Es ist so. Im Ranking der Reporter ohne Grenzen in Sachen Pressefreiheit landet das Land auf Platz 25. Viertbeste Wertung des Kontinents, gleichzeitig mit Ghana als „traditionelle Führung“ im Bereich betitelt.

Das klingt gut, verfehlt auch seine Wirkung nicht – ich bin kurzzeitig beeindruckt. Dann schlage ich eine Zeitung auf, den Unabhängigen, der nicht als der verlängerte Arm der Regierung gilt, sich aber bisweilen genauso liest, was sich gerade derzeit gut beobachten lässt. Es gibt hier keine Meinung. Und schon gar keine kritische. Deswegen muss man diese auch nicht einschränken.

Wenn ich zu Hause schlechte Laune habe, die ich schon beim Frühstückskaffee pflegen möchte, kralle ich mir eine Zeitung, an deren Aussagen ich mich abarbeiten kann, weil sie mir einfach gegen den Strich schreibt. An harmonischeren Tagen lese ich, was ich schon immer besser wusste und wenn ich Aufheiterung brauche, lese ich die Onlinekommentare auf den Seiten irgendwelcher Provinzblätter. Und dazu muss keine der Zeitungen an irgendeinem Rand stehen. Hier vermisse ich schon Meinung. (Und Frühstückskaffee.)

Zum einen mag die Abwesenheit von schierer Meinung (auch eine Art meinungsfrei) oder gar Kritik daran liegen, dass Zeitungsartikel vor allem dann gedruckt werden, wenn jemand dafür zahlt, irgendwie müssen sich die Zeitungen ja finanzieren. Ob das für alle Artikel gilt, möchte ich so nicht behaupten, aber für den Großteil.

Diese Nichtexistenz allerdings – zum anderen – scheint nicht allein ein mediales Phänomen, sondern ein allgegenwärtiges. Man spricht nicht. Jedenfalls nur sehr verhalten über das, was man denkt. „On est ensemble“, schließlich. Manchmal dann, selten, entlädt sich der Volkszorn auf privater Ebene in Lynchjustiz. Vorher aber sprechen die wenigsten über Korruption in Zusammenhang mit der Polizei.
Auch im politischen Geschehen spiegelt sich dies: im Parlament sitzen ungefähr drei Abgeordnete, die sich als Opposition begreifen.
Natürlich gibt es Parteien, aber ohne wirkliches Programm. Die Demokratie wird von allen beschworen, die nationale Einheit. Nun, im Wahlkampf treten ganze Parteien zu anderen Parteien über, als Grund fällt die Motivation, dass es dort mehr Posten zu verteilen gebe und ganz schlecht sei deren Spitzenkandidat nicht, man habe außerdem keinen eigenen.

Derzeit verzeichnet man den vierten Tuaregaufstand seit der Unabhängigkeit. Besser ausgestattet, militärisch strategischer, entschlossener als zuvor kämpfen die Stämme im Norden um die Region, nehmen Städte ein, greifen militärische Stellungen an. Man liest von Flüchtlingen, von Deserteuren, von Ermordungen. In der ausländischen Presse, anfangs auch verhalten in der hiesigen – dann aber von Journalisten, die nicht im Land leben.

Als die Frauen der Uniformierten in der Hauptstadt gegen den Präsidenten und die schlechte Ausstattung des Militärs protestieren, Tuareg aus den Städten vor Verfolgung fliehen, äußert sich der Präsident erstmals öffentlich, beschwört die nationale Einheit. Außerdem benennt er einen neuen Verteidigungsminister. Der macht kurz darauf Schlagzeilen in allen Zeitungen: Es gebe keine desertierten Soldaten. Und für die Kämpfe im Norden seien auch nicht die malischen Tuareg verantwortlich. Desweiteren habe das Militär alles unter Kontrolle.

Dass trotz mittlerweile nicht mehr aufrufbarer Internetseiten ganz andere Informationen in den Süden dringen, schreibt niemand. Alle reden von der nationalen Einheit. Und glauben daran.
So einfach, Punktlandung Platz 25. Und ich frage mich, wie groß der Deckel sein muss, unter dem diese Suppe langsam, aber stetig hochkocht.

Es ist so. Ich wollte eigentlich über ein Buch schreiben, aber dann bekomme ich eine Zeitung in die Finger. Ich mag die Zeitungen hier. Im Großen und Ganzen gibt es zwei, die gelesen werden. Die Regierungsparole und die Unabhängige. Sie sind unterschiedlich teuer, wenn man einen Artikel veröffentlichen möchte, aber in etwa gleich lustig.

[Achtung: Wenn ich lustig sage, dann amüsiere ich mich über den Ernst der hiesigen Berichterstattung. Falls Sie das für unglaublich kulturimperialistisch, arrogant und rassistisch halten, dann lesen Sie doch bitte einfach was anderes.]

Ich lese heute also Zeitung, die Unabhängige. Nicht den Artikel über unsere Veranstaltung, den kenne ich, schließlich ist er von mir. Wie schon erwähnt, man schreibt die Texte selbst, der Journalist kommt, nimmt den Text, vielleicht auch ein Foto, bringt das in die Zeitung und liefert eine Rechnung. Früher wollte ich auch Journalistin werden, hier frage ich mich: wozu?

Nur eines bekümmert mich wirklich, auf dem Foto zu unserer Veranstaltung sieht man die Banderole sehr verschwommen, dabei erhielt ich ausgesprochen viel Lob dafür. Ein Zeichen echter Anerkennung, Madame Glitzer, also, ich muss schon sagen, diese Banderole, die ist sehr schick, das haben sie gut gemacht, was für ein Meisterwerk von Veranstaltung. Vielleicht hätte ich für ein scharfes Banderolenfoto extra zahlen müssen. Heute ist sie abgestürzt.

Auf der Titelseite, endlich, das Geheimnis gelüftet, man habe herausgefunden, wer nächstes Jahr Präsident würde. Die Person amüsiert mich nicht, wohl aber die Tatsache, dass ein Marabou*, Mathematiker und Forscher das ermittelte. Seine Kompetenzen kombinierte er dergestalt, dass aus magischen Quadraten, Numerologie, Namensdeutungen, islamischer Mystik und Zuhilfenahme seiner Zahlenbibel der Name sich gen 8790579700 mal 1013 auflöste. Gewürzt mit der Legitimation der Abstammung aus einer der großen, renommierten Marabou-Familien ergibt dies eine Schlagzeile und einen Präsidenten. Oder einen schnellen Toten, das ist hier aber glücklicherweise nicht üblich. Und Fetische sind ja kein Voodoo, da muss man genau sein. In der Regierungsparole, übrigens, findet sich diese Meldung nicht.

Das zweite, was mir auf der Titelseite auffällt, ein Artikel über die Armee, schwer getroffen von der Verhaftung eines ihrer Oberen. Er habe Geld unterschlagen, et voilà, die Konsequenz. Ohnehin überraschend, noch überraschender: „Armee geschlagen vom Kampf gegen die Anti-Korruption“.

Ich grinse und erschrecke mich durch weitere Schlagzeilen, Unglaublich aber wahr: blaue Juristen-Jakarta im Polizeipräsidium geklaut, Dieb bei lebendigem Leib von Mob verbrannt, bis mich die Unabhängige aus den Grauen der Welt entlässt und in deren Wunderlichkeiten entführt. Das Kind, das magnetische Kräfte besitzt, der Mann, der seinen Kopf um 180 Grad drehen kann. Und dann: der Gewinner der Bart-Weltmeisterschaft in Trondheim. Ein beschnurrbarteter Bayer. Nein, das habe keinen Sinn, wird er zitiert, das mache man nur, um ein bisschen Spaß zu haben und ein Bier zu trinken, seine Geheimtinktur für den Bartwuchs verrate er auch nicht.

Ob ich nicht auch daher käme, fragt mein Kollege, ob die Leute da wirklich so aussähen, naja, die Zeitung könne halt auch immer nur über das schreiben, was in der Welt passierte.
Ob er das mit dem Marabou gelesen habe, lenke ich ab, Jaja, unglaublich, es sei wohl nur ein Näherungswert, aber man wisse ja nie, Glitzer, dieser Marabou habe alle wichtigen Marabous der Sous-Région getroffen und gerade sei er in der Stadt auf dem Traditherapeutenkongress, er würde ihn kennen, zufällig. Ob ich schon einen Fetisch hätte oder immer noch so schutzlos rumliefe. Bevor ich ablehnen kann, denke ich an Horoskope, Krakenorakel und die Fußballweltmeisterschaft, Traumdeutung. Und dann denke ich mir, man wisse ja nie.

[*Marabou, der: Manchmal auch Fetischeur oder Traditherapeut gennannt. Gegen einen geringen Unkostenbeitrag mischt einem der Marabou einen individuellen Schutz, den Fetisch, gegen alles Böse aus Asche und Spucke und Blut. Gegen größere Unkostenbeiträge je nach Vorhaben einen mit rohem Ei und Nabelschnur oder etwas, das noch mehr stinkt. Ansonsten weiß er nach intensiver Befragung von Ahnen, Geldbeuteln und Schwingungen auch auf alles eine Antwort.]