahrt am nächsten Tag verläuft ähnlich spektakulär, nur minus Bahnchaos. Plus Beschäftigung mit der eigenen Trinkflasche und meiner Nase. Würden sich Zwack und Strizzi so aufführen, machte ich mir ernsthaft Sorgen.

Zwack und Strizzi übernachten bei den Großeltern. In der nächsten Nacht kommen wir zurück. Gegen halb sechs kriecht Zwack in mein Bett und erzählt, was er in den letzten zwei Tagen gegessen hat. Germknödel, der so groß war, dass er ihn nicht geschafft hat. Gummibärchen als Abendbrot-Nachtisch. Joghurt mit Erdbeerstückchen, weil Oma nicht mehr so viele Erdbeeren hatte. Dass Oma und Opa erzählt hätten, in Schweinfurt hätten sie mal ein Schnitzel gegessen, das SOOOO GROSS war. SOOOO! Und dass sie es gar nicht ganz hätten essen können. Dass es so viele Pommes gewesen wären, dass nichtmal der Strizzi sie hätte essen können. SO VIELE! SOOO GROSS! Und ob wir mal in Schweinfurt Urlaub machen könnten.

Als Strizzi aufwacht und mich sieht, sagt er: nix. Er guckt. Kuschelt sich auf meinen Schoß. Offensichtlich kuschle ich auch sein Knie. MAMA! Da habe er ein neues! schlimmes! Aua! Dann schaut er auf seine Füße und zeigt mir, wo man seinen Nagellack ausbessern müsse. Strizzi trägt gerade roten Nagellack. Erzählt bekommt Otto. Später. Die kann nix erzählen, zieht ihre Brüder aber voller Wiedersehensbegeisterung an Haaren und Nase und juchzt und törötörötörö.

Als alles Wichtige gesagt ist, machen wir Frühstück.

[Dieser Text ist Teil einer Tagebuchaktion auf jetzt.de. Mehr davon hier.]

 

Geben Sie es zu. Sie verdrehen jetzt schon die Augen. Nur, weil ich in Afrika sitze und Ihnen jetzt im Advent einen Tag aus meinem Leben zum Thema MANGEL erzählen soll. Sie denken, dass Sie im besten Fall damit davon kommen, dass ich über Mangelware spreche. Stromausfälle und aus der Wand brechende Türen. Im schlimmsten Fall schildere ich ergreifend kindheitslose Kinder, die im Alter von sieben Jahren, ihre grossäugigen Geschwister auf dem Rücken, jeden Verkehrsteilnehmer anbetteln, wobei sie aufpassen müssen, nicht über ihr viel zu grosses, ausgewaschenes, aber löchriges Ballack-Trikot zu stolpern.

Leider aber ist es ein Tagebuch, und in diesem gehören bekanntlich die stärksten Eindrücke eines Tages geschildert. Meiner heute (und Sie haben Glück): das „Komm-nur-mal-schnell-mit-Abholen“ eines Paketes. Woran denken Sie, wenn Sie Paket hören? Wahrscheinlich an ein post-normiertes Paket, schliesslich befinden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem post-normierten Land.

Das Paket kam auch aus Deutschland, genauer gesagt, es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung, die einen Container im Warenwert von mindestens 10 000 Euro umfassen muss, weil es sich sonst nicht rechnete. Dreiundzwanzig Pakete als Teil einer Lieferung von mindestens 10 000 Euro aus einer Versandmischung von Metro und Otto. Dreiundzwanzig Pakete von Hohes C, Odenwald-Schattenmorellen und Essiggurken über Meica-Würstchen und Becks (Becks! Ich bitte Sie! Wenn man schon fünftausend Kilometer weit Bier transportieren lässt, dann doch bitte kein Becks!) bis hin zur Tischtennisplatte und einem Rasenmäher. (Der Rasenmäher war auch noch für unsere Nachbarn bestimmt. Da hätte ich auch in der Reihenhaussiedlung bleiben können. Oder.) Das Abholen wurde begleitet von einem kontinuierlich schwäbisch-schrillen „Passen Sie auf meinen Petanque-Rasen auf!“ Beim „Nur-mal-schnell-Abholen“ von dreiundzwanzig Paketen wird glücklicherweise selbst das zu überhörbaren Monotonie.

Seit diesem Einblick in die deutsche Importwelt der kleinen Sehnsüchte frage ich mich, ob es vielleicht gar keine Seltenheit war, letzte Woche hier Spätzle kredenzt zu kriegen. Ob vielleicht tatsächlich alle hiesigen Küchenfees den Tag Teig schabend und Maultschen faltend verbringen, während Sie Hohes C und Becks kühlen.
Dann frage ich mich weiter, was ich vermisse. Im Advent. Was ich importieren würde, wenn ich Zugang zur exklusiven Welt der Container-Bestellungen hätte. Und nach längerem Überlegen komme ich zu der selbstlosen, überheblichen Überzeugung, dass kein Meica-Würstchen der Welt so schmecken kann, dass ich nicht Familie, Freunde, Wetter und Alpen vermisste. Kein dröhnender Rasenmäher kann mir vorspielen, dass ich in vertrauter Umgebung sei oder Privatsphäre hätte. Und der Geschmack von Becks machte bestimmt alles nur schlimmer.

Zu allem Überfluss werde ich hier also zur personifizierten Mastercard-Werbung.

Der kleine Ballack und sein grossäugiges Geschwister winken mir zu und obwohl man Kindheit nicht kaufen kann, versuche ich genau das heute doch. Schliesslich ist Advent. Und es ist Afrika. Verdrehen Sie ruhig die Augen.