Es ist so. Heute lese ich einen Artikel in der Zeitung über bedrohte Wurstarten. Gut, das stimmt so nicht, aber das bleibt in meinem Kopf. Genauer: in meinem Kopf entsteht die Vorstellung einer Roten Liste mit vom Aussterben bedrohter Wurstarten.

Die gute alte Currywurst vom Imbiss. Mit der Schere geschnitten! Zwiebelwurst. Die fette Rote. Bratwürste außerhalb des Reservates Nürnberger Altstadt. Wer kennt heut noch Blaue Zipfel? Auch die Weißwürscht, die ich vor Kurzem aß, schmeckten ein wenig seltsam. Die Lyoner muss sich als Salat prostituieren, ihre schweinerne Seele verkaufen, um noch konsumiert zu werden!

Sie alle sterben, während sich die Chorizo auf der Pizza ausbreitet wie Springkraut am Straßenrand. (Zum direkt proportionalen Zusammenhang vom Wurstimbissbudensterben am Straßenrand und der Ausbreitung des Springkrauts ein ander Mal.)

Im Laufe des Artikels wird mir schlagartig bewusst, dass auch ich gedankenlos meinen Beitrag zum Wurststerben leiste. Manchmal esse ich Fisch. Oder Schnitzel. Ich bekenne: Sogar am Standl bestelle ich eher Leberkas als eine beliebige Wurst.
Was ich bisher als lächerlichen Spleen weißbemützter Scharlatane oder Resteverwertung abtat, sind letzte Rettungsversuche: Weißwurschtcarpaccio. Bratwursthascheenockerl. Knackerschaumsüppchen. Grützwurst Hawaii.

Gepackt vom wütend bürgerlichen Aktivismus dieser Tage, rufe ich sofort die Unterstützer des synergetischen Netzwerks zur Rettung des Wurschtwertschöpfungsprozesses an. (Sie erinnern sich doch wohl, oder?) Schon vor Monaten war uns das Wurststerben ein Anliegen, allein die weltweiten, menschengemachten Ausmaße des Wurstwandels blieben uns verschlossen.

Als erstes planen wir die Verhinderung irgendeines Bauprojektes, indem wir mit der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wurstarten wedeln. Eine Brücke. Ein Bahnhof. Eine Innenstadtsanierung. Irgendetwas wird an der Wurscht scheitern.

Im Geiste sehe ich schon die Transparente vor mir: „Wenn die letzte Wurst gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Curry nicht tanken kann!“ – „Die Wurst geht weiter.“ – „Alte Würste braucht das Land!“ – „Alle wollen zurück zur Wurst, aber keiner ohne Darm!“ – „In dubio pro Wurst!“ – „Alles hat ein Ende!“
Die Planungen bringen mich in Ekstase und ich weiß: solange es in meinem Bekanntenkreis noch mindestens zwei Wurschtmaschinen gibt, ist noch nichts verloren. Und Sie? Kämpfen Sie mit. Essen und spenden Sie jetzt. Kaufen Sie sich heute Mittag eine Wurst beim abgeranztesten Standl, das sie kennen. Tun Sie es für die Sache. Die Wurscht wird es Ihnen danken.

Ach so. Den ausschlaggebenden Artikel finden Sie hier.

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Es ist so. Wer hier eine Uniform an hat, zählt was. Jedenfalls in seinen eigenen Augen. Außerdem eröffnet eine Uniform – je nach Farbe und Einsatzgebiet – die Möglichkeit einfacher Zuverdienste. Sammeltaxifahrer gehören zu gern gesehenen Opfern, überladene Motos. Aufgrund dieser komfortablen Situation versuchen viele Polizistenväter, ihre Kinder auch zu Polizisten zu machen. Die eine oder andere Gunst ist schließlich käuflich. Man kennt sich ja. Und natürlich sind nicht alle so.

Aber immerhin sind so viele so, dass man hier in den Straßen wieder angefangen hat, Diebe, die man sofort erwischt, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Dieses Gesetz nennt sich „430“ – 400 Franc für das Benzin, 30 für die Streichhölzer.

Wenn man die Diebe nicht selbst erledige, seien sie in drei Tagen wieder auf freiem Fuß, das finden viele deprimierend. Auf freiem Fuß entweder, weil sie gute Polizeikontakte hätten oder weil sie jemanden hätten, der sie aus dem Gefängnis kauft. Das geht innerhalb von drei Tagen.

Diese drei Tage sind auch gerade das Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern haben sie unseren Gärtner und Tagwächter Renard abgeholt. Diese Nachricht braucht von der Gartenmauer bis zu mir geschlagene sechs Stunden. Obwohl man mich benachrichtigen müsste, obwohl die Polizei Wächter ersetzen müsste, obwohl man mir sagen müsste, wo sie ihn hinbringen. Ich erfahre gegen fünf, dass er nicht da sei, dass die Polizei ihn mitgenommen habe, sonst niemand etwas wisse, außer, was alle wissen: dass polizeiliche Willkür nichts Gutes ist.

Ich hänge mich ans Telefon, wir finden irgendwann das Polizeirevier heraus und natürlich auch, dass man Freitagabend nichts tun könne. Und Samstag und Sonntag auch nicht. Wir schicken Geld für Essen. Und warten.

Währenddessen der Anruf von Clara.

Ob sie nun gefahren seien, trotzdem. Und ob ich schon gehört habe, dass auch heute wieder. Meine seit sechs Wochen anhaltende Adventsruhe schockgefriert bei 30 Grad.

Analytisch betrachtet, klarer Fall, alle haben darauf gewartet. Donnerstag zwei Franzosen entführt, mitten in der Nacht aus ihrem Hotel. Freitag drei Touristen entführt, mitten in Timbuktu, mitten am Tag. Ein vierter konnte entkommen, der fünfte wehrte sich und wurde auf der Stelle erschossen. Vielleicht hängen die beiden Fälle nicht zusammen, vielleicht aber passiert morgen der nächste. Die Verfolgung am Donnerstag habe nicht gleich aufgenommen werden können, weil das einzige Polizeifahrzeug am Ort auf Mission gewesen sei.

Tim ist unterwegs mit Freunden, nicht dort, aber auch in einer Region, in der man nicht unbedingt sein sollte. Orange. Ginge es nach der Französischen Botschaft, sollte man grundsätzlich nicht mehr außerhalb der Hauptstadt sein. Vor einem Jahr amüsierte ich mich über die Elektronische Deutschenliste. Gestern und heute bin ich nicht so gelassen, als sie statt Weihnachtsmarktwerbung nun Sicherheitshinweise sprudelt. Die Sicherheitshinweise sagen, man solle seine Wächter zu erhöhter Vorsicht raten. Einer der unseren wurde heute von der Polizei geklaut.

Ich rufe Tim an, erst wegen Renard, dann wegen Timbuktu, verständige rundrum, dass wir nicht in Timbuktu sind. Weitere Telefonate wegen der Polizei, mittendrin eine Einladung zum Weißwurschtfrühstück, die wohl in einen anderen Film gehört.

Im anderen Film, spreche ich mit Neill. Und er bringt mich darauf, dass ich noch vor Kurzem bei den Leuten saß, die gestern entführt werden. Irgendwie gehört doch alles zu einem Drehbuch.

Es ist so. A ni fàma, lange nichts gelesen, geschrieben, gehört, gesehen. Ich lerne.
Ich lerne Vokabeln. Nicht wie bisher französische Ausdrücke à la „Du hast den Pfirsich!“, nein, Clara lehrt mich Bambara. Das ist praktisch und vor allem höflich, weil Landessprache. Seit acht Monaten kann ich nichts, wie Clara mir bereitwillig bestätigt. Um genau zu sein, ruft sie mit großem Erstaunen nach jedem zweiten Satz, dass ich ja WIRKLICH nix könne. Und sie hat Recht.

Bisher konnte ich guten Morgen sagen, jetzt stammele ich das Äquivalent zu Mahlzeit! , Guten Nachmittag, Guten Abend, Möge Allah eine friedliche Nacht schenken, Sei gegrüßt beim Kochen / Arbeiten / Verkaufen.
Und ich lerne, ça va et la famille? im ursprünglichen Sinne. I ka kƐnƐ? SomƆgƆw bƐ dì? Ein Mann wird diese Fragen (und alle Fragen der Begrüßungszeremonie) immer mit einem Hinweis auf seine Mutter antworten, eine Frau ihre Gebärfähigkeit preisen. Logisch.

Zugegeben, noch lerne ich vor allem auswendig, was vor in erster Linie daran liegt, dass ich mir „Kein Problem“ besser merken kann als „Leid nichts sich-nicht-befinden`sie [Mehrzahl] an“ herzuleiten. Aber ich arbeite dran, füttere meine Motivation, mit kleinen, auswendig gelernten Erfolgen, wie ein Hund, der Stöckchen holt, bringt, Wurschti kriegt.
Oumar zum Beispiel war hoch erstaunt und erfreut, als ich ihn nach drei Tagen Krankheit nach seiner Gesundheit fragte. Madame! ich könne ja mehr als der Patron* und ja! er sei sehr gesund und aha aha! Bambara! Patron, Madame spricht Bambara! gerade hat sie mich nach meiner Gesundheit gefragt, ça va et la famille?

Außerdem bemühe ich mich, bis zwanzig zu zählen, weil Clara mich mit Engelsgeduld abfragt, Glitzer sieben, Glitzer duuru, Glitzer gegen unendlich, bis ein Kind das alles sehr interessant findet und uns englische Brocken hinwirft, die wir auf Französisch übersetzen sollen, „Du hast den Pfirsich!“ ist nicht dabei.
Das Rechnen erspare ich mir, ständig gilt es, Dinge durch die Gegend zu multiplizieren, weil man einer anderen Zahlensystematik folgt. Clara meint, ich solle mich nicht so anstellen, es sei alles immer nur mal fünf, aber wenn man hundert-hundert sage, sei es halt trotzdem fünfhundert. Ich möchte Pastis.

Was ich sehr praktisch finde sind neben der Abwesenheit von Flexionen die Nachsilben –yƆrƆ, -tìgi und -fƐn. Aus à mìn (trinken) wird mìnyƆrƆ, der Trinkenort, die Bar, mìntìgi, der Trinkenbesitzer und schließlich tatsächlich mìnfƐn, das Trinkending, das Getränk, zum Beispiel Pastis. Mali-Mali**. Außerdem: Hunger-groß sich-befinden ich an.

Ja, ich weiß, so unsystematisch stellt sich das nur halb spannend für Sie da. Und seit fünf Absätzen warten Sie auf die große Blamage meinerseits, die wütende Kamelbesitzer zur Folge hat (kein Angst, so weit kommt es bestimmt bald), wahlweises ein schlimmes Schimpfwort (Unbeschnittener! dafür aber bin ich zu höflich) oder wenigstens die Ergänzung ihrer polyglotten IchliebeDich-Apotheke. Aber das müssen Sie sich schon selbst beibringen. Abana.

*Zum Wesen des Patrons im Allgemeinen, nicht im Besonderen, will ich schon lange schreiben, aber immer kommt mir was dazwischen.

**Der Trinkspruch „Mali-Mali“ geht auf die Anekdote eines malisch-chinesischen Geschäftsessens zurück, bei der ein von chinesischer Seite hervorgebrachtes „Chin-Chin“ schlagfertig mit einem „Mali-Mali“ gekontert wurde.

GEH! UH! EL! AH! ES! CEH! HA!
find ich einfach wunderbar!
Auch lieb ich den Gaumenkitzel
Den beschert ein Wiener Schnitzel.

Niemals nie nicht wird mir fad
Gönne ich mir Wurschtsalat.
Muss das arme Schwein auch hinken
Viel geb ich um guten Schinken.

Kirre werde ich und jeck
Träume ich von sattem Speck.
Ob Onkel Rudi daran starb?
Es ist gesund, es ist low carb!

Ob ich die Eröffnungsrede halten könne, zur Tagung des Netzwerkes zu den komplexen Synergien der Beteiligung von Frauen am gesamten Wertschöpfungsprozess in der Wertschöpfungskette der Cashewnuss. Morgen. Um neun. Wegen des Fernsehens.
Natürlich. Seufzend werfe ich die Palavermaschine an und übe mein Staatsfernsehenlächeln. Das kennen Sie ja schon. Dabei mag ich Cashewnüsse nicht mal sonderlich.

Fünf vor neun sind mein Lächeln, meine Rede und ich da und weil nichts passiert, bis das Fernsehen kommt, unterhalte ich mich mit Niels über den Untergang des Wurschtens. Es ist nämlich so, dass kaum mehr jemand selbst wurschtet. Die Wertschöpfungskette der Wurscht etabliert sich quasi ohne die Beteiligung von irgendjemandem.
Das entspricht jedenfalls meiner Erfahrung, ich versuchte, für Niels zweihundert Meter Darm aufzutreiben. Ich erntete in zig Metzgereien bedauerndes Kopfschütteln, man habe kein Stückchen Darm, man wurschte nicht.
Nur einmal, freilich, Madl, Darm, sowieso, immer, aber in der Menge bis morgen – ganz schlecht. Man wurschte gerade die Würschtl für das Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr Tandern, vastehst, da bleibt nix, zwoahundert Meter, höchstens Dienstag oder as nächste Moi, dann gern als Spende für Afrika, haha, mogst a Wiener?

Niels hat eine Wurschtmaschine. Niels wurschtet. Er produziert und isst seine eigene Wurschtwertschöfpungskette. Manchmal veranstaltet er Grillfeste, legendär mit Harry von Brot für die Welt. Das nächste Fest soll in der Kneipe von den Australiern stattfinden. Sonst frühstückt man dort Speck-Spiegelei-Kartoffelpuffer-Burger süß-sauer, aber kein Vergleich mit Niels Würschten.

Allerdings sind die Grillfeste jetzt in Gefahr, in Ermangelung von Darm und Strom und während wir uns über Darm und Strom unterhalten, sagt man uns, man warte noch auf das Fernsehen. Irgendwann warten wir nicht mehr auf das Fernsehen, sondern fangen mit der Tagung an, und weil das Fernsehen nicht da ist, braucht man auch keine Eröffnung. Als das Fernsehen dann aber nach einer Stunde Diskussion über die komplexen Synergien der Beteiligung von Frauen am gesamten Wertschöpfungsprozess in der Wertschöpfungskette der Cashewnuss doch noch kommt, unterbricht man die Diskussionen und beginnt die Eröffnungszeremonie.

Niels entwirft während meiner Rede seinen neuen Grill. Ich schalte mein Staatsfernsehenlächeln ein und versuche, nicht ständig an Wurscht zu denken oder gar „Wurscht“ zu sagen. Womöglich noch Schweinswürschtl im muslimischen Staatsfernsehen, ein Eklat.

Das bringt mich zu einer Frage: was ist eigentlich Ihr liebstes Wurschtrezept? Oder sind Sie gar nicht mehr am Wertschöpfungskettenprozess der Wurscht beteiligt? Es wurschtet ja kaum mehr jemand. Vielleicht sollte ich beim nächsten Grillfest ein komplex synergetisches Netzwerk gründen. Machen Sie mit! Cashewnüsse wachsen schließlich auch nicht in der Dose.