Es ist so. Der Abend, an dem der Hund kotzt, ist der Abend, an dem ich Macarena tanzend auf dem Flur im zweiten Stock ende. „Hausfasching“ heißt der Abend. Claudia wird mir später das Du anbieten und die Hilfe des gesamten Hauses. Frau Andersch wirft draußen Kracher in die Einfahrt der Tiefgarage. Frau Müllerova erzählt Geschichten von früher.

Frau Müllerova ist das Urgestein des Hauses. Eingezogen in den Rohbau, seither tief verwurzelt, steht sie immer noch im Ruf, zu laut zu sein. Jedenfalls bekommt sie regelmäßige Beschwerdeanrufe. Frau Müllerova ist steinalt. Vor Kurzem hat sie mir von ihrem ersten Lehrling erzählt, der seinen Achtzigsten gefeiert hat.

Samstags fährt sie mit ihrem Rolator durch die Häuser. Unsere Wohnanlage besteht aus mehreren Häusern, die über den Keller verbunden sind. Man kann also mit dem Aufzug in den Keller fahren und dann zum Aufzug des nächsten Hauses schieben und hochfahren. Solcherart verteilt Frau Müllerova zum Beispiel Rohrnudeln. Diese, erklärt sie mir, könne man schließlich süß wie herzhaft essen, Hauptsache, das Fett komme aus allen Poren, wenn man mit dem Finger auf die Nudel drücke. Und jetzt solle ich schnell zwei essen, sonst würden sie kalt und das wär schad. Morgen gibt es keine Rohrnudeln, morgen verteilt sie Brühe. Weil alle alten Leute sich eine Grippe eingefangen hätten.

Der Zwack ist anfangs die Sensation, endlich ein kleines Kind, wann er denn ein Geschwisterchen bekomme. Es seien ja alle ausgeflogen, alt geworden. Zwack schaut ernst unter seinen Haifischzähnen hervor, die ich ihm aus Versehen falsch herum an die Mütze genäht habe. Jetzt sieht er aus wie ein Hasenhai, was aber niemanden zu stören scheint. Schließlich ist er der Nachwuchs.

Frau Müllerova erklärt mir alle Anwesenden und malt wortreich ein Bild der Anlage. Wer sich wo wie beschwert, wer wo wie wohnt, lagert, wer wo wie welche Wohnung gekauft hat und wer nicht. Man merke, wirft Nicole ein, dass es eben eine Anlage sei, in der viele Eigentümer wohnten. Nicht nur Mieter. Sie ist keine dreissig und vor Kurzem von der Nummer sechs, wo sie aufwuchs, in die Nummer zwei gezogen. Weg von den Eltern.
Nicole ist eine der Jungen, die mir Frau Müllerova erklärt. Alle kenne sie, alle habe sie gekannt. In der Tat kenne sie sie alle noch als Kinderpopo. Aber da sähe ja einer aus wie der andere.

Irgendwann drängt Claudia, man möge doch jetzt die schrecklichen 90er Mallorca-Hits auflegen, es seien doch alle betrunken genug. Nicole sucht Macarena heraus und zwingt die Damen auf den Flur, wo sie in einer Art Aerobicstunde allen die Tanzuniform beibringt. Der uralte Hit begeistert dreimal. Frau Müllerova lehnt sich gegen den Türrahmen und wedelt mit ihren Armen einen Flamenco mit.
„De Plattn brauch i!“ ruft sie wiederholt und lacht unter ihrem Hut hervor.

Ob sie das erzählen dürfe, fragt sie später, als alle um Claudias Tisch und Whiskey sitzen. Von der Feier. Dass es so schön war. So schön wie früher. Das glaube zwar keiner, aber wenn es so sei. Das würde sie gerne erzählen, wenn sie morgen die Brühe ausfährt. Dann beisst sie gerührt in ihre Rohrnudel, das Fett quillt aus den Poren, wie es sein muss. Später schiebt sie langsam Richtung Aufzug und summt den Hit.

Ich finde den Aushang zu unserem Sonnensegel im Briefkasten. Eine Kurzmitteilung an Tim zur Kenntnisnahme und Erledigung. Anbei die Beschlüsse, Datum, gezeichnet Frau Hauswart.

1978 wurde beschlossen, unifarbene und/ oder gestreifte Markisen zuzulassen, ebenfalls jeweils passende Seitenblenden. Allerdings nur in den drei Farben gelb, orange und braun. In der Abstimunmung abgeschlagen moosgrün und/ oder blau, die 70er Klassiker orange und/ oder grün sowie die Tarnkombi moosgrün und/ oder braun.
Dem Geschmack der Zeit folgend (!) im Jahr 2000 eine Erweiterung um beige.

Eigentlich hatten wir es gewusst.

Ich pflücke das Schreiben aus dem Briefkasten.
Vor dem Haus eine alte Frau in Begleitung. Ach, ruft die Frau über ihren Rolator mir zu, das habe sie schon gehört, dass beim Bertl (wohl ihr Begleiter) wer Neues eingezogen, sie wohne ja gar nicht hier, aber das habe sie schon gehört. Bertl schüttelt den Kopf, davon wisse er nix. Doch, begeistert sich die Frau, das habe die Anni erzählt, die es von ihrer Putzfrau wisse. Bertl schüttelt weiter den Kopf. Wer ich denn nun sei. Das sei ich, meint die Frau, außerdem käme ich ja grade vom Briefkasten, ich wohne ja hier. Bestimmt die Mitteilung zu unserem Balkon, jaja, das sei hier so geregelt. AH! Bertls Augen leuchten. Balkon! Dann sei ich die aus dem Dritten, die Wimmerwohnung, ja freilich, wo vorher der Grieche war. Aha aha, ich sei das also. Ob da nicht auch noch ein Mann…

Ich nicke, drücke mich nach draußen, schönen Tag noch und überlege, wieso sonst nichts passiert, mitten in München. Vielleicht das Sommerloch, möge es das Sommerloch sein.

Es ist so. Eigentlich wollte ich über das Wohnen in einem Backenzahn schreiben. Ein Backenzahn, dessen Nebenzahn vom Arzt bebohrt wird. Das beschreibt in etwa die Wohnsituation im Stahlbetonwunder, das von einer seltsamen Heimwerkerschwemme heimgesucht wurde. (Tatsächlich befand sich auch eine Zahnarztpraxis im Haus. Sollten die Geräusche von dort gekommen sein, kann ich Zahnarztphobien von nun an ganz anders nachvollziehen.)

Nun aber sind wir umgezogen. Nicht wegen des Bohrens, vielmehr, weil der Backenzahn etwas klein wurde. Ein blödes Bild, vielleicht, der Zahn.

In der neuen Wohnung ist alles anders. Während das alte Haus groß genug für zwei gutmütige Hausmeister war, herrscht hier der Hauswart. Genauer: Frau Hauswart. Wir hatten viel von ihr gehört, bevor wir das erste Mal mit ihr telefonierten. Und eigentlich ist sie auch eine gute Seele. Jedenfalls, wenn man dazugehört. Weil, Sie müssen wissen, es gibt hier auch Mieter, die gehören nicht zu richtig zu uns. Uns. Wir. So spricht Frau Hauswart.

Wir umfassen vier Häuser. In unserem Haus, da sei alles in Ordnung, fast nur Eigentümer. Also, jetzt. Seit die Dings unten ihre Mieter losgeworden sind. Aber es gebe natürlich auch ordentliche Mieter, gell, haha, nix für ungut. Und da haben wir auch gar nichts dagegen.

Alles in allem, ja, für den Umzug, da könne sie schon den Aufzug aufsperren. Nur, vielleicht sei sie nicht in ihrer Wohnung, sondern gerade im Haus unterwegs. (Zu diesem Zeitpunkt des Telefonats halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Frau Hauswart immer im Haus unterwegs ist. Oder in der Tiefgarage. Oder dem Garten. Dem Müllkeller. Dem Trockenraum. Hinter den Briefkästen. In den Geranien.)
Und übrigens, eins noch. Weil, das müssen Sie wissen, wegen dem Schnapper. Wenn man aus dem Keller nach oben geht, zum Beispiel zum Müll, gell, bitte ordentlich trennen, da gibt es so einen Schnapper. Den müsse man immer zuschnappen lassen, sonst habe man Fremde im Haus. Fremde. Und Ausländer von gegenüber. (Oder gar Mieter!)

Frau Hauswart unbekümmert uns ihre Einstellungen und Regeln ins Telefon, gell, haha, drei Tage später können wir sie allerorten im Haus nachlesen. Aushänge. Aushänge, die entwender auf die Oberbaudirektion, die Stadtwerke die Eigentümer(!)versammlung oder sonstige verweisen, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Auf dem Aushang, man möge den Schnapper immer zuschnappen lassen – manch einer spiele sich wohl und dann bleibe alles offen, sperrangelweit! – lese ich am Ende „Wollen Sie Freunde im Haus?“ (Datum, gezeichnet Frau Hauswart). Es klingt drohend. Doch eigentlich steht da: „Wollen Sie Fremde im Haus?“ und soll drohend klingen. Insgeheim wünsche ich mir einen Zahnarzt im Haus.

Kurz darauf robbt Tim hektisch auf allen Vieren über unseren Balkon. Er suche einen Aushang, ob es denn nun erlaubt sei, dass wir hier ein Sonnensegel aufspannten. Oder ob die Oberbaudirektion etwas anderes erlassen habe, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Diese sitzt auf dem Nachbarbalkon und grinst gutmütig durch die Geranien. Gell, haha, ob wir denn jetzt dazugehören wollten.
Erschrocken wache ich auf und fürchte, dass es hier noch den ein oder anderen Zahn zu ziehen gilt. Bohren aber ist nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Wie in jedem ehrenwerten Haus, Datum, gezeichnet Frau Hauswart. Gell, haha.

Es ist so. In diesem Land gibt es nicht viele Tiere. „Alle aufgegessen“, heißt es im Scherz, wie es so ist, mit den Scherzen und ihrem wahren Kern. Das betrifft nicht nur große Katzen, freche Affen oder kleine Dickhäuter. Es gilt auch für Ratten, streunende Hunde oder Miezis.

Zum Beispiel die Katze, die sich in unseren Garten verirrte. Von Katzen lernen, hieße liegen lernen: sie lag mager und zerzaust auf dem Garagendach im Schatten des Mangobaums, fraß ab und zu etwas, was ein Vogel gewesen sein könnte. Seit längerem allerdings bleibt unser Dach verwaist, ich weiß nicht, wo sie hin ist, ich weiß nur, dass unser Gärtner manchmal Vögel jagt, vielleicht zog die Miez bei einem Nahrungskampf den Kürzeren, wurde vom Jäger zur Gejagten. Vielleicht war ihr auch langweilig bei uns.

Ich hätte sie gerne gefüttert, die Miez, aber ich durfte nicht. Tim sagte, ich solle einen Gecko in eine Socke stecken, wenn ich ein Haustier mit Fell haben wolle, man könne keine Tiere hätscheln, wenn nebenan die Kinder verhungerten.

Nebenan. Von wegen. Unsere Nachbarin hat gar keine Kinder, sie hat auch keinen Tim, sie hat Katzen. Zwei. Sie werden nicht nur gefüttert, sondern sogar bekocht. Zweimal zwei Mahlzeiten pro Tag, jeweils Fleisch und Fisch, weil die eine nur Fisch und die andere nur Fleisch frisst. Nach dem Essen liegen sie faul herum, aber nein, nicht etwa auf Garagendächern, sondern im Haus. Genauer: im Katzenzimmer. Präzise: im extra klimatisierten Katzenzimmer. Ist schließlich heiß, dieses Afrika.

Gegenüber wohnt ein Herr mit seltsamen Gartenbewohnern, er hält sich zwei Esel. Sie machen im Großen und Ganzen wenig bis nichts, werden dafür auch nicht bekocht. Er hat sie einem Müllfahrer abgekauft, weil er fand, er behandelte sie nicht gut. Von dem Geld heiratete er eine weitere Frau und jetzt ziehen seine Kinder den Müllkarren.

Unsere anderen Nachbarn haben einen Hund. Kevin. Kevin ist noch recht jung, bewohnt eine Zweizimmerhundehütte. Viermal die Woche kommt der Hundetrainer, um Sitz!Fuß!Platz!Brav!Fein!Pfote!Pfui!Leckerli-Aus!NichtdasHerrchen!Aus!AHAUS! und andere Dinge zu üben. Wachhund will gelernt sein. Die Nachbarin informiert mich auch täglich über die Kevins Fortschritte, wobei sie mich letztens im Unklaren über die Leckerli-Vorlieben lassen musste, denn, Ach Glitzer, es gibt hier einfach keine vernünftigen Wurstis, aber huch, schon so spät, ich muss los, Hundeschwimmen.

Ich habe auch so geguckt. Wurstis. Hundeschwimmen. Aber wenn es auch so heiß ist, dieses Afrika.

Unser Franz Jott hatte es nicht halb so gut. Bei der Besichtigung der nordkoreanischen Straußenfarm am Rande der Stadt hatte man ihn uns feierlich überreicht. Und einem geschenkten Strauß schaut man bekanntlich nicht in den Schnabel, auch, wenn er weder Fell hat noch in eine Socke passt. Wenigstens ernährte sich Franz Jott weitgehend selbst, war auch sonst anspruchslos und ein guter Einbrecherschreck. Hin und wieder spazierte ich mit ihm durchs Viertel, er war sehr neugierig und plusterte sich auf wie ein Pfau.

Während des Urlaubs hatte unser Gärtner den Auftrag, ihn regelmäßig auszureiten. Als wir allerdings wiederkamen, war er fort. Beim Synchronschwimmen mit Kevin ertrunken, hieß es. Daran glaube ich nicht. Können Sie sich Franz Jott beim Synchronschwimmen vorstellen? Mit jemandem, der Kevin heißt? Na bitte. Vielleicht war ihm langweilig, vielleicht lief er zurück in die Farm zu seinen Geschwistern. Oder er spielt im Haustierhimmel mit der mageren Garagendachkatze. Dort ist es bestimmt schön kühl.

Mögen Sie Ihren Stadtbezirk oder wengistens Ihre Kommune? Bestimmt. Ich wohne ja in einer Stadt, die den Beinamen „La Belle“ trug. Die Schöne, ereifert sich meine Nachbarin gerne, pah, dass sie nicht lache, sie müsse selbst dafür sorgen, dass die Straße vor ihrem Haus sauber sei. Die Schöne, von wegen, eigentlich gebe es nur Staub. Staub und Dreck. Staub und Dreck und Menschen und staubdreckige Menschen. Ihre Straße trage jetzt keine Nummer mehr, sondern werde „rue Daniele“ genannt, nach ihr, auch wenn es streng genommen Drahamane sei, der die Straße sauber schaufele. Aber sie zahle ihn schließlich dafür.

„J’aime ma commune, je paye mes impôts“ hieß die Kampagne hier, aber was nach GEZ klingt, säubert noch lange keine Straßen und die Beamten, die aus den Steuern manchmal und leidlich bezahlt werden, kehren die Straßen ebenfalls nicht, sondern zocken als Zuverdienst die private Müllabfuhr ab. Das bringt nicht soviel ein, wie das Abzocken der Sammeltaxis, aber die werden von den Polizisten abgezockt, es hat schließlich alles seine Ordnung, den Beamten gehört die Müllabfuhr. Nicht, was sie schon wieder denken, keine orangenen Laster, nein, Eselskarren. „Eselchen, wie süß!“ rief eine Besucherin kürzlich bei jedem Müllkarren aus. Vielleicht passen die süßen Eselchen besser in die Idylle von La Belle und das Ganze hat Konzept. (Idylle: erzählte ich schon, wie ich vor Kurzem beim Rechtsabbiegen ein Kamel im toten Winkel übersah, weil ich noch vor der von links nahenden Rinderherde samt Kinderhirten auf der Hauptstraße sein wollte? Nein? Großes Kino, wirklich.)

Um die Stadt also sauber zu kriegen, vor allem die Abwasserkanäle kurz vor der Regenzeit, rollt nun eine neue Kampagne an: „J’éclaire ma commune.“ Die Wutbürger des Ländles würden sich umschauen, soviel Schaffeschaffe allerorten. Die Abwasserkanäle werden freigeschaufelt, was die Liebe zur Kommune hergibt, fein säuberlich wird der Unrat aufgehäuft.
Und bleibt dann am Straßenrand liegen. Denn es gibt keine Müllabfuhr, jedenfalls keine öffentlich organisierte. Die süßen Eselchen kommen nur zu Leuten wie Daniele, die dafür zahlen. Und wer zahlt schon für Müll. Der bleibt also solange liegen, bis ihn Wind oder Regen, Verkehr, süße Eselchen oder Rinder zurück in den Abwasserkanal treiben. Oder in den Nachbarbezirk, dann wäre der eigene entsprechend der Kampagne sauber.

Während die Leute aus Liebe zur Kommune schaufeln, wird ihre Regierung entlassen. Und irgendjemand wird einen Kreisverkehr oder eine Straße nach ihnen benennen. Dieser irgendjemand wird auch dafür bezahlt werden. Von wessen Geld auch immer.

Und irgendwann wächst Staub über die Sache, die Kreisverkehre, die Regierungen, die Müllhaufen, die Kanäle, die Schaufeln, die Eselchen, die Beamten, die Kampagnen und die Kommunen. Allein die rue Daniele erstrahlt weiter im aufrichtigen Glanz der Eigeninitiative.

Vollgas Feierabend.

Januar 7, 2011

Kennen Sie diese Feierabendverlockung? Ein ganzer Abend, nichts zu tun, einfach nur in Ruhe stumpf vor sich starren und am nächsten Tag ist auch noch Wochenende.
Es ist nicht überraschend: ich mag Feierabende. Zurzeit habe ich die Wohnung für mich. Nach Hause kommen, Ruhe atmen, zum Kühlschrank schlurfen, Madame, bonsoir, ça va, das Gas sei alle. Alle? Alle, fini, aus. Ich bin nämlich nie wirklich alleine.

Ich gehe zu Mathieu, bon soir, und der Tag, alles gut, ça marche, das Gas sei alle, ob er neues besorgen könne, ja, sehr gut. Pause. Äh, jetzt? Jetzt, jetzt, ja, nein, ja, natürlich, jaja, da gebe es dieses Standl links beim Libanesen, die kenne er, on est ensemble. Was es koste, frage ich. Nun ja, wegen des Libanesen, er wisse nicht genau. Mathieu geht zum Nachbarn, großes Hallo, kommt zurück, wegen des Libanesen, also, der sei ein bisschen teurer, Wieviel, Nun ja. Mathieu geht zum Nachbarn, großes Hallo, kommt zurück, Zwölfeinhalb.

Während er unterwegs ist, erstmal zum Nachbarn, großes Hallo, treffe ich Jean, bonsoir, Madame, und der Tag und die Arbeit und hier und alles gut, ça marche, jetzt sei ja auch Wochenende, alles in Ordnung, dankeschön.

Mathieu, der Nachbar und die Gasflasche kommen an. Jetzt war doch alles billiger, das Standl beim Libanesen hatte gar kein Gas wegen Elfenbeinküste, nun ja, egal, aber ein Kumpel von Mathieu und Freund des Nachbarn, ach, man sei eben ensemble, n’est pas?

Jean, Mathieu und der Nachbar verschrauben lautstark das Gas, Fatoumata ruft aus der Küche, wie es denn nun aussehe, der Freund des Nachbarn kommt mit Tee, bonsoir, Madame, ça va, die Wohnung taucht in einen recht eigenen Gasgeruch und auf einmal steht Ralf vor mir, wegen der Spätzlepresse. Ja, eines Schwaben Stolz und hier sei ja mächtig was los, ça bouge, nein, danke, nichts zu trinken, aber wie war Weihnachten, Silvester, ja, die Familie, jetzt müsse er aber auch los, die Kinder, die Spätzle, Grüße.

Ich bin einigermaßen froh, dass sich die Gaskartusche draußen befindet, nein, noch immer nicht, Mathieu sei aber schon unterwegs, zum Cousin, wegen des Klebebands, keine Sorge, ça va. Bevor ich mir Gedanken über Klebeband im Zusammenhang mit Gas mache, Bonsoir, Madame, er sei der mit den Pestiziden, die Rechnung, bitteschön, aber minus zehn, wegen des Kredits. Beim Anblick der „geschätzten Kosten“ frage ich mich, wieso jemand mit einer derart findigen Buchhaltung noch einen Kredit benötigt. Aber ich sage nichts, denn immerhin hilft er dem mittlerweile recht ansehnlichen Trupp – endlich mal was los im Quartier! – das Gas weiterhin nicht anzuschließen.

Irgendwann einigt man sich darauf, dass man besser jedes Mal neu auf- und wieder zudrehe oder aber je nach Bedarf so auch laufend den Druck regulierte. Schließlich sie ohnehin immer jemand da. So ein Glück.

Schöner mikrowohnen.

März 24, 2010

Ich habe eine neue Mikrowelle. Wahrscheinlich haben alle Menschen eine neue Mikrowelle, die ihre Bedürfnisse von Tchibo beeinflussen lassen. Aber mehr als das: für mich ist sie der Schritt zu einer neuen Küche.

Gut, „Küche!“, werden Sie lachen, falls sie meine Wohnung kennen, „Wie bitteschön spricht man bei 25 Quadratmetern von Küche?“ 25 Quadratmeter als Gesamtgröße der zu bewohnenden Fläche, wohlgemerkt, nicht für einen Ballsaal Küche. Küche wird auf dieser Fläche eine Herausforderung. Sobald zum Beispiel ein einziger benutzter Teller herumsteht, scheint sie VOLL. Deshalb will ich einen Geschirrspüler. Das geht aber nur, wenn ich auf einen Ofen verzichte, deshalb also die heißluftfähige, grillende Mikrowelle. Ich sehe, Sie haben verstanden.

Noch aber habe ich einen Ofen, deshalb ist die vielversprechend silbern glänzende neue Mitbewohnerin ein wenig unpraktisch. Sie dominiert mit ihrem doch ausladenden Wesen die gesamte Wohnung. Was nicht schwierig ist, aber bisweilen ungemütlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich über meine neue Gefährtin, auch wenn ich zunächst eine herbe Enttäuschung erleben musste: das Mikrowellenpopcorn, um das ich Mikrowellenbesitzer seit jeher beneidete, schmeckte mir gar nicht. Aber da kann die Maschine ja nix für. Dennoch. Schlecht erfüllte Illusionen sind schlimm.

So oder so – mein Plan war, die Mikrowelle in Zeiten des Nichtgebrauchs zu verstauen. An einem Ort, der nicht sofort ins Auge sticht. Auch das eine Herausforderung in 25 Quadratmetern. Ich entschied mich für eine Ecke auf meinem Bücherregal, holte den Tritt, wischte da oben ein bisschen rum (ja, das Frühjahrsputzgen!) und versuchte dann, den silbern vielversprechenden Kasten dorthin zu wuchten.

K e i n e  C h a n c e .

Nicht, dass ich die Dame nicht heben könnte. Nein, das kann ich. Sogar, ohne, dass sie mir sofort auf die Zehen fällt. Zugegeben, mit ihr im Arm auf einen Tritt zu steigen, schien mir kühn. Aber dann zu versuchen, sie in Überkopfhöhe abzustellen – schier unmöglich. Fest davon überzeugt, erst wieder mit mindestens Gehirnerschütterung und gequetschter Schulter unter dem silbernen Glänzen zu erwachen, schob ich sie schnell auf die Couch. Von dort wuchtete ich sie – auf Körperhöhe – auf ihren alten, vorübergehenden Platz.

Seit heute wohne ich in meiner Küche. Besser: in meiner Mikrowelle. Sie riecht nach Popcorn.