Es ist so. Der Zwack interessiert sich für Nachrichten. Das ist, für die Teile, die er versteht, den Rest muss ich ihm erklären. „Wieso ‚Polizei‘, Mama?“ fragt er also und Strizzi, der sich die Technik abgeschaut hat: „Wieso ‚Menschen getötet‘, Mama?“  – „Und wieso ‚Lastwagen‘?“ Ich stehe also in der Küche und erkläre einem Viereinhalbjährigen und einem Knappdreijährigen, was in Berlin passiert ist.

Zwack interessiert sich erstmal für den Lastwagenfahrer und dann vor allem für den Diebstahl. Strizzi interessiert sich recht schnell wieder für LEGO. Dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum. Mein Nichtwissen hilft nicht weiter. Aber warum. Warum. Warum. Ich mutmaße vorsichtig, dass der Fahrer vielleicht Deutschland doof fände. Leuchtet dem Zwack nicht ein, lachend sagt er: „Aber dann wäre er doch nicht hier!“

Oft passt die mühsam erlernte Kinderlogik nicht zur Welt. Wieso man in Syrien nicht einfach streiten könne, wer der Bestimmer sei. Da müsse man doch nicht gleich schießen.
Und dann, als ich ihm – Dank anderer Nachrichten – das Prinzip „Demokratie“ erkläre, fragt er, wieso man das in Syrien nicht auch haben könne. Sei doch einfacher und besser als zu schießen.

Die Nachrichten arbeiten im Zwack. Syrien kommt oft zur Sprache. Einmal sagt er zu einem Freund, dass in Syrien Krieg sei. Der guckt recht desinteressiert und die Mutter ein bisschen vorwurfsvoll. Es seien doch Kinder. Der Zwack spielt jetzt viel mit Lastwagen, baut welche und erfindet Dieb-Geschichten. Zwei Tage später erzählt er Strizzi noch einmal, was passiert ist. Unterbrochen von erbostem „Ich weiß, ICH WEISS, WEISS ICH! ICH WEISS!!!“ In Berlin! Der Lastwagen sollte eigentlich Stahl abladen. Ich bin überrascht, wie viele Details in diesem Kopf stecken und ein wenig besorgt. Aber anders als der Krieg in Syrien flößt ihm Berlin keine Angst ein. (Eher beschäftigt ihn die Frage, ob es in Syrien Weihnachten gäbe und ob jemand, der schießt, Geschenke vom Christkind bekäme.)

Und deswegen gehen wir kurz später auf den Christkindlmarkt. Fahren Karussell, kaufen einen Stern für Otto und gebrannte Mandeln.  Frohe Weihnachten Euch.

 

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nein,Es ist so. Der Zwack wartet sehnsüchtig auf Weihnachten. Er versucht, über das Sichvorlesenlassen von Weihnachtsbüchern, das lauthalse Singen von Weihnachtsliedern und das Einfordern von Plätzchen das Fest herbeizuzwingen. Wieso? Weil Winter cool sei, weil er auf einmal Schnee gerne habe, Ski fahren lernen wolle, blabla – kurz: er wünsche sich einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO und an Weihnachten gebe es Geschenke.
Weil es Sonntagmorgen halb sechs ist, schlage ich vor, er solle schonmal anfangen, seinen Wunschzettel an das Christkind zu malen. Er wolle aber keinen Wunschzettel, nein, doof, er wolle einen Polizeihubschrauber. Ich frage, wie das Christkind ohne Wunschzettel wissen solle, was es mitbringen solle. Und dass das Christkind vielleicht der Meinung sei, er brauche unbedingt einen kratzenden Wollpulli oder ein Bibi und Tina-Hörspiel, wenn er keinen Wunschzettel male. Er schaut mich ungläubig an, einen kurzen Moment denke ich, ich habe übertrieben und er hält das Christkind nun für völlig unzurechnungsfähig. Er geht schweigend LEGO spielen und singt „O Tannenbaum“.

Später am Vormittag, Weihnachten noch immer in weiter Ferne, fragt der Zwack mit Blick auf Otto, ob er auch keinen Schnuller gehabt habe. Und wieso. Weil nämlich, der Bertl, der habe einen Schnuller gehabt. Und dann. KAM DIE SCHNULLERFEE! Und habe den Schnuller mitgenommen und dem Bertl ein GESCHENK dagelassen. EIN GESCHENK! Nämlich das große Feuerwehrauto mit den Blinkern, das diese Geräusche macht. Und nur, weil er, Zwack, nie einen Schnuller gehabt habe, habe er, Zwack, auch nie ein Geschenk von der Schnullerfee bekommen. Das sei voll unfair, eigentlich, und ob die Schnullerfee ihm jetzt nicht noch ein Geschenk bringen könne. Müsse. Einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO zum Beispiel. Ich frage ihn, ob er sich daran erinnere, dass der Bertl am Anfang das Feuerwehrauto ignoriert oder angeschrien habe, weil er lieber seinen Schnuller zurückwollte und die Schnullerfee ziemlich doof fand. Hmpf.

Nachmittag. Mama, wie man sich eigentlich einen Zahn ausschlagen könne. ?! Vielleicht mit dem Skateboard, oder, Mama? Ja, weil der Paul, der habe sich jetzt einen Zahn ausgeschlagen. Mit dem Skateboard. Und der Tom aus der Vorschulgruppe, der habe auch einen Zahn verloren. Ohne Skateboard. Aber dann. KAM DIE ZAHNFEE! Und habe den Zahn mitgenommen und dem Tom ein GESCHENK dagelassen. Deswegen, wenn er sich jetzt einen Zahn ausschlüge, dann könne ihm die Zahnfee ein Geschenk bringen. Er habe ja ziemlich viele Zähne, eigentlich. Oder. Aber er habe keinen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO.
Der Wunsch war ziemlich dringend, an diesem Sonntag.

Am Montag aber will der Zwack auf einmal dringend ein Laserschwert. Ob er eins haben könne. Ein großes, mit so einem Knopf, das dann leuchte und Geräusche machte. Wie StarWars. Zum Kämpfen. Und dann wolle er gerne in einem Verein, in dem man Kämpfen lernt, kämpfen mit dem Laserschwert lernen, ob es einen StarWars-Verein in München gebe. Ich schlage vor, er solle das Laserschwert auf seinen Wunschzettel an das Christkind malen. Wieder ein ungläubiger Blick. Nein, doof, weil das Christkind bringe nur Frieden und er wolle aber so ein Schwert. Dann wünsche er es sich lieber zum Geburtstag. Oh Mann, so spät!

Nun denn. Bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit.

[Epilog Strizzi auf die Kombination: Brav sein – Christkind – Geschenke: „Wenn ich Geschenke kriege, bin ich brav. Sonst mach ich Quatsch.“]

 

Es ist so. Der Zwack will alles ganz genau wissen. Zum Beispiel, wann jetzt endlich der Weihnachtsmann kommt. Ich muss ihn regelmäßig enttäuschen, Zu uns käme das Christkind. Und die Lakrizia, ergänzt der Zwack, schiebt ein Warum? nach und dann: Wer ist des Christkind?

Haben sie schonmal versucht, das Nürnberger Christkindl, das Christkind, die Geschenke und das Jesuskind einem Zweieinhalbjährigen zu erklären beziehungsweise in seinem Kopf zu ordnen? Einem Zweieinhalbjährigen, der gerade das Wort WARUM entdeckt hat?
Nun ja. Ich stecke dem Zwack zwei Plätzchen in den Mund und mache mich auf die Suche nach Büchern. Finde zwei, in denen Jesus vorkommt. In allen anderen wird sich entweder lange auf Weihnachten vorbereitet oder den Weihnachtsmann (der bei uns aber nicht kommt), irgendwann klingelt HoHoHo! ein Glöckcken, da sind die Geschenke und alle sind glücklich, die Rentiere traben mit leuchtenden Nasen und güldenen Locken davon.

Meine Schwester findet ein Buch, in dem ein Kind eine Landebahn für das Christkind baut, immerhin, dann klingelt ein Glöckchen, da sind die Geschenke und alle sind glücklich. Die Familie besteht – und das ist wohl der versteckte Witz für die Erwachsenen – aus Hasen, die Eltern Hasen sehen aus wie ein Lehrerehepaar (sie: Französisch, er: Latein). Das ist dem Zwack alles egal, er kennt sich vor allem mit Landebahnen aus, im Buch sieht man das Christkind nicht (Schwester: Das sieht man nie. WARUM?), aber da sind die Geschenke und der Hasensohn ist glücklich: er bekommt ein Flugzeug. Und hat praktischerweise schon eine Landebahn im Garten.

Zwack ist begeistert – er baut keine Landebahn sondern seitdem jeden Abend einen ganzen Flughafen, Mama! Sollma ein Gepäckförderband bauen! Ich weiß nicht, ob das Gepäckförderband auch das Christkind herausbefördern soll. Ich weiß auch nicht, was der Geschenkewunsch ist, der hinter Gepäckförderband, Kontrollturm, Follow-Me-Fahrzeug und Cateringcontainer steht. (Gut, das mit dem Catering-Container ist einfach.)
Ich hoffe aber, das Christkind liegt nicht ganz daneben, irgendwann klingelt ein Glöckchen, da sind die Geschenke und alle sind glücklich.
Wahrscheinlicher ist, es klingelt, Oma und Opa kommen, da sind die Geschenke und alle sind überfordert. Aber glücklich. Hohoho!

p.s. Sie haben Erfahrungen mit den handelnden Personen, Akteuren, Erscheinungen und Gerüchten rund um die Weihnachtszeit, mit Warum und Zweieinhalbjährigen? Dann melden Sie sich gerne in den Kommentaren. Oder läuten Sie ein Glöckchen.

[Ein chaotisches Büro, es türmen sich Zettel über Zettel auf mehr oder weniger geordneten Stapeln. Dazwischen versucht ein gestresster Weihnachtsmann in Trainingshose und Rippunterhemd, weitere Zettel auf Stapel zu ordnen. Der Bart zersaust, aus dem Radio tönt „Das bisschen Haushalt“, ab und an summt der Weihnachtsmann mit. Irgendwo klingelt ein Handy.]

Weihnachtsmann (schaut sich genervt um): „…sagt mein Mann. Verdammt. Wer ruft denn jetzt an. Und wo hab ich das Scheißding! Ah, bestimmt unter dem Wunschzettelhaufen der Applejünger.“ (geht, kramt, der riesige Berg kommt gefährlich ins Rutschen. Das Telefon zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt, stapelt er die Zettel erneut, die immer wieder abzurutschen drohen)

Weihnachtsmann: „Christkind! Du störst. Hast Du nix zu tun? Allüberall ist Weihnachtsstress.“ (versucht die abrutschende Zettelmasse aufzuhalten, scheitert, der Berg fällt zusammen)

Christkind (genervt): „Jaja. Fresse. Ich hab nen Wunsch.“
Weihnachtsmann (rollt mit den Augen): „Dann schreib dem lieben, guten Weihnachtsmann einen Brief. Und wenn Du brav warst…“

Christkind (genervter und ein wenig laut): „Hör auf mit dem Scheiß. Es ist dringend.“
Weihnachtsmann: „Dann schick ein Fax. Oder…“ (gluckst amüsiert) „…hast Du Dir wieder aus Versehen die Haare schwarz gefärbt, wie letztes Jahr und kriegst jetzt keinen Friseurtermin mehr? Haste Angst, dass Dich niemand erkennt… Stand Dir gar nicht schlecht.“ (kichert wild)

Christkind (eisern): „Ach. Hör zu. Ich will frei.“
Weihnachtsmann (immer noch amüsiert): „Kein Problem. Be my guest. Ab dem 25. …“

Christkind: „Ich hab gebucht. Ab 22. D E Z E M B E R. Indien. Da wartet niemand auf mich.“
Weihnachtsmann (seufzt): „Bist Du mittlerweile nicht zu alt für diese Aussteigerszenarien? Außerdem kannst Du das ganze Jahr nach Indien. Sei so lieb, nerv mich nicht und mach Deine Arbeit. Apropos – hast Du noch so Applezeugs übrig? Hier wird’s eng.“

Christkind: „Ich brauche kein Applezeugs. Ich. Hab. Frei.“ (äfft): „Das wünsch ich mir vom Weihnachtsmann.“
Weihnachtsmann (holt tief Luft, versucht ruhig zu bleiben): „Ich bin überhaupt nicht zuständig für Dein Gebiet. Überall, wo Du die Bescherung bist, verstehe ich die Leute überhaupt nicht.“

Christkind: „Dein ‚HouHouHou‘ geht auch im Bayerischen Wald. Und Wunschzettel kommen ja nicht als Voicemail. Oder.“
Weihnachtsmann (leicht gereizt): „Kindl, hättste halt den Hasen gefragt, letzten April, ob er Dich nicht vertritt und Du ihn, aber Du musst ja immer alles auf den letzten Drücker…“

Christkind (dogmatisch): „Ich liefere keine Eier aus. Tierschutz. Deswegen habe i c h auch keinen Schlitten. Überhaupt, meine Energiebilanz…“
Weihnachtsmann: „Ha! Energiebilanz! Dann lieber ab nach Indien, oder wie?“ (schlägt einen zarten Küchenpsychologieton an): „Hör zu. Wir haben alle mal einen schlechten Tag. Mach ne Pause, trink einen Tee, lass Dir die Locken neu legen und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders…“

Christinkind (leiert): „Lieber guter Weihnachtsmann/ hör Dir meine Wünsche an/ behalt den Ratschlag doch für Dich/und nerv! Mich! Nich! Notier Dir einfach, dass ich dieses Jahr frei habe.“
Weihnachtsmann (genervt): „Jetzt ists gut. Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Quatsch. Geh arbeiten.“ (fängt wieder an, erstaunlich behände zwischen den Papierhaufen durchzuwuseln.)

Christkind (schluchzt und rotzt auf einmal herzzerreißend): „Ich dachte wir sind ein Team. Ein Teaheam…“
Weihnachtsmann (murmelt): „Jaja, Team: Toll! Ein Andrer macht‘s.“ (sortiert stoisch weiter Briefe und Zettel)

Christkind (schluchzt weiter): „Ach Weihnachtsmänni… Weihni… Es ist so schrecklich. Diese Wunschzettel kommen hier rein, (schluchzt) einer nach dem anderen (schneuzt) – und ich habe Angst vor Ihnen. Applezeugs, Kitchenaid, Haustiere… Ich schaue die Zettel schon gar nicht mehr an. Ich bin so überarbei…“
Weihnachtsmann (bleibt abrupt stehen, unterbricht das Christkind harsch): „Nein. Neinneinnein! Auch dieses Jahr bringe ich Dir keine Burnouttherapie. In Indien, vielleicht? Und hör mir auf mit der Hypochondernummer! Wehe, Du rufst wieder am 23. an, Du hättest einen Tennisarm und könntest weder fliegen noch – ach was weiß ich. Ruf besser überhaupt nicht mehr an.
Ich muss noch die Spezialwünsche bearbeiten. Dinosaurier, Weltfrieden, Claudia Roth als Spitzenkandidatin, Dortmund soll Meister werden –“ (versöhnlich) „Aber wem sag ich das. Kannst am ersten Feiertag gern zum Essen vorbeikommen, ja?“ (geheimnisvoll) „Mit Bescherung!… Machs gut.“ (legt auf)

Weihnachtsmann (murmelt): „Indien. Jedes Jahr das Gleiche mit dem Kindl. Ich hätte gerne andere Kollegen. Oder wenigstens mehr. So, weiter geht’s.“

[Er stapelt den Appleberg neu, holt einen weiteren Schwung Briefe und sortiert sie auf die verschiedenen Haufen. Aus dem Radio tönt „Er gehört zu mir…“ Draußen wird es dunkel.]

Dieser Text ist Teil des jetzt.de-Adventskalenders. Alle weiteren Texte finden sich hier.

Dieser Text ist Teil der Adventskalenderaktion „Abwarten und Türchen öffnen“ auf jetzt.de

*

Vorspeise: Christbaumkugelcarpaccio im Lamettanest.

Kugelscherben vom letzten Jahr
Mit Zimt und Anis würzen
Schnell schockgefrieren das Tartar
Und dann die Masse stürzen.

In Scheiben schneiden, hauchdünnzart
Sodann noch einmal kühlen
Die bunten Scherben je nach Art
Werd‘n hart, das kann man fühlen.

Glitzercarpaccio dann serviern
Im Lamettanest. Ob blau,
Ob rot oder Silberschlieren
Egal – alles eh nur Schau.

*

(Zwischengänge nach Belieben
weihnachtsfroh dazwischenschieben.)

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Hauptgang: Rentiersternchen an Rentierschaum auf Glühweinspiegel. Gerne mit Christkindllocken als Beilage zu reichen.

Fürn Rentierschaum dem Rentier klaun
Des Nachts die rote Nase
Mit Kunstschnee, Sternstaub hart verhaun
Schick anrichten als Vase.

Den Rest vom Viech sodann mit Kraft
durch den Fleischwolf würgpressen
Mit Ei, Zimt, Lebkuchensaft:
Sterne geformt. Nicht essen!

Anbraten, kross. Im nächsten Schritt
In die Vase dekoriern.
Alt Räuchermännchenhack als Kitt
Grosszügig dazwischenschmiern.

Den Glühweinspiegel messen Sie
Am einfachsten im Blute
Sehn Sie noch klar, dann gönnen Sie
Sich noch drei Gläschen, gute!

*

(Lichterketten nicht vergessen –
Essentiell fürs Weihnachtsessen!)

*

Nachspeise: der Wunschzettel.

Man nehm die Wünsche die man hat
Zwei Handvoll, drei, gar mehr
Rühre sie mit LastChristmas glatt
Schütte Mistel hinterher.

Nach einer Stunde Ruhezeit
Den Teig beflissen fröbeln
Das geht am besten auch zu zweit
(Dann hamse wen zum Pöbeln.)

Ziehen lassen gut vier Wochen
Und später untern Baume
Frisch und frohgemut gekrochen.
Obs geklappt hat, mit dem Traume?