Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

Es ist so. Für manches muss man alt werden. Ich meine nicht so banale Dinge wie Kinder kriegen oder Bausparer auflösen. Ich rede natürlich von Großem. Erkenntnisse. Erfahrungen. Weisheit. Oder in meinem Fall eben der Koffer.

Der Koffer versteckt sich im Keller meiner Eltern, also in Papas Keller. Seit jeher. Er – der Koffer – versprüht jene Faszination, die Dinge versprühen, denen man sich nicht nähern kann. Ich kannte alles in Papas Keller. Nachmittage verbrachte ich damit, in dieser schlecht beleuchteten Höhle eine Schraube neben die andere zu legen, Werkzeug zu sortieren, mir genau einzuprägen, welche Angel sich hinter welcher Tür befand oder zu überlegen, wozu man dieses ganze Zeug wohl eines Tages brauchen könne.

Nur der Koffer. Der war zu. Nicht verschlossen, aber ich wusste, dass ich ihn nicht öffnen sollte. Weil Paps Leben in diesem Koffer ruhte. Was malte ich mir aus! Fotos. Murmeln. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend. Noch mehr Fotos. Briefe. Was so in einen Koffer passt.
Auch jenseits der kindlichen Neugier habe ich oft gefragt, ob er ihn nicht mal öffnen wolle, ein paar Fotos zeigen. Keine Chance. Der Koffer staubte in seiner respektvollen Aura ein.

Und vorgestern beim Abendessen war auf einmal alles ganz leicht. Wobei, vielleicht begann das Öffnen des Koffers auch schon, als ich die alten Super-8-Filme mitnehmen durfte. Behutsam drehte ich sie durch das kleine Vorschaugerät und sah mich durch einen Kindheitsurlaub hüpfen. Balsam auf die Seele, wenn man gerade dabei ist, das Bild seines Vaters zu verlieren. Da war er also doch. Der Mann hinter der Kamera, dessen lustigen Launen keine Verklärung waren, sondern tatsächlich Erinnerungen.

Jedenfalls, vielleicht beim Biss ins Salamibrot, fragte ich nach der Fleischerei. Damals, die Fleischerei. Ja, sagte Papa, mei, die Fleischerei. Ob ich vielleicht ein Foto sehen wolle. Im Film hätte ich mich in dieser Situation verschluckt und kein Wort mehr herausgebracht.Leider habe ich mich nicht verschluckt. Ich war sehr undramatisch überrascht.

Nach dem Essen barg Papa seinen Koffer. Naja – zunächst fischt er ein einzelnes Album heraus, müffelte es ins Wohnzimmer und zeigte mir: Hamburg. 1959. Zugegeben, ich war enttäuscht. Und ungeduldig. Hamburg? Ich wollte die Fleischerei!
Aber wir mussten uns der Fleischerei von der Neuzeit her annähern. Hamburg, Bamberg – alle Fotos verrieten ihren Teil über die Fleischerei.

Wir streiften rückwärts nach Westpreußen, vorbei an Konfirmationskursen und Schulklassen, Hochzeitfotos, meiner Oma (hinter einer anderen Fleischtheke). Foto nach Foto, vielleicht nur dreissig Stück, Anekdote an Anekdote. Erinnerungen. Familie. Freunde. Todesfälle.
Irgendwann ein Sippenfoto der Urgroßelterngeneration. Der Krieg. Der Sprung aus dem Zug auf dem Weg an die Front. Aber nirgendwo die Fleischerei.

Hm. Dann solle ich eben mitkommen. In den Keller.
Der Koffer. Wir klappten ihn auf und es drehten alles um. Fotos. Die Kostbarkeiten einer geklauten Jugend, Briefanfänge – „Liebes Mädel“ -, Freunde, Familie, ein Schachspiel, Verkehrswegepläne, Verdienstmedaillen, Bierzeitungen, Vierfarbkugelschreiber. Stunden.

Auf dem Foto der Fleischerei erkennt man nicht viel. Dafür ist es jetzt meins. Man will ja nicht umsonst so alt geworden sein.

p.s.
Wenn jemand einen guten, finanzierbaren Tipp für die Digitalisierung von Super-8-Filmen hat, freue ich mich.

Und wer sich für Koffer interessiert, sei dies ans Herz gelegt.

Es ist so. Das Land ist nicht nur der drittgrößte Goldexporteur des Kontinents sondern besitzt auch den drittgrößten Staudamm. Den allerdings nur zu einem Drittel, er beliefert drei Länder mit Strom. Und weil das Wochenende lang ist, fahren wir ihn besichtigen, in den wilden Westen.

Die Zahl der Touristen hält sich dieses Jahr in Grenzen – indirekt proportional zum Staub, interessanterweise, wenn auch zusammenhangslos – und die der Staudamminteressierten bleibt ohnehin zu vernachlässigen. Dementsprechend gestaltet sich die Herbergssuche, irgendwann quartiert man uns in den alten Häusern der deutschen Ingenieure von vor 30 Jahren ein, in den Teil, der dafür im Moment nicht vorgesehen ist.

Die verlassenen Häuser der Ingenieure sind überraschend viel sauberer als das Hotel, das wir beim Zwischenstopp vor drei Stunden und hundert Kilometern Piste für die Rückfahrt reservierten. Der Hausmeister wirkt auch weit weniger überrascht über die Übernachtungsanfrage als die Leute im Hotel. Essen könnten wir abends bestimmt in La Cantine, wir rufen vorsichtshalber den Koch an.

Aufgrund des Staubs scheint der Stausee uferlos, wir träumen uns ans Meer. Eher Ostsee, der Kälte wegen. Dann laufen wir durch die Gegend, stolpern über einen verlassenen Campingplatz, sitzen am Flussufer und der Verwalter erzählt von damals. Wie es war, als hier noch ein Fluss war, ohne den See, ohne die Pumpen, ohne den Damm. Wie es jetzt sei und dass alle Arbeit hätten. Dass die Deutschen den Damm gebaut hätten, ob wir deshalb hier seien. Die Deutschen. Ich erinnere mich an einen Prüfbericht über den Damm, der mir einst in die Finger geriet. Flora und Fauna könnten durch die Überflutung Veränderungen erfahren. Konjunktiv.

Abends, La Cantine. Tatsächlich die ehemalige Kantine, beziehungsweise auch die aktuelle. In der Cité gelegen, dem Ingenieurscamp. Sie sieht aus wie alle anderen Kantinen im Deutschland der Achtziger. Es gibt Hacksteak und Erbsen-Möhren-Gemüse aus der Dose. Als wir draußen am beleuchteten, gut unterhaltenen Tennisplatz vorbeifahren, werde ich vollends zeit- und ortlos und rede mir ein, dass das alles nur daran liegt, dass dieser Ort Strom hat.

Wir setzen uns vor unser Haus, trinken Wein, schauen in die Sterne und die Kinder der Achtziger erzählen einander von zu Hause.

Es ist so. Ich erhalte eine Rechnung. Also nicht ich, sondern ich als Teil von NeueFirma. Die Rechnung kommt im Januar, sie ist aber für Leistungen letzten November. Seit Januar ist auch die Verwaltung fusioniert, was früher Mathieu und dann Frau Skypeverbot erledigten, erledigt nun – ja nun. Ich trage die Rechnung zu Frau Skypeverbot, die mich mitleidig ansieht und stumm mit den Schultern zuckt.

Dann trage ich die Rechnung zur Freundin von Frau Skypeverbot. Die steht der Verwaltung von NeueFirma hier vor, schüttelt den Kopf. Wie sie das tun solle. Ich habe ja keine Projektnummer und würde nicht über das Büro finanziert. Sie sei nicht zuständig. Wie ich überhaupt finanziert sei. Oder meine Stelle. Das frage sie sich ohnehin. Und wie viele wie mich es denn gebe.

Ich frage in der Zentrale nach, wo das Kopfschütteln per Mail zurückkommt. Man appelliert an meine Geduld, ich solle abwarten, bis ich ein Projektbudget habe. Dass ich gerne, der Rechnungssteller aber nicht so gerne bis ultimo warten könne, wird ignoriert.

Tage später kommt Frau Skypeverbot und fragt nach der Rechnung. Ob die immer noch da sei. Ich könne sie ja privat bezahlen, man werde dann vielleicht im Laufe des Jahres eine Lösung finden, man müsse ja, sie wolle mit ihrer Freundin reden. Ich erwidere, dass ich nicht einsehen würde, Dinge privat zu zahlen. Ich solle mich nicht so anstellen, ich könne schließlich keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sie dann nicht zahlen, das ginge so nicht, man sei ja NeueFirma. Den Einwurf, dass nicht ich die Dienstleistungen in Anspruch genommen habe, sondern die Rechnung im Auftrag von NeueFirma entstanden sei, dass es gewissermaßen mein Job gewesen sei, diese Rechnung zu produzieren, tut sie mit einem weiteren, schulterzuckenden Ich solle mich nicht so anstellen ab. Wofür die Rechnung überhaupt sei, aha, sie halte das ja für völlig überflüssig. Sie jedenfalls könne sich da nicht drum kümmern, am besten sei, ich verursache nun bis auf Weiteres keine Kosten.

Ob ich dann nach Hause gehen könne. Nein, natürlich nicht, ich hätte diesmal ja sogar schon einen Vertrag. Ich frage nach der Büromiete, dem Anteil der Telefonanlage, der Internetverbindung – Ah, Internetverbindung!
Was sie mich schon lange mal fragen wollte, wie das denn sei mit dem, sie wisse jetzt nicht genau, wie man sagte, diesem Widrahtlosinternet, ob sich das in die Telefonanlage einwähle und wo die drahtlosen Kosten denn landeten. Man habe so hohe Telefonkosten, das müsse doch irgendwo herkommen. Ich versuche, ihr den Unterschied zwischen betoniertem und drahtlosem Internet zu erklären, dass das Büro unterschiedliche Telefon- und Internetanbieter habe, auch wenn bei Problemen immer der gleiche Privatunternehmer käme. (Ein sehr sympathischer Malier, der sein Studium als Grillwalker auf dem Kurfürstendamm finanzierte und recht berlinert.)

Frau Skypeverbot nickt, schüttelt den Kopf, nickt, staunt mich stumm an, nimmt die Rechnung und geht. Ich überlege ganz kurz, ob das eben eine private Dienstleistung war oder ob ganz NeueFirma davon profitiert. Dann aber fällt mir ein, dass ich im Trainingsbereich arbeite und das neue Jahr noch ganz jung ist.

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Es ist so. Form sei der höchste Inhalt, vermittelte uns unsere Deutschlehrerin. Damals ging es um Lyrik. Dieser Satz hilft mir oft weiter und vielleicht verstehen Sie nun, wieso die Ouverture und die Clôture einer Veranstaltung viel wichtiger sind als deren Inhalt. (Die Banderole lassen wir mal außen vor.) Nein, es ist Ihnen noch nicht klar? Gut, ich teile gerne Anschaulichkeiten, nehmen wir das Beispiel einer einfachen Ouverture, ohne Minister, ohne allzu viel Aufhebens.

Heute erhalte ich die Einladung [URGENT!] zu einer Veranstaltung mit beigefügtem Programm, 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Ouverture 10.00 Uhr, Clôture 12.00 Uhr. Aus dem Einladungsschreiben geht hervor, dass ich NUR zu Ouverture und Clôture eingeladen bin, nicht zum Arbeiten zwischendrin.

Ein Blick aufs Programm verschafft Klarheit:
Neun Uhr dreißig bis neun Uhr fünfzig: Installation der Teilnehmer.
Neun Uhr fünfzig bis neun Uhr achtundfünfzig: Installation der Päsidiumsmitglieder.
Dann folgen zwei Minuten voller Nichts (das Fernsehen verlegt die Kabel, Namensschilder werden vor die richtige Person gerutscht.)

Zehn Uhr: Ouverture. Der Zeremonienmeister, der unbedingt jemand anderes sein muss als der Einladende oder die Moderatoren, verliest das Programm. Das Programm der Ouverture, wohlgemerkt, denn die geht um zehn Uhr fünf erst so richtig los. Fünfzehn Minuten Ansprache des Generaldirektors für Öffentliche Aufträge, zehn Minuten Intervention des Geberchefs, fünfzehn Minuten Ansprache des Generalsekretärs der einladenden Initiative – es ist geschafft. Die Ouverture vorbei, zehn Uhr fünfundvierzig, es gibt Kaffee und der nicht arbeitende Teil der Anwesenden kann sich bequem zurückziehen. Danach, bis elf Uhr, Aufheben der Kaffeepause, elf Uhr, Fortsetzung (!) der Arbeit.

Für diese sind genau dreißig Minuten veranschlagt.

Um elf Uhr dreißig beginnt die Installation der Teilnehmer zur Clôture, anschließend, bis elf Uhr achtundfünfzig die der Präsidiumsmitglieder, um elf Uhr neunundfünfzig, offizieller Beginn der Clôture, zwölf Uhr Präsentation des Programmes (genau, der Clôture) durch den Zeremonienmeister (der gleiche wie vorhin), fünf Minuten später jeweils fünf Minuten des Dankes der beiden Arbeitsgruppen, fünfzehn Minuten Schlussansprache des Generalsekretärs, Übergabe der Zertifikate, zwölf Uhr dreißig: Schluss.

Fast. Eingeladen bis vierzehn Uhr, also: Installation der Teilnehmer am Mittagstisch. Ohne große Worte.

Ich rechne kurz, dass ich bisher noch vor jeder Ouverture mindestens 30 Minuten auf das Fernsehen warten musste und beschließe, einfach im Büro Kaffee zu trinken und zu Hause zu Mittag zu essen, jegliche Form völlig ignorierend. Urgence, Pertinence hin oder her.

Der erste Weiße, der je einen Fuß nach Timbuktu gesetzt habe, erzählt Moussa, sei ein Deutscher gewesen. Sein Haus stehe noch.

Die ersten, die die Unabhängigkeit dieses Landes anerkannt hätten, seien die Deutschen gewesen, vor über fünfzig Jahren.

Dann habe sein Vater angefangen, für die Deutschen zu arbeiten. Straßenbau. Sein Onkel habe bei den Deutschen als Wächter gearbeitet und er, er fahre nun seit zwanzig Jahren für die Deutschen, spreche nur leider zu wenig Deutsch.

Die Deutschen seien gute Arbeitgeber, ja, tatsächlich, sie zahlten anständig, kein Scherz, Madame, behandelten die Menschen respektvoll und man könne sich auf das Wort eines Deutschen verlassen, wo gebe es dann schon noch.

In der Politik, da sei es genauso, was die Deutschen sagten, das habe Hand und Fuß, da solle sich Frankreich mal eine Scheibe abschneiden, immer erst die ganze Welt provozieren und sich dann verziehen. Man müsse sich nur die Deutsche Botschaft hier ansehen, so freundlich, so offen und dann die der Franzosen! Ein Fort! Sie hätten Angst.

Deutsche müssten nirgendwo auf der Welt Angst haben. Sie könnten sich überall auf der Welt frei bewegen und würden von allen geliebt. Immer nur von allen geliebt. Er arbeite gerne für die Deutschen.

Vom deutschen Fußball ganz zu schweigen! Voller! Beckenbauer! Schweinsteiger!

Doch, die Deutschen seien gute Menschen.

Nur eine Frage habe er. Manchmal, da salutiere man hier den Autos mit den deutschen Aufklebern ganz anders als man sonst militärisch salutiere. Ob das typisch deutsch sei.

Kurz darauf ein Gespräch mit einem Kollegen. Über den Stolz auf die Bundesrepublik. Die alte Bundesrepublik, früher, die Bundesrepublik, die Leuten ermöglicht habe, auf dem zweiten Bildungsweg zu studieren und die – ach. Früher. Ob ich mich jetzt schon beworben habe, bei denen, die aus dem Stolz auf die alte Bundesrepublik heraus nun politische Bildungsarbeit leisteten. Wir trinken noch ein bisschen Bier und denken an Berlin.

Monate später sitze ich in einer unwirtlichen Umgebung, Disziplin und Fleiß, möchte seit drei Tagen eigentlich nur nach Hause. Neben mir ein kratziger Kollege, auf der anderen Seite der Geschäftshaber der Botschaft. Hinter mir an der Wand steht, ich sei für West- und Zentralafrika plus Madagaskar zuständig. Madagaskar… irgendwann würde ich da tatsächlich gerne hin. Während ich überlege, wo ich sonst noch so hinmöchte, am Besten JETZT, erklingt die deutsche Hymne. Und diesmal – ich bin selbst überrascht – wird auch mir ganz weihnachtlich dabei. Bald ist wieder 03. Oktober, wie seltsam. Wie anders.

Es ist so. Wir sind in Kani-Kombole. Fragen Sie nicht, wo das liegt, es gibt dort nichts. Gut, die erste Moschee der Ebene, aber Boubacar – dit: Simon – findet Moscheen uninteressant. Simon führt uns seit drei Tagen durch die Ebene, von Dorf zu Dorf, Schmied zu Schmied, Huhn zu Huhn, Ogon zu Ogon, vorbei an Moscheen. Wir finden Moscheen brav auch nicht unbedingt bemerkenswert und beschließen, bald weiter zu ziehen, eine Cola, dann wieder aufs Plateau, Mittagessen, ab in die Stadt. Eine Dusche. Bier. Die Stadt.

Wir trinken unsere Cola, Simon raucht, trinkt seinen Tee und weil ein Tee kein Tee ist, warten wir, sehen uns Schnitzereien an, kaufen nichts, stehen noch ein bisschen um den ältesten Baum des Dorfes, Simon unterhält sich. Ein Junge spielt uns auf seiner Pfeife vor. Als wir sie nicht kaufen wollen, versucht er es mit seiner Steinschleuder, schließlich bleibt er neben uns stehen und sieht uns an. Ein alter Mann begrüßt uns, ein anderer bringt uns eine Bank, ein dritter fragt, ob wir nicht noch seinen Laden besuchen wollen. Simon unterhält sich, er war lange nicht hier, heute ist Markt, später, nach der Feldarbeit.

Als der Junge uns seinen Bruder verkaufen will, schlendern wir doch in den Laden, lassen uns Masken und Ringe, Bronzefiguren und Muscheln, Kuhschwänze und Kani-Kombole erklären. Dass wir bestimmt schon lange in Afrika seien, oder Madame, doch doch, bestimmt, machen Sie mir nichts vor, das könne man sehen. Wir kaufen zwei Ringe, Danke, einen schönen Tag.

Simon unterhält sich, stellt uns vor, fragt, ob wir jetzt hier Essen bestellen sollten. Ob wir nicht aufs Plateau wollten, frage ich. Doch doch, aber jetzt sei es ein wenig spät und weil wir ja noch in die Stadt wollten, es sei besser, wir würden nun hier essen und anschließend nach oben, das hier sei Allaye, ein alter Freund. Wir warten auf das Huhn, lange, länger als auf alle anderen Hühner zusammen, dafür, meint Simon, schmecke es schlechter.

Nach dem Huhn kommt langsam Bewegung in den Markt, Simon meint, wir sollten ihn uns kurz ansehen, erklärt Früchte, Gemüse und Kruditäten, Leute, stellt uns vor. Nach dem Rundgang sitzen wir um den Baum, Simon unterhält sich. Der Junge neben uns, sieht uns an, pustet in seine Pfeife. Irgendwann, Tees später, sitzen wir schweigend. Vor der nächsten Zigarette frage ich Simon, ob wir noch auf etwas warteten. Erstaunt schüttelt er den Kopf, er doch nicht. Wir fahren, der Junge winkt.

Es heisst, dieses Land sei landlocked. Überall rundrum: Land. Kein Meerzugang, keine Küste, kein Korridor. Aber es ist nicht wahr. Dieses Land ist eine Insel.

Sie machen sich Sorgen um meinen Verstand? Ob ich schon zu lange in der Wüste sei? Und Oasen sehe?

Gut, dann eben keine Insel. Dieses Land ist eine Zeitfressmaschine.
Ich weiss nicht, wie lange ich schon wieder hier bin, meine Wahrnehmung sagt: ewig. In Abendgestaltung gemessen bin ich vier komplette Vorabendserien, eine Filmserie, die Hälfte von Stanley Kubrick, sowie ein Bücherregal lang hier, einen Botschaftsempfang, ein Jubiläum, zwei Partys, diverse Telefonabende, drei Abendesseneinladungen, ein Gitarrenselbststudium. Sowie bereits so lange, dass ich auch bei 30Grad meine Zeit mit mir verhasstem Ausdauertraining auf dem von mir nicht sonderlich geschätzten Rad verbringe.

Sie denken, ich sei vielleicht hyperaktiv?

Nein, es ist ein durchaus normaler Kompensationsvorgang. Viel der restlichen Zeit verbringe ich mit Warten. Oder Rumstehen. Oder Warten darauf, dass ich wieder irgendwo rumstehen kann, um mich den Absurditäten des Alltages zu widmen. Zum Beispiel warte ich noch immer auf die Gültigwerdung meines Arbeitsvertrages.
Dafür hat das Warten auf die Post ein Ende, nachdem ein Nachmittag beim Zoll rumgestanden wurde: seit letzer Woche ist mein Büro um 130 Kilo Corporate Identity erweiter. Ein Kilo davon verströmt Pfefferminzduft. Dazwischen vertrocknen Minigeckos und werden zu Ameisenhaufen.

Dabei kann man zugucken, beim Warten. Aber ich habe Glück. Ich muss noch einen Excel-Tabelle erneuern. Eine tausendzweihundertzeilige Excel-Tabelle. Wussten Sie, dass es in diesem Land gefühlt circa sieben Nachnamen gibt und siebzehn Vornamen, von denen wiederum zehn irgendwie Mamadou sind? Zwischen dem Warten ordne ich also die Liste. Nach Geburts- und Todesdaten, Funktion, Vorhandensein von Telefonnummern oder alphabetisch. Oder eben in Kombination. Ich mag Excel. Ich dachte immer, ich würde einen Atlas auf eine einsame Insel mitnehmen wollen. Aber ich glaube, ich nähme nun doch lieber eine Exceltabelle mit. Aber ich will gar nicht auf eine einsame Insel.

Ich bin ja schon hier.