Es ist so, ich fliege. Es ist Valentinstag und ich fliege in den Süden, ans Meer. Das klingt romantisch und weil Valentinstag ist, schenkt mir meine Fluglinie eine Rose. Denkbar praktisches Fluggepäck. Nach Zielstadt, sage ich, Aber, aber das ginge nicht, sagt die Frau hinter dem Schalter so tonlos wie sie mir die Rose überreicht hat. Ja, ich habe ein Ticket, aber über Umsteigestadt und ab da von einer anderen Fluggesellschaft. Das ginge nicht. Ob sie wenigstens mein Gepäck bis Zielstadt markieren könne, frage ich. Das könne sie, würde sie mir aber nicht raten. Es wäre besser, ich würde es vom Gepäckband pflücken und neu einchecken, wie auch mich.

Ich gebe zu, ich habe Vorurteile. Sie speisen sich natürlich auch aus Erfahrungen blablabla, wie auch immer, sie sind da und ich tauche in sie ein, um zu überlegen, dass keine Boardkarte auf einem afrikanischen Flughafen vielleicht heisst, dass man aus dem Flughafen wieder raus muss. Das wiederum könnte bedeuten, dass die bierernsten, hochwichtigen Polizisten finden, ich bräuchte ein Visum. Oder viel Geld. Da ich beides nicht habe, aber wenig Umsteigezeit, entscheide ich mich gegen das Gepäck für volle Konzentration auf Umsteigen und Flug erwischen. Die Wette gilt, die Dame hinter dem Schalter schaut mich tonlos, aber ungläubig an. Wenn ich meinte.

Wieso ich so unvorbereitet bin? Nun ja, das liegt daran, dass am Freitag ein Treffen von Mittwoch auf Dienstag – egal, ich musste meinen Flug vorverlegen, kann nun nicht direkt nach Zielstadt fliegen, sondern eben nur über Umsteigestadt. Die Realsatire möchte, dass ich fünf Tage später ohnehin nach Umsteigestadt reise. Auf welchem Weg, das ist noch nicht geklärt und unterwegs muss sich das Visum auftreiben lassen. Es ist ja auch nur ein Katzensprung.
Eine Dame (ich stehe noch immer am Schalter, wieso auch nicht), bonjour, ça va, et la famille, ob das mein einziges Gepäckstück sei, nein, nicht die Rose, aha aha, sehr gut, ob ich auch ihres einchecken könne. Leider, sage ich, leider (und ich bin froh, nicht lügen zu müssen), würde mein Gepäck bis Zielstadt durchgestellt (toitoitoi). Sie sieht mich bedauernd an und ich bin mir nicht sicher ob ihrer Enttäuschung oder ob meines naiven Wagemuts. Wagemut, mein vierter innerafrikanischer Flug.

Aber, wie so oft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich komme in Zielstadt an. Auch mein Gepäck, abgesehen von der Rose, die ich irgendwo vergesse. Am Flughafen warte ich auf meine Abholung. Als niemand kommt, gehe ich an die Hauptstraße, warte auf gut Glück, bis ein Auto meiner Organisation vorbeifährt und halte es an. Ah, bienvenue, soso, aha, ça va und der Flug und die Familie und interessant, dass ich jetzt hier sei. Der Kollege sei vorhin losgefahren, um mich in Umsteigestadt abzuholen. Aber das mache ja nichts, ich solle einsteigen.

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Ein Mann sieht mir über die Schulter in meinen Visumsantrag. Das sei ja wunderbar, dass ich sie besuchen komme, sogar mehrere Male in den nächsten Monaten. Hoch erfreut, gute Reise, grüßen Sie mein Land und Grüße an die Familie. Mein blasses „Merci Monsieur“ stammele ich erst, als er schon im Treppenhaus verschwunden ist.

Der Botschafter, erklärt die traurige Frau hinter der Glaswand. Ob ich schon einmal in ihrem Land gewesen sei. Sie vermisse ihr Land. Deutsche, aha. Ob ich hier arbeitete. Ob ich Arbeit für ihre Kinder hätte. Die Tochter sei Juristin und ihr Sohn gebe vielleicht einen guten Gärtner ab. Hier sei alles so schwierig. Ebenso wie zu Hause. Dennoch sei man lieber zu Hause. Ja, stimmt, wenigstens sei die Familie zusammen, aber so, ohne Arbeit. Und ohne Zuhause.

Sie beäugt meinen Visumsantrag, streicht darin herum und betrachtet lange die beiden Fotos. Ob ich sie gerade eben hätte machen lassen, hier an der Ecke. Ich bejahe, jede Polaroidpassbildkamera wird hier eine Art Fotostudio. Manchmal mit Bettlaken als Hintergrund, manchmal mit bollywoodreifer Fototapete.
Ob ich noch eines übrig hätte, nein, nein, nicht für den Antrag. Sie würde es gerne für sich nehmen. Sie sammle die Gesichter zu den Anträgen. Und manchmal, wenn das Heimweh zu stark würde, dann stelle sie sich die Straßen ihrer Stadt vor und wie die Gesichter darin herumliefen, alle mit ihrem Stempel im Pass. Das helfe gegen Heimweh, hier, hinter der Glasscheibe, während man auf die Leute wartete, die in ihr Land wollten.

Sie stempelt meinen Pass, schreibt mir ihre Telefonnummer auf, falls ich einen Gärtner oder eine Juristin bräuchte und seufzt mir „Gute Reise“ zu, bevor sie ihr Mikrofon ausschaltet und hinter der Scheibe groß verstummt. Mein übriges Foto klebt sie zu den anderen in ein altes Schulheft.

Ich trete in den Hof und von oben ruft mir der Botschafter ein weiteres Mal Gute Reise! zu und wie auf Kommando echot es aus verschiedenen Ecken „Gute Reise, Madame!“, „Grüßen Sie unser Land, Madame!“
Es ist, als würde ich sie alle mitnehmen. Vielleicht hätte ich sie nach einem Foto fragen sollen, um es in die Straßen ihres Landes zu streuen.

Fühlen Sie sich manchmal auch wie in einer Karl-Valentin-Nummer, die nie jemand fertig schreibt?

Ich hatte Ihnen von meiner Arbeitsgenehmigung erzählt. Beziehungsweise davon, dass ich keine besitze, weil mein Arbeitsvertrag von der mehr oder minder zuständigen Behörde bisher nicht abgestempelt wurde. Hinzu kommt, dass man für eine Arbeitsgenehmigung ein gültiges Dauervisum braucht. Dieses Dauervisum kann bekommen, wer entweder über eine Arbeitsgenehmigung verfügt (siehe oben) oder einen Dienstpass besitzt (was ich aus naheliegenden Gründen nicht tue, ich stehe nirgendwo im Dienst, wie Sie wissen) oder wer mit einem Dienstpassinhaber verheiratet ist (was ich nicht zuletzt zu diesem Zwecke seit Kurzem bin). Wenn man mit einem Dienstpassinhaber verheiratet ist, kann man einen Dienstpass beantragen, mit dessen Hilfe man ein Visum erhalten kann.

Zur Beantragung eines Dienstpasses muss man sich in Berlin einfinden, um dort seinen Fingerabdruck zu hinterlassen. Man möchte meinen, ich hätte während meiner Zeit in Berlin dort genügend Fingeragbdrücke hinterlassen, aber beliebige Fingerabdrücke zählen nicht. Interessant allerdings wäre gewesen, man hätte über diese Tatsache Bescheid gewusst, so lange man noch in Berlin war. Als ich aber noch in Berlin weilte, sagte man mir, ich könne keinen Dienstpass beantragen, weil ich nirgendwo im Dienst stehe, ich könne aber vor Ort um eine Arbeitsgenehmigung ersuchen, mit deren Hilfe ich ein Visum erlangen könne, was wiederum einen Dienstpass unnötig mache.

Bestandsaufnahme: für ein Visum braucht man eine Arbeitsgenehmigung, für eine Arbeitsgenehmigung einen Arbeitsvertrag, für einen Arbeitsvertrag braucht man ein Visum.

Das konnte vorher niemand wissen. Und zu allem Überfluss lebt Karl Valentin nicht mehr.