nein,Es ist so. Der Zwack wartet sehnsüchtig auf Weihnachten. Er versucht, über das Sichvorlesenlassen von Weihnachtsbüchern, das lauthalse Singen von Weihnachtsliedern und das Einfordern von Plätzchen das Fest herbeizuzwingen. Wieso? Weil Winter cool sei, weil er auf einmal Schnee gerne habe, Ski fahren lernen wolle, blabla – kurz: er wünsche sich einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO und an Weihnachten gebe es Geschenke.
Weil es Sonntagmorgen halb sechs ist, schlage ich vor, er solle schonmal anfangen, seinen Wunschzettel an das Christkind zu malen. Er wolle aber keinen Wunschzettel, nein, doof, er wolle einen Polizeihubschrauber. Ich frage, wie das Christkind ohne Wunschzettel wissen solle, was es mitbringen solle. Und dass das Christkind vielleicht der Meinung sei, er brauche unbedingt einen kratzenden Wollpulli oder ein Bibi und Tina-Hörspiel, wenn er keinen Wunschzettel male. Er schaut mich ungläubig an, einen kurzen Moment denke ich, ich habe übertrieben und er hält das Christkind nun für völlig unzurechnungsfähig. Er geht schweigend LEGO spielen und singt „O Tannenbaum“.

Später am Vormittag, Weihnachten noch immer in weiter Ferne, fragt der Zwack mit Blick auf Otto, ob er auch keinen Schnuller gehabt habe. Und wieso. Weil nämlich, der Bertl, der habe einen Schnuller gehabt. Und dann. KAM DIE SCHNULLERFEE! Und habe den Schnuller mitgenommen und dem Bertl ein GESCHENK dagelassen. EIN GESCHENK! Nämlich das große Feuerwehrauto mit den Blinkern, das diese Geräusche macht. Und nur, weil er, Zwack, nie einen Schnuller gehabt habe, habe er, Zwack, auch nie ein Geschenk von der Schnullerfee bekommen. Das sei voll unfair, eigentlich, und ob die Schnullerfee ihm jetzt nicht noch ein Geschenk bringen könne. Müsse. Einen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO zum Beispiel. Ich frage ihn, ob er sich daran erinnere, dass der Bertl am Anfang das Feuerwehrauto ignoriert oder angeschrien habe, weil er lieber seinen Schnuller zurückwollte und die Schnullerfee ziemlich doof fand. Hmpf.

Nachmittag. Mama, wie man sich eigentlich einen Zahn ausschlagen könne. ?! Vielleicht mit dem Skateboard, oder, Mama? Ja, weil der Paul, der habe sich jetzt einen Zahn ausgeschlagen. Mit dem Skateboard. Und der Tom aus der Vorschulgruppe, der habe auch einen Zahn verloren. Ohne Skateboard. Aber dann. KAM DIE ZAHNFEE! Und habe den Zahn mitgenommen und dem Tom ein GESCHENK dagelassen. Deswegen, wenn er sich jetzt einen Zahn ausschlüge, dann könne ihm die Zahnfee ein Geschenk bringen. Er habe ja ziemlich viele Zähne, eigentlich. Oder. Aber er habe keinen Polizeihubschrauber aus kleinem LEGO.
Der Wunsch war ziemlich dringend, an diesem Sonntag.

Am Montag aber will der Zwack auf einmal dringend ein Laserschwert. Ob er eins haben könne. Ein großes, mit so einem Knopf, das dann leuchte und Geräusche machte. Wie StarWars. Zum Kämpfen. Und dann wolle er gerne in einem Verein, in dem man Kämpfen lernt, kämpfen mit dem Laserschwert lernen, ob es einen StarWars-Verein in München gebe. Ich schlage vor, er solle das Laserschwert auf seinen Wunschzettel an das Christkind malen. Wieder ein ungläubiger Blick. Nein, doof, weil das Christkind bringe nur Frieden und er wolle aber so ein Schwert. Dann wünsche er es sich lieber zum Geburtstag. Oh Mann, so spät!

Nun denn. Bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit.

[Epilog Strizzi auf die Kombination: Brav sein – Christkind – Geschenke: „Wenn ich Geschenke kriege, bin ich brav. Sonst mach ich Quatsch.“]

 

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[Ein chaotisches Büro, es türmen sich Zettel über Zettel auf mehr oder weniger geordneten Stapeln. Dazwischen versucht ein gestresster Weihnachtsmann in Trainingshose und Rippunterhemd, weitere Zettel auf Stapel zu ordnen. Der Bart zersaust, aus dem Radio tönt „Das bisschen Haushalt“, ab und an summt der Weihnachtsmann mit. Irgendwo klingelt ein Handy.]

Weihnachtsmann (schaut sich genervt um): „…sagt mein Mann. Verdammt. Wer ruft denn jetzt an. Und wo hab ich das Scheißding! Ah, bestimmt unter dem Wunschzettelhaufen der Applejünger.“ (geht, kramt, der riesige Berg kommt gefährlich ins Rutschen. Das Telefon zwischen Kinn und Schulter eingeklemmt, stapelt er die Zettel erneut, die immer wieder abzurutschen drohen)

Weihnachtsmann: „Christkind! Du störst. Hast Du nix zu tun? Allüberall ist Weihnachtsstress.“ (versucht die abrutschende Zettelmasse aufzuhalten, scheitert, der Berg fällt zusammen)

Christkind (genervt): „Jaja. Fresse. Ich hab nen Wunsch.“
Weihnachtsmann (rollt mit den Augen): „Dann schreib dem lieben, guten Weihnachtsmann einen Brief. Und wenn Du brav warst…“

Christkind (genervter und ein wenig laut): „Hör auf mit dem Scheiß. Es ist dringend.“
Weihnachtsmann: „Dann schick ein Fax. Oder…“ (gluckst amüsiert) „…hast Du Dir wieder aus Versehen die Haare schwarz gefärbt, wie letztes Jahr und kriegst jetzt keinen Friseurtermin mehr? Haste Angst, dass Dich niemand erkennt… Stand Dir gar nicht schlecht.“ (kichert wild)

Christkind (eisern): „Ach. Hör zu. Ich will frei.“
Weihnachtsmann (immer noch amüsiert): „Kein Problem. Be my guest. Ab dem 25. …“

Christkind: „Ich hab gebucht. Ab 22. D E Z E M B E R. Indien. Da wartet niemand auf mich.“
Weihnachtsmann (seufzt): „Bist Du mittlerweile nicht zu alt für diese Aussteigerszenarien? Außerdem kannst Du das ganze Jahr nach Indien. Sei so lieb, nerv mich nicht und mach Deine Arbeit. Apropos – hast Du noch so Applezeugs übrig? Hier wird’s eng.“

Christkind: „Ich brauche kein Applezeugs. Ich. Hab. Frei.“ (äfft): „Das wünsch ich mir vom Weihnachtsmann.“
Weihnachtsmann (holt tief Luft, versucht ruhig zu bleiben): „Ich bin überhaupt nicht zuständig für Dein Gebiet. Überall, wo Du die Bescherung bist, verstehe ich die Leute überhaupt nicht.“

Christkind: „Dein ‚HouHouHou‘ geht auch im Bayerischen Wald. Und Wunschzettel kommen ja nicht als Voicemail. Oder.“
Weihnachtsmann (leicht gereizt): „Kindl, hättste halt den Hasen gefragt, letzten April, ob er Dich nicht vertritt und Du ihn, aber Du musst ja immer alles auf den letzten Drücker…“

Christkind (dogmatisch): „Ich liefere keine Eier aus. Tierschutz. Deswegen habe i c h auch keinen Schlitten. Überhaupt, meine Energiebilanz…“
Weihnachtsmann: „Ha! Energiebilanz! Dann lieber ab nach Indien, oder wie?“ (schlägt einen zarten Küchenpsychologieton an): „Hör zu. Wir haben alle mal einen schlechten Tag. Mach ne Pause, trink einen Tee, lass Dir die Locken neu legen und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders…“

Christinkind (leiert): „Lieber guter Weihnachtsmann/ hör Dir meine Wünsche an/ behalt den Ratschlag doch für Dich/und nerv! Mich! Nich! Notier Dir einfach, dass ich dieses Jahr frei habe.“
Weihnachtsmann (genervt): „Jetzt ists gut. Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Quatsch. Geh arbeiten.“ (fängt wieder an, erstaunlich behände zwischen den Papierhaufen durchzuwuseln.)

Christkind (schluchzt und rotzt auf einmal herzzerreißend): „Ich dachte wir sind ein Team. Ein Teaheam…“
Weihnachtsmann (murmelt): „Jaja, Team: Toll! Ein Andrer macht‘s.“ (sortiert stoisch weiter Briefe und Zettel)

Christkind (schluchzt weiter): „Ach Weihnachtsmänni… Weihni… Es ist so schrecklich. Diese Wunschzettel kommen hier rein, (schluchzt) einer nach dem anderen (schneuzt) – und ich habe Angst vor Ihnen. Applezeugs, Kitchenaid, Haustiere… Ich schaue die Zettel schon gar nicht mehr an. Ich bin so überarbei…“
Weihnachtsmann (bleibt abrupt stehen, unterbricht das Christkind harsch): „Nein. Neinneinnein! Auch dieses Jahr bringe ich Dir keine Burnouttherapie. In Indien, vielleicht? Und hör mir auf mit der Hypochondernummer! Wehe, Du rufst wieder am 23. an, Du hättest einen Tennisarm und könntest weder fliegen noch – ach was weiß ich. Ruf besser überhaupt nicht mehr an.
Ich muss noch die Spezialwünsche bearbeiten. Dinosaurier, Weltfrieden, Claudia Roth als Spitzenkandidatin, Dortmund soll Meister werden –“ (versöhnlich) „Aber wem sag ich das. Kannst am ersten Feiertag gern zum Essen vorbeikommen, ja?“ (geheimnisvoll) „Mit Bescherung!… Machs gut.“ (legt auf)

Weihnachtsmann (murmelt): „Indien. Jedes Jahr das Gleiche mit dem Kindl. Ich hätte gerne andere Kollegen. Oder wenigstens mehr. So, weiter geht’s.“

[Er stapelt den Appleberg neu, holt einen weiteren Schwung Briefe und sortiert sie auf die verschiedenen Haufen. Aus dem Radio tönt „Er gehört zu mir…“ Draußen wird es dunkel.]

Dieser Text ist Teil des jetzt.de-Adventskalenders. Alle weiteren Texte finden sich hier.